Trauer um Frère Roger

Gestern spät abends berichteten die Nachrichten vom Mord an Frère Roger Schutz, dem Prior von Taizé. Es hat mich aus drei Gründen tief bewegt:

Erstens war ich als 14 Jähriger zu Pfingsten in Taizé und habe meine ersten tiefen, bewussten Erfahrungen mit Gott in der Kirche gemacht, in der das Attentat verübt wurde. Dass der Wahnsinn (es war in jedem Fall einer, wenn auch vielleicht kein psychiatrisch relevanter) an diesen Ort dies Friedens vordringen kann, ist schlimm.

Zweitens verliert die Kirche einen großen und eigentlich immer noch dringend benötigten Brückenbauer und drittens verliert der Protestantismus seine wohl größte spirituelle Persönlichkeit, jemand der mit Johannes Paul II. nicht nur auf guten Fuß stand, sondern an Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit gleichziehen konnte und so eine ähnliche Wirkung auf die junge Generation entfaltete. Ein “Heiliger”, ohne Zweifel.

Kein guter Tag. Kardinal Meisner hat festgestellt, dass (wieder einmal!) ein Versöhner und Friedensstifter Opfer einer Gewalttat wurde. Wie hatte Chesterton in seiner Orthodoxie geschrieben? “(A)ny man who preaches real love is bound to beget hate. It is as true of democratic fraternity as of divine love; sham love ends in compromise and common philosophy; but real love has always ended in bloodshed.

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Irische Impressionen (3): Bücher und Bildung

Ein bleibender Eindruck der Reise war der Besuch im Trinity College in Dublin, wo das Book of Kells ausgestellt ist. Man muss sich das mal klarmachen: Der größte Kunstschatz dieses Landes ist eine Bibelhandschrift. Keine Kronjuwelen, kein Palast, keine Kathedrale, kein Louvre.

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Wenn man sich durch die engen Räume der Bibliothek schiebt und die Erklärungen liest, bevor man sich an das dicht umlagerte Buch selbst herandrängt (unter Panzerglas mit anderen Werken bei sorgsam gedimmten Licht sieht man zwei Seiten), dann entdeckt man wieder erstaunliche Kleinigkeiten. Etwa, dass die blaue Tinte aus Lapislazuli gemacht wurde und das einzige damals bekannt Vorkommen dieses Steins in Afghanistan lag. Das ist wohl so, als müssten wir uns die Materialien vom Mond holen.

Aber die Bücher waren (neben der Wanderlust und dem Pioniergeist) der entscheidende Grund, warum ein Völkchen vom äußersten Rand des Kontinents das ganze barbarische Europa umkrempelte. Was noch einmal die Frage von letzter Woche aufwirft, ob eine geistliche Erneuerung auch geistig voll auf der Höhe sein muss, wenn sie Erfolg haben will.

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Vergaloppiert

In den Augen vieler denkender Menschen hat unser Ministerpräsident sich in den vergangenen Tagen zunehmend weiter ins Abseits geredet. In Berlin braucht er sich, wenn die Union doch noch gewinnt, jedenfalls nicht mehr sehen lassen. Sicher findet sich der eine oder andere Stammtischbruder, der findet, sowas gehörte schon lange einmal gesagt (da wäre es nur interessant, was derselbe Biertrinker zu anderen Themen denkt…).

Es ist eine Sache, sich zu vergaloppieren. Es ist eine andere, es nicht einzusehen und/oder zuzugeben.
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Links zum Wochenende

Wahlkampf und das ganze Drumherum mal aus einer anderen Perspektive vermitteln Politiker-Blogs, die hier überparteilich zusammengestellt sind. Unklar ist, ob die Damen und Herren alle selber schreiben oder Ghostblogger beschäftigen. Bei der Union bloggen deutlich weniger als bei der FDP. Vielleicht eher ein Vorteil, bei den vielen Glanzleistungen von Stoiber und Merkel in den letzten Wochen…

Brian McLaren schreibt in der SojoMail (Registrierung nötig) darüber, wie es sich anfühlt, wenn man sich als Brücke versteht, und was es dazu an biblischen Hilfen und Voraussetzungen gibt. Wenn er dabei anmerkt, als Brücke öfter mal den Fußabdruck anderer auf der eigenen “Rückseite” zu tragen, dann hat das auch damit zu tun, dass er für viele Kritiker zu einem beliebten “Watschenmann” geworden ist. Dazu hat er in drei Teilen einen lesenwerten Post unter dem Titel “Becoming Convergent” verfasst. Nebenbei: Das beste seiner Bücher (und das am wenigsten umstrittene) ist immer noch “The Church on the Other Side”. Finde ich..

Die FAZ kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Diskussion um die Geburtenrate daran scheitert, dass Kinder ökonomisiert werden: Kinder erscheinen fast als “biopolitische Ressource zur Füllung von Vorsorgelücken”. Das muss doch potenzielle Eltern abstoßen, oder?

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Summer in the City

Erlangen im August: Eine fast überirdische Ruhe macht sich breit. Die Feste, mit denen die Juliwochenenden verstopft waren, sind vorbei. Alles ist ausgeflogen, in der Stadt gibt es plötzlich Parkplätze und viel weniger Verkehr als sonst. Das Telefon klingelt kaum noch und es kommen so wenig e-mails, dass ich mich schon frage, ob etwas mit meinem Mailserver nicht stimmt.

Nie ist die Stadt so friedlich wie Mitte August. Vielleicht könnten wir noch ein paar Lichte abschalten, um heute nacht wieder nach Sternschnuppen schauen zu können? Eigentlich ist das Urlaub ohne Kosten. Und wenn die ersten wieder kommen, dann fahren wir weg… 🙂

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Irische Impressionen (2): Klöster und Ruinen

Man kann in Irland anscheinend hinfahren, wo man will: Überall trifft man auf Klosterruinen. Die alten, keltischen Klöster sind ohnehin nicht für die Ewigkeit gebaut gewesen, selbst wenn ein paar Bauten den Wikingersturm überlebten, etwa die “Beehives” und das Gallarus Oratory auf der Halbinsel Dingle. Definitiv ein Highlight der Reise, auch wegen der spektakulären Küste.

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Irische Impressionen (1): Jugend und Abenteuer

Gestern kam ich von einem kurzen Trip nach Irland zurück. Das Wetter dort war offenbar deutlich besser als hier. Ich bin immer noch dabei, die Eindrücke zu sortieren. Dies hier ist der Beginn, Fotos kommen auch noch.

Gegen Irland wirken wir wie ein großes Seniorenheim. 50% der Leute dort sind unter 30, sagte mir jemand. Und genau so wirkt es, wenn man sich auf der Straße bewegt und die Leute ansieht. Ganz zu schweigen von Dublins “Temple Bar” mit den vielen abgefahrenen Szenekneipen. Aber selbst in der Provinz fühlt es sich anders an.

Straßenverkehr mag ein Indiz dafür sein, dass das Leben mehr als Abenteuer verstanden wird. Selbst als geübter Linksfahrer steht man ständig vor Herausforderungen oder wird zum Selberdenken gezwungen – etwa durch frei laufende Schafe und Hunde, dehnbare Angaben auf Verkehrsschildern wie “Slow” und verschärft “Very Slow”, oder “Dangerous Bridge” und “Acute Bend”. Wer durchkommt, hat es richtig gemacht, wer nicht, ist selber schuld. Wozu Stoßdämpfer da sind, versteht man auch erst richtig nach ein paar Tagen auf den Landsträßchen dort.

Die Iren denken positiv. Der Wetterbericht nannte die zähe Bewölkung, die gelegentlich einzelne Strahlen erahnen ließ, als “hazy sunshine”. Einfach liebenswert und sehr wohltuend für teutonische Grübler. 🙂

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Evangelikal UND Intellektuell?

Im aktuellen Aufatmen-Heft schreibt Markus Spieker unter dem Titel “Tiefgang und Testosteron” (bitte – geht es denn hier nur um Männer?) unter anderem davon, dass der deutsche Evangelikalismus durch eine geistige (nicht geistliche) Enge bei christlichen Intellektuellen für lange Gesichter sorgt und am Glauben interessierte (noch-nicht-christliche) Intellektuelle kaum noch erreicht. Da hat er wohl Recht.

Noch nachdenklicher hat mich gemacht, dass etwas später eine Liste geistig-geistlicher Vordenker und Vorbilder folgt (Pascal, Kierkegaard, C.S. Lewis, Bonhoeffer), von denen auch noch extra vermerkt wird, dass sie keine Evangelikalen seien. Was zu der Frage verleitet, ob intellektuelle Impotenz (ah, deswegen “Testosteron”?) schon in der Genetik der Bewegung verankert liegt.
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Erleichterung

Ich war wohl schon lange nicht mehr so nervös wie die Tage vor unserem “LebensAIR” am Entlas-Keller auf dem Erlanger Bergkirchweihgelände. Es war das erste Mal Open Air für LebensART, der Wirt kannte uns noch nicht und umgekehrt. Zwei Tage zuvor war nur wenige Kilometer entfernt an einem Forchheimer Bierkeller ein Mann im Unwetter von einem Ast erschlagen worden.

Und dann passte doch so ziemlich alles. Das Wetter hätte nicht besser sein können: Trocken, sonnig und nicht zu heiß. Die Entscheidung unserer Techniker und Band, auf die Bühne neben dem Keller auszuweichen, war goldrichtig, ebenso wie die, das mühsam geprobte Theaterstück zugunsten von Arnos Luftballons und Mr. Bombastic zu tauschen. Es war eine sehr fröhliche und lockere Atmosphäre.

Thema war “die unerklärliche Leichtigkeit des Seins”. Da hat es auch einen Bezug zum Inhalt, mit technischen Pannen gelassen umzugehen (Kompliment an die Band!). Ohne Beamer und daher ohne Videos und Keynote-Präsentationen (sozusagen “unplugged”) zu sprechen war auch eine nette Herausforderung.

Viele Biergartengäste blieben sitzen und hörten zu und es kam freundliches Feedback, nicht zuletzt auch vom Hausherrn selbst, was uns Mitwirkende alle ganz besonders gefreut hat. Es war den Aufwand und die Anspannung wert. Denkbar also, dass wir es im nächsten Sommer wieder wagen.

Fotos gibts übrigens hier.

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Denk-Würdig

Und daher ohne Kommentar dieses Zitat von Milan Kundera:

Wer glaubt, die kommunistischen Regimes in Mitteleuropa seien ausschließlich das Werk von Verbrechern, dem entgeht eine grundlegende Wahrheit: die Verbrecherregime wurden nicht von Verbrechern, sondern von Fanatikern geschaffen, die überzeugt waren, den einzigen Weg zum Paradies gefunden zu haben. Diesen verteidigten sie vehement und brachten dafür viele Menschen um. Später stellte sich dann heraus, dass es kein Paradies gab und die Fanatiker folglich Mörder waren.

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Predigt-Dia(B)log

Am vergangenen Sonntag hatte ich das Vergnügen (das war es wirklich), mit Michael Schalles aus der FeG Erlangen beim gemeinsamen Open Air Gottesdienst über eine der abgefahrensten Geschichten zu predigen, die ich in der Bibel kenne. Das Beste an der ganzen Predigt waren aber unsere Gespräche in der Vorbereitung. So viele spannende Details fanden ihren Weg gar nicht in die Predigt, die sich naturgemäß auf wenige griffige Punkte beschränken musste. Also werden wir hier das Gespräch noch einmal neu führen. Hier nun erst mal der Text („Einheiz-übersetzung“ ;-)) für alle, die es interessiert, geht es dann in dem Kommentaren weiter:

Als Elischa von der Krankheit befallen wurde, an der er sterben sollte, ging Joasch, der König von Israel, zu ihm hinab. Er weinte vor ihm und rief: Mein Vater, mein Vater! Wagen Israels und sein Lenker! Doch Elischa befahl ihm: Hol einen Bogen und Pfeile! Er holte sie herbei. Dann sagte Elischa zum König von Israel: Leg deine Hand auf den Bogen! Da legte er die Hand auf den Bogen, Elischa aber legte seine Hände auf die Hände des Königs. Hierauf sagte er: Öffne das Fenster nach Osten! Der König öffnete es und Elischa forderte ihn auf zu schießen. Als er abschoss, rief Elischa: Ein Siegespfeil vom Herrn, ein Siegespfeil gegen Aram. Du wirst Aram bei Afek vernichtend schlagen.
Weiter sagte er: Nimm die Pfeile! Als der König von Israel sie genommen hatte, befahl ihm Elischa, auf den Boden zu schlagen. Der König tat drei Schläge und hielt dann inne. Da wurde der Gottesmann unwillig über ihn und sagte: Du hättest fünf- oder sechsmal schlagen sollen; dann hättest du die Aramäer vernichtend geschlagen. Jetzt aber wirst du sie nur dreimal schlagen. (1. Kön 13,14-19)

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Ausgeschlossen

Eine e-mail hat mich eben an einen Gedanken von neulich erinnert: In Genesis 12 sagt Gott, dass er durch Abraham allen Völkern Segen bringen will und dann kommt (mit höchst problematischer Wirkungsgeschichte) der Satz, dass Gott die verflucht, die Abraham verfluchen.

Manche begründen mit diesem Satz eine Art christlichen Zionismus. Ich denke, dass der Zusammenhang eine ganz andere Deutung nahe legt.
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Störende Propheten

In The Shaping Of Things to Come haben Alan Hirsch und Michael Frost sich Epheser 4,11f vorgenommen und erfrischend neue Begriffe für die Funktionen erfunden, die sonst allzu schnell als Titel mit steilem Anspruch daherkämen. Der Prophet wird bei ihnen zum “questioner” und “disturber” (der Lehrer dagegen zum “systematizer” und “philosopher”).

Wenn man das im Kontext von Walter Brueggemanns These sieht, dass die Aufgabe des Propheten – nicht nur im alten Testament – darin besteht, einen befreienden Bewusstseinswandel zu schaffen, im Namen der Freiheit Gottes Systeme und Gedankengebäude zu untergraben, die sich selbst dienen (es also mit Betriebsblindheit und festgefahrenem Denken in “Sachzwängen” aufzunehmen), dann wird noch deutlicher, dass die beiden tatsächlich dem Nagel auf den Kopf getroffen haben.
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Leben mit der Bombe?

Johann Christoph Arnold vom Bruderhof hat in the ooze einen lesenswerten Artikel über die wachsende Angst nach den Bombenanschlägen in London (und inzwischen auch Sharm el Sheik) geschrieben.

Ein Kernsatz lautet: “Die biblische Geschichte zeigt, dass immer dann, wenn wir denken, wir hätten die Antworten, und versuchen, die Ereignisse der Welt in die Hand zu nehmen, sich Gott von uns zurückzieht.” Das ist erfrischend anders als die brisante Mischung aus Patriotismus und Religion, die bei ähnlich tragischen Anlässen auch schon bemüht wurde.

Im Übrigen beeindruckt mich die ruhige Gelassenheit (oder der Friede und die Zuversicht), die Arnolds Zeilen ausdrücken, mehr als das brüchig-trotzige “jetzt erst recht” mancher Leute, das die Medien in letzter Zeit transportiert haben. Hier hat einer tatsächlich keine Angst vor dem Tod und daher keine Angst vor dem Terror. Die Trotz-Partys haben doch irgendwie auch ein Moment von Verdrängung, scheint mir.

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Christlicher Relativismus?

Ken Wilber hat zum Stichwort “Boomeritis” herausgestellt, wie leicht sich narzisstisches, egozentrisches Verhalten hinter (postmoderner?) Relativierung absoluter Normen und Autoritäten verschanzt. Dabei werden diese Normen und Autoritäten unter den (ja eben nicht immer ganz unbegründeten) Verdacht gestellt, sie festigten die herrschenden Machtverhältnisse und nutzten den Eliten, die den Rest der Gesellschaft unterdrücken.

Erschwerend kommt hinzu: Wenn tatsächlich alles total relativ wäre (so denken allerdings doch die Wenigsten), dann bleibt tatsächlich nur die fühlbare Konstante der eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Antriebe. Ich glaube, dass deshalb die Relativierung des eigenen Ego nicht zu trennen ist von der Relativierung der herrschenden Mächte in der Gesellschaft.
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