Inter-Essens-Fragen

Gestern war ich mit einem Freund zum Mittagessen weg. Wir saßen und gegenüber und erzählten. Die Tische in dem Lokal stehen relativ eng nebeneinander. So kam es, dass sich die Dame vom Nebentisch plötzlich in unser Gespräch einschaltete, als er von seinen Erfahrungen mit dem Intervallfasten erzählte.

In den folgenden zehn Minuten erfuhren wir alles, was es über richtige Ernährung zu wissen gibt: Was anders ist als bei Low Carb, welche Diäten nicht funktionieren, was das mit dem Insulin zu tun hat, und dass Ärzte in der Regel keine Ahnung haben von Ernährungsfragen. Zwischendurch entschuldigte sie sich zweimal, dass sie das Gespräch gekapert hatte; aber wir nahmen die Entschuldigungen – in der Erwartung, sie kündigten das Ende ihres Redeflusses an – offenbar so höflich auf, dass sie ihr Glaubenszeugnis gleich erleichtert fortsetzte.

Irgendwann bekam sie einen Anruf und wir verlegten uns schnell auf andere Themen.

Danielle MacInnes

Hinterher dachte ich: Ein paar meiner Freunde und Bekannten würden jetzt vermutlich sagen: Sowas müssten wir Christen uns auch wieder trauen. Mutig über das reden, woran wir glauben und was unser Leben positiv prägt. Ruhig auch mal ungefragt und mit wildfremden Leuten, wenn Gott sie schon an den Nebentisch setzt und sie schon beim Thema sind. Ein bisschen wie Philippus und der äthiopische Kämmerer. Schließlich haben wir ja etwas zu sagen!

Und dann gibt es die anderen Freunde und Bekannten, die das trotzdem übergriffig fänden, sich in ein persönliches Gespräch unter Freunden ungefragt einzumischen. Die schon bei der Vorstellung im Boden versinken würden, fremden Menschen einen belehrenden Monolog zu verpassen, und denen ein „gut gemeint“ oder „schadet doch nix“ als Rechtfertigung nicht ausreicht.

Vielleicht gibt es den einen oder anderen Moment, wo es die richtige Entscheidung ist, sich „zur Zeit und zur Unzeit“ einzumischen (vgl. 2.Tim 4,2 – wobei diejenigen, die diesen Vers so lieben und gern im Munde führen, in meiner subjektiven Wahrnehmung öfter die Unzeit als die Zeit wählen…), oder auch den passendenden Moment für positive Unverschämtheit (Röm 1,16).

Aber es kann eben auch passieren, dass es so läuft wie bei mir gestern, dass ich eher genervt reagiere auf das Mitteilungsbedürfnis distanzloser Gesundheits- oder Was-auch-immer-Apostel. Der Terminus „Intervallfasten“ ist seit gestern – sachlich bestimmt völlig zu Unrecht – mit einem Gefühl des Widerwillens verknüpft.

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Batman und der brennende Busch

Vielleicht lag es daran, dass ich letzte Woche „Black Panther“ im Kino gesehen hatte. Als ich nun darüber nachdachte, wie sich der Name Gottes – je nach Gusto „Ich bin, der ich bin“, „Ich werde sein, der ich sein werde“, „Ich bin der Ich-bin-da“ – für Grundschulkinder erschließen lässt, fiel mir jedenfalls Batman ein.

Paul Green

Wir sprachen im Unterricht über die merkwürdige Selbstbezeichnung JHWHs gegenüber Mose in der Wüste am brennenden Busch. „Ich bin, der ich bin“, das könnte jede(r) von uns auch von sich sagen, ohne dabei viel von sich preis zu geben. Dann zeigte ich das Batman-Logo und fragte, welche Gemeinsamkeit der Comic-Held mit Gott hat.

Die Antwort kam prompt: „Auch Batman verrät nicht, wie er heißt.“

Es steckt offenbar doch einiges an Theologie in den Superhelden-Stories:

  • Weil Batman keine Adresse hat, kann er überall auftauchen, aber er lässt sich auf keine fixe Position festlegen.
  • Das einzige, womit die Leute rechnen können, ist, dass er zu Hilfe kommt, wenn sie in Not sind und dass er auf der Seite der Gerechtigkeit steht.
  • Und weil niemand seinen bürgerlichen Namen kennt, wahrt er dabei stets sein Geheimnis.

Israels Gott hat im Unterschied zu Bruce Wayne keinen bürgerlichen Namen. Auch da waren die Kinder gestern großartige Theologen. Eins vermutete, Gott habe überhaupt keinen Namen, ein anderes meinte, Gott habe zu viele Namen, um nur einen nennen zu können. Beide haben Recht.

In der paradoxen Spannung, dass seine vielen Namen jeweils einzelne Facetten von Gottes Wesen erhellen (und gleichzeitig andere verhüllen), dass aber kein einzelner Name alles abbilden könnte, was Gott ist – geschweige denn den Wandlungen unseres Gottesbildes im Laufe eines Lebens gerecht zu werden – darin liegt schon viel Wahrheit und Weisheit.

Das Beste aber ist, dass es schon Kinder verstehen. Und Batman wird sie von jetzt ab immer dran erinnern.

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Was geht mich die Geschichte an?

Wie man es dreht und wendet, als Theologen und Kirchenmenschen haben wir es mit einem Gott zu tun, der sich in der Geschichte offenbart. Wir können also nicht nicht über Geschichte reden.

Aber wir könnten anders über Geschichte reden, als es vielfach der Fall ist. Nämlich als eine Geschichte voller Wunden und Narben. In der Passionszeit machen wir uns genau das bewusst, dass die Geschichte der Menschheit und Gottes Geschichte mit den Menschen eine Leidens- und Passionsgeschichte ist. Und genau deshalb ist sie immer noch so relevant. Bernhard Waldenfels hat das, wie ich finde, für die Geschichte im Allgemeinen sehr treffend formuliert:

Wenn die Geschichte im Schulunterricht oftmals auf wenig Interesse stößt, so kann dies auch daran liegen, dass geschichtliche Ereignisse dargeboten werden wie Lagerbestände, aus denen man sich bei Bedarf bedient. So wie die Raum- und Zeitkoordinaten auf das jeweilige Hier und Jetzt verweisen, so verweist die Geschichte auf Geschichten aus der Kindheit, der Familie und der Nachbarschaft, in denen sie sich en miniature verkörpert, mitsamt ihren Erwartungen, Enttäuschungen und Verletzungen. Eine Geschichte ohne Wunden und Narben wäre nichts weiter als eine museale Bildungsgeschichte.

Roman Kraft

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Nach dem bösen Erwachen: Weisheit in Zeiten der Polarisierung

Manchmal setzen sich Gedanken aus ein paar Gesprächsfetzen zusammen. In diesem Fall Gespräche über den gesellschaftlichen Diskurs, der an vielen Stellen mit wachsender Erbitterung geführt wird.

Mitten hinein fiel der Hinweis auf die Geschichte vom weisen König Salomo, die ich noch aus der Kinderbibel kenne: Zwei Frauen teilen sich eine Unterkunft, beide haben ein neugeborenes Baby, eines morgens ist das eine Kind tot. Die Mutter, die es im Schlaf erdrückt hat, nimmt der anderen Mutter heimlich das lebende Kind und legt das tote in ihren Arm.

So liest sich das in der Klage, die daraufhin vor dem König landet und die mit dem Schwert – freilich unblutig – entschieden wird. Der gilt fortan an weiser Mann: Er droht, das lebende Kind zu zerteilen und jeder Mutter die Hälfte zu geben. Die Frau, die nachgibt, ist die wahre Mutter. Die Frau, die hart bleibt, ist die Betrügerin. Heute würden wir kein Schwert mehr nehmen, sondern eine Speichelprobe. Dem Fortschritt sei Dank.

Aber das würde die salomonische Pointe kaputt machen, um die es mir heute geht.

Die vordergründige Analogie zuerst: Wir haben leider keinen weisen König, der zwischen den gesellschaftlichen oder globalen Streitparteien schlichtet. Wir sind alle immer schon Partei. In vielen Konflikten setzen sich momentan die durch, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Und es haben die das Nachsehen, die Kompromisse zu machen, um Menschenleben zu retten. Schmerzhafte Kompromisse, für die sie selbst einen hohen Preis zahlen und für die sie wenig Gegenliebe und Anerkennung ernten.

Dahinter liegt die Frage: Woher die Härte? Es bleibt ja offen, ob in der Geschichte vom weisen Salomo die Mutter des toten Kindes bewusst lügt, oder ob sie sich selbst betrügt und darüber jedes menschliche Maß verliert. Vielleicht spielt das aber auch keine entscheidende Rolle – weder für das Verständnis der Geschichte, noch für unsere Situation.

Da haben also zwei bisher zusammen gelebt. Eher ein Zweckbündnis als eine Frage tiefer Zuneigung, so ist es ja in unserer spätmodernen Welt auch. Dann kommen Kinder zur Welt, der kleine Haushalt wächst, aber die Gleichheit steht nicht in Frage.

Plötzlich geschieht das Unglück: Ein Kind ist tot. Ob tatsächlich im Schlaf erdrückt oder unverschuldet durch plötzlichen Kindstod – wir wissen es nicht. Menschen geben sich freilich sich oft auch dann die Schuld, wenn es gar keinen ursächlichen Zusammenhang gibt. Die Schuldfrage führt hier nur in Sackgassen. Doch was für eine Tragik, wenn eine Mutter das Leben, das sie gerade zur Welt gebracht hat, versehentlich zerstört. Und mit dem Kind sterben all die Erwartungen und Hoffnungen an die Zukunft.

Die Entscheidung nach dem bösen Erwachen fällt augenblicklich. Die Kinder werden vertauscht, das Faktum des Verlusts verleugnet, die Schuld umgekehrt, das Leid weggeschoben. Freilich erkennt die betrogene Mutter sofort, was geschehen ist. Aber weil wohl niemand sonst die Kinder gut genug kannte, hat sie kaum eine Chance, die „Fake News“ zu widerlegen, die ihre Kontrahentin schon aktiv verbreitet und hinter denen sie sich verschanzt.

Johann Walter Bantz

Die Frau, der die Zukunft durch einen bösen Zufall, durch eigene Erschöpfung und Unachtsamkeit oder beides zusammen genommen wurde, bemächtigt sich der Zukunft der anderen. Dabei verliert sie auch noch den letzten Menschen, der sie hätte trösten können, wenn sie die Trauer denn zugelassen hätte. Denn die Mitbewohnerin, die alles hat, was sie nicht hat, erscheint ihr in diesem Augenblick als Feindbild par excellence. Da spielt es keine Rolle, dass sie keinerlei Schuld trifft am Verlust der Zukunft. Die andere mit einem lebenden Kind zu sehen, ist schlicht unerträglich.

Nun kämpfen zwei trauernde Frauen um eine Zukunft. Und es gibt nur noch ein Entweder/Oder. Die eine, die eigentlich schon alles verloren hat, kann sich die Totalverweigerung leisten – schlimmer wird es nicht mehr. Vor allem steigen ihre Gewinnchancen, je kälter und unnachgiebiger sie agiert. Denn die andere Mutter wird ihr Kind lieber weggeben als sterben sehen, selbst wenn sie dann nicht nur das Kind verloren hat, sondern auch noch als Lügnerin dasteht.

Aber dahinter steht, gut versteckt, eine Stärke: Diese Mutter weiß, dass sie über diesen Verlust lange und schwer trauern wird. Sie weiß aber auch, wie sie der Trauer einen Sinn geben kann. Sie denkt an das Kind, das zur nicht mehr ihres ist, aber sein Leben ist ihr wichtiger als ihre Verfügung darüber. Die Härte fehlt: Bei allem Ringen um das Recht, sie kann keine „Alles-oder-nichts“- Strategie fahren. „Nihilismus“ nannte ein Freund das kürzlich.

Brexiteers, Tea-Partisanen, Deutschlandretter hadern mit dem Verlust einer Zukunft, die tot ist und die tot bleibt. Das hat durchaus etwas Tragisches an sich. Darüber ließe sich unter Umständen reden und auch trauern. Vielleicht kann, wenn das durchgestanden ist, auch eine neue, etwas andere Zukunft geboren werden. Sie sehen die Lösung aber vor allem darin, denen, die sie für irgendwie privilegiert halten, die Zukunft wegzunehmen: Den Minderheiten, die sich in den letzten Jahrzehnten mühsam gleiche Rechte erkämpft haben, oder den Migranten, die ihr Leben häufig riskieren, um überhaupt irgendeine Zukunft zu haben.

Komplett doppelbödig wird es dagegen bei der Kritik an den „Eliten“: Die Finanzelite lässt man ungeschoren und die intellektuellen Eliten werden zwar nach Kräften diskreditiert, aber die eigenen akademischen Titel bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eifrigst zur Schau gestellt. Das Problem ist eben nicht, dass es Eliten gibt, sondern nur, dass man selbst nicht dazu gehört.

Inzwischen werden im konservativen Christentum quer über das konfessionelle Spektrum dieselben Reflexe wirksam. Wahlweise werden die Kinder der anderen für tot erklärt oder die anderen als (potenzielle oder tatsächliche) Mörder der eigenen Kinder angeklagt. Trauer und Klage bekommt man kaum zu hören. Dafür Kampfansagen, Abgesänge, ein bisschen Sarkasmus und viel Empörung.

Nun höre ich schon den Einwand, ich drehe die Geschichte hier so hin, dass ich in diesem Kulturkampf auf der Seite der Guten stehe. Das Dilemma ist ja tatsächlich, dass Dritte erst einmal verwirrt vor der Tatsache stehen, dass sich da in schönster Symmetrie zwei Frauen gegenseitig beschuldigen, ihr eigenes Kind erdrückt und sich des anderen Kindes bemächtigt zu haben.

Und genau deshalb erzähle ich diese Geschichte hier auch: Nicht, damit alle einfach meine Deutung übernehmen. Die könnte in der Tat eine Täuschung sein.

Sondern um genau hinzusehen:

Wo in diesem Ringen ist diese Kompromisslosigkeit am Werk?
Wo versucht jemand, es kalt lächelnd auf eine „Alles-oder-Nichts“-Entscheidung hinauslaufen zu lassen?
Wo ist echte Trauer und Sorge spürbar?
Wo nimmt das Denken und Argumentieren immer rigidere Züge an?

Diese Fragen führen auf die richtige Spur. Weisheit, das bedeutet: Wir sollten sie uns immer und immer wieder stellen.

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Das Exodus-Muster

Gibt es eine stimmige theologische Alternative zum heilgeschichtlichen Muster von Schöpfung, Fall und Sühne, das die westliche Theologie seit Augustinus dominiert und dafür gesorgt hat, dass Erlösung primär als Beseitigung individueller moralischer Schuld und notwendige Weichenstellung für die himmlische Seligkeit verstanden wurde?

Es gibt sie, und wir finden sie in der Bibel – wenn wir, statt im Buch Genesis anzufangen, mit dem Exodus beginnen. Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten ist das Urdatum der Geschichte Israels. Er führt zum Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk am Berg Sinai. Das mosaische Bundesrecht stellt dabei, wie Richard Horsley zeigt, eine Art sozialökonomische Charta dar. Es wird zum Ausgangspunkt einer Traditionslinie, die sich durch die gesamte hebräische Bibel zieht. Sie bildet einen Gegenpol zu den königlich-priesterlichen Traditionen (Palast und Tempel waren, auch in der Sicherung des eigenen Einflusses, stets eng verbunden).

Die Propheten klagen sie gegen die Könige ein, als in Israel und Juda eine Feudalisierung einsetzt. Sie stellen das Scheitern des Bundes fest und kündigen das Ende des Königtums an. Und als dieses dann gekommen ist, beginnen sie von einem neuen Exodus zu reden, der einer Auferweckung des Gottesvolkes gleichkommt.

Clem Onojeghuo

Und auf just diese Exodustraditionen bezieht sich Jesus exklusiv, wenn er die Schrift zitiert – gern auch gegen das herodianische Königshaus und die Priesteraristokratie in Jerusalem. Das Matthäusevangelium stellt Jesus als den neuen Mose dar, beginnend mit der Geburt unter einem kindermordenden Herrscher, der Flucht und Rückkehr, der Taufe (Schilfmeer!), dem neuen Gesetz, das auf einem Berg in Kraft gesetzt wird und das inhaltlich an die egalitäre Ordnung des mosaischen Bundes anknüpft, die unter der armen Landbevölkerung Galiläas noch hoch im Kurs stand. Es gipfelt in der Feier des Passafestes, in der Jesus seinen Tod mit einem neuen Exodus verbindet.

Frank Crüsemann hat die Spur des Exodus durch das neue Testament in einem feinen Beitrag („Gott und Menschen handeln – wie ist das Verhältnis?“) zu dem Band „Befreiung vom Mammon“ (hg. V. Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich, Die Reformation radikalisieren, Bd. 2) nachgezeichnet. Er entdeckt sie im Lukasevangelium, in den Reden der Apostelgeschichte, und auch in den Aussagen des Römerbriefs über die Befreiung von der Schreckensherrschaft der Sünde. Im Gegensatz dazu (zur Sünde und der Unfreiheit unter römischer Herrschaft) sind „die Beziehungen, die Gott eingeht … nicht von Macht bestimmt.“ Jede Reich-Gottes-Theologie, die sich selbst ernst nimmt, müsste eine dezidierte Exodus-Theologie sein.

Vergebung ist der Befreiung dann theologisch nach- und nicht vorgeordnet. Sie ist im Exodus eingeschlossen und sie ist notwendig, um ihn zu vollenden – Freiheit muss sich bewähren und sie bleibt vorläufig auch noch gefährdet.

Das Problem mit der herkömmlichen Vorstellung von Sünde als moralischem Versagen und individueller Schuld und einer primär jenseitsbezogenen Erlösung ist ja die Frage, wie man das dann wieder mit sozialen und politischen Verhältnissen – also dem öffentlichen Leben statt nur dem privaten – zusammenbringt. Denn wenn es in der Bibel vor allem um „Gott und die Seele“ geht, bleiben die Lebensverhältnisse außen vor oder sie dienen nur als austauschbare Kulisse für die Bewährung des Glaubens bis zur endgültigen Heimkehr zu Gott. Genau das passiert, wenn man – etwas überspitzt formuliert – aus dem „alten“ Testament nur die ersten drei Kapitel der Genesis, die zehn Gebote und ein paar messianische Verheißungen in den Kernbestand christlichen Denkens integriert.

Macht man hingegen das Exodus-Muster zur Grundstruktur von Theologie, dann ist damit die Frage nach dem inneren Zusammenhang der hebräischen und griechischen Bibel besser beantwortet, als wenn man diesen in der priesterlichen Sühnetheologie sucht – oder gleich aufgibt. Zugleich wird es möglich, einen kritischen Blick auf die biblischen Texte zu werfen, die andere Vorstellungen von Gott, Gerechtigkeit, Macht und Freiheit vermitteln. Und nicht zuletzt finden wir hier eine Sprache, um die Lebens- und Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren – und zu verändern: „Speaking Truth to Power“, nennt Walter Brueggemann das.

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Öde Ewigkeit?

Im Konfiunterricht gestern kam die Rede auf das ewige Leben und prompt fragte einer, ob das eigentlich wünschenswert sei, ewig zu leben. Immerhin könnte es ja schrecklich langweilig werden.

Das freilich ist die Horrorvorstellung, nicht erst seit Ludwig Thomas Münchner im Himmel – wobei den ja weniger die Ewigkeit schreckte, im Hofbräuhaus hielte er es durchaus ewig aus, sondern eher das ätherisch-Immaterielle der himmlischen Existenz. Die Ewigkeit als bloße Endlosschleife des ewig Gleichen gehört eher in die Reihe der Höllenvisionen. „Schlechte Unendlichkeit“, schreibt Bernhard Waldenfels, und erinnert an den Sisyphus-Mythos.

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Uroš Jovičić

Wie antwortet man auf so einen Einwand? Mir fiel spontan Folgendes ein:

Seit es Menschen gibt, machen sie Musik. Sie singen, sie spielen Instrumente, sie komponieren – Jahrtausende lang. Die Musik der letzten 500 Jahre ist großteils aufgeschrieben, wir kennen sie also. Es sind immer dieselben 8 oder 12 Töne der diatonischen bzw. chromatischen Tonleiter. Und doch ist uns noch nicht langweilig geworden. Im Gegenteil, wenn deine Lieblingsband ein neues Album herausbringst, bist du voller Spannung und Vorfreude. Niemand stellt Berechnungen an, wann der Tag erreicht ist, an dem alles komponiert ist, was komponiert werden kann.

Wenn schon unsere menschliche Kreativität so groß ist, dass wir mit zwölf Tönen 500 Jahre Musik machen können, ohne uns zu langweilen und ohne dass sich alles nur wiederholt, warum sollte es in Gottes Ewigkeit und mit seinem Erfindungsreichtum jemals langweilig werden?

Wäre etwas mehr Zeit gewesen, hätten wir auch noch über G.K. Chestertons Beobachtung reden können, dass kleine Kinder von Wiederholungen kaum genug bekommen können, während Erwachsene davon genervt sind. Für ihn ist das ein Zeichen abnehmender Vitalität. Also stellt er sich Gott in dieser Hinsicht vor wie ein Kind, „jünger als wir“: Er wird nie müde, Gänseblümchen einzeln zu machen und sich jeden Morgen Sonnenaufgänge anzusehen. Und ich denke mir: Vielleicht ist ja auch deshalb Gottes Barmherzigkeit „jeden Morgen neu“.

Irgendwo zwischen diesen beiden Überlegungen spannt sich das weite Feld der ewigen Freude auf.

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(K)ein Stellenangebot

Ein paar haben es schon mitbekommen, dass meine Zeit bei ELIA im Sommer zu Ende geht. Die offizielle Stellenausschreibung ist mittlerweile hier zu finden, aber ich dachte, ich schreibe hier einmal eine ganz persönlich gefärbte, inoffizielle. Vielleicht bekommt ja jemand von Euch Lust, sich danach auch die offizielle anzusehen, oder jemand fällt jemand ein, der Lust darauf haben könnte.

Mar Newhall

Da ist zunächst einmal die Gemeinde: Ich glaube, sie hat das Charisma, Grenzen zu verwischen. Wo andernorts ein „oder“ zu erwarten wäre, steht hier oft ein „und“. Bei Frömmigkeitsstilen triffst du hier Softpop-Lobpreiser, Tagzeitenbeter oder Kontemplative an. Manchen liegt viel an familiärer Nestwärme, andere sind froh über die Möglichkeit, ihre Distanz wahren zu können. Manchmal musst du Konflikte moderieren, manchmal wirst du in welche verwickelt, und manchmal musst du auch den Anstoß dazu geben, latente Spannungen auszutragen. Du bekommst es mit Flüchtlingshelfern, Öko-Aktivisten und Weltmissions-Netzwerkern zu tun, mit Linken und Bürgerlichen, Liberalen und Biblizisten, Kinderlosen und Kinderreichen, Hellhörigen und Schwerhörigen – und dem kompletten Altersspektrum vom Säugling bis zum (nach eigener Einschätzung stets jungdynamischen) Senior.

Viele von diesen Menschen arbeiten schon jetzt ehrenamtlich mit oder sind darauf ansprechbar: In der Seelsorge, Kinder- und Jugendarbeit, rund um die technische und musikalische Gestaltung der Gottesdienste, in einem der vielen Projekte, die hier entstehen und irgendwann auch wieder beerdigt werden, und in der Leitung der Gemeinde. Sie mögen es selten, wenn man sie bevormundet, aber sie freuen sich meistens auf ein Gegenüber: Hochmotivierte Leute, die als Christen in ihrem Beruf ihre Frau/ihren Mann stehen, die oft gut ausgebildet und in Glaubensfragen sprachfähig sind: Katholiken, Freikirchler, und eine Mehrheit, die der Evangelisch-Lutherischen Kirche angehört.

Du würdest mit profilierten Kolleginnen zusammenarbeiten, die ihre Arbeitsbereiche souverän entwickeln und kirchlich wie kommunal gut vernetzt sind. Und mit einem Vorstand, der intensiv Anteil nimmt an allem, was in der Gemeinde geschieht. Im Vergleich zum klassischen Pfarrdienst ist noch interessant: Schulunterricht gehört nicht zu deinen Aufgaben, die üblichen  Kasualien sind vergleichsweise selten, vor allem aber kommen mehr Taufen  auf dich zu als Beerdigungen. Mit den Gremien und Vertreter*innen des evangelischen Dekanats hast du immer wieder zu tun, da ist momentan auch vieles in Bewegung.

Schließlich: Alles bei ELIA finanziert sich aus freiwilligen Spenden, das funktioniert seit 25 Jahren gut (wenn man kein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis hat…).

Was solltest du mitbringen? Ich denke, es hilft, wenn du…

  • theologisch versiert und vor allem mehrsprachig bist, also von einem Dialekt in den anderen übersetzen kannst,
  • eher in Kategorien von Beziehung als von Ordnung denkst,
  • Humor mitbringst und dich selbst nicht so schrecklich ernst nimmst,
  • Veränderungen nicht als Zumutung empfindest,
  • eigene Positionen einbringen und verständlich machen kannst,
  • keine Minderwertigkeitskomplexe oder Ressentiments gegenüber Akademikern hast (damit lebt es sich in dieser Stadt ganz schlecht!).

Wenn du diesen Text bis zu Ende gelesen hast, und falls er Herzklopfen verursacht hat, Sehnsucht oder Neugier, dann helfe ich gern weiter, oder du schreibst direkt an  elia-verein@elia-erlangen.de.

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Gott und die ganze Welt beherbergen

Der Prüfungsgottesdienst liegt hinter mir, das Prüfungsgespräch ebenfalls. Vielleicht hat sich die Kommission inzwischen auch schon auf eine Bewertung geeinigt, irgendwann erfahre ich das dann auch in den nächsten Wochen. Aber ganz unbelastet von allen Bewertungen hier der Wortlaut der Predigt zu Offenbarung 1,9-18 für alle, die einfach so Lust haben, ihn zu lesen und sich ihren eigenen Reim drauf zu machen:

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Es ist Sonntag in den Bergwerken von Patmos. Aber das kümmert dort niemand: Die Zwangsarbeit der Verbannten kennt keine Pause. Unter Tage verliert man ohnehin jedes Gefühl für Zeit. Drüben auf dem kleinasiatischen Festland feiern sie Gottesdienst – in Ephesus, Pergamon oder Smyrna. Hier sitzt der Seher Johannes einsam, im Staub, der unablässig aus den Eingeweiden des Berges rieselt. Es ist Sonntag, aber was macht das für einen Unterschied?

Dunkel geworden ist es auch über Juden und Christen im römischen Reich, seit Kaiser Domitian an die Macht gekommen ist. Immer wieder einmal wurden sie schikaniert oder diskriminiert, daran hatten sie sich gewöhnt. Nun aber werden einzelne von ihnen inhaftiert und deportiert – von der Justiz und den Sicherheitskräften, die immer gewalttätiger auftreten. Der Schatten der Angst legt sich über sie. Ist das der Anfang vom Ende für die Jesus-Bewegung?

Als der Herbst kalt und dunkel wurde, begann ich – wieder einmal – in Tolkiens „Herr der Ringe“ zu lesen. Im Unterschied zu früheren Jahren merkte ich, wie schon in den ersten Kapiteln bestimmte Sätze in mir ganz viel zum Klingen brachten:

  • „Gerüchte verbreiteten sich über merkwürdige Dinge, die draußen in der Welt geschahen.“
  • „Frodo traf jetzt oft fremde … aus fernen Ländern, die im Westen Zuflucht suchten. Sie waren besorgt und manche sprachen im Flüsterton von dem Feind und dem Lande Mordor.“
  • „Von dort breitete sich die Macht weiter aus und im fernen Osten und Süden wurden Kriege geführt, und die Furcht wuchs.“
  • „ … selbst die Taubsten und die hartnäckigsten Stubenhocker hörten sonderbare Erzählungen, und diejenigen, die an den Grenzen ihren Geschäften nachgingen, sahen merkwürdige Dinge.“

Die Welt verdüstert sich. Das Lebensgefühl trübt sich ein, selbst in der heilen Welt des abgelegenen Auenlandes. Fremde kommen ins Land auf der Flucht von Kriegen im Osten und Süden, und sie haben unheilvolle Nachrichten im Gepäck: Es braut sich etwas zusammen. Tolkien hat diese Sätze zwei Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Das ist keineswegs nur eine Phantasiegeschichte, es ist vielmehr ein Spiegel seiner Zeit.

Und – das eben war mein Gefühl beim Lesen – womöglich auch unserer Zeit: Rabbi Jonathan Sacks fragte kürzlich einen amerikanischen Freund, wie er die Wahl von Donald Trump erlebte. Der antwortete sarkastisch: Wie der Mann, der an Deck der Titanic in sein Whiskyglas starrt uns sagt: »Ich hatte zwar um Eis gebeten, aber das…«

Der Demokratieindex 2016 führt nur noch 19 von 167 Ländern weltweit als „vollständige Demokratien“, dort leben zusammengerechnet nicht einmal mehr 5% der Weltbevölkerung. 2014 waren es noch 24 Länder und fast dreimal so viele Menschen. In fast der Hälfte aller Länder hat sich die Lage innerhalb des letzten Jahres verschlechtert. Freilich, das Reich Gottes ist mehr als Demokratie. Aber Jesus schließt autoritäre Herrschaft von Menschen über Menschen kategorisch aus.

Unser „Auenland“ ist kleiner geworden. Wir ahnen, wie sich „Mitgenossen an der Bedrängnis“ fühlen.

* * *

Es ist hier, wie so oft, der Gefangene, der die tröstet, die noch in Freiheit sind. Johannes tut das freilich nicht aus eigener Kraft und Antrieb. Ihm ist etwas widerfahren: In der Dunkelheit von Patmos hat er eine Vision. Eine Gestalt in Weiß und Gold erscheint, das Gesicht leuchtet blendend hell wie die Sonne, sieben Leuchter um ihn herum, sieben Sterne in der rechten Hand, eine Stimme tosend wie ein Wasserfall. Und als er zu sprechen beginnt, wird klar, um wen es sich handelt: „Ich war tot, aber nun lebe ich ewig und habe die Schlüssel zu Tod und Unterwelt.“ Der Seher ist da schon überwältigt zu Boden gegangen.“Wie tot“ ist er, aber die Berührung des Auferstandenen erweckt ihn zu neuem Leben.

Es ist Sonntag auf Patmos und die Dunkelheit hat einen tiefen Riss bekommen. Licht fällt auf den Verbannten, auf seine verschwitzten und verdreckten Kleider, auf seine Zweifel und sein Ringen mit der Aussichtslosigkeit seiner Lage. Das riesige Imperium und sein reizbarer Herrscher verfährt mit seinen Feinden (oder denen, die es dafür hält) anscheinend, wie es ihm beliebt. Johannes weiß aber auch, dass der, der ihm hier erscheint, selbst verhaftet und in Ketten gelegt, gefoltert und getötet wurde. Nur ist das eben nicht das Letzte, was es über ihn zu sagen gibt.

* * *

Es ist Sonntag, und während andernorts von ihm geredet wird, spricht der lebendige Christus hier auf Patmos, bei den Verbannten und Verdammten für sich selbst. Und die Verzweiflung weicht vor seinen Worten ein Stück zurück. Menschen brauchen solche Lichtblicke, um nicht zu resignieren – um sich und die Welt nicht aufzugeben. Johannes bekommt einen geschenkt, und weil er ihn aufgeschrieben hat, wissen auch wir davon – davon, wie das Licht bis in die Abgründe dieser Welt hinein scheint.

Johannes braucht den Lichtblick auch, weil gleich danach eine ganze Serie weiterer Visionen folgt. Sie malen das Gericht Gottes über eine Welt, in der unschuldige, wehrlose Menschen Gewalt leiden und Weltreiche wie das römische sich wie wildgewordene Monster gebärden, grell und surreal aus. Der Lichtblick am Anfang lässt ahnen, wie die Geschichte ausgehen wird. Deshalb kann er hinsehen und alles beschreiben, ohne darüber die Hoffnung zu verlieren. Der Tod ist entmachtet, und darüber verlieren seine Handlanger und Vorboten ihren Schrecken: Krieg, Katastrophen, Größenwahn, der Zerfall von Menschen und Gesellschaften.

Wir haben diesen Lichtblick nur als Erzählung. Das ist auf den ersten Blick reichlich wenig. Dafür haben wir mehr als eine von diesen Erzählungen. Wir haben heute im Evangelium schon gehört, wie Petrus, Jakobus und Johannes Jesus auf dem Berg Tabor verherrlicht sehen, und wie sie dort nicht bleiben konnten. Wir kennen die Geschichte von Paulus, dem Jesus vor Damaskus erscheint, so dass er stürzt und einige Tage lang blind ist, wie jemand, der in die Sonne geschaut hat. Diese Geschichten sind unwiderruflich in der Welt. Wir können uns von ihnen immer wieder daran erinnern lassen, dass unsere Zukunft nicht ungewiss ist.

* * *

Es ist Sonntag in Nürnberg, der letzte nach Epiphanias. Die Zeit der Lichter geht zu Ende, das Kirchenjahr wird erst einmal düsterer und ernster weitergehen. Und die Welt vermutlich auch. Aber nun wissen wir ja – oder lernen es gerade: Wenn wir nach Hoffnung für uns und die Welt suchen, sollten wir das bei nicht bei den Mächtigen tun. Sondern bei denen, die niemand sehen soll und kaum jemand sehen will: Den politischen Gefangenen, den Misshandelten und Verleumdeten. Dort sind die prophetischen Stimmen am ehesten zu hören.

Einer, der erst weggesperrt und später ermordet wurde, war Dietrich Bonhoeffer. Pfingsten 1944, sieben Jahre nach Tolkiens düsterer Ahnung, schrieb er aus der Haft:

„Ich beobachte immer wieder, dass es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können; wenn Flieger kommen, sind sie nur Angst; wenn es etwas Gutes zu essen gibt, sind sie nur Gier; wenn ihnen ein Wunsch fehlschlägt, sind sie nur verzweifelt; wenn etwas gelingt, sehen sie nichts anderes mehr. Sie gehen an der Fülle des Lebens und an der Ganzheit einer eigenen Existenz vorbei. […] Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen des Lebens zu gleicher Zeit; wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns. Wir weinen mit den Weinenden und freuen uns zugleich mit den Fröhlichen; wir bangen … um unser Leben, aber wir müssen doch zugleich Gedanken denken, die uns viel wichtiger sind, als unser Leben.“

Gott und die ganze Welt in uns zu beherbergen – was für eine Aufgabe! In düsteren Zeiten brauchen wir allen Trost, den wir bekommen können. Den Trost des Sehers Johannes, den Trost von Dietrich Bonhoeffer, und den Trost, den wir uns gegenseitig spenden: Indem wir von unseren eigenen Lichtblicken erzählen und einander zuhören, indem wir lachen und weinen, klagen und danken, feiern und fasten – und uns an Jesus erinnern, der gekreuzigt und auferweckt wurde.

Denn die Fülle des Lebens auszukosten, das gelingt uns nicht ohne dabei auch die eine oder andere bittere und schmerzhafte Erfahrung zu machen. Wer sich immer nur auf der Sonnenseite aufhält, dem fehlt diese Tiefendimension. Dann wird selbst die Freude und der Genuss schal.

* * *

In einem der düstersten Momente der Geschichte vom Herrn der Ringe kommt der Hobbit Pippin mit dem Zauberer Gandalf in eine Stadt ohne Hoffnung. Aber Gandalf versteht es offenbar, „Gott und die ganze Welt“ in sich zu beherbergen, denn er lacht auf einmal:

„Pippin schaute erstaunt auf das Gesicht, das jetzt dicht neben seinem war, denn das Lachen hatte fröhlich und vergnügt geklungen. Dennoch sah er im Gesicht des Zauberers Kummer- und Sorgenfalten; doch als er genauer hinschaute, erkannte er, dass sich unter alledem eine große Freude verbarg; eine Quelle der Heiterkeit, die gereicht hätte, ein ganzes Königreich zum Lachen zu bringen, wenn sie zu sprudeln begann.“

Es ist Sonntag in Nürnberg. Und wir dürfen ein bisschen fröhlicher und ein ganzes Stück trotziger und barmherziger in die düstere Welt hinaus blicken.

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Warum wir heute ständig Kulturkämpfe führen

Ich habe hier vor ein paar Tagen gefragt, ob es zu dem, was die identitäre Bewegung in der Politik darstellt, theologische Analogien gibt. Auf Facebook hat Arne Bachmann zurückgefragt, ob es nichtidentitäres Christentum geben kann. Ich denke schon, denn es geht ja nicht um die Frage, ob man eine Identität hat, sondern darum wie man diese versteht und lebt. Arnes Vorschlag war, im Christentum nicht eine Identität neben anderen zu sehen, sondern eine Art Meta-Identität (meine Worte), die alle anderen Identitäten und deren Konkurrenz relativiert.

Ein anderes Licht auf diese Frage wirft der Schluss des rund 100-seitigen ersten Kapitels aus „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz. Reckwitz beschreibt darin sehr ausführlich, dass die Spätmoderne sich von der Produktion standardisierter, einheitlicher Massengüter abwendet, die Kennzeichen der industriellen Moderne war (bei Bauman liefe das unter „solid modernity“). Nun steht die Hervorbringung von „Singularitäten“ im Zentrum. Damit ist alles gemeint, was als etwas Besonderes erfahren wird (ein Produkt, ein Event, eine Gemeinschaft, ein Ort, ein Individuum), weil und indem es starke Affekte auslöst. Der spätmoderne Kulturkapitalismus dreht sich um solche Auf- und Abwertungen des Besonderen. Das Markenimage wird wichtiger als der reine Gebrauchswert eines Produkts, denn es dient auch der Singularisierung des Konsumenten, der es wie ein Kurator im Leben so anordnet, dass er sich dadurch als besonders ausweisen kann.

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Veronica Benavides

Drei Entwicklungen kommen hier zusammen und greifen ineinander: Die neue Mittelklasse verlegt seit etwa 1970 den Akzent weg von materiellen Lebensstandard („keeping up with the Joneses“) hin zur Lebensqualität. In der neuen Wissens- und Kulturökonomie ist Authentizität, die dem Bürgertum als stille Sehnsucht seit der Romantik anhaftet, der neue Leitwert der creative economy. Wenn zum Beispiel die Chefs von Apple auf ihren Keynote den Artikel nervtötend konsequent weglassen, während sie von iPhones und anderen Produkten reden, dann suggerieren sie damit, dass das nicht ein Exemplar einer Geräteklasse (Smartphone) unter anderen ist, sondern es trägt einen Eigennamen – das Produkt ist so einzigartig und unverwechselbar wie eine Person.

Und dann kommt auch noch die Digitalisierung zum kulturell-kreativen Komplex hinzu. Rationalisierung und Standardisierung treten in den Hintergrund und finden dort weitgehend unsichtbar statt, mit ihrer Hilfe werden im großen Stil Singularitäten erzeugt. Der Postmaterialismus geht über in „Singularitätsmärkte“, an denen es um Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und Anerkennung geht:

Die durchgreifende Singularisierung und Kulturalisierung aller Bestandteile des Lebens – Wohnen, Essen, Reisen, Körperkultur, Erziehung etc. –, die hier erfolgt, geht so Hand in Hand mit der Statusinvestition ins eigene Singularitätskapital und in die Darstellung des besonderen Lebens vor den Anderen. In gewisser Weise gilt hier die „Norm der Abweichung“ oder positiv gewendet: die Norm der performativen Authentizität, der sozialen Aufführung von Unverwechselbarkeit. (S. 108)

Ich denke, mit dem Begriff der Singularität lassen sich viele Fresh-X Projekte gut erfassen. Gegenüber den stark vereinheitlichenden Tendenzen großkirchlicher Strukturen, die das Individuelle, Lokale und damit auch Besondere gerade begrenzen (wenn nicht gar unterdrücken oder überlagern) setzt man hier auf das Unverwechselbare. Es findet eine Kulturalisierung von Kirche statt, die nicht mehr auf Kontinuität abstellt, sondern auf Authentizität:  „die Darstellung des besonderen Lebens vor den Anderen“. Mit viel Liebe wird hier alles designt, was designt werden kann.

Ganz am Ende kommt Reckwitz darauf zu sprechen, dass diese Entwicklungen in der Spätmoderne zu einer ganzen Reihe von Polarisierungen führen: Bei den Gütern (Massenware vs. Kultobjekte), den Arbeitsverhältnissen (einfache, monotone und prekäre Arbeit vs. hochqualifizierte Wissens- und Kulturökonomie), den Klassen und Lebensstilen (kosmopolitische, gebildete Mittelklasse vs. abgehängte Unterklasse), den sozialen Räumen (kreative Hotspots vs. Fly-over-country). Und nicht zuletzt in der Politik.

Und hier schließt sich jetzt der Kreis (für alle, die sich gewundert haben, wann den nun endlich noch etwas „Identitäres“ kommt). Reckwitz schreibt, dass sich gegen das neue, dominante politische Paradigma „eines apertistischen (öffnenden) und differenziellen (Unterschiede setzenden) Liberalismus, welcher auf eine Kombination von Wettbewerb und kultureller Vielfalt setzt“ von verschiedenen Seiten Widerstand erhebt; es gibt nämlich

…ein ganzes Bündel von antiliberalen (sub)politischen Kulturessenzialismen und -kommunitarismen (Ethnizität, Nationalität, religiöser Fundamentalismus, Rechtspopulismus) …, die gegen die Hyperkultur und ihre Märkte nun kollektive Identitäten mobilisieren. Diese Identitätsbewegungen bewegen sich freilich innerhalb [!!] der Logik der Gesellschaft der Singularitäten [Anm. von mir: bei Bauman ist ja auch Fundamentalismus die postmodernste Form von Religiosität]: Auch sie setzen auf Kultur und Singularität, verorten diese jedoch nicht auf mobilen Märkten, sondern innerhalb besonderer – religiöser, nationaler, ethnischer, völkischer – Kollektive. Das Ergebnis sind die für die Gesellschaft der Singularitäten überaus charakteristischen Konflikte um die Kultur. (S. 110)

Ich denke, ich kann nun auch klarer sagen, was mich an manchen (hippen wie miefigen) Frommen immer wieder an Typen wie Martin Sellner erinnert: Es ist dieser Gestus, mit dem sie dem Liberalismus, den sie ablehnen und verachten, den Untergang prophezeien. Vielleicht rührt die Verachtung auch daher, dass die eigene Identität im Rennen um Aufmerksamkeit und Anerkennung – Reckwitz nennt das Valorisierung – zusehends ins Hintertreffen geraten ist. Wenn er allerdings Recht hat, dann führen sie ihren Kulturkampf mit denselben Prämissen wie alle anderen. Weiterführende Lösungen als die energische Selbstdurchsetzung des eigenen Kollektivs (ein Mehr vom eigenen) haben sie, so weit ich das sehe, nicht anzubieten.

Eine kurze Einführung in Reckwitz‘ Gedankengänge gibts beim Deutschlandfunk (danke, Helge Seekamp!) und hier auf Zeit Online.

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Gibt es so etwas wie „identitäres Christentum“?

Vor ein paar Wochen sah ich in der 3Sat-Mediathek einen Bericht über „Die rechte Wende“. Dort kommt die identitäre Bewegung um Götz Kubitschek ausführlich zu Wort, unter anderem auch Martin Sellner.

Bei Zusehen fühlte ich mich, vor allem bei Sellner, immer wieder mal an Vertreter neokonservativen Christentums erinnert, mal vom Inhalt her und öfter noch war es der Habitus. Seither denke ich nach, woran das liegt. Man sieht die Kubitscheks im Film beim Tischgebet mit Kreuzzeichen.

Edwin Andrade

Gibt es also eine Schnittmenge, und wenn ja, wo liegt sie? In einem autoritären Weltbild? In der Vorstellung einer ehernen Schöpfungsordnung mit fixen Geschlechterrollen und Lebensräumen, die den Völkern und Kulturen seit jeher zugewiesen sind?

Liegt sie in einer bestimmten Art, Identität zu konstruieren – über die ausschließende Differenz,  über essentialistische Vorstellungen (Identität ist etwas Gegebenes und nicht das Resultat vielschichtiger Identifikationsprozesse), über die Naturalisierung historisch bedingter Konstellationen – die sind dann nicht mehr kontingent, sondern notwendig immer schon so, wie sie sind, und wer daran etwas ändert, greift fahrlässig in die gute Ordnung ein?

Und wenn das so ist, wie gehen wir dann mit kirchlichen Bewegungen um, die einen ähnlichen Rollback im Sinn haben wie die Identitären?

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Gott ist genervt: Unharmonische Weihnachtsgedanken.

Weihnachten herrscht in unseren Familien und Freundeskreisen manchmal, aber beileibe nicht immer ungetrübte Freude. Hin und wieder ist einer genervt. Das Essen misslingt oder entspricht nicht den Erwartungen, Gäste verspäten sich, mühsam ausgesuchte Geschenke treffen auf eher mäßige Begeisterung, der Gesprächsstoff geht aus, weil zu viele Themen mit Konflikten besetzt und die Harmlosigkeiten alle schon abgegrast sind. Irgendwann fällt ein falsches Wort, oder jemand bekommt etwas gut Gemeintes in den falschen Hals. Es folgt betretenes oder beleidigtes Schweigen, manchmal auch ein erhitzter Wortwechsel.

Einen solchen finden wir zu Weihnachten auch beim Propheten Jesaja. Mit dem feinen Unterschied, dass hier Gott der Genervte ist:

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel. (Jesaja 7,10-14)

Der Prophet Jesaja und Ahas, der König von Jerusalem, haben Stress: Die Sicherheitslage ist angespannt. Es droht Krieg mit den nördlichen Nachbarstaaten. Jesaja fordert Ahas auf, zu glauben, und das heißt, sich angesichts sehr realer Gefahr auf Gottes Treue zu verlassen. Ahas indes glaubt nicht, dass Gott ihn und sein Volk retten wird. Jesaja bietet dem König im Namen Gottes an, sich – quasi als vertrauensbildende Maßnahme – ein Zeichen auszusuchen, der aber lehnt – freilich nur scheinbar demütig – ab. In Wahrheit ist das ein Affront: Er will sich die Möglichkeit offen halten, die mächtigen Assyrer um Hilfe zu bitten – eine brutale Supermacht, viel schlimmer als die jetzigen Feinde.

Gott ist genervt davon, wie dieser König hier herumlaviert. Wenn sich Ahas eine andere Schutzmacht sucht als Gott, steht damit auch die besondere Beziehung Gottes mit dem Königshaus aus Davids Linie in Frage. Und damit die Zukunft des Volkes Gottes. Also kündigt der Prophet von sich aus ein Zeichen an, ungebeten: Ein Kind wird in Kürze zur Welt kommen, das seine junge Mutter „Immanuel“ nennt: „Gott mit uns“. Bevor der Kleine gut und böse unterscheiden kann, sagt Jesaja gleich anschließend, werden die Reiche der Aggressoren verwüstet sein. Leider auch der größte Teil von Ahas’ eigenem Königreich, weil Ahas – das zeichnet sich schon ab – auch diese erneute Einladung zum Vertrauen ausschlägt.

Die gute Nachricht in der schlechten Nachricht lautet: Es ist kein totaler Untergang, der jetzt droht. Aber es bleibt unklar, ob der Name „Immanuel“ ein dankbares Bekenntnis, oder ein trotziges ist, oder vielleicht auch nur ein verzweifeltes Flehen.

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Ilya Yakover

* * *

Ein Mann im Belagerungszustand. Das können wir verstehen: Auch für uns Heutige scheint die Frage eher die zu sein, welches der vielen Unheile, die derzeit drohen, uns zuerst erreicht:

  • Die Atomraketen aus Nordkorea und Donald Trumps Vergeltung?
  • Die Folgen der Kriege in der Ukraine und Syrien?
  • Die nächste große Wirtschaftskrise, gegen die sich nur wenige Superreiche versichern können?
  • Das labile Klima unseres Planeten – Stürme, Dürren, Überflutung?
  • Der massive Rechtsruck in Polen, Ungarn, Österreich und Sachsen mit seinem aggressiven Argwohn gegen alles Fremde und jeden, der aus der völkischen Reihe tanzt?

Aus Angst vor vermeintlichen Gefahren wenden sich auch heute viele an Helfer, die noch größeren Schaden anrichten. Irrsinnigerweise sind (in Ungarn, Polen oder den USA) auch viele fromme Christen darunter. Sie gewinnen kurzfristig an Sicherheit und opfern langfristig ihre Freiheit, wenn sie knallharte Machtpolitiker wählen, die Meinungs- und Pressefreiheit abschaffen oder ständig den Finger ab Abzug haben.

Kein Zweifel: Auch davon ist Gott genervt. Er hat es satt. Was wird er dagegen unternehmen?

* * *

Er unternimmt Folgendes:

Fast 800 Jahre nach Jesaja legt der Evangelist Matthäus den Satz von der Jungfrau und dem Immanuel einem Engel in den Mund, der Josef im Traum erscheint und ihn auffordert, die schwangere Maria nicht zu verlassen.

Wieder macht Gott seinem Volk in schweren Zeiten ein Angebot. Wieder durch die Geburt eines Kindes.

Nur hat Herodes das, was Ahas noch überlegte, längst hinter sich: Er ist bereits mit einer brutalen und gierigen Supermacht verbündet. Die Römer garantieren, dass seine Sippe an der Macht bleibt. Er ist König von Augustus Gnaden, so wie Assad in Syrien heute nicht ohne Putins Hilfe regieren könnte. Herodes ist paranoid, prunksüchtig, gewalttätig und heimtückisch, wie der Kindermord von Bethlehem beweist. Sogar ein paar seiner eigenen Söhnen ließ er umbringen, damit sie ihn nicht vom Thron verdrängen. Der neugeborene Immanuel – Jesus – muss mit seinen Eltern vor Herodes nach Ägypten fliehen. In jenes Land, dessen König zu Moses Zeiten kleine israelitische Jungs ermorden ließ. Aus Gründen der staatlichen Sicherheit, wie es dann immer heißt.

Gott ist genervt vom Verhalten der Mächtigen. Für Herodes ist die Geburt des Immanuel der Anfang vom Ende, ein Zeichen seines Untergangs. Die mörderische Intrige gegen das Jesuskind schlägt fehl. Er stirbt nach qualvoller Krankheit, seine Dynastie tritt ab. Statt seiner Söhne regiert jetzt ein römischer Statthalter in Jerusalem. Die Stimmung im Land ist so polarisiert, dass noch zwei Generationen später heftige Unruhen ausbrechen. Die Stadt und der Tempel werden dabei zerstört. Nur ein Rest überlebt und zerstreut sich über die ganze Welt – Jesaja reloaded.

* * *

Jesus, der neue Immanuel, wächst inmitten dieser Ereignisse auf. Die Evangelisten sehen in ihm das Gegenbild zu einer Politik der Angst, der Korruption und Ausbeutung, des Vertrauens auf Rüstungstechnik, Waffengewalt und Geheimpolizei. Er wird gut und böse provokant anders unterscheiden als die meisten seiner Zeitgenossen. Er wird zur Gewaltlosigkeit aufrufen, zum friedlichen Aufstand gegen Macht und Mammon, zum radikalen Vertrauen auf Gottes Fürsorge, sein Mit-Sein mitten in den Turbulenzen des Lebens. Wie Jesaja ruft er Menschen auf, in einer alternativen Welt zu leben, die von Gott und seiner Treue bestimmt wird, und sich keine Angst einjagen zu lassen.

Der Immanuel zeigt: Gott hat sich durch die Hintertüre in die Welt geschlichen. Er ist mit den Armen, mit den Friedfertigen, mit den Leidenden, er ist einer von ihnen und teilt ihr Leben. Er erleidet wie sie den Hass, der ihm von den Unterdrückern entgegenschlägt, und ebenso die Wut des Mobs, der Sündenböcke sucht und Blut sehen will.

Mob und Macht versuchen diese Störung aus der Welt zu schaffen, aber am dritten Tag ist sie wieder da und breitet sich aus wie ein Gerücht, von Mund zu Mund und Herz zu Herz. Ein Gerücht von der Treue Gottes denen gegenüber, die ihm vertrauen. Selbst im Angesicht von Krisen, Krieg, Katastrophen und Tod.

* * *

Gott ist genervt von allem, was Menschen zerstört, ihre Würde mit Füßen tritt, Zusammenhalt und Vertrauen zersetzt, Gewinn über Gemeinwohl stellt. Er hat sich endgültig auf die Seite all derer geschlagen, die unter Unrecht leiden und nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Nun fordert er uns heraus, uns zu ihm zu stellen. Und unsererseits darauf zu vertrauen, dass Gottes Macht größer ist als all die Drohungen, denen wir uns ausgesetzt sehen.

Weihnachten – das ist aus der Jesaja-Perspektive die Frage, welcher Schutzmacht wir uns anvertrauen, einzeln und gemeinsam. Und was dabei aus uns wird. Vielleicht haben sogar einige der Dinge, die uns an Weihnachten genervt haben, mit solchen Schutzmächten und unserer Abhängigkeit von ihnen zu tun:

  • Dem wehrhaften Nationalstaat mit Polizei, Armee (und, wenn nötig, Bürgerwehren)? Der stellt Ordnung über Leben, Überwachung über Vertrauen und Gleichschritt über Freiheit.
  • Der Supermacht des freien Marktes, des Geldes und des cleveren Kalküls? Sie bringt wenige Gewinner und viele Verlierer hervor. Sie stürzt mich in die Tretmühle der Selbstoptimierung – und wenn alles ausgereizt ist, werde ich ausgemustert.
  • Starken und aggressiven Anführern, die laut, rücksichtslos und breitbeinig daherkommen und von sich behaupten, für „das Volk“ zu sprechen? Sie leben von Opfer-Typen und Opportunisten, beuten Angst, Neid und Hass aus. Sie spalten und säen Misstrauen. Andere machen sie innerlich kleiner, um selbst größer zu wirken.
  • Der Hoffnung auf Ruhm, Bewunderung und Anerkennung auf den analogen und digitalen Bühnen dieser Welt? Statt ich selber zu sein (und zu entdecken, was das eigentlich bedeuten würde), werde ich immer überlegen, was gerade gefragt ist und gut ankommt. Was Beifall (die „Likes“) oder Aufsehen erregt (die beliebten „Tabubrüche“). Was eben gerade als Projektionsfläche vorhandener Stimmungen taugt.

Ständig werden wir bewertet und beurteilt. Das strengt an und macht müde. Kein Wunder, dass wir genervt sind. Weihnachten ist eine Gelegenheit, dem auf die Spur zu kommen, was uns das Leben wirklich verleidet.

Und dann die Alternative zu betrachten: Ich vertraue dem Einen, der als Kind kam und es nicht als Zumutung empfand, klein zu sein. Der auch als Erwachsener Vertrauen schenkte und sich verletzlich machte. Der nicht das eigene Überleben und Wohlergehen im Sinn hatte. Der Menschen nicht taxierte und sich überlegte, welchen Nutzen sie für ihn wohl haben. Der Leute zusammenbringt, die sich von selbst nie zusammenfinden würden. Dem Immanuel.

Es ist riskant, Gott zu vertrauen. Es ist schwer, sich von ihm allein beschenken und beschützen zu lassen. Aber es ist auch der Weg zu einem erfüllten Leben – und zum Frieden mit mir selbst, meinen Mitmenschen und Gott.

Sein Segen und Wohlgefallen sei mit uns allen.

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Einfach weitergehen

Die tapferen Taten in den Alten Geschichten und Liedern, Herr Frodo: Abenteuer, wie ich sie immer nannte. Ich glaubte, das waren Taten, zu denen die wundervollen Leute in den Geschichten sich aufmachten und nach denen sie Ausschau hielten, weil sie es wollten, weil das aufregend war und das Leben ein bisschen langweilig, eine Art Zeitvertreib, könnte man sagen. Aber so ist es nicht bei den Geschichten, die wirklich wichtig waren, oder bei denen, die einem im Gedächtnis bleiben. Gewöhnlich scheinen die Leute einfach hineingeraten zu sein […]. Aber ich nehme an, sie hatten eine Menge Gelegenheiten umzukehren, wie wir. Nur taten sie es nicht. Und wenn sie es getan hätten, dann wüssten wir’s nicht, dann dann wären sie vergessen worden.

Wir hören von denen, die einfach weitergingen – und nicht alle zu einem guten Ende, wohlgemerkt; zumindest nicht zu dem, was die Leute in der Geschichte, und nicht die außen, ein gutes Ende nennen. Du weißt schon, nach Hause kommen und feststellen, dass alles in Ordnung ist, wenn auch nicht ganz wie vorher – wie beim alten Herrn Bilbo. Aber das sind nicht immer die besten Geschichten zum Hören, obwohl sie die besten Geschichten sein mögen, in die man hineingeraten kann!

Ich möchte mal wissen, in was für einer Geschichte wir sind.

Samweis Gamdschie im 4. Buch des „Herrn der Ringe“

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Matthew Kalapuch

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Situationsethik – christlicher als ihr Ruf

Für viele (vor allem alle Verfechter „klarer“, weil buchstabengebundener Ge- und Verbotsethik) ist das ja ein heikler Begriff, lässt er doch vermuten, dass man sich mit Verweis auf passende Umstände alles moralisch so hinbiegen könnte, wie man will.

Allerdings lässt sich das Gebot der Nächstenliebe auch unter Situationsethik im weiteren Sinn einreihen: Wer der/die Nächste ist, das entscheidet sich immer in einer konkreten Situation, denn es geht nicht um eine bestimmte Eigenschaft dieser oder jener Person, sondern um die Tatsache, dass ich gerade jetzt mit ihr zu tun habe. Darum, wie wir gerade situiert sind. Deswegen antwortet Jesus in Lk 17 auf die Frage „wer ist mein Nächster?“ damit, dass er eine Situation schildert, in der das deutlich wird. Und der Samariter hilft in der Geschichte ja nicht, weil er ein Gebot im Hinterkopf hatte, sondern weil er von der Not des Mitmenschen angerührt wurde – so definiert sich Barmherzigkeit.

Toa Heftiba

Ob man die oder den Nächsten im Internet-Zeitalter noch ausschließlich räumlich bestimmen kann (oder ob Raum anders zu bestimmen wäre), ist eine wichtige Frage. Unsere Situationen sind komplexer geworden: Wir bekommen Notlagen anderer in Echtzeit mit, die tausende Kilometer entfernt sein können. Manchmal können wir direkt reagieren, oft nicht. Aber heißt das, dass wir gar nicht zu reagieren brauchen? Auch deswegen wird es ja immer schwerer, eindeutige Normen zu bestimmen, die jeder Situation angemessen sind.

Aber eines lässt sich sagen: Wenn man sich an der Liebe zum Nächsten orientiert, wird alles Tun radikal menschen- und situationsbezogen sein.

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Lieder:liche Beobachtungen

Immer wieder mal beschäftigt mich die Frage, was wir so alles singen und was das transportiert. Und in diesem Jahr wird das Ganze noch etwas eingefärbt durch die vielen Erinnerungen und Rückbesinnungen auf die Reformation. Vor ein paar Wochen habe ich mit Grundschülern Mike Müllerbauers Bratkartoffel-Superpfanne-Song betrachtet und mit Luthers reformatorischer Erkenntnis verglichen. Alle Kinder fanden, Luther hätte das Lied gemocht und eines fügte noch nachdenklich hinzu, wenn es damals schon solche Lieder gegeben hätte, hätte Luther nicht so lange mit seinen Ängsten und Gewissensnöten kämpfen müssen.

Gestern nun habe ich noch eine Weile über Albert Freys „Jesus Erlöser der Welt“ nachgedacht. Das Lied – kein Kinderlied – beginnt ja mit „Was für ein Mensch“ und spielt damit auf Joh 19,5 an. Die folgenden Zeilen stellen mir allerdings nicht den gefangenen und geschundenen Jesus vor Augen, sondern sie sind eine Aufzählung der massivsten Wundergeschichten, die die Evangelien hergeben: Sturmstillung, Seewandel, Weinwunder und Brotvermehrung. Das Übernatürliche steht ganz im Mittelpunkt. Die Heilungswunder, die Gottes Barmherzigkeit im Kontext menschlichen Leides sichtbar machen, fehlen hier zu meiner Überraschung auch.

Im Sinne der Zweinaturenlehre intoniert dann der zweite Vers „Was für ein Gott…“ und handelt von Menschwerdung, Demut und Selbsthingabe. Wobei das konkrete Leiden hier nur angedeutet wird, es bleibt implizit („der alle Schuld dieser Erde … auf sich nimmt“).

Mich hat die Verschiebung des Kontextes interessiert, die in der ersten Strophe gegenüber dem Johannesvangelium stattfindet. Und da kommt wieder Luther ins Spiel, nämlich die Heidelberger Disputation von 1518 und die Frage nach dem Ort der Gotteserkennntnis. Zugegeben – ein strenger Maßstab. Da heißt es unter anderem:

Aber der (verdient ein rechter Theologe genannt zu werden), der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als in Leiden und Kreuz sichtbar gemacht begreift. Das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes – d.h. seine Menschlichkeit, Schwachheit, Torheit – ist dem unsichtbaren entgegengesetzt, wie 1.Kor 1,25 von der göttlichen Schwachheit und Torheit sagt. Weil die Menschen nämlich die Erkenntnis Gottes aufgrund seiner Werke mißbrauchten, wollte nun Gott aus dem Leiden erkannt werden.

Luther wendet sich hier gegen eine metaphysische Gottesvorstellung, die Gott in Gegensatz zu menschlicher Schwäche, Verwundbarkeit und Ohnmacht stellt. Wenn man ausgerechnet das ecce homo so aus der Passion löst, dann liegt der Schluss nahe, dass sich das Göttliche im Menschen Jesus am deutlichsten in den Augenblicken zeigt, wo er souverän die Naturgesetze überstimmt.

Auf der persönlichen Ebene lässt mich das Lied dann auch eher ratlos zurück: Weinwunder und Seewandel gehören nicht zu meinen persönlichen Glaubenserfahrungen. Der Verweis darauf im Lied konfrontiert mich daher mit einer Leerstelle im Erleben. Es weist mich auch nicht an die alltäglichen, im Bereich des Natürlichen und Kreatürlichen angesiedelten Gottesbegegnungen. Es bietet mir an, in die Bewunderung aus der Ferne einzustimmen. Um Nähe und Trost zu finden, muss ich auf ein anderes Lied warten – und erst einmal meine Irritation verdauen.

Hat jemand einen Vorschlag, was ich stattdessen singen könnte? Oder sollte ich mir einfach weniger Gedanken machen?

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Gott – kein Er/Sie/Es

Personsein und Geschlechtlichkeit lässt sich für uns Menschen schwer trennen, das zeigt die Debatte um das „Dritte Geschlecht“. Wenn wir aber den Personbegriff auf Gott beziehen, dann verstellt uns die Kategorie „Geschlecht“ den Blick und erschwert es, zu sinnvollen Aussagen zu gelangen: 

Als Subjekt seiner Geschichte ist Gott aber, wie Karl Barth sagt, „Nicht ein Es…, aber auch nicht ein Er wie geschöpfliche Personen, sondern … immer ein Ich.“ Heute müssen wir hinzufügen, Gott ist auch nicht eine „Sie“. Aus seiner Geschichte erschließt sich vielmehr, dass der „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Ex 3,14) nicht weniger denn als Person gedacht werden kann.

Gunda Schneider-Flume in ihrem sympathischen „Grundkurs Dogmatik“

Alex Iby

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