Geist für alle und jeden

Als ich heute einen Blick auf die Pfingstgeschichte warf, fiel mir auf, wie oft die Begriffe „alle“ und „jeder“ darin vorkommen. Und zwar immer schön im Wechsel:

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.
In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören:
Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.
Alle gerieten außer sich und waren ratlos.

Das schon sehr bemerkenswert in einer Zeit, in der Religion als Mittel verwendet wird, um eine ähnlich bunte, vielfältige Gesellschaft wie damals in Jerusalem zu spalten, um Mehrheiten zu gewinnen, indem man Minderheiten auf das Fremdartige  reduziert und mit düsteren Stereotypen und Schablonen möglichst viel Angst schürt. In einer Gesellschaft, in der es immer öfter nicht mehr darum geht, jeder und jedem gerecht zu werden, sondern wo manche meinen, ihr unbehelligtes Erbrechen von Vorurteilen und Ressentiments gegen alles Missliebige als Gipfel der Menschenrechte feier zu müssen, da erinnert uns Pfingsten daran, dass Gottes Geist alle und jede(n) ansprechen will  – auch wenn nicht alle und jede(r) gleich zustimmend darauf reagieren.

Die eine Sache, die sich geistbewegte Menschen auf keinen Fall leisten sollten, ist: Andere aufgrund von Sprache, Kultur, Herkunft, Religion und Hautfarbe als solche Leute abzuschreiben, die man vernachlässigen kann oder gar meiden muss. Wo solche Mauern hochgezogen werden, da ist auch der Geist ausgesperrt.

Lassen wir ihn sein Werk tun – so lange und so oft es ihm gefällt! Die Türen bleiben offen. Pfingsten ist einfach ein krasses Fest.

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Keltische Klarstellungen

Ian Bradley war einer der ersten Autoren, der sich mit dem keltischen Christentum befasste. Viele sind ihm gefolgt (mich eingeschlossen), einige seiner Texte wurden auch ins Deutsche übersetzt. Nun zieht er eine kritische Bilanz dieser literarischen Beschäftigung, für die er selbst im Laufe der Jahre auch immer wieder Kritik abbekommen hat.

Bradley, der in St. Andrews Kulturgeschichte lehrte, fragt sich und uns: Diente das goldene Zeitalter des Christentums in Irland und später auch im Westen Britanniens vor allem als Projektionsfläche für Wünsche und Phantasien, die Christen im Schnittfeld von Kirche, Ökologie, Feminismus und Esoterik entwickelt hatten? Verklären heutige Aktualisierungen diese Zeit, so wie die Celtic Revival im Kulturbetrieb ja auch eine stark romantisierende Tendenz an den Tag legte?

Ja, sagt Bradley, all das gab und gibt es. Auch in seinen eigenen Büchern. Aber schon seit etlichen Jahren ist er um eine nüchterne und differenzierte Darstellung bemüht, und sein eben erschienenes Buch „Following the Celtic Way. A New Assessment of Celtic Christianity“ ist das Produkt dieser gründlichen Überprüfung. Wer in das Thema einsteigen will, findet hier eine Mischung aus Forschungsbericht und Materialsammlung. Nicht immer ganz flüssig zu lesen, aber akribisch und umsichtig zusammengestellt.

Große Mühe gibt Bradley sich im Mittelteil damit, alle Schlagwörter über Spiritualität und Gottesbild der Iroschotten mit meinem „P“ anfangen zu lassen. Das ist gut gemeint, aber manchmal sind mir die Begriffe darüber nicht – Achtung: „p“! – präzise oder prägnant genug ausgefallen. Große Mühe gibt er sich, zu jedem Charakteristikum, das er nennt, alte Quellentexte anzuführen und auch die Grenzen dessen zu markieren, was die Texte hergeben und was nicht. Er kritisiert andere Autoren und deren Spekulationen dabei nicht direkt, sondern stellt lediglich dezent fest, dass sich hier und da keine historischen Belege finden ließen.

Am Ende sammelt Bradley die vielen Puzzleteile des keltisch-christlichen Vermächtnisses noch einmal zusammen und klopft sie auf ihre Bedeutung für heute ab. Ich bin erleichtert: Es ist doch einiges übrig geblieben. Das hätte mich auch gewundert, denn solch originelle Errungenschaften wie der Anam  Chara (Seelenfreund und geistlicher Begleiter) oder die peregrinatio – jene Pilgerschaft, die nicht dem Besuch heiliger Stätten dient, sondern sich selbst in der Fremde verlieren und Gott finden möchte –  und natürlich die starke Rolle, die der Schöpfung in den alten irischen Texten und ihren großartigen Buchmalereien zukommt. Andere Leser würden vielleicht andere Punkte hervorheben – die Auswahl ist breit.

Ein schöner Aspekt sind die Gegensätze und Polaritäten, die hier vielleicht deutlicher als an vielen anderen Stellen der Kirchengeschichte gemeinsam auftreten. Der Abt Colman soll ein heiliges Leben so beschrieben haben (S. 65):

Glaube zusammen mit Handeln, Sehnsucht mit Beständigkeit, Ruhe mit Hingabe, Keuschheit mit Demut, Fasten mit Mäßigung, Armut mit Großzügigkeit, Schweigen mit Gespräch, Austeilen mit Gleichheit, Ausdauer ohne  Klage, Enthaltsamkeit mit Ausgesetztsein, Eifer ohne Strenge, Sanftheit mit Gerechtigkeit, Zuversicht ohne Nachlässigkeit, Furcht ohne Verzweiflung, Armut ohne Stolz, Bekenntnis ohne Ausrede, Lehren mit Üben, Fortschritt ohne Ausrutscher, Bescheidenheit gegenüber den Hochnäsigen, Ebenmaß gegenüber den Groben, Arbeit ohne Groll, Schlichtheit mit Weisheit; Demut ohne Parteilichkeit.

Man kann sich das nur dynamisch vorstellen, als Rhyhtmus, nicht als statisches Gleichgewicht und permanente Balance. Ich hatte das Spannungsmodell vor ein paar Jahren schon einmal in ein nicht ganz so komplexes Bild gepackt. Hier ist es noch einmal:

 

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Bitte weiter gehen!

„Weiter gehen“ lautet das Motto des landeskirchlichen Ehrenamtspreises 2018. Untertitel: „missionarisch Kirche sein“. Ich bin gespannt, wer diesmal die Preisträger sind.

Wirft man einen Blick auf die vier Projekte, die im Vorjahr unter der Überschrift „Veränderung auf Schritt und Tritt“ ausgezeichnet wurden, dann fällt eine Gemeinsamkeit auf: Sie finden allesamt in kirchlichen Gebäuden statt, in einem Fall wurde sogar eines eigens errichtet. Und drei der vier – die Wuselkirche, die Frühstückskirche, die Vesperkirche – haben in der einen oder anderen Form mit gemeinsamem Essen zu tun. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede, aber ich fand das schon bemerkenswert: Veränderung zeigt sich anno 2017 darin, dass Tischgemeinschaft in den Kirchen wieder eine Sättigungskomponente und damit verbunden ein Gemeinschaftselement erhält.


Annie Spratt

Das Festmahl spielt auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn eine wichtige Rolle. Erik Flügge hat es im Blick auf seine katholische Kirche kürzlich mit einem provokativen Perspektivwechsel interpretiert:

Nicht die anderen sind verlorene Söhne, sondern die Aktiven in den Gemeinden sind es. Die haben das Erbe genommen und es verprasst. Verprasst für Orgeln und Kirchenbauten, Küchen im Gemeindehaus und Fachstellen. Langsam wird das Leben in den Gemeinden knapp. Immer weniger ist los, und das frustriert. Das Gemeindeleben fühlt sich hohl an ohne die Familie, die wir irgendwo zurückgelassen haben. Der letzte Rest Gemeindeleben ist viel zu oft so frustrierend wie das Schweinehüten. Die Aktiven in der Kirche sind der verlorene Sohn, der in der Ferne wehmütig an den eigenen Vater denkt. Sie sind diejenigen, die aufbrechen und zurückkommen in der Hoffnung, dass sie fröhlich empfangen werden.

Ein Aufbruch zu Gott, der sich nicht im vertrauten Rahmen kirchlicher Gebäude und Rituale offenbart, sondern im Fremden und Befremdlichen, beim Rest der Familie, der am kirchlichen Leben nicht mehr oder kaum noch teilnimmt. Auf der Frühjahrssynode hat Hans-Hermann Pompe vom ZMiR diese Bewegung unter der Überschrift „Vom Erwarten zum Hingehen“ beschrieben. Dass er dann gleich auf den „Back to church Sunday“ zu sprechen kommt, verrät die Sorge, die Aktiven in Haupt- und Ehrenamt mit Kritik an der üblichen „Komm-Struktur“ und ihren Begrenzungen zu überfordern. Irgendwem geht alles konkrete „weiter gehen“ ja meistens schon  wieder viel zu weit…

Aber vielleicht zeigen ja die Ehrenamtlichen von der Basis, wie das mit dem „weiter gehen“ funktionieren kann; und vielleicht honoriert die Jury in diesem Jahr solche Projekte, die sich vom sicheren eigenen Turf herunter wagen. Räumlich, aber auch kulturell und mental.

Und gern wieder mit Essen!

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Selbstverleugner, oder: Blumen von Blume?

Wir leben in wahrhaft denkwürdigen Zeiten: Letzte Woche warf der Generalsekretär einer nominell christlichen Partei etlichen Kirchenleuten vor, sie seien „Selbstverleugner“.

Das muss man erst mal in den Kopf kriegen! Denn wenn man in die Evangelien schaut (gehen wir mal davon aus, das auch Markus Blume das gelegentlich tut), dann ruft Jesus dort ganz ausdrücklich zur Selbstverleugnung auf. Selbstverleugnung ist geradezu der Sinn des Kreuzes:

Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. (Matthäus 16,24)

Das Kreuz steht ausdrücklich nicht für Selbstdurchsetzung und Dominanz, sondern für den Verzicht darauf. Damit steht es für den Verzicht auf eine öffentliche Symbolhoheit, die andere Standpunkte allenfalls gönnerhaft duldet. Folglich verbietet sich die angestrebte Verstaatlichung dieses Symbols, das daran erinnert, wie Gott zum Opfer staatlicher Gewalt (und aus der Sicht des Kaiserkultes übrigens auch zum „Religionsfeind“) wurde.

Jemanden, der nun genau diese Instrumentalisierung des Kreuzes durch das Kabinett Söder und die Verkehrung in sein Gegenteil kritisiert, als „Selbstverleugner“ zu betiteln, ist entweder ironisch oder ignorant.

Wenn es ironisch gemeint wäre, wäre es ein Kompliment an alle, die richtig reagiert und widersprochen haben. Blume ist auf ihrer Seite, aber Söder soll es nicht merken. Also redet er doppeldeutig. Richtig schwarzer Humor also.

Ignorant wäre es, wenn die Entfremdung der Abendlandretter von den Wurzeln, die zu bewahren sie behaupten, schon so weit fortgeschritten wäre, dass der Widerspruch zu den Worten Jesu gar nicht mehr auffällt. Dass sie also gar nicht mehr verstehen: Jemand, der sich selbst verleugnet und zurücknimmt, damit andere Raum haben, verleugnet den barmherzigen Gott gerade nicht, sondern bekennt sich zu ihm.

Es könnte freilich auch beides sein: Ignorant und (unfreiwillig) ironisch.

So oder so: Mit seiner Kritik hat der CSU-General seinen Gegnern das schönste und sachlich zutreffendste Kompliment gemacht.

Danke für die Blumen, Herr Blume!

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Liturgie und Kultur des Engagements

Ich hatte hier ja schon vor einem Jahr die unterschiedlichen Gottesdienstkulturen beschrieben, zwischen denen ich mich die letzten zwei Jahre bewegt habe. Einen Punkt habe ich dabei allerdings übergangen. Er taucht auch in den meisten Abhandlungen über Liturgik kaum auf: Die Ansagen oder „Abkündigungen“ (das Wort habe ich bisher nur in Kirchen gehört).

Elliot Sloman

In St. Leonhard bekommen die Gottesdienstbesucher*innen jeden Sonntag ein Blatt ausgeteilt, auf dem neben dem Predigttext und dem Wochenspruch die wichtigsten Informationen zu Kollekten, Taufen und Beerdigungen und besonderen Veranstaltungen der nächsten Zeit stehen. Da alle lesen können, wird dazu in aller Regel auch nichts mehr gesagt – weder vom Pfarrer noch von irgendwem sonst. Das ist maximale Effizienz.

Bei ELIA ist das ein Teil, der (trotz gegenteiliger Bemühungen) auch einmal ausufern kann. Man sieht unterschiedliche Gesichter, die zu Aktionen und Veranstaltungen einladen, es wird von vergangenen Ereignissen erzählt, an schon Gesagtes erinnert, ab und zu kommen auch Gäste zu Wort. Das ist manchmal nicht ganz effizient, gelegentlich entstehen gewisse Längen, aber es hat eine wichtige Funktion:

  • Erstens wird deutlich, dass das Gemeindeleben sich nicht im Gottesdienst erschöpft.
  • Zweitens spürt man, dass die Mitwirkung vieler nötig und erwünscht ist. Ein Ethos des Engagements wird gepflegt.
  • Drittens werden Gelegenheiten zum Gespräch und zur Nachfrage geschaffen. Wer Kontakt sucht, kann auf eine Person, die da vorne gestanden und gesprochen hat, zugehen und sich erkundigen. Oder an einer Sache hingehen, die beworben wurde.

Der Wert und Sinn von Abkündigungen besteht also darin, dass sich hier die Gemeinde immer wieder neu verabredet, Gottes Willen zu tun und an seinem Werk teilzunehmen. Das ist keine geringe Sache. Und wenn man für einen Augenblick den Gedanken von Tom Wright ernst nimmt, dass im Grunde die gottesdienstliche Liturgie den fünf Akten der offenen Geschichte Gottes folgt, und dass wir alle im letzten dieser fünf Akte leben und mitwirken, dann müsste jeder Gottesdienst, der sich ernst nimmt, solche Verabredungen enthalten. So wie jedes Bibelteilen vor dem abschließenden Gebet die Frage nach dem Handeln stellt, wenn es richtig läuft (und nicht alle zu früh schon zufrieden sind).

Es geht nicht um Information, sondern um Interaktion. Es geht um eine Kultur des Engagements. Das ist kein belangloser Anhang an die Verkündigung des Evangeliums, sondern ihre natürliche Wirkung.

So, und jetzt lasst uns überlegen, wie wir dieses gottesdienstliche Element möglichst ansprechend und schön gestalten. Falls jemand vorhat, ein Buch über Gottesdienstlehre zu schreiben (oder jemanden kennt, der daran arbeitet): Bitte dafür ein Kapitel einplanen, nicht nur ein paar Zeilen!

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Emergent Streiten

Streitkultur ist ja ein aktuelles Thema in Zeiten von Hatespeech und Filterblasen. Und nun fragt sich, ob das auch „emergent“ geht. Wenn ja, dann ist damit die Erwartung verknüpft, dass sich neue Perspektiven finden und einüben und gängige Alternativen wie die von lärmenden Streithanseln und säuselnden Streitvermeidern überwinden lassen.

Wer herausfinden möchte, ob sich dieser Anspruch einlösen lässt, kann zum bisher vielleicht rauflustigsten Emergent Forum im September nach Leipzig kommen. Ich bin selber neugierig, was uns dort erwartet.

Nebenbei: Dieses BEEF könnte auch Veganern schmecken. 

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Der Kampf um das Kreuz: Autoritäres Symbol oder Zeichen geschenkter Freiheit?

Bei seinem Auftritt auf der Landessynode hat sich der Ministerpräsident diese Woche als Befürworter von Kreuzen im öffentlichen Raum präsentiert. Alexander Jungkunz hat das in einem Kommentar für die Nürnberger Nachrichten mit dem Stichwort „Neue Kreuzritter“ aufgegriffen und an Carl Schmitt erinnert, der im letzten Jahrhundert die Devise ausgegeben hatte, man solle doch „die Wirkung Christi im sozialen und politischen Bereich unschädlich machen; das Christentum entanarchisieren, ihm aber im Hintergrund eine gewisse legitimierende Wirkung belassen und jedenfalls nicht darauf verzichten.“ Religion dient der Macht, nicht der Freiheit. Ergo basteln die Minister der CSU in München wie in Berlin an einer Politik, die Freiheiten von Minderheiten und Andersdenkenden unter dem Vorwand der Sicherheit einschränkt und dem Staat immer mehr Befugnisse erteilt, die willkürlich ausgeübt werden können. Das ergibt eine Annäherung an den Ausnahmezustand in Trippelschritten. Auch dieser Satz stammt nämlich von Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Bei den Synodalen dürfte Söder damit kaum gepunktet haben, aber das ist wohl auch nicht seine Zielgruppe.

Das Kreuz als eine Art heimatliches Totem?

Dazu passt  ein selbstkritischer Text über den Evangelikalismus, den Mark Labberton vom renommierten Fuller Seminary jüngst veröffentlichte. Auch da ging es – unter anderem, aber an erster Stelle – um Macht. Sein Fazit zum Verhältnis von Evangelikalismus und Macht lautet: „Der offensichtliche Schulterschluss Evangelikaler mit einem Machtgebrauch, der auf Dominanz, Kontrolle und Überlegenheit setzt und den Sieg über Mitgefühl und Gerechtigkeit, bringt Jesus mehr mit den Strategien des römischen Kaisers in Verbindung als mit der guten Nachricht des Evangeliums.“ Er erwähnt das Kreuz hier nicht eigens, aber implizit wehrt sich auch Labberton gegen den Versuch, das Kreuz vor den Karren autoritärer Herrschaft zu spannen.

Dass dies kein rein amerikanisches Problem ist, zeigen die Diskussionen, die im frommen Spektrum überall da ausbrechen, wo nach einen Gottesbild und -Begriff gesucht wird, der Gottes Allmacht (und zwar exakt im Schmitt’schen Sinn von Souveränität, die an keine Verantwortung mehr gebunden ist und sich selbst legitimiert) zurücknimmt zugunsten seiner Barmherzigkeit, Liebe und Nähe zu einer leidenden Welt. Wann immer Gottes Macht und Liebe in Spannung zu einander geraten, löst diese theologische Tradition den Konflikt zugunsten der schrankenlosen Macht auf. „Gott“ droht zur Chiffre für einen reinen Machtkult zu degenerieren.

Auf katholischer Seite hat der DLF diese Entwicklung aktuell für Kroatien nachgezeichnet. Ein Kritiker sagt über den nationalkonservativen Kurs der Bischöfe dort: „Die Menschen wurden nicht ermutigt, mit dem eigenen Kopf zu denken, sondern sollten einfach einer Autorität folgen.“ Ein anderer spricht von einem opportunen „Fake-Katholizismus“, der auf einmal viele Anhänger findet.

Wenn wir das mit dem Kreuz wirklich ernst nehmen, dann darf es zu einem solch autoritären Stil in Kirche und Politik nicht kommen. Wir müssen besser verstehen und vermitteln, was Paulus meint, wenn er schreibt, dass die Schwachheit Gottes stärker ist, als die Menschen es sind. Wer menschliche Schwachheit verachtet, wer Macht nicht aus der Hand geben kann, wer auf Vergeltung sinnt für vergangene Kränkungen und Demütigungen, der hat Gott noch nicht verstanden – und schon gar nicht auf seiner Seite.

Zuletzt: Gibt man den Suchbegriff „weakness“ in die Bilderdatenbank von Unsplash.com ein, dann kommen erstens nur wenige Bilder und zweitens sind überall Frauen darauf. Das wirft die Frage auf, ob unsere Vorstellungen von Männlichkeit und unsere Vorstellungen von Macht (bzw. dem richtigen Umgang mit ihr) nicht ähnlich problematisch sind.

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„Christentum so aktuell wie nie“ – ein Rückblick auf zehn Jahre „Gott im Berg“

Vor zehn Jahren machten wir uns an die nicht ganz alltägliche Idee, in Erlangens längstem Bierkeller einen Kreuzweg einzurichten. Mit Kerzen beleuchtet (dieses Feature hatten wir uns von Friedrich Engelhard vom Entlas-Keller abgeschaut), dazu schleppten wir ein paar bunte LED-Lampen mit und ein paar Klemmleuchten für die Beschreibungen der Stationen, ein paar Stunden Aufbau – und fertig.

Wir hielten uns an die klassische Kreuzwegsstruktur von der Verhaftung/Veurteilung bis zur Grablegung. Der dreimalige Sturz sollte uns in den Folgejahren noch intensiv beschäftigen: Dieselbe Szene verlangt nach drei unterschiedlichen Zugängen, Darstellungen oder Inszenierungen. Ich glaube, zehn Jahre später bin ich echter Sturz-Experte, weil wir den Grundsatz haben, jede Idee immer nur zweimal hintereinander zu verwenden. Sprich: Etwa die Hälfte der Stationen ist jedesmal gegenüber dem Vorjahr verändert.

Beim ersten Mal klebten wir ein paar Plakate in der Stadt und schrieben eine Notiz für die Tageszeitung. Es kamen 600 Leute, für einen Karfreitagsgottesdienst (nichts anderes war der Kreuzweg) schon ganz anständig. Wir haben auf religiöse Binnensprache verzichtet, nur die Bibeltexte zu den unterschiedlich gestalteten Stationen gestellt und eine minimalistische Anleitung. Über den Weg verteilt, versuchen wir alle Sinne anzusprechen. Auch das ist immer wieder eine neue Herausforderung. Aber es funktioniert so, wie ich es jüngst bei Rowan Williams über die Regeln von Poesie gelesen habe: Es entsteht ein gewisser Druck, mit den erlaubten oder erwünschten Mitteln so kreativ umzugehen, dass dabei ungewöhnliche Einfälle herauskommen, die wir andernfalls vermutlich nie gehabt hätten. 2009 nannten wir das Ganze dann „Gott im Berg“. Denn der Berg ist in Erlangen gewissermaßen ein heiliger Ort.

Dieses Jahr waren es knapp 2.200 Personen. Hier sind ein paar der rund 300 Rückmeldungen aus dem Gästebuch:

  • „Gott begegnet mir im Berg – Danke!“
  • „Sinnlich, ergreifend, und unbeschreiblich schön“
  • „Seit vielen Jahren eine liebgewonnene Art, den Karfreitag zu begehen“
  • „Mitten ins Herz; vielen Dank!“
  • „Unglaublich schön! Nicht zu übertreffen. Wunderbar und traurige Momente.“
  • „Danke für diesen besonderen Weg mit und zu Jesus“
  • „Eine beeindruckende Erfahrung und eine Reise zu sich selbst und Gott“
  • „Allmählich gewinne ich wieder mehr Vertrauen zu Gott“
  • „Man kommt leer, man geht und wird voll. Ein Erlebnis!“
  • „Sehr cool und durchaus auch spirituell.“
  • „So sollte Kirche sein: Den Bezug zur Gegenwart herstellen. Dann ist Christentum so aktuell wie nie!“

Wir sind mitgewachsen über diese 10 Jahre.  Den Andrang zu bewältigen, den das steigende Interesse im Lauf der Jahre mit sich brachte, ist einigermaßen gelungen (zwischendurch musste ich z.B. mal einem begeisterten Pfarrer ausreden, für seine Kirchengemeinde eine Busfahrt zum Berg zu organisieren). Es hat sich ein Team gefunden, das von Ideen sprüht und intensiv um gute Umsetzungen ringt. Mischa Niedermann und Arno Werner kommen jedes Jahr aus der Schweiz und rücken alles sorgsam ins rechte Licht. Dazu kommen dann noch einmal rund 50 Helfer*innen, die an Gründonnerstag und Karfreitag den Einlass regeln und im Keller auf die Ordnung achten. Das ist viel Arbeit, aber wenn man miterlebt, wie bewegt und angerührt viele Gäste den Keller verlassen, dann weiß man auch, dass es das wert war.

Die Grundsätze (Minimalistische Texte, Niederschwelligkeit, Vermeidung von frommem Kitsch, zeitgemäße Sprache und Symbole, Sinnlichkeit, Sensibilisieren ohne zu Moralisieren) sind immer noch dieselben. Es ist ein meditativer Weg – das unterscheidet Gott im Berg deutlich vom eher pädagogischen Ansatz der Ostergärten. Wir wollen nicht so sehr zeigen, was damals war, sondern erfahrbar machen, wie und wo das, was mit Jesus geschah, heute geschieht. Es gibt keine Führungen, am besten geht jede(r) allein und schweigend.

Es war und ist ein langer und guter Weg. Und wir sind noch lange nicht am Ende.

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Homo incurvatus, oder: die Wahrheit auf den zweiten Blick

Samstagnachmittag im herrlichsten Sonnenschein. Am Flussufer sitzt ein Pärchen. Ich sehe sie im Vorbeiradeln aus dem Augenwinkel. Sie sitzt aufrecht da, das Gesicht der Frühlingssonne zugewandt. Er hockt daneben, in sich zusammengesunken, mit hängendem Kopf, und schaut in die andere Richtung.

Die gegensätzliche Körpersprache gibt Räsel auf: Gibt es Streit? Hat er Kummer und sie lässt das kalt?

Ich werfe noch einmal einen Blick zurück über die Schulter, und dabei verstehe ich, was da passiert: Er beugt sich nämlich über sein Smartphone. Weil die Nachmittagssonne so hell scheint, muss er dieser den Rücken zuwenden und möglichst wenig Streulicht zwischen sich und dem Display zulassen. Daher die gekrümmte Haltung.

Courtney Clayton

Unwillkürlich fühle ich mich an Luthers Wort vom „homo incurvatus in seipso“ erinnert. Da drüben sitzt buchstäblich ein ‘homo incurvatus‘. Die Verkrümmung rührt freilich vom Smartphone her und könnte gänzlich unschuldiger Natur sein: Vielleicht liest er den Bundesliga-Ticker, postet er ein Foto vom mitgebrachten Essen auf Instagram, plant er die Route für die nächsten Etappe des Ausflugs oder sucht die passende Playlist fürs Picknick.

Menschliche Verkrümmungen sind im Zeitalter des Smartphones gewiss nicht seltener geworden. Rein körperlich betrachtet, nehmen sie nachweislich zu. Für andere ist das Internet sowieso irgendwie der Anfang vom Ende der Welt, eine Art Sündenfall 2.0. Im Internet-Zeitalter finden solche schlichten Schwarz-Weiß-Malereien ein erstaunliches Echo.

Den aufrechten Gang muss man jedenfalls anders einüben. Genau hinzusehen, oder mal die Perspektive zu wechseln, bevor man Schlüsse zieht, könnte eine Möglichkeit sein.

Exakt zeitgleich zu dieser Szene rast in Münster ein Fahrzeug in eine Menschenmenge. Drei Menschen sterben, viele werden verletzt. Manche Zeitgenossen verlieren keine Zeit mit Fragen und Nachdenken, sie „kennen“ die Schuldigen, ohne überhaupt noch hinsehen zu müssen. Und sie denken gar nicht daran, die Perspektive zu wechseln.

Verkrümmte Seelen.

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Ein erster Umzug

Die letzten 150 Tage eines zentralen Lebensabschnitts laufen seit dieser Woche: 25 lange, intensive Jahre bei ELIA in Erlangen gehen dem Ende entgegen. Zeitgleich enden dann – vergleichsweise kurz und weniger aufwühlend – 30 Monate Vikariat in Nürnberg.

Zwei Drittel des zweiten kirchlichen Examens liegen hinter mir, in drei Wochen ist auch die letzte Prüfung überstanden. Das Dienstzeugnis ist geschrieben und  beschreibt (ohne Überraschungen), wo meine Begabungen liegen, was mich motiviert und wo mein Herz nicht ganz so aufgeregt schlägt.

Wenn also nicht noch etwas gravierend schief läuft, dann fängt im September ein neues Kapitel an. Ein großer, schwerer Abschied steht damit bevor und parallel dazu ein noch ein netter, kleiner. Beinahe täglich werde ich jetzt gefragt, ob ich schon weiß, wo ich ab Herbst dann bin. Aber das wird noch eine ganze Weile dauern. Mit der Ungewissheit lebe ich momentan ganz gut. Mal sehen, wie es sich anfühlt, wenn die Prüfungen kein Adrenalin mehr freisetzen. Immerhin – ich freue mich darauf, mich dann nicht mehr im Lehrlings- und Prüflingsstatus zu befinden. Das fühlt sich in der zweiten Lebenshälfte schon künstlich an, selbst wenn man dabei gut behandelt wird.

 

Clem Onojeghuo

Während des Wartens auf den Frühling habe ich eine Sache schon mal in Angriff genommen und diesen Blog auf meine private Domain umgezogen. Falls jemand mich also in eine Linksammlung aufgenommen hatte (und das weiterhin möchte), hier die neue URL:

www.aschoff-net.de/peregrinatio

Und sobald es wieder spruchreife Neuigkeiten gibt, findet Ihr sie hier.

Heute bleibt mir vor allem, mich beim Webteam von ELIA für die souveräne technische Unterstützung eines WordPress-Dilettanten zu bedanken. Ohne Euch wäre das Schreiben und Diskutieren über die letzten 13 Jahre nicht so unbeschwert möglich gewesen. Ich habe viel von Euch gelernt. Und wir bleiben verlinkt, auch und vor allem im Herzen!

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Ostern – lässt sich Freude anknipsen?

Christliche Osterfreude kann und darf ausgelassen sein. Manchmal denken wir, sie sollte das unbedingt sein, und dann wird mit etwas Bombast nachgeholfen. Daraus kann dann eine Kluft zwischen der erwarteten und der echten Freude entstehen, die anstrengend bis frustrierend ausfällt. Es klappt nicht so recht, den Schalter auf Partystimmung umzulegen.

Einen anderen Weg zeigt das Osterevangelium aus Johannes 20. Dort ist Maria Magdalena die erste, die am Grab erscheint, und die letzte, die es verlässt. Die anderen Akteure – namentlich Petrus und der Lieblingsjünger – rennen hin, sehen sich kurz um und sind schon wieder weg: Vermutlich um über ihre Feststellungen zu informieren, diese zu interpretieren und etwas zu initiieren. Dabei haben sie, wie Vers 9 beiläufig verrät, noch gar nichts verstanden.

Noch nichts verstanden hat auch Maria. Aber sie bleibt am leeren Grab: Nicht nur ist ihr der Herr genommen worden, sondern nun auch noch auch der Ort, an dem sie um ihn trauern kann. Weinend wirft sie einen erneuten Blick hinein. Und nun liegen da nicht nur die Leinenbinden, sondern es sitzen zwei Engel da, die nach dem Grund ihrer Traurigkeit fragen.

Weiter geht das Gespräch nicht, weil eine weitere Person im Grab erscheint. Maria richtet die nun Frage nach dem Verbleib des Leichnams an ihn. Sie geht an ihm vorbei wieder nach draußen; offenbar erwartet sie keine erhellende Auskunft mehr. Doch dann hört sie ihren Namen. Und alles ist anders.

Vielleicht ist das die Antwort auf die Osterfreude. Sie kommt stellt sich nicht zu einem bestimmten Datum von selbst ein, idealerweise am Sonntagmorgen zum Sonnenaufgang. Sie kommt, wenn ich am Grab warte, bis ich meinen Namen höre. Vielleicht sind alle anderen da schon wieder gegangen, vielleicht sind noch andere da, die uns nach meiner Trauer fragen. Vielleicht gebe ich irgendwann sogar die Erwartung auf, dass es hier noch etwas zu entdecken gibt, was mir hilft.

Schon im Weggehen hört Maria plötzlich ihren Namen. Und alles löst sich, als sie sich noch einmal umdreht und antwortet: „Rabbuni“.

Manchmal muss man einfach dableiben und warten.

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Strafe, Stellvertretung und Sühne – wie lässt sich Jesaja 53 verstehen?

In einem Gespräch über René Girards Interpretation des Sündenbocks kamen wir auf das Gottesknechtslied aus Jesaja 53. In der christlichen Tradition wurde es häufig so auf den Tod Jesu am Kreuz bezogen, dass es zur Theorie des stellvertretenden Strafleidens passte. Und in der Tat sind alle Stichworte dafür vorhanden. Fraglich ist freilich, ob das eine angemessene oder gar (auch das denken etliche) die einzig mögliche Auslegung dieser oft zitierten Worte ist.

eberhard grossgasteiger

Im ersten Vers ist davon die Rede, dass Gott sich auf eine verblüffende Weise offenbart. Die folgenden Zeilen machen deutlich, dass es dabei um eine kranke und entstellte Person geht, deren Umwelt sich mit Ekel und Verachtung von ihr abwendet („Verachtet war er und von Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut“). Der Rückschluss scheint unausweichlich, dass es sich dabei um Gottes gerechte Strafe für irgendein Vergehen handelt: „Wir aber hielten ihn für einen Gezeichneten, für einen von Gott Geschlagenen und Gedemütigten.“

In Vers 5 dreht sich die Perspektive plötzlich um: Nicht der Kranke ist schuldig, sondern die, die aufgrund jener Krankheit seine Schuld konstatieren oder postulieren. Das Kollektive „Wir“ seines Umfelds, das hier spricht, erkennt seinen Irrtum an. Und jetzt dreht sich alles um die Frage, wie man die folgenden Worte deutet: „auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren.“ Man kann hier entweder eine schlichte Schilderung des Sündenbock-Mechanismus sehen, die nüchtern aussagt, dass zerstörerische Aggressionen auf einen Sündenbock (den Kranken) abgewälzt wurden, und dass das insofern dem gesellschaftlichen Frieden dient, als die Schuldfrage damit vordergründig erst einmal vom Tisch ist. Die Schuld des Kollektivs besteht dann ganz konkret in seinem Umgang mit dem Sündenbock, dessen unverschuldete Krankheit auch noch mit Ausgrenzung und Verachtung belegt wird.

Oder man kann es als gottgegebene Notwendigkeit betrachten, Schuld – und das wäre dann keine konkrete, sondern eine diffuse, nicht näher umrissene – unbedingt zu strafen, notfalls auch an einem unschuldigen Stellvertreter. Das allerdings verklärt und sakralisiert letztlich die Ausgrenzung des Sterbenskranken: Sogar Gott „braucht“ dann einen Sündenbock, und sei es auch nur, um Schlimmeres zu verhindern und den Frieden zu retten, indem er ein kleineres Übel verursacht.

Aber das Bekenntnis der vormals selbstgerechten Verfolger weist in eine ganz andere Richtung: Gott stellt sich auf die Seite des unschuldig Leidenden. Er hebt damit das Urteil auf, hier habe jemand seine gerechte Strafe erhalten. Im Vergleich der Übersetzungen der Zürcher Bibel und von Buber-Rosenzweig spiegelt sich das deutlich wider:

  • Zürcher: „Dem HERRN aber gefiel es, ihn mit Krankheit zu schlagen. Wenn du ihn zur Tilgung der Schuld einsetzt, wird er Nachkommen sehen, wird er lange leben, und die Sache des HERRN wird Erfolg haben durch ihn.“ Gott hat hier also die Krankheit als Strafe verfügt.
  • Buber-Rosenzweig: „So wollte es Er: sein Zermalmter, den er verkränkt hatte, setzt seine Seele das Schuldopfer ein, soll noch Samen sehen, Tage längern, und durch seine Hand gerät Sein Wille.“ Gott stellt sich zu dem „Zermalmten“, der ihm im Leiden die Treue hält, und hebt die vermeintliche Strafe auf. Gottes Wille ist die ganze Zeit über, dass sein Knecht lebt und Nachkommen hat. Zweifel daran bestehen nur bei denen, die verächtlich auf ihn zeigen, um selbst gut dazustehen.

Nicht irgendwer trägt nämlich die Schuld der Vielen, sondern präzise der, der von eben diesen Vielen – selbst noch im Tod (V.9) – verdächtigt, beschuldigt, diffamiert und verachtet wird. Die Schuld ist der unehrliche Umgang mit sich selbst: Die Verleugnung eigener Konfliktanteile, die Härte gegen den Schwachen und Entstellten (der nicht der sozialen Norm von Ansehnlichkeit entspricht), und das ungehemmte Ausleben eines vermeintlich gerechten Zorns.

Gott lässt all diese Dinge erst einmal geschehen, um dann die Selbsttäuschung der Ankläger und Richter aufzudecken. Das ist bei Hiob so, das geschieht hier durch den Gottesknecht, und von da aus lässt sich auch die Passion Christi deuten. Wenn wir sie so lesen, wird sie auch zum Schlüssel für das Verstehen unserer Gegenwart. „Sühne“ besteht dann nicht darin, dass eine negative moralische oder spirituelle Bilanz ausgeglichen wird, sondern dass das keine Schuld mehr verschoben und keine Gewalt mehr verübt werden muss, weil kein Ausgleich gefordert wird. Sie besteht im Verzicht auf Gewalt, auch auf sakrale Gewalt.

Mögen sich auch einzelne Formulierungen aus Jesaja 53 zur Konstruktion bestimmter Sühnetheorien eignen, der Duktus des Gottesknechtsliedes weist in eine hilfreichere Richtung. Von da aus kann auch noch einmal neu überlegt werden, wie sich Jesaja 53 sinnvoll auf die Passion beziehen lässt und welchen Beitrag es zur Deutung der erlösenden Wirkung des Todes Christi am Kreuz leistet.

Wichtig ist das auch deswegen, weil Christen auch nach 2000 Jahren immer noch versucht sind, in eine „vergeltungssüchtige Klagereligion“ abzurutschen, die aus einem falschen Opferkomplex heraus Ausgrenzung und Gewalt legitimiert, wie Wolfgang Palaver zutreffend schreibt. Diese setzt die mimetische (aus Nachahmung entstehende) Gewalt unter anderen Vorzeichen einfach fort. Dabei werden freilich, wie Girard schrieb, „Verfolgungstaten im Namen der Verfolgungsbekämpfung ausgeführt“ und Gottes Absichten auf den Kopf gestellt.

In dieser Woche findet Gott im Berg zum elften Mal statt. Jede der Kreuzwegstationen haben wir über zehn Jahre hinweg in ganz unterschiedlichen Varianten gestaltet. Kein einziges Mal jedoch haben wir das als stellvertretendes Strafleiden dargestellt. Es war auch gar nicht nötig: Die vielen Besucher und Mitwirkenden haben es gar nicht vermisst.

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Unkreatives Kreativ-Blabla

Eigentlich hatte ich mich ernsthaft für das Produkt dieser Software-Firma interessiert. Dann war ich einfach nur fassungslos über das Blabla, das mir aus dem Video entgegenschlug. Einfallslose Meterware aus Marketing-Textbausteinen („we are inspired by passionate people“ – ach, echt?), mit denen man wohl so ziemlich alles verkaufen kann.

Oder auch nicht – ich zumindest hatte nach dem Ansehen des Clips jedes Interesse verloren. Weder text noch Bilder haben mir verraten, was ich mit dem Programm konkret besser machen kann als mit dem, was ich habe.

Ich musste an die Affen von Jan Böhmermann denken, die hätten den Werbetext wohl auch hinbekommen. Und dann dachte ich an die Kreativen in der Kirche: Hoffentlich gelingt es wenigstens dort, solche unkreativen Plattitüden zu vermeiden.

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Inter-Essens-Fragen

Gestern war ich mit einem Freund zum Mittagessen weg. Wir saßen und gegenüber und erzählten. Die Tische in dem Lokal stehen relativ eng nebeneinander. So kam es, dass sich die Dame vom Nebentisch plötzlich in unser Gespräch einschaltete, als er von seinen Erfahrungen mit dem Intervallfasten erzählte.

In den folgenden zehn Minuten erfuhren wir alles, was es über richtige Ernährung zu wissen gibt: Was anders ist als bei Low Carb, welche Diäten nicht funktionieren, was das mit dem Insulin zu tun hat, und dass Ärzte in der Regel keine Ahnung haben von Ernährungsfragen. Zwischendurch entschuldigte sie sich zweimal, dass sie das Gespräch gekapert hatte; aber wir nahmen die Entschuldigungen – in der Erwartung, sie kündigten das Ende ihres Redeflusses an – offenbar so höflich auf, dass sie ihr Glaubenszeugnis gleich erleichtert fortsetzte.

Irgendwann bekam sie einen Anruf und wir verlegten uns schnell auf andere Themen.

Danielle MacInnes

Hinterher dachte ich: Ein paar meiner Freunde und Bekannten würden jetzt vermutlich sagen: Sowas müssten wir Christen uns auch wieder trauen. Mutig über das reden, woran wir glauben und was unser Leben positiv prägt. Ruhig auch mal ungefragt und mit wildfremden Leuten, wenn Gott sie schon an den Nebentisch setzt und sie schon beim Thema sind. Ein bisschen wie Philippus und der äthiopische Kämmerer. Schließlich haben wir ja etwas zu sagen!

Und dann gibt es die anderen Freunde und Bekannten, die das trotzdem übergriffig fänden, sich in ein persönliches Gespräch unter Freunden ungefragt einzumischen. Die schon bei der Vorstellung im Boden versinken würden, fremden Menschen einen belehrenden Monolog zu verpassen, und denen ein „gut gemeint“ oder „schadet doch nix“ als Rechtfertigung nicht ausreicht.

Vielleicht gibt es den einen oder anderen Moment, wo es die richtige Entscheidung ist, sich „zur Zeit und zur Unzeit“ einzumischen (vgl. 2.Tim 4,2 – wobei diejenigen, die diesen Vers so lieben und gern im Munde führen, in meiner subjektiven Wahrnehmung öfter die Unzeit als die Zeit wählen…), oder auch den passendenden Moment für positive Unverschämtheit (Röm 1,16).

Aber es kann eben auch passieren, dass es so läuft wie bei mir gestern, dass ich eher genervt reagiere auf das Mitteilungsbedürfnis distanzloser Gesundheits- oder Was-auch-immer-Apostel. Der Terminus „Intervallfasten“ ist seit gestern – sachlich bestimmt völlig zu Unrecht – mit einem Gefühl des Widerwillens verknüpft.

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Batman und der brennende Busch

Vielleicht lag es daran, dass ich letzte Woche „Black Panther“ im Kino gesehen hatte. Als ich nun darüber nachdachte, wie sich der Name Gottes – je nach Gusto „Ich bin, der ich bin“, „Ich werde sein, der ich sein werde“, „Ich bin der Ich-bin-da“ – für Grundschulkinder erschließen lässt, fiel mir jedenfalls Batman ein.

Paul Green

Wir sprachen im Unterricht über die merkwürdige Selbstbezeichnung JHWHs gegenüber Mose in der Wüste am brennenden Busch. „Ich bin, der ich bin“, das könnte jede(r) von uns auch von sich sagen, ohne dabei viel von sich preis zu geben. Dann zeigte ich das Batman-Logo und fragte, welche Gemeinsamkeit der Comic-Held mit Gott hat.

Die Antwort kam prompt: „Auch Batman verrät nicht, wie er heißt.“

Es steckt offenbar doch einiges an Theologie in den Superhelden-Stories:

  • Weil Batman keine Adresse hat, kann er überall auftauchen, aber er lässt sich auf keine fixe Position festlegen.
  • Das einzige, womit die Leute rechnen können, ist, dass er zu Hilfe kommt, wenn sie in Not sind und dass er auf der Seite der Gerechtigkeit steht.
  • Und weil niemand seinen bürgerlichen Namen kennt, wahrt er dabei stets sein Geheimnis.

Israels Gott hat im Unterschied zu Bruce Wayne keinen bürgerlichen Namen. Auch da waren die Kinder gestern großartige Theologen. Eins vermutete, Gott habe überhaupt keinen Namen, ein anderes meinte, Gott habe zu viele Namen, um nur einen nennen zu können. Beide haben Recht.

In der paradoxen Spannung, dass seine vielen Namen jeweils einzelne Facetten von Gottes Wesen erhellen (und gleichzeitig andere verhüllen), dass aber kein einzelner Name alles abbilden könnte, was Gott ist – geschweige denn den Wandlungen unseres Gottesbildes im Laufe eines Lebens gerecht zu werden – darin liegt schon viel Wahrheit und Weisheit.

Das Beste aber ist, dass es schon Kinder verstehen. Und Batman wird sie von jetzt ab immer dran erinnern.

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