Strafe, Stellvertretung und Sühne – wie lässt sich Jesaja 53 verstehen?

In einem Gespräch über René Girards Interpretation des Sündenbocks kamen wir auf das Gottesknechtslied aus Jesaja 53. In der christlichen Tradition wurde es häufig so auf den Tod Jesu am Kreuz bezogen, dass es zur Theorie des stellvertretenden Strafleidens passte. Und in der Tat sind alle Stichworte dafür vorhanden. Fraglich ist freilich, ob das eine angemessene oder gar (auch das denken etliche) die einzig mögliche Auslegung dieser oft zitierten Worte ist.

eberhard grossgasteiger

Im ersten Vers ist davon die Rede, dass Gott sich auf eine verblüffende Weise offenbart. Die folgenden Zeilen machen deutlich, dass es dabei um eine kranke und entstellte Person geht, deren Umwelt sich mit Ekel und Verachtung von ihr abwendet („Verachtet war er und von Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut“). Der Rückschluss scheint unausweichlich, dass es sich dabei um Gottes gerechte Strafe für irgendein Vergehen handelt: „Wir aber hielten ihn für einen Gezeichneten, für einen von Gott Geschlagenen und Gedemütigten.“

In Vers 5 dreht sich die Perspektive plötzlich um: Nicht der Kranke ist schuldig, sondern die, die aufgrund jener Krankheit seine Schuld konstatieren oder postulieren. Das Kollektive „Wir“ seines Umfelds, das hier spricht, erkennt seinen Irrtum an. Und jetzt dreht sich alles um die Frage, wie man die folgenden Worte deutet: „auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren.“ Man kann hier entweder eine schlichte Schilderung des Sündenbock-Mechanismus sehen, die nüchtern aussagt, dass zerstörerische Aggressionen auf einen Sündenbock (den Kranken) abgewälzt wurden, und dass das insofern dem gesellschaftlichen Frieden dient, als die Schuldfrage damit vordergründig erst einmal vom Tisch ist. Die Schuld des Kollektivs besteht dann ganz konkret in seinem Umgang mit dem Sündenbock, dessen unverschuldete Krankheit auch noch mit Ausgrenzung und Verachtung belegt wird.

Oder man kann es als gottgegebene Notwendigkeit betrachten, Schuld – und das wäre dann keine konkrete, sondern eine diffuse, nicht näher umrissene – unbedingt zu strafen, notfalls auch an einem unschuldigen Stellvertreter. Das allerdings verklärt und sakralisiert letztlich die Ausgrenzung des Sterbenskranken: Sogar Gott „braucht“ dann einen Sündenbock, und sei es auch nur, um Schlimmeres zu verhindern und den Frieden zu retten, indem er ein kleineres Übel verursacht.

Aber das Bekenntnis der vormals selbstgerechten Verfolger weist in eine ganz andere Richtung: Gott stellt sich auf die Seite des unschuldig Leidenden. Er hebt damit das Urteil auf, hier habe jemand seine gerechte Strafe erhalten. Im Vergleich der Übersetzungen der Zürcher Bibel und von Buber-Rosenzweig spiegelt sich das deutlich wider:

  • Zürcher: „Dem HERRN aber gefiel es, ihn mit Krankheit zu schlagen. Wenn du ihn zur Tilgung der Schuld einsetzt, wird er Nachkommen sehen, wird er lange leben, und die Sache des HERRN wird Erfolg haben durch ihn.“ Gott hat hier also die Krankheit als Strafe verfügt.
  • Buber-Rosenzweig: „So wollte es Er: sein Zermalmter, den er verkränkt hatte, setzt seine Seele das Schuldopfer ein, soll noch Samen sehen, Tage längern, und durch seine Hand gerät Sein Wille.“ Gott stellt sich zu dem „Zermalmten“, der ihm im Leiden die Treue hält, und hebt die vermeintliche Strafe auf. Gottes Wille ist die ganze Zeit über, dass sein Knecht lebt und Nachkommen hat. Zweifel daran bestehen nur bei denen, die verächtlich auf ihn zeigen, um selbst gut dazustehen.

Nicht irgendwer trägt nämlich die Schuld der Vielen, sondern präzise der, der von eben diesen Vielen – selbst noch im Tod (V.9) – verdächtigt, beschuldigt, diffamiert und verachtet wird. Die Schuld ist der unehrliche Umgang mit sich selbst: Die Verleugnung eigener Konfliktanteile, die Härte gegen den Schwachen und Entstellten (der nicht der sozialen Norm von Ansehnlichkeit entspricht), und das ungehemmte Ausleben eines vermeintlich gerechten Zorns.

Gott lässt all diese Dinge erst einmal geschehen, um dann die Selbsttäuschung der Ankläger und Richter aufzudecken. Das ist bei Hiob so, das geschieht hier durch den Gottesknecht, und von da aus lässt sich auch die Passion Christi deuten. Wenn wir sie so lesen, wird sie auch zum Schlüssel für das Verstehen unserer Gegenwart. „Sühne“ besteht dann nicht darin, dass eine negative moralische oder spirituelle Bilanz ausgeglichen wird, sondern dass das keine Schuld mehr verschoben und keine Gewalt mehr verübt werden muss, weil kein Ausgleich gefordert wird. Sie besteht im Verzicht auf Gewalt, auch auf sakrale Gewalt.

Mögen sich auch einzelne Formulierungen aus Jesaja 53 zur Konstruktion bestimmter Sühnetheorien eignen, der Duktus des Gottesknechtsliedes weist in eine hilfreichere Richtung. Von da aus kann auch noch einmal neu überlegt werden, wie sich Jesaja 53 sinnvoll auf die Passion beziehen lässt und welchen Beitrag es zur Deutung der erlösenden Wirkung des Todes Christi am Kreuz leistet.

Wichtig ist das auch deswegen, weil Christen auch nach 2000 Jahren immer noch versucht sind, in eine „vergeltungssüchtige Klagereligion“ abzurutschen, die aus einem falschen Opferkomplex heraus Ausgrenzung und Gewalt legitimiert, wie Wolfgang Palaver zutreffend schreibt. Diese setzt die mimetische (aus Nachahmung entstehende) Gewalt unter anderen Vorzeichen einfach fort. Dabei werden freilich, wie Girard schrieb, „Verfolgungstaten im Namen der Verfolgungsbekämpfung ausgeführt“ und Gottes Absichten auf den Kopf gestellt.

In dieser Woche findet Gott im Berg zum elften Mal statt. Jede der Kreuzwegstationen haben wir über zehn Jahre hinweg in ganz unterschiedlichen Varianten gestaltet. Kein einziges Mal jedoch haben wir das als stellvertretendes Strafleiden dargestellt. Es war auch gar nicht nötig: Die vielen Besucher und Mitwirkenden haben es gar nicht vermisst.

Share

Batman und der brennende Busch

Vielleicht lag es daran, dass ich letzte Woche „Black Panther“ im Kino gesehen hatte. Als ich nun darüber nachdachte, wie sich der Name Gottes – je nach Gusto „Ich bin, der ich bin“, „Ich werde sein, der ich sein werde“, „Ich bin der Ich-bin-da“ – für Grundschulkinder erschließen lässt, fiel mir jedenfalls Batman ein.

Paul Green

Wir sprachen im Unterricht über die merkwürdige Selbstbezeichnung JHWHs gegenüber Mose in der Wüste am brennenden Busch. „Ich bin, der ich bin“, das könnte jede(r) von uns auch von sich sagen, ohne dabei viel von sich preis zu geben. Dann zeigte ich das Batman-Logo und fragte, welche Gemeinsamkeit der Comic-Held mit Gott hat.

Die Antwort kam prompt: „Auch Batman verrät nicht, wie er heißt.“

Es steckt offenbar doch einiges an Theologie in den Superhelden-Stories:

  • Weil Batman keine Adresse hat, kann er überall auftauchen, aber er lässt sich auf keine fixe Position festlegen.
  • Das einzige, womit die Leute rechnen können, ist, dass er zu Hilfe kommt, wenn sie in Not sind und dass er auf der Seite der Gerechtigkeit steht.
  • Und weil niemand seinen bürgerlichen Namen kennt, wahrt er dabei stets sein Geheimnis.

Israels Gott hat im Unterschied zu Bruce Wayne keinen bürgerlichen Namen. Auch da waren die Kinder gestern großartige Theologen. Eins vermutete, Gott habe überhaupt keinen Namen, ein anderes meinte, Gott habe zu viele Namen, um nur einen nennen zu können. Beide haben Recht.

In der paradoxen Spannung, dass seine vielen Namen jeweils einzelne Facetten von Gottes Wesen erhellen (und gleichzeitig andere verhüllen), dass aber kein einzelner Name alles abbilden könnte, was Gott ist – geschweige denn den Wandlungen unseres Gottesbildes im Laufe eines Lebens gerecht zu werden – darin liegt schon viel Wahrheit und Weisheit.

Das Beste aber ist, dass es schon Kinder verstehen. Und Batman wird sie von jetzt ab immer dran erinnern.

Share

Das Exodus-Muster

Gibt es eine stimmige theologische Alternative zum heilgeschichtlichen Muster von Schöpfung, Fall und Sühne, das die westliche Theologie seit Augustinus dominiert und dafür gesorgt hat, dass Erlösung primär als Beseitigung individueller moralischer Schuld und notwendige Weichenstellung für die himmlische Seligkeit verstanden wurde?

Es gibt sie, und wir finden sie in der Bibel – wenn wir, statt im Buch Genesis anzufangen, mit dem Exodus beginnen. Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten ist das Urdatum der Geschichte Israels. Er führt zum Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk am Berg Sinai. Das mosaische Bundesrecht stellt dabei, wie Richard Horsley zeigt, eine Art sozialökonomische Charta dar. Es wird zum Ausgangspunkt einer Traditionslinie, die sich durch die gesamte hebräische Bibel zieht. Sie bildet einen Gegenpol zu den königlich-priesterlichen Traditionen (Palast und Tempel waren, auch in der Sicherung des eigenen Einflusses, stets eng verbunden).

Die Propheten klagen sie gegen die Könige ein, als in Israel und Juda eine Feudalisierung einsetzt. Sie stellen das Scheitern des Bundes fest und kündigen das Ende des Königtums an. Und als dieses dann gekommen ist, beginnen sie von einem neuen Exodus zu reden, der einer Auferweckung des Gottesvolkes gleichkommt.

Clem Onojeghuo

Und auf just diese Exodustraditionen bezieht sich Jesus exklusiv, wenn er die Schrift zitiert – gern auch gegen das herodianische Königshaus und die Priesteraristokratie in Jerusalem. Das Matthäusevangelium stellt Jesus als den neuen Mose dar, beginnend mit der Geburt unter einem kindermordenden Herrscher, der Flucht und Rückkehr, der Taufe (Schilfmeer!), dem neuen Gesetz, das auf einem Berg in Kraft gesetzt wird und das inhaltlich an die egalitäre Ordnung des mosaischen Bundes anknüpft, die unter der armen Landbevölkerung Galiläas noch hoch im Kurs stand. Es gipfelt in der Feier des Passafestes, in der Jesus seinen Tod mit einem neuen Exodus verbindet.

Frank Crüsemann hat die Spur des Exodus durch das neue Testament in einem feinen Beitrag („Gott und Menschen handeln – wie ist das Verhältnis?“) zu dem Band „Befreiung vom Mammon“ (hg. V. Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich, Die Reformation radikalisieren, Bd. 2) nachgezeichnet. Er entdeckt sie im Lukasevangelium, in den Reden der Apostelgeschichte, und auch in den Aussagen des Römerbriefs über die Befreiung von der Schreckensherrschaft der Sünde. Im Gegensatz dazu (zur Sünde und der Unfreiheit unter römischer Herrschaft) sind „die Beziehungen, die Gott eingeht … nicht von Macht bestimmt.“ Jede Reich-Gottes-Theologie, die sich selbst ernst nimmt, müsste eine dezidierte Exodus-Theologie sein.

Vergebung ist der Befreiung dann theologisch nach- und nicht vorgeordnet. Sie ist im Exodus eingeschlossen und sie ist notwendig, um ihn zu vollenden – Freiheit muss sich bewähren und sie bleibt vorläufig auch noch gefährdet.

Das Problem mit der herkömmlichen Vorstellung von Sünde als moralischem Versagen und individueller Schuld und einer primär jenseitsbezogenen Erlösung ist ja die Frage, wie man das dann wieder mit sozialen und politischen Verhältnissen – also dem öffentlichen Leben statt nur dem privaten – zusammenbringt. Denn wenn es in der Bibel vor allem um „Gott und die Seele“ geht, bleiben die Lebensverhältnisse außen vor oder sie dienen nur als austauschbare Kulisse für die Bewährung des Glaubens bis zur endgültigen Heimkehr zu Gott. Genau das passiert, wenn man – etwas überspitzt formuliert – aus dem „alten“ Testament nur die ersten drei Kapitel der Genesis, die zehn Gebote und ein paar messianische Verheißungen in den Kernbestand christlichen Denkens integriert.

Macht man hingegen das Exodus-Muster zur Grundstruktur von Theologie, dann ist damit die Frage nach dem inneren Zusammenhang der hebräischen und griechischen Bibel besser beantwortet, als wenn man diesen in der priesterlichen Sühnetheologie sucht – oder gleich aufgibt. Zugleich wird es möglich, einen kritischen Blick auf die biblischen Texte zu werfen, die andere Vorstellungen von Gott, Gerechtigkeit, Macht und Freiheit vermitteln. Und nicht zuletzt finden wir hier eine Sprache, um die Lebens- und Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren – und zu verändern: „Speaking Truth to Power“, nennt Walter Brueggemann das.

Share

Öde Ewigkeit?

Im Konfiunterricht gestern kam die Rede auf das ewige Leben und prompt fragte einer, ob das eigentlich wünschenswert sei, ewig zu leben. Immerhin könnte es ja schrecklich langweilig werden.

Das freilich ist die Horrorvorstellung, nicht erst seit Ludwig Thomas Münchner im Himmel – wobei den ja weniger die Ewigkeit schreckte, im Hofbräuhaus hielte er es durchaus ewig aus, sondern eher das ätherisch-Immaterielle der himmlischen Existenz. Die Ewigkeit als bloße Endlosschleife des ewig Gleichen gehört eher in die Reihe der Höllenvisionen. „Schlechte Unendlichkeit“, schreibt Bernhard Waldenfels, und erinnert an den Sisyphus-Mythos.

201802070915.jpg

Uroš Jovičić

Wie antwortet man auf so einen Einwand? Mir fiel spontan Folgendes ein:

Seit es Menschen gibt, machen sie Musik. Sie singen, sie spielen Instrumente, sie komponieren – Jahrtausende lang. Die Musik der letzten 500 Jahre ist großteils aufgeschrieben, wir kennen sie also. Es sind immer dieselben 8 oder 12 Töne der diatonischen bzw. chromatischen Tonleiter. Und doch ist uns noch nicht langweilig geworden. Im Gegenteil, wenn deine Lieblingsband ein neues Album herausbringst, bist du voller Spannung und Vorfreude. Niemand stellt Berechnungen an, wann der Tag erreicht ist, an dem alles komponiert ist, was komponiert werden kann.

Wenn schon unsere menschliche Kreativität so groß ist, dass wir mit zwölf Tönen 500 Jahre Musik machen können, ohne uns zu langweilen und ohne dass sich alles nur wiederholt, warum sollte es in Gottes Ewigkeit und mit seinem Erfindungsreichtum jemals langweilig werden?

Wäre etwas mehr Zeit gewesen, hätten wir auch noch über G.K. Chestertons Beobachtung reden können, dass kleine Kinder von Wiederholungen kaum genug bekommen können, während Erwachsene davon genervt sind. Für ihn ist das ein Zeichen abnehmender Vitalität. Also stellt er sich Gott in dieser Hinsicht vor wie ein Kind, „jünger als wir“: Er wird nie müde, Gänseblümchen einzeln zu machen und sich jeden Morgen Sonnenaufgänge anzusehen. Und ich denke mir: Vielleicht ist ja auch deshalb Gottes Barmherzigkeit „jeden Morgen neu“.

Irgendwo zwischen diesen beiden Überlegungen spannt sich das weite Feld der ewigen Freude auf.

Share

Gibt es so etwas wie „identitäres Christentum“?

Vor ein paar Wochen sah ich in der 3Sat-Mediathek einen Bericht über „Die rechte Wende“. Dort kommt die identitäre Bewegung um Götz Kubitschek ausführlich zu Wort, unter anderem auch Martin Sellner.

Bei Zusehen fühlte ich mich, vor allem bei Sellner, immer wieder mal an Vertreter neokonservativen Christentums erinnert, mal vom Inhalt her und öfter noch war es der Habitus. Seither denke ich nach, woran das liegt. Man sieht die Kubitscheks im Film beim Tischgebet mit Kreuzzeichen.

Edwin Andrade

Gibt es also eine Schnittmenge, und wenn ja, wo liegt sie? In einem autoritären Weltbild? In der Vorstellung einer ehernen Schöpfungsordnung mit fixen Geschlechterrollen und Lebensräumen, die den Völkern und Kulturen seit jeher zugewiesen sind?

Liegt sie in einer bestimmten Art, Identität zu konstruieren – über die ausschließende Differenz,  über essentialistische Vorstellungen (Identität ist etwas Gegebenes und nicht das Resultat vielschichtiger Identifikationsprozesse), über die Naturalisierung historisch bedingter Konstellationen – die sind dann nicht mehr kontingent, sondern notwendig immer schon so, wie sie sind, und wer daran etwas ändert, greift fahrlässig in die gute Ordnung ein?

Und wenn das so ist, wie gehen wir dann mit kirchlichen Bewegungen um, die einen ähnlichen Rollback im Sinn haben wie die Identitären?

Share

Lieder:liche Beobachtungen

Immer wieder mal beschäftigt mich die Frage, was wir so alles singen und was das transportiert. Und in diesem Jahr wird das Ganze noch etwas eingefärbt durch die vielen Erinnerungen und Rückbesinnungen auf die Reformation. Vor ein paar Wochen habe ich mit Grundschülern Mike Müllerbauers Bratkartoffel-Superpfanne-Song betrachtet und mit Luthers reformatorischer Erkenntnis verglichen. Alle Kinder fanden, Luther hätte das Lied gemocht und eines fügte noch nachdenklich hinzu, wenn es damals schon solche Lieder gegeben hätte, hätte Luther nicht so lange mit seinen Ängsten und Gewissensnöten kämpfen müssen.

Gestern nun habe ich noch eine Weile über Albert Freys „Jesus Erlöser der Welt“ nachgedacht. Das Lied – kein Kinderlied – beginnt ja mit „Was für ein Mensch“ und spielt damit auf Joh 19,5 an. Die folgenden Zeilen stellen mir allerdings nicht den gefangenen und geschundenen Jesus vor Augen, sondern sie sind eine Aufzählung der massivsten Wundergeschichten, die die Evangelien hergeben: Sturmstillung, Seewandel, Weinwunder und Brotvermehrung. Das Übernatürliche steht ganz im Mittelpunkt. Die Heilungswunder, die Gottes Barmherzigkeit im Kontext menschlichen Leides sichtbar machen, fehlen hier zu meiner Überraschung auch.

Im Sinne der Zweinaturenlehre intoniert dann der zweite Vers „Was für ein Gott…“ und handelt von Menschwerdung, Demut und Selbsthingabe. Wobei das konkrete Leiden hier nur angedeutet wird, es bleibt implizit („der alle Schuld dieser Erde … auf sich nimmt“).

Mich hat die Verschiebung des Kontextes interessiert, die in der ersten Strophe gegenüber dem Johannesvangelium stattfindet. Und da kommt wieder Luther ins Spiel, nämlich die Heidelberger Disputation von 1518 und die Frage nach dem Ort der Gotteserkennntnis. Zugegeben – ein strenger Maßstab. Da heißt es unter anderem:

Aber der (verdient ein rechter Theologe genannt zu werden), der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als in Leiden und Kreuz sichtbar gemacht begreift. Das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes – d.h. seine Menschlichkeit, Schwachheit, Torheit – ist dem unsichtbaren entgegengesetzt, wie 1.Kor 1,25 von der göttlichen Schwachheit und Torheit sagt. Weil die Menschen nämlich die Erkenntnis Gottes aufgrund seiner Werke mißbrauchten, wollte nun Gott aus dem Leiden erkannt werden.

Luther wendet sich hier gegen eine metaphysische Gottesvorstellung, die Gott in Gegensatz zu menschlicher Schwäche, Verwundbarkeit und Ohnmacht stellt. Wenn man ausgerechnet das ecce homo so aus der Passion löst, dann liegt der Schluss nahe, dass sich das Göttliche im Menschen Jesus am deutlichsten in den Augenblicken zeigt, wo er souverän die Naturgesetze überstimmt.

Auf der persönlichen Ebene lässt mich das Lied dann auch eher ratlos zurück: Weinwunder und Seewandel gehören nicht zu meinen persönlichen Glaubenserfahrungen. Der Verweis darauf im Lied konfrontiert mich daher mit einer Leerstelle im Erleben. Es weist mich auch nicht an die alltäglichen, im Bereich des Natürlichen und Kreatürlichen angesiedelten Gottesbegegnungen. Es bietet mir an, in die Bewunderung aus der Ferne einzustimmen. Um Nähe und Trost zu finden, muss ich auf ein anderes Lied warten – und erst einmal meine Irritation verdauen.

Hat jemand einen Vorschlag, was ich stattdessen singen könnte? Oder sollte ich mir einfach weniger Gedanken machen?

Share

Er spricht wieder

Zum Ende des Kirchenjahres kommen düstere Themen und Gestalten zur Sprache – Dämonen zum Beispiel. Liegt’s am trüben Novemberwetter, braucht es diesen Griff in die Gruselkiste? Ganz sicher brauchen können wir die Haltung, die aus den biblischen Texten dazu spricht: Alles andere als resignativ ist sie, kämpferisch und voller Hoffnung. Wie zum Beispiel in diesem Abschnitt aus dem Lukasevangelium:

Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

An der Fassade vieler älterer Kirchen gibt es Wasserspeier. Dämonen wurden da aus dem Stein gemeißelt als skurrile Fabelwesen, aus deren Rachen einst das Regenwasser spritzte. Wer unachtsam darunter stand, konnte empfindlich nass werden. Die Steinmetze hatten ganz offensichtlich ihren Spaß an den finsteren Gestalten. Drinnen in der Kirche, auf den Altären und den Fenstern, sind Heilige und Szenen aus der Bibel abgebildet. Draußen aber haben die bösen Geister ihren Platz – als Erinnerung daran, dass in dieser Welt nicht nur gute Kräfte am Werk sind. Und vielleicht auch daran, dass wir nicht immer alles verstehen und exakt einordnen können, was um uns herum passiert.

Diese Faszination für skurrile Fratzen und Fabelwesen begegnet uns heute eher in der Fantasyliteratur – von Harry Potter bis zum Herrn der Ringe und von der Twilight-Saga bis Game of Thrones. Dort haben Geister und Dämonen an den Rändern unseres aufgeklärten Denkens – auch irgendwie „draußen“ – ganz genüsslich überlebt. Aber die konkrete Erfahrung, dass es zerstörerische Kräfte draußen in der Welt gibt, oder Orte mit einer bedrückenden Atmosphäre, die teilen wir mit Jesus und seinen Zeitgenossen. Wir reden ja auch ab und zu vom „Ungeist“ des erstarkenden Rechtsextremismus oder der Rechthaberei in der Kirche, und von den „Dämonen der Vergangenheit“, wenn Rassisten ihre Fackelzüge abhalten und ihre Macht wieder öffentlich zur Schau stellen.

* * *

Wenn in der Bibel von Dämonen die Rede ist, dann geht es dabei um Erfahrungen von Ohnmacht. Wir sehen das hier ganz konkret: Ein Mensch, der keinen Ton mehr herausbringt, ist in vieler Hinsicht hilflos. An den Gesprächen seiner Umgebung nimmt er nicht mehr teil. Aber auch seine Familie und Freunde sind hilflos. Sie müssen erraten, was er braucht und wie es ihm geht, sie bleiben im Ungewissen darüber, was er von ihnen hält und was ihn quält. Beziehungen, in denen nicht mehr geredet wird (oder in denen nur noch einer redet), sind voller Leid. Wer sich als ohnmächtig erlebt, der hat – so sagen wir – nichts zu melden.

cristian-newman-364529.jpg

Cristian Newman

Nicht alle, die glauben, nichts zu melden zu haben, verstummen freilich darüber. Manche werden tatsächlich wütend. Leider auf die falschen Leute. Die Zeit schrieb dazu jüngst:

„In letzter Zeit scheint es doch so, dass immer mehr Menschen wütend sind, auf die Politik, auf die Eliten. Sie sind es aber weniger, weil das oberste Prozent ihnen seit Jahrzehnten gigantische Summen wegnimmt, sondern eher aus Angst, dass ihnen die  – zuwandernden – untersten Prozente in Zukunft etwas wegnehmen könnten. Dabei haben die sprichwörtlichen 99 Prozent hier einen gemeinsamen Gegner.“

Einstweilen also bekämpfen Schwache die noch Schwächeren: Geringverdiener lassen sich gegen Hartz-IV-Empfänger aufhetzen, Osteuropäer und Russlanddeutsche gegen Muslime und so weiter. Auch das ist eine Form von Aberglauben: Schlag den Schwächeren, dann geht’s dir bestimmt besser. Ein Aberglaube, die Ohnmacht eher steigert als überwindet. Das Geld der Reichen und Mächtigen liegt derweil unangetastet irgendwo zwischen Panama und Paradise.

* * *

Zurück zu unserer Geschichte: Besatzung und Besessenheit, Übermacht und Ohnmacht hängen offenbar zusammen. Es ist wohl kein Zufall, dass in weiten Teilen des Alten Testaments von Dämonen nicht die Rede ist; damals war Israel zwar gefährdet, aber relativ frei. Jesus dagegen hat im von den Römern – einer brutalen Militärdiktatur – besetzten Palästina häufig solche verstörenden Begegnungen mit Besessenen. Allerdings wird das alles nicht genüsslich ausgemalt und breitgetreten. Nüchterner, ja einsilbiger lässt sich der Vorfall kaum beschreiben, als Lukas das hier tut: Der Besessene ist stumm. Jesus treibt den Geist aus. Der Mann redet wieder. Die Leute staunen. Fertig. Null Gruseleffekte. Keine sensationelle Action.

Manche von Ihnen würden vielleicht zustimmen, wenn ich sage: Dass Männer den Mund nicht aufbekommen, ist ja innerhalb gewisser Grenzen nichts Ungewöhnliches. Hier freilich stellt sich die Frage: Wann hat dieser Mann aufgehört, sich mitzuteilen? Fand er nichts Bedeutsames mehr zu sagen, verzweifelte er am Sinn des Redens, fehlten ihm die Worte für den Schmerz oder die Leere? Und was waren die ersten Worte, die dann sprach: Hat er sich bei Jesus bedankt? Hat er nach seiner Frau und seinen Kindern gefragt? Hat er endlich verraten, was ihm die Sprache verschlagen hatte?

Wir erfahren all das auch deshalb nicht, weil die Geschichte schon weitergegangen ist: Es entbrennt nämlich ein Streit darüber, wie das alles zu deuten ist – wie die Dämonen wirken, und vor allem durch wen.

* * *

Jesu Kritiker, die nicht näher charakterisiert werden, bedienen sich einer waschechten Verschwörungstheorie. Kurz zusammengefasst lautet sie: Alles nur Theaterdonner, alles nur üble Maskerade. Jesus bringt nur scheinbar Befreiung von den bösen Geistern, in Wirklichkeit ist er der gerissenste Agent des Bösen. Die Nebenwirkungen seiner Therapie sind schlimmer als die Krankheit, die er damit zu kurieren scheint: Er führt Menschen noch weiter weg von Gott und einem gelingenden Leben. Er nimmt ihnen auch noch das letzte bisschen Kraft und Würde.

Einen Gegner zu dämonisieren, ihn als das absolut Böse oder dessen williges Werkzeug hinzustellen, war damals ein beliebtes Mittel der Auseinandersetzung, das war es im Mittelalter und während der Reformation, und das ist es heute noch. Mehr Misstrauen geht nicht. Diese Woche haben wir uns an die Reichspogromnacht erinnert. Sie hat gezeigt, wohin so etwas führt. Auch wir Menschen des 21. Jahrhunderts kennen solche Verschwörungstheorien. Sie erklären angeblich alles und ändern nichts. Im Bus, beim Friseur, in der Kantine sind sie zu hören. Sie ergießen sich über das Internet in die Köpfe und Gespräche wie der Schwall kalten Novemberregens aus einem Wasserspeier:

  • Die Anschläge vom 11. September wurden von der CIA oder vom Mossad inszeniert.
  • Die Bundesregierung holt Flüchtlinge ins Land, weil sie das „Staatsvolk“ austauschen will.
  • Die Kirchenleitung will Bibel und Bekenntnis abschaffen.
  • Die Kondensstreifen am Himmel bestehen nicht aus harmlosen Eiskristallen, sondern giftigen Chemikalien.
  • Und wenn jemand diesen wirren Spekulationen widerspricht, beweist das bloß, dass die Presse lügt und wie mächtig und allgegenwärtig die Feinde längst schon sind.

Sascha Lobo bezeichnete diese Geisteshaltung vor einiger Zeit als „Pseudoskepsis“. Diese “zweifelt an allem außer an sich selbst.“ Das trifft auch auf Jesu Kritiker zu: Sie zweifeln an allem außer an sich selbst. Wenn jemand anders als sie Macht über Dämonen hat, kann diese nur aus einer dunklen Quelle kommen. Ihre Welt der Dämonen ist genauso militärisch organisiert wie das römische Weltreich. Sie folgt derselben Einteilung der Welt in oben und unten, Freund und Feind, nach der auch das heidnische Imperium funktioniert.

* * *

Jesus dreht den Spieß nicht um, er dämonisiert seine Gegner nicht. Sondern er zeigt ihnen, dass ihre Behauptungen erstens widersprüchlich sind, und dass sie zweitens darüber den Blick für Gottes Wirken verloren haben. Denn jemand, der keine Stimme hat, vor aller Welt wieder spricht, dann ist das kein böser Trick, sondern erkennbar Gottes Werk. Es hat eine geistliche Dimension: Der stumme Mann war ein Ebenbild jener „stummen Götzen“, die Griechen und Römer anbeten. Jetzt spricht er. So ist er Ebenbild des Gottes Israels, der zu uns Menschen spricht und sich mitteilt: Vom Beginn der Welt an bis jetzt, wo er sich in Jesus aufmacht, die Welt neu zu machen.

In den alten und neuen Verschwörungstheorien begegnet uns die ungesunde Faszination des Bösen. Es erscheint übermächtig und allgegenwärtig. Jesu Gegner sind ihr erlegen. Sie finden nichts zu sagen über Gott. Sie erkennen Gottes Wirken selbst dann nicht mehr, wenn es vor ihrer Nase geschieht. Sie sehen nicht, dass das gewünschte „Zeichen vom Himmel“ längst da ist. In dieser Hinsicht sind sie genauso blockiert wie der Stumme.

Jesus setzt dagegen die Faszination des Reiches Gottes. Es überwältigt nicht den Menschen, sondern die Ohnmacht. Es kommt von unten und aus dem Nichts, durch einen Wanderprediger aus der galiläischen Provinz. Es kommt klein und punktuell, immer umkämpft, aber es kommt unaufhaltsam. Das Bollwerk der Macht bekommt Risse – einen nach dem anderen.

* * *

Jesus schließt mit dem Angebot, sich von dieser unguten Fixierung auf das Böse und die Ohnmacht befreien zu lassen, Ohnmacht und Passivität zu überwinden und sich ihm anzuschließen. Wie wäre es also, wenn wir in der neuen Woche nicht nach Missständen und Problemen suchen – die gibt es zuhauf –, sondern nach Zeichen für Gottes Wirken? Vielleicht können wir dabei sogar zu seinen Komplizen werden, selbst Zeichen setzen?

Menschen, die keine Stimme haben, gibt es genug: Arme ziehen sich verschämt aus dem öffentlichen Leben zurück, Fremde werden bestenfalls geduldet und können sich kaum wehren gegen Behördenwillkür, politische Häftlinge werden von auoritären Regimes mundtot gemacht, psychisch Kranke reden nicht über ihr Leiden, weil sie nicht in den Verdacht geraten wollen, verrückt und gefährlich zu sein.

Wenn wir in solchen Momenten nicht stumm bleiben, sondern ein Wort für andere einlegen und mit ihnen sprechen, dann kann das viel bewirken. Darin steckt nicht nur ein Vorgeschmack auf Gottes Reich, dann ist es schon angebrochen.

Und wenn mal wieder jemand Verschwörungstheorien zum Besten gibt, erzählt von solchen Erfahrungen. Erfahrungen, die zeigen, dass Gott nicht fern ist und das Böse nicht übermächtig.

Selbst wenn (was unwahrscheinlich ist!) niemand anders Euch hören will – Gott hört zu. Macht mutig den Mund auf. Dafür hat er Euch eine Stimme gegeben.

Share

Lässt Gott mit sich reden?

Wenn man über das Gebet nachdenkt, namentlich das bittende und vor allem für-bittende Gebet, dann steht man vor der Frage, wie sich Gottes Wirken und menschliches Tun zu einander verhalten. Dazu kursieren alle möglichen Vorstellungen. Viele haben mit abstrakt-philosophischen Fragen zu tun: Greift Gott überhaupt in die Eigengesetzlichkeit der Welt ein, den Lauf der Dinge, dem wir unterworfen sind? Oder wäre es übergriffig, wenn Menschen Gott auf ihre Seite zu ziehen versuchten?

Verändert das Gebet (nur) den Betenden, und wenn ja, wäre das schon ein Erfolg oder eher ein Problem (nämlich eine Kapitulation vor dem Unvermeidlichen)? Wenn Gott „allmächtig“ ist, geschieht sein Wille dann nicht automatisch? Ist es sinnvoll oder notwendig, ihn um irgendetwas zu bitten? Ist die Tatsache, dass es Leid und Böses in der Welt gibt, ein Indiz dafür, dass Gott entweder nicht allmächtig ist oder aber kein ausgeprägtes Interesse an uns hat?

praying by t-bet, on Flickr
praying“ (CC BY-ND 2.0) by t-bet

Zugleich stehen wir in unserer Welt vor Herausforderungen, die so gewaltig sind, dass wir kaum anders können, als Gott um Beistand und Hilfe zu bitten. Und im Kleinen, im Persönlichen, ist es oft auch nicht anders. Was können wir, biblisch begründet, dazu sagen? Und was folgt praktisch daraus?

In den letzten Wochen habe ich dazu bei einer ganzen Reihe von Autoren nachgelesen.  Von Abraham Heschel bis Frank Crüsemann, von Walter Wink bis Rowan Williams und von Ezechiel bis J.R.R. Tolkien. Sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Schlussfolgerungen über die Partnerschaft zwischen Gott und Menschen. Wer mag, kann sich das Ergebnis hier anhören.

Share

Zweite Wahl, erste Sahne

Matthäus 22,1-10 (NGÜ):

Jesus fuhr fort, ihnen Gleichnisse zu erzählen. Er sagte: »Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der für seinen Sohn das Hochzeitsfest vorbereitet hatte. Er sandte seine Diener aus, um die, die zum Fest eingeladen waren, rufen zu lassen. Doch sie wollten nicht kommen.
Daraufhin sandte der König andere Diener aus und ließ den Gästen sagen: ›Ich habe das Festessen zubereiten lassen, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!‹ Aber sie kümmerten sich nicht darum, sondern wandten sich ihrer Feldarbeit oder ihren Geschäften zu. Einige jedoch packten die Diener des Königs, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig. Er schickte seine Truppen und ließ die Mörder töten und ihre Stadt niederbrennen.
Dann sagte er zu seinen Dienern: ›Das Hochzeitsfest ist vorbereitet, aber die Gäste, die ich eingeladen hatte, waren es nicht wert, daran teilzunehmen. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet alle zur Hochzeit ein, die ihr dort antrefft.‹ Die Diener gingen auf die Straßen und holten alle herein, die sie fanden, Böse ebenso wie Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen.«

Am Montag spielte die deutsche Nationalmannschaft beim Confed Cup im russischen Sotschi. Der Stellenwert des Turniers ist, sagen wir: überschaubar, und die Karten waren teuer, das Stadion wäre ziemlich leer gewesen. Kein Anblick, mit dem man die Welt hätte beeindrucken können; also ließ man tausende Tickets verschenken, um das trostlose Bild etwas aufzuhübschen.

Ist das die Botschaft dieses Gleichnisses, dass Gott so jemand ist wie Wladimir Putin, vor dessen Einladung man sich besser drücken sollte, weil man dafür einen hohen Preis bezahlen würde – und weil man eh nur Statist bliebe in einer hohlen und verkrampften Inszenierung von Größe, Glanz und Macht?


Andreas Rønningen

Vielleicht lässt sich diese Frage – was Jesus denn nun über Gottes Wirken in der Welt sagen will – beantworten, wenn wir ein bisschen eintauchen in die Geschichte. Stellen wir uns vor, wir sind einer der Gäste im Hochzeitssaal, der sich zusehends füllt:

Ich blicke mich um und sehe wenige bekannte Gesichter. Ich frage mich, ob das so eine gute Idee war, zuzusagen, als ich auf der Straße angesprochen wurde. Aber nachdem ich eh nichts vorhatte heute war die Aussicht auf ein Festessen und etwas fröhliche Gesellschaft nicht so schlecht. Und es duftet ja wirklich großartig aus der Küche. Jetzt merke ich erst, wie lange ich schon nichts Anständiges mehr gegessen habe. Bestimmt kennen sich alle anderen Gäste und nur ich bin ein Außenseiter. Es könnte ein anstrengender Aufenthalt werden, aber jetzt kann ich nicht nicht einfach wieder verdrücken.

Ich stelle mich mit meinem Aperitif in der Hand zu zwei anderen Gästen, die sich unterhalten. Sie sind gerade dabei, sich bekannt zu machen. Ruben ist Wanderarbeiter auf einer nahen Großbaustelle des Königs. Für das Fest heute hat er frei bekommen. Und Joseph ist ein Samaritaner, der geschäftlich in der Stadt ist. Er versucht, seinen Dialekt zu unterdrücken, um nicht angefeindet zu werden, aber es misslingt ihm zwischendurch immer wieder. Dann kommt noch Mosche hinzu. Er ist Wachsoldat im Tempel und hat gerade ein paar Tage frei, weil seine Frau ein Kind zu Welt gebracht hat. Er wollte erst gar nicht kommen, dann ließ er sich doch breitschlagen.

Ich wechsle den Tisch. Nebenan werden Gerüchte diskutiert, die ursprünglich geladenen Gäste hätten das Fest boykottiert. Der König habe es sich mit ihnen verscherzt, weil er ihre Sonderrechte gegenüber dem gemeinen Volk abschaffen wollte, meint einer aus der Runde. Ich denke mir: Das würde ja ins Bild passen, dass er nun Krethi und Plethi einlädt. Am Ende freut er sich über die neuen Gäste noch genauso wie über die Vertreter des Establishments.

Aber das sind ja wir, fährt mir durch den Kopf. Wann erscheint der Gastgeber denn endlich? Was wird er sagen, wenn er kommt? Hat er sich längst inkognito unter die Leute gemischt und hört zu, was wir über ihn reden? Wird er mir die Hand schütteln – hat er es schon getan? Muss ich mir Sorgen machen, dass ich nicht seinen Erwartungen entspreche – schließlich bin ich ja irgendwie nur Gast zweiter Wahl? Wie redet man überhaupt mit so jemandem? Ich nehme mir vor, zu sagen: „Ein ganz wunderbares Fest, Eure Majestät!“

* * *

Wie hat die Geschichte auf die Jünger gewirkt? Vielleicht ist es so gewesen: Jesus heilt eben noch ein paar Kranke und streitet mit ein paar Schriftgelehrten. Währenddessen sitzen die Zwölf im Schatten und zerbrechen sich die Köpfe:

„Was wollte er damit jetzt sagen?“, fragt Andreas.

„Ich glaube, wir sind die Gäste“, meint Petrus.

„Welche Gäste,“ fragt Johannes, „die erste oder die zweite Wahl?“

„Die zweite Wahl“, sagt Matthäus. „Mich hat er doch an der Mautstation gefunden. Euch vier beim Fischen. Wo er geht und steht, sammelt er Leute. Normale Leute, seltsame Leute, sogar Frauen sitzen mit ihm an einem Tisch, wenn er wieder mal feiert!“

Simon der Zelot sagt: „Du, Matthäus, hast für die Römer gearbeitet, ich habe Anschläge auf sie verübt. Für mich warst du der Böse, für dich war ich es. Aber Jesus hat uns beide berufen.“

„Stimmt“, sagt Matthäus. „Ich habe mich schon öfter gefragt, was er sich wohl dabei gedacht hat. Oder ob er schon einmal das Wort Zielgruppe gehört hat. Wenn du kampagnenfähig sein willst, brauchst du ein klares Profil…“

„Moment mal,“ unterbricht Petrus, „wenn wir die zweite Runde sind, dann wäre Herodes Antipas einer von der ersten Gruppe. Und zwar einer der militanten Typen. Er hat schließlich Johannes den Täufer umbringen lassen. Johannes war ja auch ein Bote Gottes, oder? Dann waren das eben aber keine guten Nachrichten für Herodes…“

„Hat er auch nicht verdient“, sagt Jakobus. „Und lange vor Johannes wurde Jeremia verschleppt und verschwand spurlos. Auch der hatte mit Kritik an den Mächtigen ja nicht gespart. Prophet ist halt ein sehr gefährlicher Job. Ich mache mir immer wieder Sorgen um Jesus. Das geht nicht mehr lange gut hier.“

„Was, wenn wir gar nicht die Gäste sind aus der Geschichte, sondern die Boten?“ fragt Philippus besorgt in die Runde. Und Thomas fügt hinzu: „Sind wir dann auch in Gefahr? In Galiläa hat er uns ja immer wieder mal ausgesandt, genau wie die Diener aus der Geschichte. Zum Glück haben sie uns da freundlich aufgenommen, sogar die schrägen Typen. Aber hier, in Jerusalem, das ist schon ein anderer Menschenschlag.“

„Die denken doch immer, sie seien erste Wahl“, seufzt Judas. „Uns behandeln sie wie nutzlose Trottel. Bestimmt meinen sie, wenn Gott schon redet, dann bestimmt so wie einer von ihnen. Von einem Galiläer lassen die sich nichts sagen.“

Und Philippus antwortet: „Bloß weil hier der Tempel steht meinen sie, sie stünden Gott näher und hätten ihn schon irgendwie in der Tasche. Auch das hat sich seit Jeremias Zeiten nicht geändert. Ganz schön arrogant.“

„Ja, schon,“ sagt Johannes, „aber jetzt sind wir ja schon wieder bei Bösen und Guten, oder?“

* * *

Wechseln wir die Perspektive noch einmal – so wie im Gleichnis die Akteure immer wieder wechseln: Sprechen wir über die Kirche.

Manchmal hat man ja den Eindruck, es gibt unter Christen kaum einen gemeinsamen Nenner. Außer, dass alle eine Einladung angenommen haben, und gerade erst herausfinden, auf was für einer Party sie da gelandet sind.

Dann ist Kirche sogar richtig gut, weil sie nicht einfach nur ein klar umrissenes Milieu oder Segment bedient und dessen Vorlieben und Abneigungen übernimmt. Wir sind ja irgendwie alle Gäste zweiter Wahl. Und irgendwie auch nicht. Paulus schreibt an die Korinther:

Schaut euch doch nur einmal an,
wer bei euch berufen wurde,
zur Gemeinde zu gehören, Brüder und Schwestern!
Nach menschlichem Maßstab
gibt es bei euch weder viele Weise
noch viele Einflussreiche oder viele,
die aus vornehmen Familien stammen!

Nein, was der Welt als dumm erscheint,
das hat Gott ausgewählt,
um ihre Weisen zu demütigen.
Und was der Welt schwach erscheint,
das hat Gott ausgewählt,
um ihre scheinbare Stärke zu beschämen.
Und was für die Welt keine Bedeutung hat
und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt –
also gerade das, was nichts zählt,
um dadurch das außer Kraft zu setzen,
was etwas zählt.

Gott arbeitet offenbar an einem groß angelegten Umsturz. Und dazu sucht er Menschen, die nach menschlichen Maßstäben nicht erste Wahl wären.

Wie kommt das Reich Gottes heute in die Welt? Drei aktuelle Beispiele können uns den Weg weisen:

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat am vergangenen Sonntag eine Aktion durchgeführt, die sich „Deutschland spricht“ nennt. Man konnte sich bewerben, indem man fünf politische Fragen beantwortete, und dann seine Postleitzahl angeben. Dann bekam man einen Gesprächspartner aus der Nachbarschaft zugeteilt, der ganz anders denkt als man selbst. 600 ausgewählte Paare trafen sich also und debattierten unter vier Augen über Flüchtlinge, Atomausstieg, Europas Umgang mit Russland, Ehe für alle und andere heiße Themen, die unsere Gesellschaft spalten und oft zum Abbruch des Kontakts führen. Die Erfahrungen waren so gut, dass viele Teilnehmer sich wieder treffen wollen. Eine Teilnehmerin berichtet: „Je länger wir uns unterhielten, desto weniger unterschiedliche Ansichten kamen zum Vorschein. … Wenn man sich … zusammensetzt und die Themen beleuchtet, auch genau zuhört, was die andere sagt, dann merkt man, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind.“

Mit Unterstützung vieler Wähler wirft Emmanuel Macron, der neue Präsident Frankreichs, das skandalträchtige politische Establishment und dessen nicht weniger zwielichtige Kritiker vom Front National aus der Nationalversammlung. Ein bunter Haufen von Neuen sitzt im Parlament, kaum einer kennt den anderen, viele haben das Gebäude noch nie von innen gesehen. „Kann das gut gehen?“, fragen viele. „Warum eigentlich nicht?“, sagen andere – deprimierender als zuletzt konnte es kaum noch werden.

Im Februar habe ich mit ein paar Kolleg*innen die Vesperkirche in Gustav Adolf besucht. Wir fanden dort in der Südstadt ein wahrhaft biblisches Bankett vor: Alte und Junge, Franken und Migranten, Studierte und Bildungsferne, Schlips- und Jogginghosenträger, Wohlhabende und Hartz-IV-Empfänger, Gläubige und Gottlose (-wobei…?). Ich setzte mich an den ersten freien Platz an einem Tisch und war sofort im Gespräch mit Fremden. Scharen von freiwilligen Helfern tragen die Aktion. Auch das ist ein sehr bunter Haufen. Aber ein Haufen mit einer Mission. Irgendwie alle Gäste des einen Gottes und die meisten irgendwie auch schon seine Diener und Mitarbeiter.

Wenn es nach Gott geht, kann der Festsaal nicht voll genug und die Festgesellschaft nicht bunt genug sein. Und was zunächst aussieht, als wäre es zweite Wahl, das ist ihm dabei das Liebste.

Share

Ein Fest mit Sprengkraft

Wie Sturm und Feuer kommt der Geist an Pfingsten und sprengt die Versammlung der Jünger. Das Rauschen des Sturms erfüllt den Raum, das Feuer verteilt sich auf die anwesenden Menschen. Türen scheinen aufzufliegen, die Fenster sind sowieso offen, Wände spielen keine Rolle mehr. Die Taube, die auf Jesus am Jordan landete, hätte so etwas nicht hinbekommen.

Sturm und Feuer… Ich erinnere mich an Worte aus 1. Könige 19:

Ein starker, heftiger Sturm,
der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus.
Doch der Herr war nicht im Sturm.
Nach dem Sturm kam ein Erdbeben.
Doch der Herr war nicht im Erdbeben.
Nach dem Beben kam ein Feuer.
Doch der Herr war nicht im Feuer.“

Der Herr war nicht im Feuer. Der Herr war nicht im Sturm. Damals.

Aber jetzt ist er im Feuer und im Sturm. So eine Art Feuer jedenfalls, und eine Art Sturm. Kein sanftes Säuseln. Niemand verhüllt sein Gesicht, sondern mit offenen Augen und Mündern stehen alle kurz darauf auf den Straßen Jerusalems.

Jetzt also doch Sturm und Feuer. Und falls sich jemand fragt, wo das Erdbeben ist – das folgt in Kapitel 4, als Petrus und Johannes aus dem Gefängnis kommen, alle gemeinsam beten, der Geist erneut „ausbricht“ und die Wände wackeln. Die bedrohte Redefreiheit wird wiederhergestellt.

Alle drei Elemente, mit denen der Prophet es schon zu tun hatte, sind also versammelt. Als würde Gott auf seine Leute zeigen und sagen: Das sind meine Propheten für diese Zeit und diesen Ort. Einfache Leute, die unerschrocken vom auferstandenen Jesus reden und damit die Mächtigen ins Schwitzen bringen. So wie Moses, nachdem der zu lange in ein sprechendes Feuer geschaut hatte.

IMG_3054.jpg

Feuer und Wind ergeben zusammen einen Flächenbrand. Eine bedrohliche Vorstellung, sofern es „richtiges“ Feuer ist. Aber große Hoffnung, wenn es das Feuer ist, das aus den Augen derer scheint, die den Gewaltigen die Wahrheit ins Gesicht sagen: „Eure Macht ist nicht so groß, wie ihr glaubt, und eure Zeit ist abgelaufen.“

Manchmal wird es auch wieder ein sanftes Säuseln sein, ein „verschwebendes Schweigen“ (Buber). Es ist eben der freie Geist des befreienden Gottes. Er sprengt all das, was zu eng und zu starr geworden ist: Kirchenmauern, Konzepte, Gesetze, Erwartungen, Scheuklappen und Angstbarrieren.

Davon gern mehr. Und gern jeden Tag.

Share

Heiligkeit, die sich die Hände schmutzig macht

Kennt wahrscheinlich jeder schon: Das Kreuz lässt sich so deuten, dass der vertikale Balken die Gottes- und der horizontale die Nächstenliebe symbolisiert. Dann steht es entweder für das Doppelgebot der Liebe oder (freilich kein Gegensatz) für die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen untereinander.

So weit, so schön und so passend.

Die beiden Kreuzbalken entsprechen so gesehen auch den beiden Tafeln der Zehn Gebote. Die erste Tafel hat mit dem Verhältnis zu Gott zu tun und schützt seine Integrität vor menschlichen Zugriffen: Die Einzigartigkeit, das Bilderverbot, der Name und der Sabbat (die letzten beiden stehen für alle übrigen Kultgesetze). Die zweite Tafel hat mit den Mitmenschen zu tun: Eltern, Unversehrtheit, Partner, Besitz und Wahrhaftigkeit.

201703211604.jpg

Wenn man nun fragt, was Jesus ans Kreuz gebracht hat, dann stößt man auf ein ganzes Bündel von Konflikten, die sein Wirken nach sich zog. Und interessanterweise lassen diese sich relativ stringent auf die zwei Tafeln verteilen. Jesus verletzt – in den Augen seiner Gegner (ob das nun Pharisäer oder Saddzuzäer waren) – die Gebote der ersten Tafel. Er missachtet die Sabbatruhe, er relativiert gängige Vorstellungen von Reinheit, er kündigt das Ende des Tempels und des Opferbetriebes dort an. Und selbst aus römischer Sicht zeigt er sich auch dem Gottkaiser und dessen irdischen Repräsentanten gegenüber ziemlich respektlos.

Umgekehrt wirft Jesus den Gegnern vor, in ihrer Praxis gegen den Sinn der Gebote der zweiten Tafel zu verstoßen: Statt die Alten zu versorgen, spenden manche das Geld an den Tempel. Männer verstoßen ihre Frauen und die sind dagegen weitgehend wehrlos. Zur Schau gestellte Frömmigkeit soll einen sozialen Vorteil verschaffen, und wer weniger intensiv glaubt, wird verächtlich gemacht und mit Schimpfwörtern belegt. Vergebung für Betrug oder Gewalttaten gibt es auch ohne Opfer und rituelle Reinigung. Das sind nur die Fälle, die mir sofort eingefallen sind.Kreuz:Tafeln

Insofern steht das Kreuz in eben dieser Deutung auch dafür, warum Jesus den Kreuzestod starb und das aller Wahrscheinlichkeit nach auch kommen sah und in Kauf nahm. Er stellte viele gängige Deutungen und Umsetzungen der Gebote in Frage. Und er verschob die Aufmerksamkeit weg vom Kult und all dem Kleingedruckten der „rechten“ Gottesliebe hin zu einem barmherzigen, offenen und versöhnlichen Umgang mit dem Nächsten, der ethnische und religiöse Grenzen überschreitet.

Interessanterweise gibt es das ja immer noch, auch unter Jesusnachfolgern: Diesen Streit, ob zuviel Nächstenliebe (und damit auch soziales und politisches Engagement) der Reinheit unserer Gottesliebe abträglich ist, oder ob das gar kein Gegensatz ist und auch besser nicht als solcher behandelt werden sollte. Ich finde diese rotznasige, empathische Heiligkeit mit den schmutzigen Händen und den weiten Grenzen jedenfalls viel attraktiver als die sterile, strenge und skrupelhafte Variante.

Share

Das Ding mit dem Lösegeld

Es mag an meinem beschränkten Horizont liegen, dass mir erst jetzt die Frage nach einem Zusammenhang zwischen dem berühmten Lösegeld-Wort aus Markus 10,45 und der folgenden Anweisung aus dem Buch Exodus (30,11-17) kommt. Dort lesen wir:

Und der HERR redete zu Mose und sprach: Wenn du die Israeliten zählst, die gemustert werden, soll jeder dem HERRN ein Lösegeld für sein Leben geben, wenn man sie mustert. Dann wird keine Plage über sie kommen, wenn man sie mustert. Dies sollen sie geben, jeder, der zur Musterung antritt: einen halben Schekel nach dem Schekel des Heiligtums, zwanzig Gera der Schekel, einen halben Schekel als Abgabe für den HERRN.

Jeder, der zur Musterung antritt, der zwanzig Jahre alt ist oder älter, soll die Abgabe für den HERRN entrichten. Der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger als einen halben Schekel geben, wenn ihr die Abgabe für den HERRN entrichtet, um für euer Leben Sühne zu erwirken.

So nimm das Sühnegeld von den Israeliten, und verwende es für den Dienst am Zelt der Begegnung. Und es soll vor dem HERRN die Erinnerung an die Israeliten wachhalten, um Sühne zu erwirken für euer Leben.

Ein bisschen zugespitzt formuliert: Die Tempelsteuer erscheint hier als eine Art „Schutzgeld“, das Schaden („Plagen“) abwendet und mit dem zugleich der Betrieb des Heiligtums gewährleistet wird. Jeder männliche Jude ab dem Alter von 20 Jahren muss sie entrichten, das war auch zur Zeit Jesu noch so, wobei es außerhalb von Judäa eine freiwillige Abgabe war, schreibt Heinz Schröder in „Jesus und das Geld“. Die Abgabe verbindet den einzelnen mit dem Tempel und über den Tempel mit Gott, das funktionierte auch für Diasporajuden und brachte dem herodianischen Tempel keinen geringen Wohlstand ein.

Liberation by jar [o], on Flickr
Liberation“ (CC BY 2.0) by jar [o]

Das Ganze ist trotzdem etwas undurchsichtig: Fällt ein Lösegeld für eine Art generelle Sündhaftigkeit der Israeliten an, also eine pauschale Zahlung mit sühnender Wirkung? Ist das quasi die monetarisierte Variante des Jom Kippur? Und wenn ja, warum sind Frauen und Kinder dann ausgenommen? Oder schwingt hier das Unbehagen im Blick auf Musterungen und Volkszählungen mit, das sich z.B. in 1.Chr 21 deutlich darin ausdrückt, dass Davids Musterung eine Idee des Satans genannt wird und mit schlimmen Konsequenzen belegt wird? Oder beides? Ein Lösegeld an irgendeine andere Instanz (wie im König von Narnia die Winterhexe) scheint jedenfalls keine Rolle zu spielen.

Und was passiert, wenn man das Lösegeldwort Jesu auf diese Situation bezieht? Je nach Vorverständnis ließe sich dann Folgendes sagen:

  1. Der – einmalige – Tod des Menschensohnes tritt an die Stelle der Tempelsteuer. Er erweitert zugleich deren Sinn. Um es mit Andrew Perriman zu sagen: “What’s at stake is not the routine daily or even annual maintenance of the covenant but the future of a people threatened with annihilation by an all-powerful pagan empire.“
  2. Alle weiteren Zahlungen und Transaktionen sind damit überflüssig, der kostspielige Betrieb des prunkvollen Tempels unter Regie der schwerreichen Priesteraristokratie ebenfalls (daher wird dessen Zerstörung wenig später angekündigt).
  3. Die Hingabe des Menschensohnes stiftet Gemeinschaft bis in den letzten Winkel der Diaspora und begründet die Zugehörigkeit zum Volk Gottes neu.
  4. Gott ist nicht etwa Adressat dieser „Sühne“, sondern der, der sie durch sein Handeln in Jesus endgültig ablöst.

Das würde auch den Kontext des Lösegeldwortes erklären, in dem Jesus die Mächtigen der Welt dafür kritisiert, wie sie Menschen knechten und auspressen. Denn das Instrument dieser Knechtschaft sind Bürokratie und Steuereintreiber, autokratische Gesetzgebung, die Konzentration von Kapital, die Aushebung von Truppen und die Einschüchterung von Kritikern durch die Androhung von Gewalt oder Ausschluss aus der Gemeinschaft. All das besteht wohl noch fort, aber es fehlt ihm fortan jegliche religiöse Legitimation.

Wenn das so gemeint war, dann lässt sich jedenfalls leicht vorstellen, warum Jesus in Jerusalem mit so viel Argwohn empfangen wurde.

Share

Ewiges Leben ist engagiertes Leben

In den letzten Tagen habe ich mich mit Ostergottesdiensten und -predigten befasst. Was mich beim Stöbern und Suchen überrascht hat, war, wie viele (durchaus renommierte, ich sag’ nicht welche) Prediger völlig apolitisch über das Osterevangelium reden konnten. Als wäre Ostern in erster Linie eine Antwort auf die Frage nach dem individuellen Tod – dem eigenen oder dem eines geliebten Menschen!

Und dabei ist mir wieder neu aufgefallen, dass Ostern für mich in erster Linie die Antwort auf die Frage ist, woher wir die Hoffnung auf eine bessere Welt nehmen. Es wird ja nicht irgendwer auferweckt, sondern der Messias der Armen, der die Herrschaft Gottes ankündigt – und den seine Kritik an den ungerechten Verhältnissen ans Kreuz brachte. Und dann heißt Ostern vor allem: Die Revolution geht weiter, egal wie viele seiner Mitstreiter noch eingesperrt und ermordet, abgeschrieben und verleumdet oder anderweitig „kaltgestellt“ werden.

Erst in zweiter Linie geht es dann um den persönlichen Tod und dann heißt Ostern: Irgendwann werden wir alle vollzählig um einen großen Tisch herum sitzen und feiern – auch die, die ihr Leben in dem Kampf für eine gerechte Welt verloren haben. Hier findet das Politische das Individuelle: Wenn ich den Tod nicht fürchten muss, wenn der Tod mich nicht mehr um die Früchte meines Engagements bringen kann, dann kann ich um so befreiter und selbstvergessener einsetzen für alles, was Recht ist.

Ewiges Leben ist also ein engagiertes Leben.

Heute ist ein guter Tag, um darüber nachzudenken. Vor 74 Jahren starben Hans und Sophie Scholl. Ihr Vater Robert rief dem obersten NS-Richter Roland Freisler im Prozess zu: „Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit!“. Die Mutter erinnert Sophie angesichts der Hinrichtung an die Nähe Jesu. Und Ihr Mitstreiter Christoph Probst verabschiedet sich mit den Worten „In wenigen Minuten sehen wir uns in der Ewigkeit wieder.“

Share

Angeknackste Identität, oder: Zwischen Fake und Wirklichkeit

Wie kann man nach einer solchen Woche predigen, in der Bernd Höcke das Holocaust-Gedenken und die Erinnerungskultur als Schande bezeichnet und in der Donald Trump vor und nach seinem Amtsantritt als US-Präsident alles als Lüge und Fake beschimpft, was seine Eitelkeit verletzt?

Und was haben solch schrille Töne zu tun mit den schleichenden Verunsicherungen und Auflösungstendenzen, die auch christlichen Gemeinden zu schaffen machen, weil Beziehungen oberflächlicher werden und Menschen in der Konsumgesellschaft des Neoliberalismus allein bleiben? Hier trifft die Nachrichtenlage und die Identitätspolitik auf unsere Alltagsfragen und -nöte.

Was haben wir solchen Kräften, die auf viele verängstigend und zersetzend wirken, entgegenzusetzen? Wie muss eine christliche Identität im 21. Jahrhundert gestrickt sein, damit sie kein Fake ist – also auch nicht der Versuch, „die Fragen, die der Modernisierungsprozess aufwirft, ideologisch zu entsorgen“, wie Ulrich Beck das dem um „hergestellte und herstellbare Fraglosigkeit“ bemühten Biologismus, ethnischen Nationalismus, Neorassismus oder dem militanten religiösen Fundamentalismus vorwirft?

Welche Praxis des Glaubens und welche Vorstellung von Evangelium und Kirche hat also Aussicht auf Bestand und kann zum Frieden in der Welt beitragen?

Die Antwort habe ich im Blick auf ein anderes Mahnmal der Schande – das Kreuz – (und mit einem kurzen Seitenblick ins aktuelle Philosophie-Magazin) versucht, halbwegs allgemeinverständlich zu formulieren. Wenn Euch das Ergebnis interessiert, könnt Ihr den Mitschnitt hier anhören und dort die Kernsätze mit- oder nachlesen.

Share

„Bekehrung“ – ein radikaler Perspektivwechsel

In den letzten Tagen habe ich, angeregt durch Jonathan Sacks, viel über die Josephsgeschichte nachgedacht (einiges davon hat sich hier niedergeschlagen). Die Versöhnung am Ende ist ja recht spannend inszeniert von Josephs Seite und die Frage ist, warum er es den Brüdern erst so schwer macht.

Die beste Antwort darauf ist: Die Brüder brauchen einen Perspektivwechsel – einen Rollentausch, um sich selbst und Joseph zeigen zu können, dass sie nicht mehr die sind, die ihn damals fast umgebracht hätten und dann in die Sklaverei verkauften. Hätten sie geahnt, was für ein Lohn sie am Ende erwartet, hätte Joseph nie wissen können, ob ihren freundlichen Worten zu trauen ist. Vielleicht hätten sie selbst es nie mit letzter Gewissheit sagen können.

Mit den Vätergeschichten (die eigentlich mehr Geschichten von Konflikten zwischen Brüdern sind) beginnt die Geschichte Israels, der ein Perspektivwechsel schon dadurch eingeschrieben ist, als das Volk sich durch den Auszug aus der Sklaverei erst richtig konstituiert. Vor allem die Propheten werden daran immer wieder erinnern.

Kein Wunder also, wenn Jesus von seinen Zuhörern immer wieder einen Perspektivwechsel verlangt. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zeigt, dass die Frage, wer mein Nächster ist, den ich lieben soll wie mich selbst, ohne Perspektivwechsel gar nicht zu beantworten ist.

Vor ein paar Wochen stieß ich bei Zeit Online auf einen wunderschönen Bericht von einem radikalen Perspektivwechsel. Dudi Mizrahi, Hooligan aus dem ultraorthodoxen Jerusalemer Stadtteil Givat Schaul, freundet sich mit Arabern an und kämpft gegen Rassismus, seit er bei einer palästinensischen Familie in Nablus übernachtete. Eigentlich eine klassische Bekehrungsgeschichte – der Vergleich mit einer „Erweckung“ wird denn auch explizit gezogen.

Wenn man Bekehrung so versteht (und damit auch nicht in Konkurrenz zur Taufe oder einem allmählichen Hineinwachsen in den Glauben), dann wäre sie der ultimative Perspektivwechsel: Ich übernehme dauerhaft die Perspektive des Gekreuzigten, der Spott, Verachtung, Hass und Gewalt erleidet, weil er sich mit den Ausgeschlossenen, Ausgebeuteten und Abgemeldeten, den Verschmähten, Verleumdeten und Verworfenen identifiziert, weil er ihnen eine Stimme und Ansehen gibt und die Erinnerung an sie wach hält – vor Gott und der Welt. Der Gekreuzigte ist, um es mit Hannah Arendt zu sagen, einer derer, die nichts haben als die „abstrakte Nacktheit ihres Nichts-als-Menschseins“. Es bedeutet aber auch, Gott in den Gesichtern und Lebensgeschichten dieser Menschen sehen zu lernen.

Zu solchen Bekehrungen einzuladen wäre dann eine zutiefst christliche – und am heutigen Tag muss ich natürlich noch hinzufügen: zutiefst reformatorische – Angelegenheit. Immer und immer wieder. Dann wird irgendwann auch ein fröhlicher Wechsel draus.

Share