Putin, Punk-Prophetinnen und die „Powers that be“

Vor zwei Jahren erhielten die Aktivistinnen von Pussy Riot den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, vergeben vom Senat der Freien Hansestadt Bremen und der Heinrich Böll Stiftung. In der Begründung dazu hieß es:

Bei ihrem Auftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale riefen sie in ihrem „Punkgebet“ Mutter Maria als feministischen Beistand an, um das Bündnis zwischen der orthodoxen Kirche und dem Kreml zu bekämpfen. In dem Prozess, der gegen die Aktionsgruppe geführt wurde, verteidigten sie sich mutig. Aus der Lagerhaft heraus setzten Nadeshda Tolokonnikowa und Marija Aljochina ihren Widerstand fort. Nach ihrer Entlassung stellten sie sich als Aufgabe, über das System der russischen Straflager aufzuklären und Solidarität für die Gefangenen zu organisieren.

Interessant ist, wie sich Spiritualität und Politik hier verbinden. Ich wurde erst jetzt durch ein Kapitel aus Spiritual Activism von Alastair McIntosh darauf aufmerksam (danke an Thomas Zeitler für den Hinweis!). McIntosh zitiert aus den Erklärungen, die die Musikerinnen während ihres Gerichtsverfahrens abgaben. Auf den Seiten der FAZ ist das auszugsweise in Übersetzung nachzulesen. Und da zeigt sich, wie ernst und durchdacht die Aktion war, die in vielen Berichten nur als schriller Tabubruch und trotzige Provokation dargestellt wurde.

Pussy Riot Putin by AK Rockefeller, on Flickr
Pussy Riot Putin“ (CC BY 2.0) by AK Rockefeller

Marija Aljochina erklärte, dass Putin persönlich gar nicht gemeint war mit der Aktion, sondern ein System, dem der Machtmensch womöglich selbst verfallen ist:

„Wenn wir von Putin reden, meinen wir nicht in erster Linie die Person W. W. Putin, sondern Putin als das von ihm selbst erschaffene System – die praktisch vollkommen von einer Hand gelenkte Machthierarchie.“

McIntosh spricht hier vom „politischen Unbewussten“, das sich nur schwer explizit, dafür aber bildlich, symbolisch und intuitiv erfassen lässt, und greift den Begriff des autonomen Komplexes aus der Psychologie C.G. Jungs auf (Komplexe können bei Jung auch überindividuell auftreten, dann sind sie keine abgespaltenen, verleugneten Persönlichkeitsanteile, die es zu integrieren gilt, sondern ein gefährliches Phänomen). „Putin“ ist „ein mit Gefühlen aufgeladenes libidinöses Feld“, schreibt McInstosh. Der Politiker Wladimir Putin steht möglicherweise selbst unter dem Eindruck des Systems, das er installiert hat.

Und die Wirkung dieses Komplexes ist, dass Menschen resignieren und sich ohnmächtig fühlen. Erst gestern rätselte ich mit einem Freund darüber, warum der Widerstand gegen die Willkür der Regierung in Russland so unglaublich schwach ausgeprägt ist. Passend dazu sagte damals Aljochina:

Diese Leute haben aufgehört, sich als Bürger zu fühlen. Sie fühlen sich einfach als automatische Massen. Sie haben nicht einmal das Gefühl, dass ihnen der Wald direkt neben ihrem Haus gehört. Ich bezweifle sogar, dass sie ihr eigenes Haus als ihren Besitz betrachten. Denn wenn jemand mit dem Bagger am Hauseingang dieser Leute vorfährt und ihnen sagt, dass sie das Feld räumen müssen: „Entschuldigung, wir reißen Ihr Haus jetzt ab. Hier kommt jetzt ein Wohnsitz für einen Funktionär hin“, dann werden sie gehorsam ihre Sachen packen und auf die Straße gehen. Und sie werden da so lange sitzen bleiben, bis die Regierung ihnen sagt, wie es weitergeht. Sie sind vollkommen amorph – das ist sehr traurig.

Nachdem ich fast ein halbes Jahr im Untersuchungsgefängnis verbracht habe, ist mir klargeworden, dass das Gefängnis Russland im Miniaturmaßstab ist.

Die Macht des Systems ist (noch) ungebrochen, aber der Prozess gegen Pussy Riot hat es demaskiert, und sei es auch noch so punktuell und vorübergehend. Der Druck, sich durch ständige Propaganda selbst zu legitimieren, nimmt zu, und damit auch die Anfälligkeit für Fehler. Denn auch wenn die Nachfrage nach Augenöffnern derzeit nicht hoch ist – wer will, kann eben doch sehen, wie brüchig die Legitimation der Macht ist. Darauf weist Nadjeschda Tolokonnikowa hin:

Mit unserer Aufführung haben wir es gewagt, das visuelle Bild der orthodoxen Kultur ohne den Segen des Patriarchen mit der Protestkultur in Verbindung zu bringen, damit gescheite Menschen auf die Idee kommen, dass die orthodoxe Kultur nicht nur der russisch-orthodoxen Kirche, dem Patriarchen und Putin gehört. Sie kann auch auf Seiten der bürgerlichen Rebellion und der Proteststimmungen in Russland stehen.

[…] Im Vergleich zum Justizapparat sind wir nichts; wir haben verloren. Andererseits haben wir gewonnen. Die ganze Welt sieht jetzt, dass das Strafverfahren gegen uns manipuliert ist. Das System kann den repressiven Charakter dieses Prozesses nicht verbergen.

Das Gebet in der Kathedrale war aber auch ein prophetischer Weckruf an die orthodoxe Kirche, die korrupte Politik verklärt und von der Nähe zur Macht profitiert, dafür steht Patriarch Kyrill, dessen Vermögen 2012 auf 4 Milliarden Dollar geschätzt wurde. Der Patriarch war entsprechend empört über die Respektlosigkeit dieser Ruhestörung und sprach von Blasphemie. Die Punk-Prophetinnen hingegen wiesen darauf hin, dass ihr Gebet – ganz im Gegenteil – höchst aufrichtig und ernst gemeint war.

Eine zeitgemäße Form der Tempelreinigung ragt also unter den wenigen Protesten gegen das „Putin-System“ oder den „Putin-Komplex“ heraus. Das spricht für McIntoshs Vermutung, dass Glaube und Spiritualität eine wichtige Dimension im politischen Ringen um Gerechtigkeit darstellen. Bei Gene Sharp vermisst er diese Hinweise. Srdja Popovic greift lieber auf Kunstmythen zurück (das hat, wie Terry Eagleton zeigt, der deutsche Idealismus nach der Aufklärung auch versucht). Und in Philipp Ruchs „Wer, wenn nicht wir“ ist diese spirituelle Leerstelle überall mit Händen zu greifen und durch kein anderweitig generiertes Pathos so recht zu ersetzen.

Davon lässt sich doch sicher lernen. In den letzten Monaten haben sich genügend autonome Komplexe bemerkbar gemacht, die den inneren und äußeren Frieden gefährden. Können wir Protestanten neben den bürgerlichen Protestformen (die wir auf der Ebene moralischer Appelle ja vielfach unterstützen) auch prophetische, und lässt sich das ökumenisch ausweiten?

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Sinnliche Solidarität, oder: Was Gerechtigkeit mit Genuss zu tun hat

Ich hätte mir das Thema nicht ausgesucht, aber jemand aus der Runde interessierte sich für den „Zehnten“. Also lasen wir beim Propheten Maleachi (3,10) und dann Deuteronomium 14,22-29. Welch ein Kontrast! Während der Prophetentext eher plump für eine Art Tempelabgabe mit Payback-Punkten oder Dividende wirbt und sich dabei nicht scheut, an das berechnende Wesen der Spender zu appellieren, klingen im Pentateuch ganz andere Töne an. Vielleicht ist das der Grund, warum so selten darüber gepredigt wird und auf den Kanzeln und an den Rednerpulten meistens die Konkurrenz aus der Zeit des zweiten Tempels das Rennen macht.

Aber bevor jemand hier aufhört zu lesen, weil er Kirchenfinanzierung für ein dröges Thema hält: Es geht im Folgenden um nichts weniger als zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen von Gott, von menschlichen Beziehungen und dem Umgang mit mir selbst.

Bei Maleachi braucht Gott, kurz gesagt, Geld für den Tempel und verspricht den potenziellen Spendern im Gegenzug vermehrten Segen. Ein gefundenes Fressen für die Verkünder des Wohlstandsevangeliums, die ihn genau so verstehen: Do ut des. Wohlwollender wäre die Interpretation, dass es sich um einen Appell gegen Mangelmentalität und Knauserigkeit handelt und eine Art sportlichen Wettbewerb in Sachen Großzügigkeit, den Gottes Fundraiser hier vorschlägt.

Die Anweisungen aus der Zeit des ersten Tempels zeichnen ein anderes Bild. Die Israeliten sollen ein Zehntel ihrer Ernteerträge beiseite legen, und wenn der Weg zum Heiligtum zu weit ist oder die Gaben zu schwer, dann soll das Ganze zu Geld gemacht werden. Und dann lautet die Anweisung in Dtn 14,26 (zitiert nach Buber/Rosenzweig):

… gib das Geld aus für alles, wonach deine Seele lüstet, für Pflugtier, für Kleinvieh, für Wein, für Rauschsaft, für alles, was deine Seele von dir verlangt, iß dort vor SEINEM deines Gottes Antlitz, freue dich, du und dein Haus, und der Lewit, der in deinen Toren ist, ihn verlasse nicht

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Foto: Jay Wennington, unsplash.com

Ein ausgelassenes Festessen findet statt, bei dem der Alkohol reichlich fließt und zu dem neben der Familie auch die Leviten eingeladen sind, die keinen Grundbesitz haben – Lust und Sinnlichkeit stehen im Vordergrund. Jedes dritte Jahr entfällt der Weg zum Heiligtum, das Fest findet am Wohnort statt, dafür sind nun neben den Leviten auch Witwen, Waisen und Fremdlinge mit am Tisch. Allmählich beginne ich zu ahnen, was Paulus mit seinem „fröhlichen Geber“ im zweiten Korintherbrief wohl gemeint haben könnte: Einen Wohltätigkeitsrausch, eine Sozialparty, einen Umverteilungsschmaus.

Teilen ist mehr als mir selbst einen Genuss zu versagen um einem anderen zu helfen. Freilich wird auch hier etwas nicht konsumiert, sondern auf die Seite gelegt, aber dann verschwindet das Ersparte nicht sang- und klanglos. Sondern es wird mit viel Sang und Klang geteilt, und zwar nicht anonym, sondern ganz konkret mit Menschen, deren Gesicht ich beim gemeinsamen Mahl sehen kann, und denen ich auf den Straßen meiner Stadt begegne. Diese sinnliche Praxis des Teilens setzt Beziehungen voraus und begründet neue. Hier liegt der Unterschied zu heutigen Benefizgalas, bei den die Betuchten unter sich und die Armen außen vor bleiben.

Die Mentalität des Mangels und das Denken in Defiziten wird also anders angepackt als mit dem Verweis auf zukünftigen Segen (oder eine Belohnung im „Himmel“). Durch das Sammeln und Sparen wird eine Situation des momentanen Überflusses erfahrbar, in der das Teilen leicht fällt und sich mit intensiven, guten Erinnerungen verbindet. Und wenn es gut läuft, dann spüren alle Beteiligten, dass der Gewinn den Verzicht oder Verlust mehr als aufwiegt. Vielleicht muss man dann auch die Gier weniger beklagen und die Not weniger dramatisieren (beides ist zweifellos vorhanden, der Appell nützt sich jedoch ab).

Ein genussfeindlicher Gott hingegen inspiriert mich nur schwer zur Großzügigkeit. Und ein unpersönliches, abstraktes und zahlenbasiertes Finanzierungssystem für eine Institution (zumal eine, die sich auf den Gott Israels und Jesu Christi beruft!) ist womöglich nicht das ideale Mittel, um bei Wohlstandsbürgern die Taschen der Spendierhosen zu öffnen. Es löst bei vielen erst einmal einen unschönen Steuervermeidungsreflex aus und es produziert nach innen häufig auch eine Mentalität des Mangels, weil die Zuteilungen und Umlagen mühsam verhandelt werden müssen und weil jede Form der Großzügigkeit im System den empörenden Verdacht der ungerechten Bevorzugung auslöst. Egal, wie die Haushaltslage tatsächlich aussieht – gefühlt schrumpft dieser Kuchen immer.

Ich habe nach der Lektüre von Dtn. 14 beschlossen, mir diesen sinnenfreundlichen Gott ausgiebig zu Herzen zu nehmen. Wenn es noch ein paar von euch machen, dann kann man irgendwann vielleicht auch mal über einen Systemwechsel reden. Und wenn jemand bei diesem Stichwort die Panik befällt, dann wäre auch das ein guter Grund, das Gottesbild in den Blick zu nehmen.

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Maria spielt mit den Jungs: Rollenklischees und falsche Gegensätze

Mache ich es richtig? Bin ich richtig? Neulich habe ich das ja im Blick auf Männer gestreift, aber die Frage begegnet uns in vielen Formen. In jeder meiner Rollen werde ich mit Erwartungen – eigenen und fremden – konfrontiert:

Bin ich ein guter Vater, Ehemann, Angestellter, Vorgesetzter…? Oder auch gern: Bin ich ein guter Christ? Und wenn alle es richtig machen, tun sie dann auch alle das Gleiche?

Ich habe die Antwort darauf in einer bekannten biblischen Geschichte entdeckt. Zwei Frauen knacken die Klischees, jede auf ihre Weise, weil Jesus ins Haus kommt. Wer Lust hat, sich mit hinein- und wieder herauszudenken, kann hier auf den Podcast vom letzten Sonntag klicken:

Maria spielt mit den Jungs (Lukas 10,38-42)

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Wölfe füttern

Ich hatte heute über den Teufel zu predigen, der (so der erste Petrusbrief) als brüllender Löwe sein Unwesen treibt. Nun gibt es ja Menschen, die sich den Teufel sehr „real“ vorstellen, als Individuum, als bösartige Persönlichkeit, als überdimensionalen Schurken, der quasi-transzendent, weil bekanntlich „immer und überall“ ist. Aber selbst aus dieser Gruppe erzählt eigentlich niemand von einer unmittelbaren Begegnung, sondern von eher indirekten Erfahrungen. Da liegt dann auch die Brücke zu allen, die sich den Teufel nicht so handfest und überdimensional vorstellen oder auf jede Art von Teufelsvorstellung verzichten. Denn auch sie machen Erfahrungen, die manchmal so verstörend sind, dass unwillkürlich Worte wie „teuflisch“ bemüht werden.

Also habe ich mich gefragt, wie sich der gemeinsame Nenner dieser Erfahrungen wohl beschreiben lässt, die irgendwie über den üblichen, banalen Allerweltsegoismus hinausreichen. Wahrscheinlich lässt sich das, was da als „teuflisch“ erlebt wird, schwer auf eine stimmige Formel bringen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass grundloser Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit für viele ebenso dazugehören wie epidemisches, hochgradig infektiöses Misstrauen und die Dämonisierung anderer, und natürlich exzessive Brutalität samt deren spitzfindigen oder kruden Rechtfertigungen. Allerdings liegt darin womöglich auch ein Problem, wenn wir bestimmte Formen von Bosheit in menschlichem Verhalten als irgendwie unmenschlich und unverständlich oder unerklärbar einstufen. Das wäre dann quasi die Umkehrung mancher Gottesbeweise, die zur Erklärung der Welt etwas übernatürliches Gutes und Mächtiges heranziehen (beziehungsweise voraussetzen).

Vielleicht ist es aber gar nicht das Übermächtige und Exzessive, sondern die Art und Weise, wie uns manche Dinge unter die Haut gehen, das Klima unter Menschen vergiften und zu einer gefühlten (und damit irgendwann auch tatsächlichen) Ausweglosigkeit, Resignation und Ohnmacht führen, die alle Hoffnung dämpft und guten Antriebe lähmt, die wir als teuflisch erfahren. Dann ließen sich hier auch die ideologischen Verblendungen einbeziehen, die der Gewalt im Namen „guter“ Dinge (Nation, Ordnung, Sicherheit, rechter Glaube) legitimierend den Weg ebnen. Menschen, die die ersten Christen schikanierten und drangsalierten, durften sich damals ebenso als gute Römer und Patrioten fühlen wie alle, die heute Menschen aus anderen Kulturen und Religionen als Feinde betrachten, sich demonstrativ als Deutsche oder Abendländer oder sogar Christen gebärden.

Zum Glück ist der Teufel kein Glaubensgegenstand. In den altkirchlichen Bekenntnissen ist von ihm nicht die Rede, im Neuen Testament erscheint er nur sporadisch und eben indirekt – verhüllt in beklemmenden Erfahrungen und bedrohlichen Geräuschen, die einen vor allem dann zermürben können, wenn man ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenkt.

Wolf by arne.list, on Flickr
Wolf“ (CC BY-SA 2.0) by arne.list

Wir haben hier keine Löwen, aber derzeit siedeln sich erfreulicherweise wieder Wölfe in Deutschland an. Damit das Zusammenleben mit Menschen gelingt, müssen sie „vergrämt“ werden. So lernen sie, Abstand zu Menschen und deren Siedlungen zu halten und jede Konfrontationen zu vermeiden. Auf keinen Fall, so die Tierschützer, darf man sie füttern.

Manchmal frage ich mich, ob wir im übertragenen Sinne nicht genau das tun – Wölfe füttern. Durch Sensationslust und Skandalisierungen, – die dunkle Seite der medialen „Hypes“ unserer Tage – und durch Verächtlichmachung von Personen statt Kritik an deren Positionen (etwa wenn Höcke die Kanzlerin als „Trulla aus der Uckermark“ beschimpft), durch die Verrohung des politischen und gesellschaftlichen Diskurses in sozialen Medien, die sich eigentlich kaum noch satirisch parodieren lässt, weil sich immer der schrillste Ton durchsetzt in der Stimmenvielfalt. Angst- und Zerrbilder rangieren ganz oben in der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie. Kein Wunder, dass der Pessimismus durch die reflexartige Fixierung auf das Negative stetig zunimmt.

Meine Tochter lebt in Würzburg, meine Schwiegereltern in Ansbach. Beides friedliche Orte, die vor ein paar Wochen unversehens zum Schauplatz des Terrors wurden. In den tagen danach fragten sich viele, ob man nun noch mit der Bahnfahren oder auf ein Fest gehen kann. Gegenkultur bedeutet in dieser Situation, die Wölfe (oder den Löwen) nicht zu füttern. Weder die Wölfe im eigenen Kopf, noch die in der öffentlichen Debatte. Daher heißt es im 1.Petrusbrief auch, wir sollen nüchtern und wachsam sein.

Nüchtern, damit nicht Furcht zu Panik wird, Ärger zu Hass oder Trauer zu Verzweiflung, weil wir den Bezug zur Wirklichkeit verlieren, die oft weit weniger schlimm ist als ihre Dramatisierungen in konfusen ARD-Brennpunkten und der Sensationspresse. Vorbildlich nüchtern war beispielsweise der Pressesprecher der Münchner Polizei nach dem Amoklauf im Juli.

Und Wachsamkeit ist nötig, weil wir den Balken im eigenen Auge so gern übersehen. Man muss nicht an der Teufel glauben, um das zu verstehen.

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Vom Umgang mit Männerseelen

Was ist eigentlich anders bei der Seelsorge an Männern? Das fragte neulich jemand in eine Gesprächsrunde hinein und es ergab sich eine für mich unerwartet lebhafte Diskussion. Mit ein paar ganz interessanten Gedanken, die ich hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Widerspruchsfreiheit oder Allgemeingültigkeit knapp zusammenfasse.

Mann sein ist vielerorts nichts Gegebenes, sondern ein Anspruch. Das liegt nicht an den Unschärfen bei der Unterscheidung der Geschlechter, sondern daran, dass Männer immer wieder der Erwartung ausgesetzt sind, ihre Männlichkeit durch diese oder jene Aktion unter Beweis zu stellen. Und wenn mir jemand schaden möchte, behauptet er einfach, ich sei (nach seinen Maßstäben, die können unterschiedlich ausfallen) kein „richtiger“ Mann. Mann zu sein ist also mehr, als mit einem y-Chromosom auf die Welt zu kommen. Wenn es aber von der eigenen Leistung und Leistungsfähigkeit abhängt, wenn es von anderen anerkannt und bestätigt werden muss, dann ist Mannsein immer eine höchst unsichere Sache. Man ist immer nur insofern Mann, als man dem jeweils gültigen Ideal von Männlichkeit entspricht. Die Männer-Rolle nach eigenen Vorstellungen zu interpretieren ist erst einmal nicht vorgesehen.

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(Bild: Joshua Munoz | Unsplash.com)

Diese unbarmherzige und unflexible Außenorientierung hinterlässt ihre Spuren im Leben vieler Männer: Sie erscheint im Wunsch nach Anerkennung und dem Bedürfnis, als stark und kompetent (oder potent) wahrgenommen zu werden. Diese Unsicherheit ist ein Handlungimpuls, der sowohl Kampf- als auch Fluchtreflexe erzeugt. Männer können sich mit hierarchischen Systemen und klaren Hackordnungen leicht arrangieren. Der eigene Status ist in diesen Strukturen leicht zu bestimmen, er wird nach festen Regeln behauptet oder durch Rivalität und Konkurrenz erweitert.

Männer objektivieren gern, auch sich selbst – etwa den eigenen Körper, den sie sich (z.B. im Sport) oft wie eine Maschine vorstellen. Das Gespür für die eigene physische und psychische Gesundheit (und damit Ängste, Grenzen, Schwäche) steht dabei zurück. Viele brauchen lange, um über ihre tieferen Gefühle reden zu können (mit dem oberflächlichen Ärger über äußerliche Dinge in der „objektiven Welt“ ist das freilich anders, wie jeder Stammtisch beweist). Nicht wenige Männer verpacken ihre Selbstoffenbarung in Kommentare über äußerliche Dinge: Am Tonfall, wie jemand über Autos, Computer oder die kirchlichen Verhältnisse redet, lässt sich seine Gefühlslage ablesen – indirekt. Und an der Energie, mit der er es tut.

Man macht es Männern also schwer, wenn man von ihnen erwartet, einfach so über ihre Defizite und Schwächen zu reden. Ein Problem zu haben ist in der herkömmlichen sozial geprägten Männlichkeitslogik fast gleichbedeutend mit zum sprichwörtlichen Problembär zu werden. Ebensowenig sollte man sich davon irritieren lassen, wenn man als Seelsorger taxiert wird und erst einmal selbst beweisen muss, dass man satisfaktionsfähig ist. Bei vielen Männern muss man eine Weile geduldig zuhören, wie sie ihre Kompetenzen und Leistungen ins rechte Licht rücken. Das ist keine Ablenkung, sondern hier wird Vertrauen und Beziehung aufgebaut. Erst wenn ich weiß, der andere wird mich meiner Schwächen wegen nicht als inkompetent betrachten, kann ich sie zugeben. Viele Männer hassen zudem Mitleid: Sarkasmus und schwarzen Humor muss man also abkönnen, denn sie sind eine bewährte Strategie, über Schmerzhaftes zu reden, ohne dabei rührselig oder weinerlich zu werden.

Geduldiges und zugewandtes Schweigen ist meistens besser als Trösten. Aber man kann Männer gut an ihre vergessenen oder unterschätzten Ressourcen erinnern, und man kann sie auf klassische männliche Rollenelemente wie den „Krieger“ oder (kommt seltener vor) den „Weisen“ ansprechen. Solche Bilder können Kräfte freisetzen – nicht als Ideale, denen man hinterherhechelt, sondern als Potenziale, die zur Verfügung stehen.

Und in diesem Kontext, das hat Bastian Schweinsteiger gestern gezeigt, sind dann auch Tränen völlig ok – und verdammt heilsam.

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Sich selbst über den Weg trauen

Der wunderbare Parker Palmer wird in seinen Büchern nicht müde, zu betonen, dass wir die entscheidenden Fragen im Leben nur aus uns selbst heraus beantworten können. Andere können uns dabei begleiten, aber uns die Aufgabe nicht abnehmen:

Sobald wir den Definitionen anderer davon, wer wir sind, erliegen, verlieren wir das Gespür für unser wahres Selbst und unser rechtes Verhältnis zur Welt. Es spielt keine Rolle, ob uns diese Projektionen zum Helden oder zum Trottel stilisieren: Wenn wir zulassen, dass uns andere benennen, verlieren wir den Bezug zu unserer eigenen Wahrheit und untergraben unsere Kapazität, mit anderen in lebensförderlicher Weise zusammen etwas zu schaffen. (A Hidden Wholeness, S. 102)

Diese Schwächung der Seele und die Unsicherheit im Blick auf das eigene Selbst ist für Palmer auch ein wesentlicher Faktor in den Krisen der Gegenwart. Er widerspricht den Moralisten, die exzessiven Individualismus und narzisstische Selbstverwirklichung als Ursache beklagen, und da ist er dann bemerkenswert aktuell, wie ich finde:

… ich bin zu vielen Menschen begegnet, die an einem leeren Selbst leiden. Sie haben da, wo ihre Identität sein sollte, ein Loch ohne Boden – eine innere Leere, die sie mit Erfolg im Wettbewerb zu füllen versuchen, mit Konsumismus, Sexismus, Rassismus oder irgendetwas, das ihnen die Illusion gibt, besser zu sein als andere. Wir eignen uns solche Haltungen und Praktiken nicht an, weil wir uns für überlegen halten, sondern weil wir gar kein Gefühl für uns selbst haben. Andere herabzusetzen wird ein Weg zur Identität, ein Weg, den wir nicht beschreiten müssten, wenn wir wüssten, wer wir sind.

Die Moralisten scheinen zu glauben, wir befinden uns in einem Teufelskreis, in dem wachsender Individualismus und die ihm innewohnende Egozentrik den Niedergang des Gemeinwesens verursachen – und der Niedergang des Gemeinwesens den Individualismus und die Egozentrik anwachsen lässt. Die Wirklichkeit ist eine ganz andere, denke ich: In dem Maß, wie Gemeinwesen von verschiedenen politischen und ökonomischen Kräften auseinandergerissen wird, leiden immer mehr Menschen an dem Leeren-Selbst-Syndrom. (A Hidden Wholeness. The Journey Toward An Undivided Life, S. 38)

Palmer orientiert sich an der Tradition der Quäker, aus der er zwei Grundsätze ableitet: Menschen haben einen „inneren Lehrer“, auf den sie hören müssen; sie können sich die entscheidenden Antworten nur selbst geben. Dazu aber brauchen sie die Gemeinschaft mit anderen, deren respektvolle Nähe und behutsame, offene, von Wertungen und Urteilen freie Fragen sie immer wieder auf die Stimme des inneren Lehrers zurück verweisen. Der Wahrheit über mich selbst kann ich mich im Dialog mit anderen besser nähern. Ohne die Fragen der anderen laufe ich nämlich Gefahr, in meinen Illusionen Kreise zu drehen.

(Falls jetzt jemand nach christlicher Selbstverleugnung fragen möchte: Auch die setzt voraus, sich selbst erst einmal wirklich zu kennen und zu hören. Und dann die Stimme des Ego zu ignorieren und sich dem wahren Selbst, dem göttlichen Funken oder dem neuen, aus dem Geist geborenen Menschen zuzuwenden.)

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„Ich will mein Leben zurück“

Der Satz „Ich will mein Leben zurück“ hat es vor vier Wochen bis in die Schlagzeilen der Tagespolitik geschafft. Die subjektive Empfindung, die er transportiert, ist die, dass ich eigentlich etwas anderes, Besseres verdient hätte. Aber irgendwie werde ich um das Glück betrogen, das mir zusteht.

Für Außenstehende kann das mal mehr, mal weniger nachvollziehbar sein. Vielleicht ist es da ganz hilfreich, sich selbst im Spiegel einer Geschichte zu betrachten. Eine Geschichte, in der sich alles um Identität, Rivalität, Manipulation und die Verwicklungen dreht, die daraus erwachsen. Eine Geschichte, in der Menschen aus der Bahn geworfen werden. Aber zugleich eine Geschichte, die eine überraschende und versöhnliche Wendung nimmt.

Diese Geschichte ist eine der berühmtesten Erzählungen der Literaturgeschichte. Sie handelt von den Zwillingsbrüdern Jakob und Esau. Jonathan Sacks hat sie in „Not in God’s Name glänzend analysiert. Meine Zusammenfassung seiner Einsichten in Form einer Predigt gibt es hier zum Anhören.

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Worte sammeln für den Ernstfall

Letzte Woche saßen wir im Gott-im-Berg-Team beisammen. Wir ließen den letzten Kreuzweg noch einmal Revue passieren und sammelten schon mal ein paar Ideen für das zehnte Mal im kommenden Jahr. Es ist ein bisschen merkwürdig, wenn man im Hochsommer, wo alles so hell ist, intensiv über Kreuz und Passion nachdenkt, fand ich.

Ein Tag später kam es zu dem schweren Anschlag in Nizza und am Freitag dann zum Putschversuch in der Türkei. Und wir waren wieder mittendrin in der Frage, wo Gott in solchen Zeiten zu finden ist, und wohin wir gehen können mit unserer Trauer, Angst und Wut.

Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn der Passionszeit, dass wir immer wieder Worte und Bilder sammeln für solche Zeiten. So wie die Maus Frederick aus meinem Lieblingskinderbuch Farben für den Winter sammelt. Damit wir, wenn es wieder einmal ganz plötzlich finster wird um uns herum, nicht bei Null anfangen, nehmen wir uns sieben Wochen jedes Jahr und stellen uns dem Leid.

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Bei Gott im Berg, das fiel mir jetzt beim Nachdenken auf, geht es uns nicht so sehr darum, Antworten zu geben. Es geht mehr darum, Fragen offen zu halten, vorschnelle Antworten zu verhindern und einen Raum zu schaffen, in dem all die Gefühle Platz haben, die uns oft problematisch und unerwünscht erscheinen. Jedes Jahr fragen wir vierzehn Mal, wo Gott in dieser kaputten Welt denn steckt.

Antworten – wenn es sie gibt – brauchen Zeit, und Menschen müssen sie selbst finden. Sie sind nicht in einem stets passenden Allzweckformat vorgegeben. Wir ziehen sie nicht fertig aus der Tasche. Im besten Fall erleiden wir die Dinge, bis sich etwas in uns löst. Die Passion in (sicher etwas willkürlich gewählten) 14 Stationen abzuschreiten ist eben auch eine Lektion darin, dass es ein innerer und oft auch äußerer Weg ist, bis wir unseren Schmerz, Zorn, Verzweiflung und Angst so weit bearbeitet haben, dass das nicht mehr übermächtig ist.

Abgehakt und abgeschüttelt – auch das lehrt das Evangelium – ist das Leiden aber auch dann nicht. Es bleibt in Erinnerung, und diese Erinnerung ist entscheidend wichtig, damit wir die Liebe und Barmherzigkeit Gottes auf den einen Seite und die Verletzlichkeit des Lebens und der Mitmenschen auf der anderen Seite nicht aus dem Blick verlieren. Darum müssen wir sie auch bewusst pflegen. Nur so nämlich wird auch der Sieg der Gerechtigkeit, für den wir beten und auf den wir hoffen, nicht zum Anlass einer gnadenlosen Abrechnung, wie sie jetzt in der Türkei droht, oder zur Jagd auf die üblichen Sündenböcke. Nicht zur Umkehr von Leid, sondern zur heilsamen Verwandlung desselben.

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Ist die Liebe noch zu retten? Von Himbeereis, Einsern und kranken Typen

Einige haben heute darüber gepredigt, andere haben zugehört. Falls Ihr (und alle anderen) noch mögt, hier meine Predigt aus St. Leonhard heute morgen – vielleicht ist ein inspirierender Gedanke dabei.

Liebe – Liebe hat so gut wie immer Konjunktur. Zumindest wird pausenlos von ihr geredet. Ganz besonders gern tut es die Werbung:

  • „Wir lieben Bayern, wir lieben die Hits“, flötet die Radiomoderatorin eines Privatsenders.
  • „Wir lieben Lebensmittel“, beteuert eine Supermarktkette (noch lieber verkauft man sie aber)
  • „Echte Liebe“ tönt die Marketingabteilung eines börsennotierten Fußballvereins
  • Und unsere Stars „lieben“ natürlich ihre Fans, denen sie ihren Ruhm und Reichtum verdanken.

Wenn von Liebe die Rede ist, dann meistens deshalb, weil uns jemand etwas verkaufen will. Irgendwann hören wir uns dann selber Sätze sagen wie „Ich liebe Himbeereis“. Spätestens da stellt sich die Frage: „Ist die Liebe noch zu retten?“

Man müsste ein neues Wort erfinden können, um Liebe von diesen Missverständlichkeiten zu befreien: Als ob es da nur um ein unwiderstehliches Produkt ginge oder eine besonders attraktive Person, einen besonderen Reiz, der meinen Appetit weckt und mich dazu bringt, einen Gegenstand oder ein Erlebnis unbedingt haben zu wollen.

Genau das haben die ersten Christen getan: Sie fanden ein neues Wort für die Liebe. Liebe, die nicht darin besteht, im Anderen mein eigenes Spiegelbild zu erkennen und nicht darin, dass sinnliche Reize meinen Pulsschlag beschleunigen und den Hormonhaushalt in Schwung bringen. Diese „Ich brauch dich“-Liebe ist flüchtig, oberflächlich und passiv: Etwas triggert mich von außen und ich reagiere darauf aus einem inneren Mangel. Entfällt der Reiz, ist auch die „Liebe“ am Ende.

***

Johannes war der Meinung: Wer die Liebe verstehen will, muss bei Gott anfangen:

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.

Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Joh 4,16b-21)

Vierzehn Mal kommt das Wort Liebe/lieben in diesen neun Sätzen vor. Und alles gipfelt in der Feststellung: Gott ist die Liebe. Der Satz ist so einfach wie verblüffend. Denn die Götter der antiken Volksfrömmigkeit hatten ihre Günstlinge und ihre Affären, aber sie behandelten Menschen wie Spielfiguren. Der Gott der Philosophen hingegen war zwar ein faszinierendes Wesen, aber er selbst stand der Welt recht leidenschaftslos gegenüber.

Ganz anders der Gott der Christen: Er erschafft eine Welt und Menschen darin, die ihm von Anfang an Ärger machen. Aber Gott ist offenbar der Meinung „Ich bereue diese Liebe nicht“. Er sucht sich aus allen Völkern das unattraktivste aus – Israel. Er kommt in einer Krippe zu Welt, lebt im ärmeren Teil des Landes, teilt die Nöte und Sorgen einfacher Leute. Er lässt sich beschimpfen, schlagen und umbringen. Und statt die Menschen, die ihm all das antun, zu vernichten, vergibt er ihnen.

Martin Luther hat daraus den Schluss gezogen: Gottes Liebe findet das Liebenswerte nicht vor, sondern sie bringt es hervor („Amor dei non invenit sed creat suum diligibile“). Auch wenn es oft eine schmerzhafte Geburt ist. Anders gesagt: Dass er mich liebt, liegt an ihm, nicht an mir. Und weil das so ist, wird es sich auch nicht ändern – egal, wie gut oder schlecht, dumm oder schlau, fair oder unfair ich mich verhalte. Paulus schreibt „sind wir untreu, so ist er doch treu, denn er kann sich nicht verleugnen“. In Jesus ist diese Liebe verbürgt, garantiert – mit Brief und Siegel. Wir haben keinen Anspruch darauf, haben sie uns nicht verdient, dafür können wir sie auch nicht verspielen.

Und genau deswegen müssen wir bei Gott anfangen, wenn wir die Liebe verstehen wollen: Gott ist unkaputtbare Liebe. Liebe ist nicht etwas, das Gott (wie manche Menschen) heute tut und morgen wieder lässt. Würde Gott aufhören zu lieben, dann würde er auch aufhören, Gott zu sein. Nach allem, was geschehen ist, als Gott in die Welt kam, ist ein liebloser Gott nicht mehr vorstellbar – das schreibt uns Johannes hinter die Ohren.

***

Wenn ich anfange, Gott so zu sehen, dann befreit mich das von meiner Furcht. Nicht unbedingt von der Furcht vor großen Höhen, vor Spinnen, vor Terror oder Katastrophen; aber von der Furcht, dass der eine, von dessen Wohlwollen mein Leben und Glück abhängt, mir gegenüber launisch oder gleichgültig sein könnte; dass er sich von mir abwendet, wenn ich ihn vor den Kopf stoße; dass er mich bestraft, wenn ich seinen Erwartungen nicht entspreche.

Der Dirigent Ben Zander vom Boston Philharmonic Orchestra sollte am Konservatorium unterrichten. Statt mit schlechten Noten zu drohen, verkündete er in der ersten Stunde, jeder Studierende werde eine Eins bekommen. Die einzige Bedingung dafür war, dass ihm jeder zu Kursbeginn schreiben sollte, was für ein Mensch er am Ende des Kurses sein möchte. Von da ab waren alle angstfrei bei der Sache und Zander stellte fest, dass er mit den Menschen arbeitete, die in den Briefen beschrieben waren. Er stellte keine Erwartung auf, der sie zu entsprechen hatten. Stattdessen gab er ihnen den Raum zu entdecken, welche Möglichkeiten in ihnen steckten.

Die Liebe Gottes schafft ein Klima, in dem sich das Liebenswerte in uns Menschen hervorwagt und gedeihen kann. Ein Klima, in dem niemand fürchten muss, dass er bedroht, bloßgestellt oder beurteilt wird. Wir alle wissen, dass wir unter Angst und Druck mehr Fehler machen. Und dass wir, wenn Strafe droht, diese Fehler auch noch verleugnen und vertuschen, und damit immer noch mehr Unheil anrichten.

Freilich, Gott rettet uns nicht immer vor den Folgen unseres eigenen Tuns. Aber indem er auf Drohungen und Forderungen verzichtet, schenkt er uns genau diesen angstfreien Raum, in dem wir radikal ehrlich sein können vor uns selbst und anderen. Und mit dieser Ehrlichkeit vor mir selbst beginnt jede positive Veränderung. Wer die Liebe verstehen will, muss bei Gott anfangen. Wen sie erfasst, der verliert seine Furcht. Und mit der Furcht vor Gottes Strafe und Zorn schwinden allmählich auch die anderen Ängste: Angst vor der Ablehnung anderer Menschen, Angst vor dem eigenen Versagen, Angst vor den vielen Gefahren und Risiken, denen wir in dieser Welt ausgesetzt sind. Denn selbst wenn uns schlimme Dinge zustoßen – sie trennen uns nicht von der Liebe Gottes in Christus.

„Furcht ist nicht in der Liebe“ – Eine Braut war vor ihrer Hochzeit schrecklich nervös und unsicher. Ihre Freundinnen wollten sie mit diesem Bibelwort trösten. Doch statt (wie es richtig gewesen wäre) 1. Johannes 4,18 auf die Karte zu schreiben, schrieben Sie nur Johannes 4,18. Die Adressatin schlug ihre Bibel auf und las zu ihrer Verblüffung: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“

***

Nicht vom Mann, aber vom „Bruder“ schreibt Johannes gegen Ende: Unsere Aufgabe ist es, „in der Liebe zu bleiben“. Sie ist uns geschenkt, aber dieses Geschenk muss man kultivieren. Behalten wir sie für uns, geht sie kaputt. Die Frage, ob ich noch in der Liebe bin oder nicht, lässt sich ganz einfach beantworten. Jesus hat im Gleichnis vom armen Lazarus dieselbe Schlussfolgerung gezogen: Das Verhältnis zu meinen Mitmenschen ist das entscheidende Kriterium dafür, wie es um mein Verhältnis zu Gott bestellt ist. Wer gegenüber dem Armen dicht macht, macht auch Gott gegenüber dicht. Er sperrt die Liebe selbst aus.

Brüder – Geschwister – kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Dafür bleiben sie – anders als manche Freunde – auch ein Leben lang Geschwister. Familien sind Schicksalsgemeinschaften. Die ersten Christen waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen: Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete, aus allen möglichen Ecken des römischen Weltreichs, das ähnlich groß und vielfältig wie die heutige EU war. Auch die Kirche war eine Schicksalsgemeinschaft. Einheit und Harmonie mussten immer wieder ausgehandelt und erkämpft werden. Und in letzter Zeit hat Papst Franziskus wiederholt davon gesprochen, dass auch Muslime und Christen „Brüder“ sind. Bruderliebe ist also keine „Nächstenliebe light“, die nur für Gleichgesinnte gilt.

In der Liebe zu bleiben heißt, sie zu verschenken. So etwas geht nur, wenn ich lerne, mich freiwillig zurückzunehmen. Der polnische Nobelpreisträger Czeslaw Milosz beschrieb diese Haltung so:

Liebe bedeutet, sich so sehen zu lernen
wie man Dinge aus der Ferne sieht.
Denn du bist nur ein Ding unter anderen
und wer so sieht, heilt sein Herz
ohne es zu wissen, von allerlei Krankheiten.
Ein Vogel und ein Baum nennen ihn „Freund“

Ich bin geliebt, so wie ich bin. Nicht weniger, aber auch nicht mehr als alle anderen Geschöpfe. Ich bin nicht der Nabel der Welt. Diese heilsame Erkenntnis, dass Gottes Liebe genauso auch allen anderen gilt, verändert den Blick. Der reiche Mann hielt seinen Reichtum für eine Errungenschaft, die er verteidigen musste. Und sich selbst für etwas besseres. Heute würde er die Tür versperren, Elektrozäune bauen, Videokameras installieren und Sicherheitspersonal patrouillieren lassen, um Lazarus nicht zu Gesicht zu bekommen. Denn dass Gott diesen kranken Typen liebt – ihn wegen seines harten Lebens erst recht liebt – kam ihm gar nicht in den Sinn. Gott aber schenkt dem Unansehnlichen Ansehen, sagt Jesus.

Wenn Gott mir trotz meiner Unansehnlichkeit sein Ansehen schenkt, dann kann ich offen, frei und mutig aus der Wäsche schauen.

Gottes Liebe, die das Liebenswerte nicht schon vorfindet, sondern es hervorbringt, beteiligt mich an dieser Heilung und Verwandlung der Welt. Der unansehnliche Lazarus hat heute viele Gesichter: Arme, chronisch Kranke, Einsame, Verlierer, Chancenlose, Entwurzelte. Aus jedem von ihnen blickt mich Christus an und fragt: Siehst Du mich?

Und wenn ich diesem Blick nicht ausweiche, sehe ich in dem anderen auch mich selbst: Unsicher, bedürftig, verletzlich und zugleich voller Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind.

Die Liebe muss nicht gerettet werden. In solchen Begegnungen rettet sie uns.

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Die Vermessung der Liebe

Vor gut zehn Jahren erschien der Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Er erzählt die Geschichte zweier bedeutender Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt. Während Humboldt unter großen Strapazen den Urwald Südamerikas durchquert und dabei Pflanzen und Tiere katalogisiert, arbeitet der menschenscheue Mathematiker Gauß zeitlebens im Königreich Hannover, in einer Sternwarte und als Landvermesser. Alle seine Entdeckungen spielen sich im Kopf ab. Gegensätzlicher können Lebenseinstellungen und -entwürfe kaum ausfallen. Es gibt für Kehlmann keinen Gewinner: Am Ende ziehen beide eine recht ernüchternde Bilanz ihres Lebens.

I.

In Epheser 3,14-21 ist, so könnte man sagen, von der „Vermessung der Liebe“ die Rede. Von Länge und Breite, Höhe und Tiefe lesen wir, die es zu ermessen gilt. Es geht um eine gewaltige Ausdehnung – eine Weite, in der ganz viel Platz ist. Das Ergebnis dieser Vermessung wird auch gleich verraten: Unfassbar groß. Alle unsere Versuche, an die Grenzen und das Ende der Liebe Christi zu gelangen, sind zum Scheitern verurteilt.

Nun ist Liebe ja ohnehin kein Gegenstand im herkömmlichen Sinn, sondern ein Verhältnis zwischen Personen. Der zupackende Humboldt würde also entdecken: Liebe lässt sich nicht abmessen, kartographieren oder wiegen. Kleine Kinder spreizen manchmal die kurzen Arme, so weit sie können (wohl wissend, dass es nicht weit genug ist), und sagen dazu „ich hab dich soooo lieb.“ Als Erwachsene kommen wir über solche Gesten und Andeutungen kaum hinaus – es sei denn, wir werden zu Dichtern.

Obwohl menschliche Zuneigung ja oft bedrückend endlich sein kann, glauben selbst totale Beziehungschaoten noch an die „große Liebe“ und hören nicht auf, sie zu suchen. Denn irgendwie fühlt jeder, der sich verliebt, dass Liebe ihrem Wesen nach etwas Grenzenloses ist. Sie stellt keine Bedingungen und keine Forderungen, sie ist kein Tauschgeschäft, keine Dienstleistung, sie kennt kein Verfallsdatum. Sie fragt nicht nach Obergrenzen – „Wie viel muss ich geben?“, „wie oft muss ich verzeihen?“ – sondern sie verschenkt sich und bleibt gerade darin sie selbst.

„Die Liebe hört niemals auf“, schreibt Paulus an die Korinther. Sie lässt sich auch nicht berechnen, würde der grüblerische Gauß frustriert anmerken. Es gibt für sie keine Formel: Weder die jüdischen Schriftgelehrten noch die großen Denker der Griechen hatten vor 2.000 Jahren einen Gott auf dem Zettel, der die Welt mit sich versöhnt, indem er Mensch wird, sich brutal umbringen lässt und von den Toten aufersteht.

II.

Nun ist es eine Sache, den Versuch, die Liebe Gottes zu ermessen, von vornherein als sinnlos anzusehen – und sich deshalb weder Gedanken zu machen noch die riskanten und anstrengende Erkundung zu wagen –, und eine ganz andere, wenn man ihr mit wachem Verstand und offenem Herzen nachspürt. Da lässt sich die Begegnung mit Gott in der Stille nicht ausspielen gegen die Begegnung mit dem Nächsten. Gerade die Armen und die Fremden sind, wie Mutter Teresa oft sagte, Jesus, der sich verkleidet hat. Die Weite der Welt und der Trubel der Stadt sind ebenso heilige Orte wie das stille Kämmerlein oder dieser Kirchenraum.

Am Himmelfahrtstag standen Jesu Jünger noch etwas unschlüssig auf dem Ölberg herum, als ein Engel im weißen Gewand zu ihnen sprach: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Also gingen sie wieder zurück – in die Stadt, aber eben auch ins gemeinsame Gebet und das Warten auf die Kraft aus der Höhe. Vom Kommen der Kraft haben wir ja auch gelesen. Der Apostel betet:

„er [Gott] möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt.“

Damit deutet er schon Richtung Pfingsten – nicht nur das Kirchenfest einmal im Jahr, sondern als Zustand lebendigen Glaubens. Wie eine Quelle, die stetig sprudelt und aus der erfrischendes, klares Wasser an die Oberfläche kommt:

„So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“

Wo und wie aber findet diese Erfüllung statt? Gottes Liebe kann uns im Gottesdienst begegnen, zugleich aber ist sie so viel mehr als heilige Worte und sakrale Räume. Gott gibt dem Intellekt etwas zum Staunen und Nachsinnen, aber er ist so viel mehr als eine gelungene Theorie der Welt. Gott ist uns in den Gänsehautmomenten nahe: dem ersten Kuss, dem Gipfelerlebnis in der Natur, dem magischen Augenblick in einem Konzert, wenn gefühlt die Zeit stillsteht und ich mit tausend anderen den Atem anhalte. Aber er ist mehr als die besondere Erfahrung, die große Idee, das gelungene Projekt. Es bleibt immer ein Überschuss. Es gibt immer noch mehr zu entdecken. Und so wie der Ungebildete keine Ahnung hat, was er alles nicht weiß, so käme auch mir jedes Gespür für die Weite und Größe von Gottes Liebe abhanden, wenn ich gleichgültig oder resigniert darauf verzichtete, etwas zu erwarten, mich überraschen zu lassen, mich Gott zuzuwenden – „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft“, wie es das erste Gebot sagt.

Das rückt auch die Momente in ein anderes Licht, wo wir Gott schmerzlich vermissen, wo uns seine Nähe fehlt, wir uns leer fühlen und ganz und gar nicht erfüllt: So wie Wissen uns zunehmend sensibel macht für unser Nichtwissen, so ist schon unsere unerfüllte Sehnsucht nach Gott ein Zeichen für unsere Verbundenheit und Vertrautheit mit ihm.

Dass wir mit dieser Erkundung niemals fertig werden, das gilt nicht nur für Gott, sondern auch für jeden geliebten Menschen. Nur der oberflächliche Blick auf den anderen ist blind für das das Geheimnis. Abraham Heschel schrieb dazu:

„Für den Philosophen ist Gott ein Objekt, für betende Menschen ist er das Subjekt. Ihr Ziel ist nicht, […] über ihn informiert zu sein, als wäre er eine Tatsache neben anderen. Sie sehnen sich danach, von ihm ganz in Besitz genommen zu werden, Gegenstand seines Erkennens zu sein, und das zu spüren. Die Aufgabe ist nicht, das Unbekannte zu kennen, sondern von ihm durchdrungen zu sein; nicht zu kennen, sondern von ihm erkannt zu werden“.

III.

Mit der Liebe und dem Erkennen setzt der Apostel hier auch ein: Er verbeugt sich im Gebet vor Gott als dem kosmischen „Vater“, von dem alle Menschen abstammen. „Jedes Geschlecht“ – das könnte auch eine Anspielung sein auf die Verheißung an Abraham im ersten Buch Mose, dass durch ihn alle Völker, Sippen und Geschlechter auf Erden den Segen Gottes erfahren sollen. Schon da deutet sich die unermessliche Weite der Liebe Gottes an. Er ist

„der Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird.“

Die Segensgeschichte, die mit einer einzelnen Familie beginnt, breitet sich aus in die ganze Welt. Jesus, der gekreuzigte und auferstandene Messias, hat ein neues Kapitel dieser Story aufgeschlagen und uns, seine Nachfolgerinnen und Nachfolger, zu Mitwirkenden gemacht.

Diese Weite hat konkrete Folgen: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit war ein Problem unter den Christen in Kleinasien. Damals waren sich Juden- und Heidenchristen nicht grün – der Epheserbrief spricht sogar von einer „Mauer der Feindschaft“. Hier und heute wachsen Angst und Misstrauen zwischen Einheimischen und Einwanderern (und manchmal sind die Einwanderer von gestern die größten Kritiker der Einwanderer von heute). Stacheldrähte werden quer durch Europa ausgerollt. Von einer bedrohlichen „Flut“ ist die Rede. Religiöse, kulturelle und ethnische Vorurteile werden gehätschelt, Ängste und Ressentiments geschürt: „Alle Muslime sind Terroristen“ oder „alle Nordafrikaner sind potenzielle Vergewaltiger“ oder umgekehrt „alle Christen sind Agenten des Westens und der CIA.“ Irgendwann brennt eine Asylunterkunft, erhalten humanitäre Helfer Todesdrohungen, explodieren Sprengsätze.  Aber Gott ist Vater – und im Blick auf Gott ist das Muttersein in die Vaterschaft nicht etwa aus-, sondern eingeschlossen – aller Sippen und Geschlechter. Also auch der Türken und Araber, Sunniten und Aleviten, Ost- und Westeuropäer, Hell- und Dunkelhäutigen, Homo- und Heterosexuellen (und wem noch ein Reizwort fehlt in meiner Aufzählung, der kann es hier gedanklich einsetzen).

Der Apostel betet also zu diesem Gott, der allen Geschöpfen das Leben geschenkt hat, ihnen Raum gibt zum Wachsen, der sich zurücknimmt und kümmert, der mitfiebert, mitleidet, sich mitfreut. Er betet, dass der Strom dieser unermüdlichen und unerschöpflich nachwachsenden, alle Grenzen überwindenden Liebe uns erfasst – bis alle Angst, alles Misstrauen, alle Gleichgültigkeit und alle Feinschaft darin versinken. Wir sagen ja manchmal über andere, dass ihnen die Freude (oder der Ärger) „zu jedem Knopfloch herauskommen“. So können wir uns das auch mit der Liebe Gottes vorstellen: Die tiefsten Erfahrungen im Leben – Liebe, Verbundenheit, Zusammenhalt, Schönheit, Kreativität – beginnen mit dieser Bewegung des Geistes in unserem Inneren. Und dann trägt sie uns über unser kleines Selbst hinaus in die Weite.

Soooo weit.

Das wäre dann eine Entdeckung, die auch Gauß und Humboldt beeindruckt hätte.

Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt,
unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können,
er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus
in allen Generationen, für ewige Zeiten.

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Die Spiritualität des Boxers

In den letzten Wochen bin ich wenig zum Schreiben gekommen. Aber vielleicht hat ja der eine oder die andere Lust, sich ein paar Gedanken vom gestrigen Sonntag anzuhören. Was hat Boxen mit friedlicher Revolution zu tun, was das Kreuz Christi mit dem Neoliberalismus des 21. Jahrhunderts, was bedeuten Taufe und Abendmahl für die Überwindung von Angst und Zwängen und ein unbekümmertes Leben in einer konfliktgeladenen Welt?

Hier gehts zum Podcast.

 

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Weisheit der Woche: Komplexe Freiheit

Parker Palmer zitiert in „Let Your Life Speak“ aus einer Rede von Václav Havel vor dem US-Kongress. Dort setzt sich Havel mit dem marxistischen Credo auseinander, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Palmer merkt an, dass der Kapitalismus genauso materialistisch denkt: Es gilt nur das, was man zählen oder messen kann. Der Mensch wird primär als Kostenfaktor wahrgenommen, die Welt von ökonomischen Zwängen beherrscht. Parker hält dem entgegen:

 …die große Einsicht unserer spirituellen Traditionen ist, dass wir – vor allem jene von uns, die politische Freiheit und relativen Wohlstand genießen – keine Opfer der Gesellschaft sind; wir haben sie mit erschaffen. Wir leben in und durch eine komplexe Wechselwirkung von Geist und Materie, der Kräfte in unserem Inneren und der Dinge „da draußen“ in der Welt. Die äußere Wirklichkeit wirkt nicht wie eine letztgültige Beschränkung auf uns; wenn wir, die wir privilegiert sind, Beschränkung erleben, dann deshalb, weil wir an unserer eigenen Gefangenschaft mitwirken.

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Empathiestress und gesundes Mitgefühl

Unsere Welt wird gerade an vielen Stellen immer unbarmherziger, wie diese Nachricht von Übergriffen gegen Muslime in Frankreich oder diese Nachricht vom immer weiter fortschreitenden Rechtsruck der Atommacht Israel zeigen, um nur zwei Themen zu nennen, die im Lärm dieser Tage praktisch untergegangen sind. Carolin Ecke hat es in der SZ so formuliert:

An manchen Tagen schnürt einem der Kummer und die Not (ob in der Ferne oder ganz nah) die Kehle zu. Man merkt es daran, dass man abends spät, vorm Ins-Bett- gehen, zögert, Nachrichten zu hören oder in die Post zu schauen, als ob sich so wenigstens die Nacht schützen ließe vor dem Zuviel. Als könnte man sich so wappnen gegen die Bilder aus Aleppo oder die Meldungen von neuen Anschlägen auf Flüchtlingsheime oder einem weiteren tiefen Unglück, das zu betrauern wäre.

Ich musste beim Lesen an diesen TED-Talk von Matthieu Ricard denken. Meditation ist für ihn keineswegs eine Flucht vor der Herausforderung, diese Welt durch mehr Mitmenschlichkeit umzugestalten, sondern der beste Weg dorthin – und der beste Weg hinaus aus einer Überflutung, die in Panik, in Apathie oder blinder Aggression endet. Und seinen Schlussfolgerungen über eine altruistische Revolution würden die meisten christlichen Theologen, die ich kenne, vermutlich zustimmen.

 

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Über die Sinne ins Herz

Die Jahreslosung für 2016 – „Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ – schlägt in eine Kerbe, die mich schon ein Weilchen beschäftigt. Ich komme gleich drauf, muss zuerst aber ein Missverständnis anschneiden: Dass Gott selbst dann, wenn wir ihn „Vater“ nennen, damit nicht als männlich im menschlichen Sinne qualifiziert ist ) weil „männlich“ in der Umgangssprache als „nicht weiblich“ verstanden wird), das hat sich zum Glück ja schon ziemlich weit herumgesprochen. Bei Gott schließt die „männliche Seite“ seine „weibliche Seite“ (wenn man von ihm so überhaupt reden möchte) also nicht aus, sondern ein.

Aber die Bibel bezeichnet Gott nirgends als Mann (und ebensowenig als Frau), und Begriffe wie „Vater“ und „Mutter“ beschreiben daher nicht in erster Linie das Geschlecht (weder biologisch, noch sozial), sondern die Beziehung, die Gott zu uns hat und die Rolle, die er für uns spielt. Wer meint, Gott auf das reduzieren zu müssen, was er/sie für maskulin hält, ist damit in seiner Gotteserfahrung schwer eingeschränkt.

MOTHERS LOVE by VinothChandar, on Flickr
MOTHERS LOVE“ (CC BY 2.0) by VinothChandar
Wenn dieses Hindernis nun aus dem Weg ist, dann stellt sich die Frage, wie eine Mutter eigentlich tröstet. Das ist das wirklich interessante an Jesaja 66,13. Nicht, dass Väter nicht trösten könnten. Dennoch suchen die meisten Kinder (und viele Erwachsene) instinktiv die Nähe der Mutter. Das liegt nicht nur daran, dass in vielen Situationen die Mütter viel mehr Zeit mit den Kindern verbringen als die Väter. Denn die Beziehung vom Kind zur Mutter ist von Anfang an sinnlicher als das Verhältnis zum Vater.

Mütter können nämlich nicht nur Hunger stillen, sondern auch Kummer – und das weit über das Säuglingsstadium hinaus. Wenn ein Kind sich verletzt hat und zu seiner Mutter läuft, dann ist es mehr der Klang der Stimme als der Informationsgehalt ihrer Worte, der tröstet; es ist die Umarmung, der Geruch, das Wiegen und Streicheln, das Geborgenheit vermittelt und an die Ur-Geborgenheit erinnert. Das bekommt selbst der empathischste Vater nicht ohne Weiteres hin. Kinder haben ein anderes Zeitgefühl als Erwachsene. Ihnen zu sagen, dass der Schmerz irgendwann schon wieder nachlässt, ist relativ sinnlos.

Da, wo nicht nur Männer und Väter, sondern auch alle anderen Frauen um das rechte Wort verlegen sind, braucht die Mutter keine Worte, um zu trösten. Sie putzt dem Kind die Nase, küsst die tränenverschmierte Wange, setzt es auf ihren Schoß, verbindet das lädierte Knie oder den Schnitt im Finger, sie findet den verlorenen Schnuller oder sie hat etwas Warmes oder Süßes zur Hand, an dem man herumnuckeln und mit dem man den Kummer herunterschlucken oder -spülen kann.

Gott tröstet den resignierten und deprimierten Elia, indem er ihm etwas zu Essen schickt. Im Angesicht der Feinde – wenn mir zu Recht angst und bange wird – deckt er mir den Tisch und schenkt mir voll ein, sagt der 23. Psalm. Und im Neuen Testament macht Jesus, der große Berührer und Gastgeber, Platz für den Tröster: Gottes Geist, der keineswegs nur im Reden und im Wort gegenwärtig ist, sondern unseren Leib von innen heraus erfüllt und berührt. Das ist ein bisschen so, als würden wir den beruhigenden Herzschlag Gottes spüren. Schließlich berührt er uns auch durch andere Menschen, die uns anstelle und im Namen des irdischen Jesus nahe kommen.

Die reinen Worttheologen sind 2016 gegenüber den Mystikern schwer im Hintertreffen. Wenn ich an meine dunkelsten Stunden denke, dann waren es nicht primär Worte, sondern Gottes hautnahe, oft wortlose Gegenwart, die mir am meisten geholfen hat. Diese Stille ist keine Leere oder Abwesenheit. Und sie ist eine ungemein sinnliche Erfahrung. Ich vermute mal, damit bin ich nicht allein.

Die Dixie Chicks haben dafür die passenden Worte gefunden:

I come to find a refuge in the
Easy silence that you make for me
It’s okay when there’s nothing more to say to me
And the peaceful quiet you create for me
And the way you keep the world at bay for me

Wir alle werden 2016 Trost brauchen, aus unterschiedlichsten Gründen. Dann ist es gut, sich daran zu erinnern: Gottes Trost erreicht er das Herz über die Sinne. Und er stillt unseren Kummer.

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Fehl am Platz

In diese Welt, in diese wahnwitzige Herberge, in der für ihn absolut kein Platz mehr ist, kam Christus ungebeten.

Aber weil er in ihr nicht zuhause sein kann, weil er fehl am Platz ist in ihr und doch in ihr sein muss, ist sein Platz bei denen, für die kein Platz ist.

Sein Platz ist bei denen, die hier nicht hingehören, die von der Macht Abgelehnten, die man für schwach hielt, die in Verruf Gebrachten, denen man das Personsein nicht zugesteht, die Gefolterten und Vernichteten.

Bei denen, für die es keinen Raum gibt, ist Christus in dieser Welt gegenwärtig.

Thomas Merton

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