Der Kampf um das Kreuz: Autoritäres Symbol oder Zeichen geschenkter Freiheit?

Bei seinem Auftritt auf der Landessynode hat sich der Ministerpräsident diese Woche als Befürworter von Kreuzen im öffentlichen Raum präsentiert. Alexander Jungkunz hat das in einem Kommentar für die Nürnberger Nachrichten mit dem Stichwort „Neue Kreuzritter“ aufgegriffen und an Carl Schmitt erinnert, der im letzten Jahrhundert die Devise ausgegeben hatte, man solle doch „die Wirkung Christi im sozialen und politischen Bereich unschädlich machen; das Christentum entanarchisieren, ihm aber im Hintergrund eine gewisse legitimierende Wirkung belassen und jedenfalls nicht darauf verzichten.“ Religion dient der Macht, nicht der Freiheit. Ergo basteln die Minister der CSU in München wie in Berlin an einer Politik, die Freiheiten von Minderheiten und Andersdenkenden unter dem Vorwand der Sicherheit einschränkt und dem Staat immer mehr Befugnisse erteilt, die willkürlich ausgeübt werden können. Das ergibt eine Annäherung an den Ausnahmezustand in Trippelschritten. Auch dieser Satz stammt nämlich von Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Bei den Synodalen dürfte Söder damit kaum gepunktet haben, aber das ist wohl auch nicht seine Zielgruppe.

Das Kreuz als eine Art heimatliches Totem?

Dazu passt  ein selbstkritischer Text über den Evangelikalismus, den Mark Labberton vom renommierten Fuller Seminary jüngst veröffentlichte. Auch da ging es – unter anderem, aber an erster Stelle – um Macht. Sein Fazit zum Verhältnis von Evangelikalismus und Macht lautet: „Der offensichtliche Schulterschluss Evangelikaler mit einem Machtgebrauch, der auf Dominanz, Kontrolle und Überlegenheit setzt und den Sieg über Mitgefühl und Gerechtigkeit, bringt Jesus mehr mit den Strategien des römischen Kaisers in Verbindung als mit der guten Nachricht des Evangeliums.“ Er erwähnt das Kreuz hier nicht eigens, aber implizit wehrt sich auch Labberton gegen den Versuch, das Kreuz vor den Karren autoritärer Herrschaft zu spannen.

Dass dies kein rein amerikanisches Problem ist, zeigen die Diskussionen, die im frommen Spektrum überall da ausbrechen, wo nach einen Gottesbild und -Begriff gesucht wird, der Gottes Allmacht (und zwar exakt im Schmitt’schen Sinn von Souveränität, die an keine Verantwortung mehr gebunden ist und sich selbst legitimiert) zurücknimmt zugunsten seiner Barmherzigkeit, Liebe und Nähe zu einer leidenden Welt. Wann immer Gottes Macht und Liebe in Spannung zu einander geraten, löst diese theologische Tradition den Konflikt zugunsten der schrankenlosen Macht auf. „Gott“ droht zur Chiffre für einen reinen Machtkult zu degenerieren.

Auf katholischer Seite hat der DLF diese Entwicklung aktuell für Kroatien nachgezeichnet. Ein Kritiker sagt über den nationalkonservativen Kurs der Bischöfe dort: „Die Menschen wurden nicht ermutigt, mit dem eigenen Kopf zu denken, sondern sollten einfach einer Autorität folgen.“ Ein anderer spricht von einem opportunen „Fake-Katholizismus“, der auf einmal viele Anhänger findet.

Wenn wir das mit dem Kreuz wirklich ernst nehmen, dann darf es zu einem solch autoritären Stil in Kirche und Politik nicht kommen. Wir müssen besser verstehen und vermitteln, was Paulus meint, wenn er schreibt, dass die Schwachheit Gottes stärker ist, als die Menschen es sind. Wer menschliche Schwachheit verachtet, wer Macht nicht aus der Hand geben kann, wer auf Vergeltung sinnt für vergangene Kränkungen und Demütigungen, der hat Gott noch nicht verstanden – und schon gar nicht auf seiner Seite.

Zuletzt: Gibt man den Suchbegriff „weakness“ in die Bilderdatenbank von Unsplash.com ein, dann kommen erstens nur wenige Bilder und zweitens sind überall Frauen darauf. Das wirft die Frage auf, ob unsere Vorstellungen von Männlichkeit und unsere Vorstellungen von Macht (bzw. dem richtigen Umgang mit ihr) nicht ähnlich problematisch sind.

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Nach dem bösen Erwachen: Weisheit in Zeiten der Polarisierung

Manchmal setzen sich Gedanken aus ein paar Gesprächsfetzen zusammen. In diesem Fall Gespräche über den gesellschaftlichen Diskurs, der an vielen Stellen mit wachsender Erbitterung geführt wird.

Mitten hinein fiel der Hinweis auf die Geschichte vom weisen König Salomo, die ich noch aus der Kinderbibel kenne: Zwei Frauen teilen sich eine Unterkunft, beide haben ein neugeborenes Baby, eines morgens ist das eine Kind tot. Die Mutter, die es im Schlaf erdrückt hat, nimmt der anderen Mutter heimlich das lebende Kind und legt das tote in ihren Arm.

So liest sich das in der Klage, die daraufhin vor dem König landet und die mit dem Schwert – freilich unblutig – entschieden wird. Der gilt fortan an weiser Mann: Er droht, das lebende Kind zu zerteilen und jeder Mutter die Hälfte zu geben. Die Frau, die nachgibt, ist die wahre Mutter. Die Frau, die hart bleibt, ist die Betrügerin. Heute würden wir kein Schwert mehr nehmen, sondern eine Speichelprobe. Dem Fortschritt sei Dank.

Aber das würde die salomonische Pointe kaputt machen, um die es mir heute geht.

Die vordergründige Analogie zuerst: Wir haben leider keinen weisen König, der zwischen den gesellschaftlichen oder globalen Streitparteien schlichtet. Wir sind alle immer schon Partei. In vielen Konflikten setzen sich momentan die durch, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Und es haben die das Nachsehen, die Kompromisse zu machen, um Menschenleben zu retten. Schmerzhafte Kompromisse, für die sie selbst einen hohen Preis zahlen und für die sie wenig Gegenliebe und Anerkennung ernten.

Dahinter liegt die Frage: Woher die Härte? Es bleibt ja offen, ob in der Geschichte vom weisen Salomo die Mutter des toten Kindes bewusst lügt, oder ob sie sich selbst betrügt und darüber jedes menschliche Maß verliert. Vielleicht spielt das aber auch keine entscheidende Rolle – weder für das Verständnis der Geschichte, noch für unsere Situation.

Da haben also zwei bisher zusammen gelebt. Eher ein Zweckbündnis als eine Frage tiefer Zuneigung, so ist es ja in unserer spätmodernen Welt auch. Dann kommen Kinder zur Welt, der kleine Haushalt wächst, aber die Gleichheit steht nicht in Frage.

Plötzlich geschieht das Unglück: Ein Kind ist tot. Ob tatsächlich im Schlaf erdrückt oder unverschuldet durch plötzlichen Kindstod – wir wissen es nicht. Menschen geben sich freilich sich oft auch dann die Schuld, wenn es gar keinen ursächlichen Zusammenhang gibt. Die Schuldfrage führt hier nur in Sackgassen. Doch was für eine Tragik, wenn eine Mutter das Leben, das sie gerade zur Welt gebracht hat, versehentlich zerstört. Und mit dem Kind sterben all die Erwartungen und Hoffnungen an die Zukunft.

Die Entscheidung nach dem bösen Erwachen fällt augenblicklich. Die Kinder werden vertauscht, das Faktum des Verlusts verleugnet, die Schuld umgekehrt, das Leid weggeschoben. Freilich erkennt die betrogene Mutter sofort, was geschehen ist. Aber weil wohl niemand sonst die Kinder gut genug kannte, hat sie kaum eine Chance, die „Fake News“ zu widerlegen, die ihre Kontrahentin schon aktiv verbreitet und hinter denen sie sich verschanzt.

Johann Walter Bantz

Die Frau, der die Zukunft durch einen bösen Zufall, durch eigene Erschöpfung und Unachtsamkeit oder beides zusammen genommen wurde, bemächtigt sich der Zukunft der anderen. Dabei verliert sie auch noch den letzten Menschen, der sie hätte trösten können, wenn sie die Trauer denn zugelassen hätte. Denn die Mitbewohnerin, die alles hat, was sie nicht hat, erscheint ihr in diesem Augenblick als Feindbild par excellence. Da spielt es keine Rolle, dass sie keinerlei Schuld trifft am Verlust der Zukunft. Die andere mit einem lebenden Kind zu sehen, ist schlicht unerträglich.

Nun kämpfen zwei trauernde Frauen um eine Zukunft. Und es gibt nur noch ein Entweder/Oder. Die eine, die eigentlich schon alles verloren hat, kann sich die Totalverweigerung leisten – schlimmer wird es nicht mehr. Vor allem steigen ihre Gewinnchancen, je kälter und unnachgiebiger sie agiert. Denn die andere Mutter wird ihr Kind lieber weggeben als sterben sehen, selbst wenn sie dann nicht nur das Kind verloren hat, sondern auch noch als Lügnerin dasteht.

Aber dahinter steht, gut versteckt, eine Stärke: Diese Mutter weiß, dass sie über diesen Verlust lange und schwer trauern wird. Sie weiß aber auch, wie sie der Trauer einen Sinn geben kann. Sie denkt an das Kind, das zur nicht mehr ihres ist, aber sein Leben ist ihr wichtiger als ihre Verfügung darüber. Die Härte fehlt: Bei allem Ringen um das Recht, sie kann keine „Alles-oder-nichts“- Strategie fahren. „Nihilismus“ nannte ein Freund das kürzlich.

Brexiteers, Tea-Partisanen, Deutschlandretter hadern mit dem Verlust einer Zukunft, die tot ist und die tot bleibt. Das hat durchaus etwas Tragisches an sich. Darüber ließe sich unter Umständen reden und auch trauern. Vielleicht kann, wenn das durchgestanden ist, auch eine neue, etwas andere Zukunft geboren werden. Sie sehen die Lösung aber vor allem darin, denen, die sie für irgendwie privilegiert halten, die Zukunft wegzunehmen: Den Minderheiten, die sich in den letzten Jahrzehnten mühsam gleiche Rechte erkämpft haben, oder den Migranten, die ihr Leben häufig riskieren, um überhaupt irgendeine Zukunft zu haben.

Komplett doppelbödig wird es dagegen bei der Kritik an den „Eliten“: Die Finanzelite lässt man ungeschoren und die intellektuellen Eliten werden zwar nach Kräften diskreditiert, aber die eigenen akademischen Titel bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eifrigst zur Schau gestellt. Das Problem ist eben nicht, dass es Eliten gibt, sondern nur, dass man selbst nicht dazu gehört.

Inzwischen werden im konservativen Christentum quer über das konfessionelle Spektrum dieselben Reflexe wirksam. Wahlweise werden die Kinder der anderen für tot erklärt oder die anderen als (potenzielle oder tatsächliche) Mörder der eigenen Kinder angeklagt. Trauer und Klage bekommt man kaum zu hören. Dafür Kampfansagen, Abgesänge, ein bisschen Sarkasmus und viel Empörung.

Nun höre ich schon den Einwand, ich drehe die Geschichte hier so hin, dass ich in diesem Kulturkampf auf der Seite der Guten stehe. Das Dilemma ist ja tatsächlich, dass Dritte erst einmal verwirrt vor der Tatsache stehen, dass sich da in schönster Symmetrie zwei Frauen gegenseitig beschuldigen, ihr eigenes Kind erdrückt und sich des anderen Kindes bemächtigt zu haben.

Und genau deshalb erzähle ich diese Geschichte hier auch: Nicht, damit alle einfach meine Deutung übernehmen. Die könnte in der Tat eine Täuschung sein.

Sondern um genau hinzusehen:

Wo in diesem Ringen ist diese Kompromisslosigkeit am Werk?
Wo versucht jemand, es kalt lächelnd auf eine „Alles-oder-Nichts“-Entscheidung hinauslaufen zu lassen?
Wo ist echte Trauer und Sorge spürbar?
Wo nimmt das Denken und Argumentieren immer rigidere Züge an?

Diese Fragen führen auf die richtige Spur. Weisheit, das bedeutet: Wir sollten sie uns immer und immer wieder stellen.

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Warum wir heute ständig Kulturkämpfe führen

Ich habe hier vor ein paar Tagen gefragt, ob es zu dem, was die identitäre Bewegung in der Politik darstellt, theologische Analogien gibt. Auf Facebook hat Arne Bachmann zurückgefragt, ob es nichtidentitäres Christentum geben kann. Ich denke schon, denn es geht ja nicht um die Frage, ob man eine Identität hat, sondern darum wie man diese versteht und lebt. Arnes Vorschlag war, im Christentum nicht eine Identität neben anderen zu sehen, sondern eine Art Meta-Identität (meine Worte), die alle anderen Identitäten und deren Konkurrenz relativiert.

Ein anderes Licht auf diese Frage wirft der Schluss des rund 100-seitigen ersten Kapitels aus „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz. Reckwitz beschreibt darin sehr ausführlich, dass die Spätmoderne sich von der Produktion standardisierter, einheitlicher Massengüter abwendet, die Kennzeichen der industriellen Moderne war (bei Bauman liefe das unter „solid modernity“). Nun steht die Hervorbringung von „Singularitäten“ im Zentrum. Damit ist alles gemeint, was als etwas Besonderes erfahren wird (ein Produkt, ein Event, eine Gemeinschaft, ein Ort, ein Individuum), weil und indem es starke Affekte auslöst. Der spätmoderne Kulturkapitalismus dreht sich um solche Auf- und Abwertungen des Besonderen. Das Markenimage wird wichtiger als der reine Gebrauchswert eines Produkts, denn es dient auch der Singularisierung des Konsumenten, der es wie ein Kurator im Leben so anordnet, dass er sich dadurch als besonders ausweisen kann.

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Veronica Benavides

Drei Entwicklungen kommen hier zusammen und greifen ineinander: Die neue Mittelklasse verlegt seit etwa 1970 den Akzent weg von materiellen Lebensstandard („keeping up with the Joneses“) hin zur Lebensqualität. In der neuen Wissens- und Kulturökonomie ist Authentizität, die dem Bürgertum als stille Sehnsucht seit der Romantik anhaftet, der neue Leitwert der creative economy. Wenn zum Beispiel die Chefs von Apple auf ihren Keynote den Artikel nervtötend konsequent weglassen, während sie von iPhones und anderen Produkten reden, dann suggerieren sie damit, dass das nicht ein Exemplar einer Geräteklasse (Smartphone) unter anderen ist, sondern es trägt einen Eigennamen – das Produkt ist so einzigartig und unverwechselbar wie eine Person.

Und dann kommt auch noch die Digitalisierung zum kulturell-kreativen Komplex hinzu. Rationalisierung und Standardisierung treten in den Hintergrund und finden dort weitgehend unsichtbar statt, mit ihrer Hilfe werden im großen Stil Singularitäten erzeugt. Der Postmaterialismus geht über in „Singularitätsmärkte“, an denen es um Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und Anerkennung geht:

Die durchgreifende Singularisierung und Kulturalisierung aller Bestandteile des Lebens – Wohnen, Essen, Reisen, Körperkultur, Erziehung etc. –, die hier erfolgt, geht so Hand in Hand mit der Statusinvestition ins eigene Singularitätskapital und in die Darstellung des besonderen Lebens vor den Anderen. In gewisser Weise gilt hier die „Norm der Abweichung“ oder positiv gewendet: die Norm der performativen Authentizität, der sozialen Aufführung von Unverwechselbarkeit. (S. 108)

Ich denke, mit dem Begriff der Singularität lassen sich viele Fresh-X Projekte gut erfassen. Gegenüber den stark vereinheitlichenden Tendenzen großkirchlicher Strukturen, die das Individuelle, Lokale und damit auch Besondere gerade begrenzen (wenn nicht gar unterdrücken oder überlagern) setzt man hier auf das Unverwechselbare. Es findet eine Kulturalisierung von Kirche statt, die nicht mehr auf Kontinuität abstellt, sondern auf Authentizität:  „die Darstellung des besonderen Lebens vor den Anderen“. Mit viel Liebe wird hier alles designt, was designt werden kann.

Ganz am Ende kommt Reckwitz darauf zu sprechen, dass diese Entwicklungen in der Spätmoderne zu einer ganzen Reihe von Polarisierungen führen: Bei den Gütern (Massenware vs. Kultobjekte), den Arbeitsverhältnissen (einfache, monotone und prekäre Arbeit vs. hochqualifizierte Wissens- und Kulturökonomie), den Klassen und Lebensstilen (kosmopolitische, gebildete Mittelklasse vs. abgehängte Unterklasse), den sozialen Räumen (kreative Hotspots vs. Fly-over-country). Und nicht zuletzt in der Politik.

Und hier schließt sich jetzt der Kreis (für alle, die sich gewundert haben, wann den nun endlich noch etwas „Identitäres“ kommt). Reckwitz schreibt, dass sich gegen das neue, dominante politische Paradigma „eines apertistischen (öffnenden) und differenziellen (Unterschiede setzenden) Liberalismus, welcher auf eine Kombination von Wettbewerb und kultureller Vielfalt setzt“ von verschiedenen Seiten Widerstand erhebt; es gibt nämlich

…ein ganzes Bündel von antiliberalen (sub)politischen Kulturessenzialismen und -kommunitarismen (Ethnizität, Nationalität, religiöser Fundamentalismus, Rechtspopulismus) …, die gegen die Hyperkultur und ihre Märkte nun kollektive Identitäten mobilisieren. Diese Identitätsbewegungen bewegen sich freilich innerhalb [!!] der Logik der Gesellschaft der Singularitäten [Anm. von mir: bei Bauman ist ja auch Fundamentalismus die postmodernste Form von Religiosität]: Auch sie setzen auf Kultur und Singularität, verorten diese jedoch nicht auf mobilen Märkten, sondern innerhalb besonderer – religiöser, nationaler, ethnischer, völkischer – Kollektive. Das Ergebnis sind die für die Gesellschaft der Singularitäten überaus charakteristischen Konflikte um die Kultur. (S. 110)

Ich denke, ich kann nun auch klarer sagen, was mich an manchen (hippen wie miefigen) Frommen immer wieder an Typen wie Martin Sellner erinnert: Es ist dieser Gestus, mit dem sie dem Liberalismus, den sie ablehnen und verachten, den Untergang prophezeien. Vielleicht rührt die Verachtung auch daher, dass die eigene Identität im Rennen um Aufmerksamkeit und Anerkennung – Reckwitz nennt das Valorisierung – zusehends ins Hintertreffen geraten ist. Wenn er allerdings Recht hat, dann führen sie ihren Kulturkampf mit denselben Prämissen wie alle anderen. Weiterführende Lösungen als die energische Selbstdurchsetzung des eigenen Kollektivs (ein Mehr vom eigenen) haben sie, so weit ich das sehe, nicht anzubieten.

Eine kurze Einführung in Reckwitz‘ Gedankengänge gibts beim Deutschlandfunk (danke, Helge Seekamp!) und hier auf Zeit Online.

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Mal wieder Kulturkampf

Jesus hat die Familie radikal neu definiert und Geschlechterstereotype aufgeweicht, daran erinnert unter anderem der Predigttext für den kommenden Sonntag, in dem wir lesen: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Mit der Christologie haben die Autoren und Unterzeichner des Nashville Statement wenig am Hut. Sie spielt keine Rolle für ihre eher am Naturrecht und am Begriff der Schöpfungsordnung, und einem fundamentalistischen Bibelverständnis orientierten Einlassungen. Die Sprache der modernen Biologie wird da aufgegriffen, wo sie genehm ist („male and female reproductive structures“), und ihre Erkenntnis abgelehnt, wo es nicht ins Weltbild passt: Adam und Eva sind buchstäblich – offenbar im Sinne von „historisch“ – die ersten Menschen.

Mit anderen Worten: Binäre Heteronormativität wird hier ausdrücklich zum Dogma erhoben. Es wird explizit bestritten, dass es im Blick auf einzelne Menschen unklare Zuordnungen geben kann. Sie liegt bestenfalls in willkürlichen und fehlerhaften Selbstbeschreibungen oder Zuschreibungen begründet.

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Michael Prewett

Dann kommt der Artikel 10, er lautet: „WE AFFIRM that it is sinful to approve of homosexual immorality or transgenderism and that such approval constitutes an essential departure from Christian faithfulness and witness.“ Sünder sind also nicht nur alle, die sich als homosexuell oder Transgender betrachten und bezeichnen, sondern auch alle, die das billigen und unterstützen.

Hier ist unter Christen keine Meinungsverschiedenheit möglich, sagt das Dokument. Und auch wenn die folgenden Artikel von Vergebung und Gnade handeln, so ist doch sonnenklar, dass diese nur den Bußfertigen zuteil wird. Wer auf seiner abweichenden Meinung und Haltung beharrt, der ist verloren.

Ich habe eben als Kontrast die Barmer Theologische Erklärung durchgelesen. Gegen die Ideologie des Dritten Reiches haben die Autoren damals strikt christologisch argumentiert. Nur so konnten die plumpen Biologismen des Rassenwahns und totalitäre Machtansprüche abgewehrt werden. Aber statt sich über die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zu definieren, definierten sie sich über den Bezug zu Christus.

Rechtsevangelikale in den Staaten waren schon immer gern ein bisschen Anti: Gegen kritische Bibelwissenschaft, gegen Evolutionsbiologie, gegen Sozialismus und Kommunismus. Das, was man ablehnte, hatte man oft weder richtig verstanden noch fair dargestellt. Insofern ist auch dieser Schritt noch nichts Neues.

Aber das Nashville-Statement macht eine Art Anti-Genderismus zur Glaubensgrundlage mit totalitärem Geltungsanspruch. Im Gegensatz zur Barmer Erklärung wird nur noch abstrakt auf die Bibel verwiesen, aber nicht mehr ausdrücklich aus ihr zitiert. Und das Statement führt neue Glaubensgegenstände ein, die in den bisherigen Bekenntnissen nie eine Rolle gespielt hatten. Es hat diese Inhalte auch nicht aus der Schrift entwickelt, sondern sie aus der Gegenwartskultur importiert und inhaltlich ins Gegenteil gekehrt. Das wird dann zum nicht verhandelbaren Kernbestand des Glaubens erhoben, so dass der Widerspruch gegen diese dogmatische Neuschöpfung zum Bruch mit Gott selbst führt.

Also, wenn das kein Paradebeispiel für Synkretismus ist…

Die spannende Frage wird nun sein, ob und wie dieser Aufruf zum Kulturkampf in der evangelikalen Welt rezipiert wird. Ein paar progressive Stimmen haben schon Gegenerklärungen veröffentlicht. Das ist keine große Überraschung. Aber in Anbetracht dessen, wie fragwürdig hier aktiv Bekenntnisbildung betrieben wird, müsste der Widerspruch eigentlich noch viel breiter und energischer ausfallen, als es in den ersten Tagen nach dem Erscheinen der Artikel geschehen ist. Einfach nur schweigen ist eigentlich keine akzeptable Option.

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Rechtspopulismus als »rebellierende Selbstunterwerfung«

Auf Empfehlung von Walter Faerber lese ich gerade „Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“ von Ulrich Brand und Markus Wissen. Die beiden Autoren zeichnen ein detail- und kenntnisreiches Bild dessen, was sie Imperiale Lebensweise nennen. Sie beruht darauf, dass in den Zentren unserer kapitalistisch-neokolonialistischen Welt möglichst ungehindert konsumiert wird, während die Kosten (Umweltschäden, soziale Folgen) weitgehend ausgelagert und unsichtbar gemacht werden. Allein dazu gäbe es schon eine Menge zu sagen.

Die imperiale Lebensweise funktioniert als Hegemonie. Sie schreibt sich in alltägliche Prozesse und Gewohnheiten ein und lässt sie als „normal“ erscheinen: „Sie ist den einzelnen nicht länger äußerlich, sondern bedient sich ebenjener Mechanismen, mit denen sie auf sich selbst einwirken, entfaltet also ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie nicht als Herrschaft empfunden wird.“ (S. 58).

Mit anderen Worten: Sie ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Buchstäblich.

Inzwischen ist ein Stadium erreicht, wo diese Lebensweise multiple Krisen erzeugt hat, die sich nicht isoliert voneinander lösen lassen.  Das liegt daran, dass in einer globalisierten Welt das „Außen“, in das die Kosten verlagert werden können, immer schwerer zu finden ist.

Also bleibt nur die Abschottung. Sie ist das Leitmotiv der gegenwärtigen Flüchtlings- und Wirtschaftspolitik von Angela Merkel. Und sie macht die Rechten stark, wie Brand und Wissen betonen, führt also bei uns immer mehr zu einer Krise der liberalen Demokratie:

Damit bringen die diese Politik exekutierenden Kräfte, die sich in der Regel als »bürgerliche Mitte« etikettieren, genau das hervor, was sie als ihren Widerpart begreifen: autoritäre, rassistische und nationalistische Bestrebungen. Dass diese derzeit überall erstarken, liebt auch daran, dass sie sich in der Krise als die eigentlichen, weil konsequenteren Garanten jener Exklusivität inszenieren können, die im Normalbetrieb der imperialen Lebensweise immer schon angelegt ist. (S. 15)

Hier liegt die Attraktivität der neuen Rechten von Trump über Farage bis Gaulandt. In dem Moment, wo die hässliche Seite der imperialen Lebensweise nicht mehr vertuscht und geschönt werden kann, werfen sie alle sprachlichen und moralischen Skrupel über Bord und erklären offen den Verteidigungsfall.

Andre Hunter

… im Unterschied zu ihren »bürgerlichen« Konkurrenten sind sie in der Lage, ihrer Wählerschaft ein Angebot zu machen, das diese auf eine subalterne Position festlegt, und sie gleichzeitig aus ihrer postdemokratischen Passivierung befreit. […] Den Akteuren wird es dabei ermöglicht, »sich als Handelnde in Verhältnissen zu konstituieren, denen sie ausgeliefert sind.«

Das erklärt, warum rechte „Kapitalismuskritik“ ausschließlich da einsetzt, wo unerwünschte Folgen der imperialen Lebensweise im Inneren anfallen und  spürbar werden: Wenn der unrentable Kohlebergbau eingestellt wird, wenn der Staat Geld für Geflüchtete ausgibt, wenn das imperial normierte, androzentrische Verständnis der Geschlechterrollen in Frage gestellt wird.

Die Kritik an den Eliten ist lediglich die, dass sie die Interessen „des Volkes“ nicht rücksichtslos genug durchsetzen im globalen Wettlauf um Ressourcen und Wohlstand. Konsequent ausgeblendet wird dabei alles, was sich auf das „draußen“ bezieht: Klimawandel, Fragen der Gerechtigkeit, Krieg, Flucht und Vertreibung in anderen Teilen der Welt.

Die Rechten sind alles andere als eine Alternative. Sie sind die Hohenpriester der Alternativlosigkeit. Aber wer die imperiale Lebensweise (ob ausgesprochen oder nicht) für alternativlos hält, der macht die Rechten stark.

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Schottisches Tagebuch (4): Fetisch auf vier Rädern

Seit unserem letzten Besuch ist die Zahl der Touristen in den Highlands drastisch angewachsen. Quälend langsam dahinzuckelnde Wohnmobile mit desorientierten Fahrer*innen verstopfen die Single Track Roads, und wie das mit den Ausweichbuchten funktioniert, das hat sich auch noch nicht jede(r) genau angeschaut.

Der Postbote von Duirinish hat es irgendwann satt. Hupend überholt er drei italienische Campervans, die mit müden 20 km/h über den Asphalt kriechen, dann bremst er, steigt aus und liest dem Lenker des ersten Fahrzeugs energisch die Leviten. Er steigt wieder in sein rotes Auto und zischt davon, die eingeschüchterten Camper lassen die lange Schlange, die sich hinter ihnen angestaut hat, endlich passieren. Hoffentlich hält die Zerknirschung noch eine Weile.

Und dann brettern da ja noch die vielen SUVs herum. Schwerer, breiter und vor allem lauter durstiger als die Kleinwagen, die sonst hier immer anzutreffen waren. Gut wegen der dicken Schlaglöcher vielleicht, aber man sieht es den winzigen Sträßchen deutlich an, dass sie für die Lieblingsspielzeuge der oberen Mittelschicht nicht gebaut wurden.

Was macht die Dinger so populär?

Ich glaube, es handelt sich hier um einen klassischen Fetisch: Ein Symbol für etwas, das verloren gegangen ist, und dessen Vorhandensein diesen Verlust zugleich anzeigt und verdeckt: Den Verlust unseres Verhältnisses zur Schöpfung. Wir isolieren uns gegen alle Umwelteinflüsse, wir halten uns die Möglichkeit offen, an jeden Punkt im Gelände ohne körperliche Anstrengung zu gelangen, ohne den unberechenbaren und womöglich widrigen Elementen ausgesetzt zu sein. Der wuchtige Panzer macht uns quasi unverwundbar im Straßenverkehr. So lange man hinter dem Steuer sitzt, kann man sich ein bisschen übermenschlich fühlen.

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In Wirklichkeit sind wir ebenso verwundbar wie die Natur, über die die großen, breiten Räder hinwegrollen. Aber zu beidem haben wir ein gebrochenes Verhältnis: Zur eigenen Schwäche, weil sie uns Angst macht, und zur Natur, die wir zum Erlebnis- und Freizeitpark umfunktioniert haben – einer Kunstlandschaft, die unseren Bedürfnissen entspricht ohne je eigene Ansprüche anzumelden. Sie wird zur beliebig austauschbaren Selfie-Kulisse.

Genauso gilt freilich: Dass Sneakers, Sportklamotten und Jogginganzüge so populär sind, offenbart gerade den Bewegungsmangel, nicht etwa die Sportlichkeit unserer Gesellschaft.

Was man nicht alles lernt, da draußen.

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Protest und Position

Die Fremdheitsgefühle nicht nur des Dichters gegenüber einer aus den Fugen geratenen Welt thematisierte Rowan Williams vor 40 Jahren in seinem lesenswerten Aufsatz „Poetic and Religious Imagination“. Dabei kommt er auf das Buch Hiob zu sprechen, in dem diese Fremdheit dargestellt wird. Er beschreibt sehr treffend und schön, um was es dort geht:

… Hiob verlangt weiterhin eine Antwort, er verweigert die Resignation gegenüber dem Zustand der Welt ebenso wie die leichtfertige Rechtfertigung ihres Zustandes, weil er instinktiv und zutiefst überzeugt ist, dass „die Welt nicht genug“ ist. …  Schlicht zu resignieren wäre Verrat; das Strukturieren und Erklären Blasphemie. Was bleibt noch, wenn man die Welt weder akzeptieren noch vernünftig erklären kann? Es bleibt Hiobs Protest.  Hiob versteht seine Erfahrung als Frage, auf die man nur mit weiteren Fragen antworten kann. Seine Welt ist keine abgeschlossene Struktur, auf die sich nur passiv reagieren lässt, noch ist sie ein Problem, für das er, sein Bewusstsein, die Lösung wäre. Sie ist ein ungeordneter Fluss, in dem er seinen Ort finden muss. aber dieses Finden eines Ortes (eine mögliche Definition persönlicher Reife) heißt auch, in jeder Hinsicht Position zu beziehen: eine Wahl zu treffen hinsichtlich der Wirklichkeit, sich auf eine ‚Richtung‘ … der Welt und in der Welt festzulegen.

Dazu passt ganz gut, was ich diese Woche bei Bernhard Waldenfels in „Ortsverschiebungen – Zeitverschiebungen“ gelesen habe. Für Waldenfels ist die Erfahrung von Fremdheit konstitutiv für menschliche Selbst- und Welterfahrung: „Die Sachen selbst sind nie ganz sie selbst, so wie wir selbst nie ganz wir selbst sind“ (S. 30). Wir befinden uns zwar immer an einem Ort, und doch gilt zugleich: „Einzig der Mensch lässt sich charakterisieren als ein leibliches Wesen, das seinen Ort sucht“ (S. 39).

So kommt Waldenfels auf die zwei großen Ortsfragen der biblischen Urgeschichte zu sprechen. Er beginnt mit der Frage Gottes an den Menschen:

„Gott fragt Adam, der sich schuldbewusst vor seinem Antlitz versteckt: »Wo bist du?« Adam antwortet, indem er erklärt, warum er sich dem göttlichen Blick entzogen habe. Indem er dies tut, gibt er implizit zur Antwort: »Hier bin ich.« Er stellt sich der fremden Frage, indem er Stellung nimmt.“

Adam protestiert nicht wie Hiob gegen eine ungerechte Welt. Aber auch er sucht seinen Stand. Indem Gott ihn fragt, kann er nicht anders, als sich selbst zu fragen, was mit ihm los ist: „Ich werde mir selbst fraglich. Dadurch dringt eine Andersheit in mein Selbst ein, die es unmöglich macht, Selbstbefragung als reine Selbstbefragung zu verstehen.“ Diese zwiespältige Fraglichkeit des (mal mehr, mal weniger dislozierten) Menschen lässt ihm den eigenen Ort fremd erscheinen.


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Zumal der eigene Ort nie ganz der eigene ist. Darauf verweist die zweite Frage, die Gott an Kain richtet: „Wo ist dein Bruder?“ Sie zeigt an, „dass ich nicht an meinem Ort bin ohne stellvertretend den Platz eines Anderen einzunehmen. […] eigener und fremder Ort überdecken sich; ich bin zugleich dort, wo der oder die andere ist.“ (S. 41)

Hiob sucht und findet seinen Ort in seinem Protest gegen das sinnlose Leid der Welt. Und er bringt Gott dazu, Position zu beziehen. Auch wenn das bedeutet, dass Gott Hiob in Frage stellt – „Wer bist du schon?“ –, nun stellt sich auch Gott. Als hätte er darauf gewartet, dass ihn jemand dazu auffordert, anstatt sich resigniert zurückzuziehen oder dem Sinnlosen irgendwie noch einen mühsam konstruierten Sinn zuzuschreiben, die den Schrecken mildert.

In dem, was Williams und Waldenfels schreiben, wird auch deutlich, dass in Hiobs Situation etwas Exemplarisches sichtbar wird. Nicht im extremen Ausmaß von Leid und Verlust, aber in der Tatsache, dass unser Ort in der Welt immer fraglich ist. Etwas zieht mir „den Boden unter den Füßen weg“. Waldenfels nennt das Atopie, und die Ursache für dieses Herausfallen aus der vertrauten, geordneten Welt liegt an den Rissen, Brüchen  und Abgründen in dieser selbst – an dem „ungeordneten Fluss“, von dem Williams schreibt.  Der Ort, an dem ich bin, wird (oder bleibt) mir fremd – äußerlich wie innerlich:

„Niemand, auch nicht der Feldvermesser, weiß völlig, wo er ist. Und auch die Moralvermesser wissen nicht völlig, wo sie sind. […]

Im »Un-bewussten« wiederholt sich die Zweideutigkeit der A-topie. Auch das Unbewusste ist kein bloßes Nichtwissen, kein Wissen, das anderswo abgelagert ist, sondern eine eigentümliche Form des Wissensentzugs inmitten unseres Wissens, wie es sich schon im wissenden Nichtwissen des Sokrates andeutet. Von daher bekommt all unser Reden und Tun etwas Doppelbödiges.“ (S. 125f.)

Das Doppelbödige ist immer da. So lange alles rund läuft, können wir es vielleicht ignorieren oder verdrängen. Wenn unsere Illusionen von Sicherheit und Sorglosigkeit platzen, unsere Karten der Welt nicht mehr stimmen, dann geht es uns wie Hiob. Deswegen ist seine Geschichte auch so bleibend aktuell.

Gott gibt keine Antwort, die es Hiob möglich macht, verstörende und widersprüchliche  Erfahrungen sauber in ein moralisches oder theologisches Koordinatensystem einzuordnen. Aber er bestätigt ihn an dem Ort, an dem er protestierend steht, indem er mit ihm spricht – und sich zu ihm stellt.

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Warum selbst pervertierte Macht auf das lästige Recht nicht ganz verzichten kann

Schwer unter die Haut gegangen sind mir diese Woche die Nachrichten über Foltergefängnisse in Syrien. Einzelschicksale wurden ja kaum geschildert – und trotzdem ist schon die allgemeine Vorstellung unerträglich.

Zugleich habe ich mich gefragt, warum in solchen Diktaturen dieses üble Schmierentheater aufgeführt wird: Geständnisse werden durch Folter erzwungen, darauf folgen geheime gerichtliche Eilverfahren und dann die ebenso geheime Hinrichtung. Wozu die ganze Mühe, warum ermordet man die Leute nicht sofort? Wäre das alles nicht viel einfacher?

Drei Gründe fallen mir ein:

  • Die Auftraggeber brauchen für sich selbst den Anschein, wenigstens formal so etwas wie Recht angewandt zu haben. Da ist dieser perverse Wunsch, irgendwie als gut zu erscheinen, auch wenn man das ganz offenkundig nicht ist.
  • Die Opfer werden zusätzlich gequält und gedemütigt, wenn ihnen eine theoretische Chance vorgegaukelt wird, sich zu rechtfertigen und zu retten, und die Gewalt, die ihnen angetan wird, als rechtens deklariert wird.
  • Die Handlanger des Systems machen bereitwilliger mit, wenn man ihnen diesen Selbstbetrug anbietet und ihr Tun als irgendwie rechtmäßig ausgibt.

Ich vermute, die dritte Antwort ist die wichtigste. Und deswegen ist es so eminent wichtig, diese Verbrechen zu dokumentieren und dem Regime bei jeder Gelegenheit den Spiegel vorzuhalten. Die Anstifter oben in der Befehlskette werden wir kaum überzeugen. Aber wir können es ihnen etwas schwerer machen, Helfershelfer zu finden. Und den vorhandenen Helfershelfern wird es nicht mehr möglich sein, aus Unwissenheit zu plädieren, wenn das Regime stürzt.

Im kleineren Maßstab gilt das auch hier: Die Populitiker, die Flüchtlinge trotz offensichtlicher Lebensgefahr ins vermeintlich „sichere“ Afghanistan abschieben wollen, werden sich kaum von unseren Protesten beeindrucken lassen. Aber es gibt vielleicht Polizisten und Beamte, die einen so fragwürdigen Beschluss nicht ausführen wollen. Je mehr das sind, desto schwieriger wird es für die Regierungen.

Die Dickfelligkeit der Mächtigen darf uns nicht dazu verleiten, leiser zu werden. Auch der ohnmächtige Protest ist nicht ganz so ohnmächtig, wie er scheint. Er erreicht nicht jedes Gewissen, aber doch einige. Diese Woche habe ich Micha 6 gelesen und nicht am Ende von Vers 8 die Bibel zugeklappt. So geht es weiter in Sachen Recht und Unrecht, falls jemand mal Worte und Vorbilder sucht:

Horcht! Der Herr ruft der Stadt zu: [Klug ist es, deinen Namen zu fürchten.] Hört, ihr Bürger und Räte der Stadt!

Kann ich die ungerecht erworbenen Schätze vergessen, du Haus voller Unrecht, und das geschrumpfte Maß, das verfluchte? Soll ich die gefälschte Waage ungestraft lassen und den Beutel mit den falschen Gewichten?

Ja, die Reichen in der Stadt kennen nichts als Gewalttat, ihre Einwohner belügen einander, jedes Wort, das sie sagen, ist Betrug. Deshalb hole ich aus, um dich zu schlagen und dich wegen deiner Sünden in Schrecken zu stürzen.

Du wirst essen, doch du wirst nicht satt; Schwindel wird dich befallen. Was du beiseite schaffst, rettest du nicht; was du rettest, übergebe ich dem Schwert. Du wirst säen, aber nicht ernten; du wirst Oliven pressen, aber dich mit dem Öl nicht salben; du wirst Trauben keltern, aber den Wein nicht trinken.

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Transformation war gestern

Seit ein paar Wochen ist Ulrich Becks postum erschienenes Buch „Die Metamophose der Welt“ auch auf Deutsch auf dem Markt. Ich fand es in mehrfacher Hinsicht sehr anregend und hilfreich. Vielleicht gerade in Zeiten wie diesen. Beck setzt sich darin mit der Weltrisikogesellschaft auseinander, die in den letzten Jahrzehnten durch die Globalisierung und Kosmopolitisierung der Welt entstanden ist.

Er kommt darin zu dem Schluss, dass wir es mit einem ganz neuen Typus von Wandel und Veränderung zu tun haben. Die Entwicklungen, die er beschreibt, verlaufen nicht einfach nur etwas schneller als bisher (aber mehr oder weniger in dieselbe Richtung), sondern sie führen in Situationen, in denen uns die Begriffe und Konzepte ausgehen. Vor allem aber versagen viele Institutionen, deren Aufgabe es wäre, für Stabilität und Berechenbarkeit zu sorgen:

Es handelt sich bei der Weltrisikogesellschaft um eine gesellschaftliche Formation, in der die hingenommenen, akkumulierten Nebenfolgen von Milliarden habituellen Handlungen die existierende soziale und politische, institutionelle Ordnung haben obsolet werden lassen. (S. 72)

Herkömmliche Begriffe wie Transformation werden in der Regel für zielgerichtete, planvolle, kontrollierbare und schrittweise Veränderungen verwendet. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess. Anders die Metamorphose: Sie tritt ungeplant ein, Ausgangspunkt und Ergebnis stehen in einem eher losen Zusammenhang. Wie in der Biologie löst sich erst einmal alles auf und verliert seine Form und Konturen. Und während bei Weltrisikogesellschaft die Akzent noch auf den unerwünschten Nebenwirkungen der Modernisierung lag, liegt er nun auf den positiven Nebenwirkungen der global produzierten Risiken. Das ist etwas Neues:

Während die Konflikte, die sich an Revolutionen des Weltbilds entzündeten, Jahrzehnte, selbst Jahrhunderte währten, und die Folgen der französische Revolution sich über die vergangenen 200 Jahre erstreckten, … spielt sich die Metamorphose der Welt in Weltsekunden ab, in einer Geschwindigkeit, die nicht weniger als unfassbar ist, und infolgedessen überrennt und überwältigt sie nicht nur den einzelnen, sondern auch die Institutionen. Und aus diesem Grund entzieht sich die Metamorphose, obwohl sie sich unmittelbar vor unseren Augen abspielt, den Konzeptualisierungen der Sozialwissenschaften fast vollkommen. Und aus diesem Grund auch haben so viele heute den Eindruck, dass die Welt aus den Fugen ist. (S. 81)

Und so verläuft die Metamorphose auf drei Ebenen zugleich: Kategorial in unserem Weltbild, institutionell in unserem „in-der-Welt-Sein“, und normativ-politisch, indem neue Handlungsoptionen entstehen. Eine sehr spannende Vorstellung.

Etwas beunruhigend ist für mich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Beschreibungen des Wandels, die mir im kirchlichen Kontext begegnen, eher darauf beruhen, dass man die Entwicklungen der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit extrapoliert und fortschreibt und sich dann Gedanken macht, wie damit möglichst kontrolliert umzugehen wäre. Wenn Beck Recht hat (und es spricht viel dafür), dann wird das vorne und hinten nicht ausreichen. Dann müssten wir darüber nachdenken, wie wir uns alle darauf vorbereiten, mit dem gänzlich Unerwarteten und Unkontrollierbaren fertig zu werden. Davon höre und lese ich wenig.

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Der Atheismus des Marktes und die Folgen: Eine Verbeugung vor Zygmunt Bauman

Der Soziologe Zygmunt Bauman ist kürzlich gestorben. Es gibt wenige Autoren, die meinen Blick auf die Welt in den letzten zehn Jahren so nachhaltig beeinflusst haben wie der Mann aus Posen, der zwei Diktaturen erlebte. Es war vor allem seine differenzierte Sicht der gesellschaftlichen Veränderungen, die er „flüchtige Moderne“ nannte. Das war ein großer Fortschritt gegenüber viele diffusen und gelegentlich auch reichlich konfusen Konzepten von „Postmoderne“. Wir alle leben in der Flüchtigen Moderne, ob wir nun dem Postmodernismus zuneigen oder nicht (selbst dessen erbittertste Feinde, fand Bauman, die Fundamentalisten religiöser und atheistischer Färbung, sind allesamt typische Exemplare dieser zweiten Moderne).

Als kleine Verbeugung vor dem großen Mann habe ich im letzten Kapitel von Terry Eagletons „Culture and the Death of God“ geblättert, von dem ich den Eindruck habe, dass hier ganz ähnliche Gedanken (nun aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers) auftauchen. Es wirkt wie ein Echo auf Baumans Thesen. Vielleicht finden es ja auch andere tröstlich, dass seine Ideen und Entdeckungen weiterleben.

Eagleton hat nachgezeichnet, wie im Laufe der Säkularisierung verschiedene Dinge als Platzhalter für „Gott“ ins Spiel gebracht wurden: Die Vernunft, die Kultur, die Geschichte, die Nation, die Ästhetik, die Menschheit (bis hin zu Nietzsches Übermenschen) – all das hatte eine transzendente Dimension. Gott war zumindest in seiner Abwesenheit präsent, und die Lücke, die er bei denen hinterließ, die nicht mehr an ihn glaubten oder nicht mehr von ihm sprechen wollten, blieb durch diese Platzhalter sichtbar:

Während der Modernismus den Tod Gottes als Trauma erfährt, als einen Affront, gleichermaßen eine Quelle der Angst wie ein Grund zum Feiern, erfährt der Postmodernismus ihn gar nicht mehr. Es gibt in der Mitte des Universums kein gottförmiges Loch, […] es gibt überhaupt keine Lücke mehr in diesem Universum. […] Das postmoderne Subjekt tut sich schwer, in sich selbst genug Tiefe und Kontinuität zu finden, um ein geeigneter Kandidat für tragische Selbstaufgabe zu werden. Man kann nichts aufgeben, was man nie besessen hat. Wenn es keinen Gott mehr gibt, dann zum Teil deshalb, weil es keinen geheimen, inneren Ort mehr gibt, wo er sich einstellen könnte. (S. 186)

Wenn aber weder die Einheit des Subjektes noch die Einheit der Welt einen sicheren Ausgangspunkt des Denkens bildet, dann ist auch für den einen Gott kein konzeptioneller Raum mehr vorhanden. Der Mensch hört auf, sich als intentional und schöpferisch zu betrachten. auch das hat mit einem Wandel der Gesellschaft zu tun, und zwar einem, der auch Bauman intensiv beschäftigt hat:

Konsumenten sind passive, diffuse, vorläufige Subjekte – so wird der Allmächtige traditionellerweise nicht dargestellt. Solange Menschen als Produzenten, Arbeiter, Hersteller, Gestalter ihrer selbst angesehen werden, kann Gott nie völlig erlöschen. Hinter jeder produktiven Tätigkeit lauert ein Bild der Schöpfung, und ein schöpferischer Akt im besonderen – die Kunst – konkurriert mit dem Allmächtigen selbst. Aber nicht einmal er kann den Advent des Menschen als des ewigen Konsumenten überleben. (S. 190)

Das neue absolute Prinzip ist die Kultur. Alles ist Kultur, alles ist kulturell erzeugt und überformt, jedes Nachdenken darüber ist wiederum ein kulturelles Geschehen; Kultur ist unhintergehbar, aber sie ist nicht mehr transzendent, sondern nur noch transzendental – die Bedingung der Möglichkeit all dieser Phänomene. Das wirkt sich auch auf postmoderne Religiosität und Spiritualität aus:

Spiritualität ist das Bedienen von Bedürfnissen, die einem die Stylistin oder der Aktienhändler einem nicht erfüllen kann. Doch im Grunde ist diese ganze Zweite-Hand-Jenseitigkeit nur eine Form des Atheismus. Ein Weg, sich erhaben zu fühlen ohne die krasse Unannehmlichkeit Gottes. (S. 191f.)

Ebenso werden Überzeugungen und Glaubensansichten postmodern zu Accessoires, die man eher zu ästhetisch-dekorativen Zwecken benutzt, als dass man sich ihnen bleibend verpflichtet fühlen würde. Die Suche nach Glaube und Gewissheit wird dagegen prinzipiell wahlweise als Schwäche diffamiert oder als erster Schritt zu einem tyrannischen Dogmatismus. Eagleton kommentiert:

Überzeugung setzt eine Einheitlichkeit des Selbst voraus, die sich nur schwer verträgt mit dem flatterhaften, adaptiven Subjekt des fortgeschrittenen Kapitalismus. Außerdem ist zuviel Lehrmeinung schlecht für den Konsum. Sie ist außerdem aus der Mode, weil der Glaube die Gesellschaft nicht zusammenhält wie die Lutherische Kirche oder die Pfadfinderbewegung. Der Kapitalismus mit seinem Hang zum Pragmatischen, Utilitaristischen, vor allem in seiner postindustriellen Inkarnation, ist eine zutiefst glaubenslose Gesellschaftsordnung. Zu viel Überzeugung ist für dein Funktionieren weder notwendig noch wünschenswert.

… Die Glaubenslosigkeit des fortgeschrittenen Kapitalismus ist in seinen praktischen Routinen eingebaut. Sie ist nicht primär eine Frage der Frömmigkeit oder Skepsis seiner Bürger. Der Markt verhielte sich auch dann noch atheistisch, wenn jeder Marktteilnehmer ein wiedergeborener Evangelikaler wäre. (S. 195f.)

Mit dem Ende des kalten Krieges dachten viele, es sei nicht nur das ende der Geschichte gekommen, sondern auch das Ende aller großen, sinnstiftenden Erzählungen. Und hier beginnt die große Ironie des 21. Jahrhunderts:

Kaum war eine gründlich atheistische Kultur auf den Plan getreten, eine, die nicht mehr ängstlich diesem oder jenem Platzhalter für Gott anhing, setzte sich die Gottheit mit Nachdruck wieder auf die Tagesordnung. Die beiden Ereignisse sind keineswegs unzusammenhängend: Der Fundamentalismus hat seine Ursache in der Angst, weniger im Hass. Er ist die pathologische Denkweise all jener, die fühlen, dass in einer schönen neuen spätmodernen Welt gescheitert sind, und von denen einige schlussfolgern, dass sie auf ihre unterbewertete Existenz nur dadurch aufmerksam machen können, dass sie eine Bombe im Supermarkt explodieren lassen. (S. 197)

Der Allmächtige wurde anscheinend in seinem Sarg gar nicht sicher festgenagelt. Er hatte einfach nur die Adresse geändert, er emigrierte in den Bible Belt der USA, die Evangelikalen Gemeinden Lateinamerikas und die Slums der arabischen Welt. Und sein Fanclub wächst stetig an. (S. 199)

Eagleton macht sich ausgiebig lustig über die Versuche der politischen Linken (er nennt z.B. Agamben, Zizek, Badiou, Habermas und de Botton) das humanitäre und soziale Potenzial der Religion (zumal der christlichen) zu instrumentalisieren, ohne sich auf ihre inneren Überzeugungen jemals ernsthaft einzulassen und den eigenen Materialismus in Frage zu stellen.

Bauman hat sich, so weit ich sein Werk kenne, nie als religiöser Mensch geäußert. Anders Eagleton, der damit über Bauman hinausgeht und diesen Gedankengang schließt, indem er – zutreffend, wie ich finde – schreibt:

Dem christlichen Glauben geht es jedoch nicht um moralische Erbauung, politische Einheit oder ästhetischen Charme. Er setzt auch nicht bei irgendeiner ominös-verschwommenen ‚unendlichen Verantwortung‘ an. Er beginnt mit einem gekreuzigten Leib. (S. 206)

… Wenn religiöser Glaube von der Bürde befreit wäre, soziale Ordnungen mit Rechtfertigungen ihres Vorhandenseins zu möblieren, dann wäre er frei, seinen wahren Zweck wiederzuentdecken als Kritik all solcher Politik. So gesehen läge sein Heil in seiner Überflüssigkeit. Das Neue Testament sagt kaum etwas über staatsbürgerliche Verantwortung. Es ist überhaupt kein „zivilisiertes“ Dokument. Es zeigt keinerlei Begeisterung für gesellschaftlichen Konsens. […] Es untermauert nicht die Feld-Wald-und-Wiesen-Moral, sondern bringt die äußerst unbequeme Nachricht, dass unsere Lebensformen eine radikale Auflösung durchmachen müssen, wenn sie als gerechte und barmherzige Gemeinschaften wiedergeboren werden sollen. Das Zeichen dieser Auflösung ist die Solidarität mit den Armen und Ohnmächtigen. Hier könnte eine neue Konfiguration von Glaube, Kultur und Politik geboren werden.

Dazu in ein paar Tagen mehr.

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Welt-Bild-Untergang

Ich hatte keine Lust, bis Dezember darauf zu warten, dass Ulrich Becks Metamorphose der Welt auf Deutsch erscheint, und mir das Englische Original besorgt. Mit dem kleinen Haken, dass ich nun Zitate wie dieses zurück ins Deutsche übersetzen muss, was Beck uns als Botschaft von großer Dringlichkeit hinterlassen hat:

Für diejenigen, deren metaphysische Gewissheit sich auf Nation, Ethnie oder Religion gründet, bricht die Welt zusammen. Ihre Verzweiflung bringt sie dazu, sich nationalem oder religiösem Fundamentalismus zuzuwenden. Folglich erzählen uns hunderte von soziologischen Studien, die fragten, was die Menschen denken, von einem Rückschlag hin zu renationalisierten Orientierungen. Das mag zutreffen im Blick auf das Denken der Leute, aber wie verhält es sich mit ihrem Handeln? Die Studien, die sich auf Orientierungen beschränken, gehen am Wesentlichen vorbei: Was auch immer Menschen denken oder glauben, sie entgehen dem Paradox der Metamorphose nicht, das es eine kosmospolitisierte Welt ist: Um ihren nationalen und religiösen Fundamentalismus zu verteidigen, müssen sie kosmopolitisch handeln – ja sogar denken und planen. Und damit treiben sie voran, was sie ursprünglich bekämpfen wollten: Die Metamorphose der Welt.

Beck hat seinen neuen Ansatz auch schon in diesem Vortrag skizziert, der dem Eingangskapitel des (erst nach seinem Tod erschienenen) Buches stark ähnelt. Die neuen, globalen Herausforderungen erfordern Antworten und Lösungen, die nicht mehr innerhalb der herkömmlichen nationalen, ethnischen und religiösen Lager entwickelt und gefunden werden können. Eine Zusammenarbeit ist nötig. Die anderen sind nicht einfach das Problem und das, was die eigene Seite zu bieten hat, ist nicht allein schon die Lösung. Die Welt wird nicht dadurch gerettet, dass alle werden wie wir.

Beck unterscheidet zwischen Glaubenssätzen und Aktivitätsfeldern. Glaubenssätze können weiterhin partikulär sein, die Aktivitätsfelder sind ausnahmslos kosmopolitisch. Sobald also jemand nicht nur denkt und doziert, sondern handelt, bekommt er es mit allen und allem zu tun. Seiner Zunft, den Sozialwissenschaften, wirft Beck nebenbei „methodologischen Nationalismus“ vor – sofern sie nämlich nur in den gewohnten Bahnen weiterdenken und dabei in allerlei Sackgassen enden. Angesichts der vielfach düsteren Prognosen von Experten fragt er:

Wie wir alle wissen, wird die Raupe in einen Schmetterling verwandelt. Aber weiß das der Schmetterling? Das ist die Frage, die man Katastrophikern stellen muss. Sie gleichen Raupen, die, eingepuppt im Weltbild ihrer Raupen-Existenz (ich will nicht sagen: ethnischer Existenz), keine Idee von Metamorphose haben. Sie vermögen nicht zu unterscheiden zwischen Zerfall und Anders-Werden. Sie sehen die Welt und ihre Werte untergehen, wo nicht die Welt, sondern ihr Weltbild untergeht.

Beim Lesen musste ich an einen bekannten Abschnitt aus Frederick Buechners „Beyond Words“ denken:

The grace of God means something like: “Here is your life. You might never have been, but you are, because the party wouldn’t have been complete without you. Here is the world. Beautiful and terrible things will happen. Don’t be afraid. I am with you. Nothing can ever separate us. It’s for you I created the universe. I love you.

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Warum das mit der „Leitkultur“ nicht funktionieren wird

Gestern las ich bei Terry Eagleton einen bedenkenswerten Kommentar zur aktuellen Debatte um Kultur, namentlich die immens problematische Idee einer „Leitkultur“:

Es ist wahrscheinlicher, dass Kultur gesellschaftliche Spaltungen vertieft, statt zu versöhnen. Fangen Streitigkeiten erst einmal an, das Konzept von Kultur selbst zu infiltrieren – sind Wert, Sprache, Symbol, Verwandtschaft, Erbe, Identität und Gemeinschaft erst einmal politisch aufgeladen – hört die Kultur auf, Teil der Lösung zu sein und wird zum Teil des Problems. Sie bietet sich nicht mehr als gemeinschaftliche Alternative zu einseitigen Interessen an. Stattdessen macht sie aus einer Scheintranszendenz einen militanten Partikularismus. (Culture and the Death of God, S. 122)

Wer Leitkultur amtlich definieren und andere darauf verpflichten möchte, der nimmt sich als Konfliktpartei wie als verantwortliches Wesen aus dem Spiel und bürdet einseitig den anderen die Last auf, den sozialen Frieden zu sichern. Oder, noch wahrscheinlicher, er schiebt die Schuld für den schon längst gestörten Frieden einfach anderen in die Schuhe.

Wir haben ein Grundgesetz, wir haben die Charta der Menschenrechte. In dem Moment, wo wir anfangen, eine „Leitkultur“ zu definieren (und ohne präzise Definition wäre sie nichts wert), kommen fast zwangsläufig solche Fragen auf den Tisch wie die, ob Schweinebraten dazugehört oder welche Kopfbedeckungen und Badekleidung den Frieden im Land stören. Interessanterweise scheinen sich die Leute (und Parteien), die sich über solche Fragen ereifern, an Menschenrechten und Grundgesetz eigenartig desinteressiert.

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Bell, Bedford-Strohm und die Emergenz

„Ist das Universum fertig?“, fragt Rob Bell in der zweiten Auflage seines „Everything is Spiritual“-Vortrags. Seit 13 Milliarden Jahren dehnt es sich aus, vertieft und entfaltet eine immer vielschichtigere Komplexität. Vom subatomaren Partikeln zur Galaxie, von der Materie zum Organismus, vom Einzelwesen zum Schwarm und vom Unbewussten zum Bewusstsein, das zur Sprache und Selbstreflexion fähig ist. Setzt sich diese Entwicklung fort – und wie würde das wohl aussehen? Mehr noch: was hätte das mit uns Menschen zu tun?

Warum beschäftigt uns die Zukunft überhaupt? Kann es Neues geben, ist die Zukunft offen, oder ist alles schon determiniert durch Vergangenheit und Gegenwart und die bekannten Kräfte und Mechanismen? Muss man also Neuschöpfung streng supranaturalistisch als völlige Diskontinuität zum Bestehenden denken, oder den Gedanken an eine echte Transformation der Welt als überholten Mythos verwerfen?

Ein paar Tage später begegnete mir das Thema in der Pfingstpredigt von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Und auch hier ging es um Zukunft und Hoffnung:

Die Spuren des Heiligen Geistes mit seiner Kraft zum Neuen, zum Überraschenden, sind bis in die Wissenschaften hinein zu finden. Ja, auch die moderne Wissenschaft kennt ein Phänomen, das man als Spur des Heiligen Geistes verstehen kann. Die Wissenschaftler nennen es „Emergenz“. Emergenz kommt vom Lateinischen „emergere“ und heißt wörtlich übersetzt „Auftauchen“, „Herauskommen“, „Emporsteigen“) Es bezeichnet „die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“ – so kann man es in Wikipedia finden. Das Spannende ist, dass sich diese neuen Eigenschaften nicht aus dem Prinzip Ursache-Wirkung erklären lassen. Wissenschaftler können normalerweise beschreiben, wie Dinge aus anderen Dingen entstehen. Es gibt aber eben auch Phänomene, bei denen diese Erklärung auch aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich unmöglich ist. Phänomene, die nachweisbar nicht aus irgendwelchen wissenschaftlich im Prinzip beschreibbaren Ursachen zu erklären sind.

Der Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin spricht in seinem Buch „Abschied von der Weltformel“ von einem Paradigmenwechsel in der Wissenschaft:

Sosehr mir die Vorstellung von Zeitaltern auch missfällt, so gut lässt sich meiner Ansicht nach vertreten, dass die Wissenschaft mittlerweile von einem Zeitalter des Reduktionismus in ein Zeitalter der Emergenz übergegangen ist, eine Ära, in der die Suche nach den letzten Ursachen der Dinge sich von Verhalten der Teile auf das Verhalten des Kollektivs verlagert.

Die Vorstellung des Reduktionismus war, man könne eine Weltformel finden, indem man die Welt in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt und deren Gesetzmäßigkeit ermittelt, und dass mittels dieser Formel exakte Vorhersagen und umfassende Kontrolle möglich würden. Laughlin betrachtet Emergenz – der Begriff stammt ja ursprünglich aus der Biologie – als ein Phänomen, mit dem es alle Wissenschaften zu tun haben:

Emergenz bedeutet Unvorhersagbarkeit in dem Sinn, dass kleine Ereignisse große und qualitative Veränderungen bei größeren Vorgängen verursachen. Emergenz steht für die grundsätzliche Unmöglichkeit der Kontrolle. Emergenz ist ein Naturgesetz, dem die Menschen unterworfen sind.

Wenn Emergenz – und das bekräftigt Laughlin ohne Einschränkungen – auch für menschliches Verhalten und Bewusstsein gilt, dann ist sie auch Thema der Theologie (Michael Welker hat das auf die Pneumatologie bezogen, Berndt Hamm auf die Kirchengeschichte).

Und wenn wir es heute in der Kirche (angesichts emergenter Veränderungen unserer sozialen Strukturen und Ökosysteme) mit einem reaktionären, auf Kontrolle bedachten Traditionalismus zu tun haben, wenn in der Politik die nationale Rolle rückwärts als Schritt zur Wiedererlangung verlorener Herrschaft über komplexe, globale Umstände propagiert wird und monokausale Lösungsstrategien als Heilsbringer angepriesen werden, dann zeichnet sich auch darin ab, dass Emergenz ein Thema ist, das uns auf absehbare Zeit erhalten bleibt. Und dass die Heilsversprechen der Traditionalisten mindestens Illusionen sind, oft aber Behauptungen wider besseres Wissen – Lügen also.

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Pfingstliche Versuchungen

Sehr wahrscheinlich war ich nicht der einzige, der sich in den letzten Tagen Gedanken über das zweite Kapitel der Apostelgeschichte gemacht hat. Wie geht man mit einem solchen Text um? Mir sind vier mäßig gute Wege dazu eingefallen:

Das verklärte Andenken: So war das mal. Die gute alte Zeit. Hach…

Der hohe Anspruch: Die begeisterte Urgemeinde als Ideal, an dem wir uns messen lassen müssen.

Die technische Anleitung: Wenn wir es genauso machen wie die Jünger damals (z.B. täglich zusammen beten und ein Herz und eine Seele sind), bekommen wir dieselben Ergebnisse (exponentielles Gemeindewachstum wie in Korea, Nigeria, oder anderen Boomregionen des Glaubens).

Die Schrift als Beweisstück der Anklage: Die Leute damals hatten viel mehr von dem, was wir uns wünschen/haben sollten/brauchen. Was zur nächsten Frage führt, nämlich: Wer ist daran schuld, dass es bei uns so mau aussieht? Wir alle? Das Lager unserer theologischen Gegner? Die Gemeinde- oder Kirchenleitung? Die Kirchenmusik?

Ein (nicht sonderlich origineller) Spezialfall der letzten Variante ist die schroffe Antithese von Heiligem Geist und Zeitgeist. In der Regel reklamierten Konservative gern ersteren für sich und warfen all jenen, die sich auf die komplexen Fragen unserer Gesellschaft einlassen, vor, sie ließen sich vom Zeitgeist verführen. So weit, so langweilig.

Inzwischen allerdings kehrt sich diese Geschichte um: Der Zeitgeist hat längst ausgesprochen reaktionäre Züge angenommen. Er neigt zur Abschottung, zum Autoritarismus und zur Angstmacherei vor allem Fremden. Der Zeitgeist 2016 liebt starke Männer und einfache Antworten, er hegt Ressentiments gegen Intellektuelle und Journalisten („Gutmenschen“ eben, oder alles, was als „links“ und „liberal“ wahrgenommen wird). Er traut nur denen, die denselben Dialekt sprechen, und definiert Identität im Ausschlussverfahren.

Diese Bewegungen haben gerade weltweit mächtig Aufwind. Aber mit Gottes Geist hat das herzlich wenig zu tun, auch wenn das Brausen derzeit mächtig ist und es an vielen Stellen zu brennen beginnt. Wenn ich allerdings lese, was Papst Franziskus oder der Rat der EKD dazu schreiben, dann ist mir um die Kirche nicht bange. Es ist noch genug guter Geist da, um Widerstand zu üben.

In diesem Sinne – frohe Pfingsten!

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Vier Fragen, die viel verraten

Vor ein paar Wochen habe ich mich hier schon einmal mit dem Thema Autoritarismus beschäftigt. Nun hat mich Björn Wagner auf einen Artikel aufmerksam gemacht, der das Thema im Zusammenhang mit Donald Trump und dem US-Wahlkampf beleuchtet. Autoritäre Denkmuster sind der Hintergrund für den Überraschungserfolg von Donald Trump und den Aufstieg des Rechtspopulismus.

Wenn Menschen mit autoritären Denk- und Reaktionsmustern verunsichert werden, schreibt Jonathan Haidt, reagieren sie folgendermaßen: „In case of moral threat, lock down the borders, kick out those who are different, and punish those who are morally deviant.“

Nachdem es schwierig ist, von Menschen ehrliche Antworten über ihre politischen Ansichten zu bekommen, Autoritarismus aber eher ein stabiler Charakterzug zu sein scheint als eine flüchtige und nur aus Politische bezogene Präferenz, befragte Stanley Feldman seine Probanden einfach zu ihren Vorstellungen von Erziehung und Elternschaft – und erhielt aussagekräftige Ergebnisse. Die Fragen lauteten:

  • Was ist wichtiger für ein Kind: Unabhängigkeit oder Respekt gegenüber Älteren?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Gehorsam oder Selbstvertrauen?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Rücksichtsvoll zu sein oder folgsam?
  • Was ist wichtiger für ein Kind: Neugier oder gute Manieren?

Bisher, sagen die Autoren, spielte der Autoritarismus nur eine Nebenrolle in der Politik, doch der gesellschaftliche Wandel wirkt sich auch hier aus. Waren autoritär denkende Wähler zuvor unter den Sympathisanten allen Parteien zu finden, sammeln sie sich nun bei den Rechtspopulisten. Eine eher apolitische Mentalität wird zu einer aktiven politischen Kraft. Aktiviert wird diese Bewegung durch Verunsicherung und die Furcht vor Bedrohungen von außen. Und furchterregender als die Kandidaten ist dabei der Fanatismus ihrer empörten Unterstützer.

Wenn man die vier Fragen oben betrachtet, dann bekommt man eine Ahnung, wie groß das rechte Wählerpotenzial auf allen Seiten des großen Teichs sein könnte. Noch nicht so ganz klar ist mir indes, ob der Autoritarismus in der Bevölkerung durch diese Aktivierung gerade zunimmt, wie er abgebaut werden kann oder ob man erst einmal damit leben muss und hoffen, dass nur mittelmäßige Demagogen davon profitieren.

Der Zulauf der Autoritären kommt aus allen politischen Lagern, die Zerreißprobe spielt sich im konservativen Spektrum ab. Der Artikel rechnet damit, dass sich die republikanische Partei in einen autoritären und einen moderaten Flügel spalten könnte, bei uns etabliert sich die AfD rechts der Unionsparteien und im kirchlichen Spektrum stehen moderat Konservative vor der Frage, wie sie sich zwischen eher liberalen Christen zur Linken und den zunehmend kompromisslosen Fundamentalisten zur Rechten positionieren sollen. Auf welcher Seite wer am Ende steht, das könnte an der Antwort auf die vier Fragen oben ablesbar sein.

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