Gott und die Geschlechter

In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um eine enge oder weite Interpretation von Ehe und Familie taucht immer wieder der Verweis auf die biblischen Schöpfungserzählungen auf. Die Vertreter der engen Auslegung gehen davon aus, dass

  1. diese Texte vor allem präskriptiv zu lesen sind, also Ordnungen darstellen, die keine Variationen zulassen
  2. „Mann“ und „Frau“ komplementär aufeinander bezogen sind, also die Verschiedenheit der Geschlechter eine gegenseitige Ergänzung bewirkt
  3. diese Polarität ihren Ursprung im Wesen Gottes hat und echte Gottebenbildlichkeit erst in der Ehe erreicht ist, während sie in gleichgeschlechtlichen Beziehungen entstellt, verfehlt oder pervertiert wäre.

Walter Klaiber, der frühere Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche und theologisch sicher kein Radikaler, hält das in Schöpfung. Urgeschichte und Gegenwart für eine Überinterpretation von Genesis 1:

Damit ist nicht eine ursprünglich androgyne Gottesvorstellung vorausgesetzt und auch nicht die Gottebenbildlichkeit in der Beziehung von Mann und Frau angesiedelt. Wohl aber wird damit ausdrücklich festgestellt, dass alle Menschen an der Würde, der Vollmacht und der Verantwortung teilhaben. (S. 29)

Nicht die Unterschiedlichkeit, sondern gerade die Gleichheit von Mann und Frau stehen hier im Zentrum. Ganz ähnlich erkennt in Genesis 2 der Mensch („Adam“ ist ja ein Gattungsbegriff, kein Vorname) in der Frau die Gleiche und damit endlich das Gegenüber, das er unter all den anderen Lebewesen vergeblich gesucht hatte.

Ich habe schon verschiedentlich auf das großartige Kapitel in Miroslav Volfs Von der Ausgrenzung zur Umarmung: Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität verwiesen. Dort kommt Volf zum gleichen Schluss wie Klaiber, dass der Mensch seine Geschlechtlichkeit mit den (allermeisten)Tieren teilt, dass man sie aber nicht zurückprojizieren kann auf Gott selbst:

Wir benutzen maskuline und feminine Metaphern für Gott nicht, weil Gott männlich oder/und weiblich wäre, sondern weil Gott „persönlich“ ist. Von Personen kann man nur in geschlechtlicher Begrifflichkeit reden. Da Menschen, die einzigen personalen Wesen, die wir kennen, nur in der Dualität von Mann und Frau existieren, müssen wir von einem persönlichen Gott in maskulinen und femininen Metaphern reden. (S. 223)

Da Gott jenseits des Unterschiedes der Geschlechter steht, gibt es in Gott keine Entsprechung zum eigentümlich väterlichen Verhältnis, das ein Mann zu seinem Nachwuchs hat. Ein menschlicher Vater kann seine Verantwortung als Vater nicht von Gott ablesen. Was ein Vater von Gott lernen kann, das ist seine Verantwortung als Mensch, der zufällig ein Vater ist und daher eine besondere Beziehung zu seinen Söhnen und Töchtern hat, wie auch zu deren Mutter. Mann kann von Gott, dem Vater, nicht mehr darüber lernen, was es bedeutet, ein menschlicher Vater zu sein, als darüber, was es bedeutet, eine menschliche Mutter zu sein; umgekehrt kann man von Gott, der Mutter, nicht mehr über menschliches Muttersein lernen als man über Vatersein lernen könnte. Ob wir maskuline oder feminine Metaphern für Gott verwenden – Gott ist das Vorbild unseres gemeinsamen Menschseins, nicht unserer geschlechtlichen Eigenheiten. (S. 224)

… Die Ontologisierung der Geschlechtlichkeit wäre ein Bärendienst am Gottesbegriff wie am Verständnis von Geschlechtlichkeit. Nichts an Gott ist spezifisch weiblich; nichts an Gott ist spezifisch männlich; daher hat keine unserer Gottesvorstellungen eine Auswirkung auf Pflichten und Erfordernisse, die ein bestimmtes Geschlecht betreffen. Darin liegt meines Erachtens die Bedeutung der Tatsache, dass, wie Phyllis Bird gezeigt hat, Geschlechterunterscheidungen nach Genesis 1 keinen Bezug zum Ebenbild Gottes haben (Bird 1981; Bird 1991). Männer und Frauen haben Männlich- und Weiblichsein nicht mit Gott gemeinsam, sondern mit den Tieren. Gottes Ebenbild sind sie im gemeinsamen Menschsein. Daher sollten wir uns gegen jegliche Konstruktion einer Beziehung von Gott und Frausein oder Mannsein sperren, die ein Geschlecht bevorzugt, etwa indem sie behauptet, dass Männer aufgrund ihres Mannseins Gott besser abbilden als Frauen (mit LaCugna 1993, 94ff) oder dass Frauen, da von Natur aus beziehungsorientierter, dem Göttlichen als der Kraft von Verbundensein und Liebe näher stünden. (S. 227)

Zum Schluss der Blick ins Neue Testament: Das vollkommene Ebenbild Gottes ist Jesus von Nazareth (Kol 1,15), ein einzelner Mensch. Aber eben kein Ehepaar! Jesus ist zudem nicht der Prototyp wahrer Männlichkeit, sondern wahrer Menschlichkeit. Frauen haben also in der Imitatio Christi keinen Rückstand zu überwinden.

Sehr eindeutig ist die „Schöpfungsordnung“ übrigens im Blick auf die Ernährung, die war nämlich strikt vegan (vgl. Genesis 1,29-30). Fleisch kam erst nach dem Sündenfall und nach der Sintflut auf den Tisch – sonst hätten sich Noahs Passagiere nämlich gegenseitig verspeist (Genesis 9,3). All die Frommen, die gegen den Veggie-Day polemisiert haben, sollten also schleunigst Buße tun…

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Wenn der „Normalo“ nicht mehr normal ist

Vorgestern Abend habe ich mir im Rahmen der Allianz-Gebetswoche Gedanken machen dürfen über das Thema „Vielfalt“. Beim Thema Integration haben evangelikale Christen in den letzten Jahren vielfach eine sehr konstruktive Rolle eingenommen und sich klar gegen die Diskriminierung von Migranten positioniert. Das ist auch wichtig, denn nach wie vor wird an diesem Punkt – die CSU exerziert es mit ihrer die Realität böswillig verzerrenden Kampagne zum Thema Armutsmigration gerade wieder vor – die Atmosphäre zwischen Einheimischen und Zuwanderern vorsätzlich belastet, um den rechten Rand der Wählerschaft für die Europawahl an sich zu binden.

In meinem Stadtteil hat die Ankündigung, dass hier demnächst eine zweistellige Zahl Flüchtlinge untergebracht werden soll, ganz ähnliche Reflexe ausgelöst. Ein anonymes Flugblatt beschimpfte die Kommune und die Kirchen, sie würden die Sicherheit Anwohner und den Frieden im Wohngebiet gefährden. Vorsorglich verwahrte sich der Autor gegen jeden Vorwurf, er sei rechts oder er wolle andere diskriminieren. Vielmehr sah er sich selbst als Teil einer unterdrückten Minderheit. Und dann zitierte er aus allen möglichen „Quellen“ die „Fakten“, über die man angeblich nicht reden dürfe, dass Flüchtlinge nämlich Probleme, Probleme und nichts als Probleme verursachen.

Ein interessanter Aspekt ist, dass in der Integrationsdebatte der Widerspruch gegen diese negative Selektion vermeintlicher „Fakten“ seit einiger Zeit als totalitär gelabelt wird – „ das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, heißt es dann gebetsmühlenartig. Die anderen greifen zu „Totschlagargumenten“, sie sind die eigentlichen Diskussionsverweigerer. Was hier als „Maulkorb“, Redeverbot und Einschränkung der Meinungsfreiheit hingestellt wird, ist freilich nur der berechtige und absehbare Protest gegen die negativen Stereotypisierungen anderer, die man selbst geäußert hat – also die Tatsache, dass andere Menschen auch von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch machen.

Die präventive Selbststilisierung in die Opferrolle dient dazu, nicht als Rassist, Rechter oder schlicht als intolerant gebrandmarkt zu werden, denn das ist im Zeitalter des Pluralismus einer der schwerwiegendsten Vorwürfe überhaupt. Folglich werden Alibi-Diskurse über Gegendiskrimierung etabliert, von angeblich grassierender „Deutschenfeindlichkeit“ ist dann die Rede, und freilich lässt sich irgendein Beispiel immer finden, wo nach Jahrzehnten der Verachtung eine oder mehrere Einwanderergruppen nun ihrerseits den Alteingesessenen das Leben schwer machen – aber wen wundert das eigentlich? Der Verweis auf die Inländerfeindlichkeit dient ja in der Regel dazu, die unversöhnliche Haltung gegenüber den bisherigen Minderheiten zu zementieren.

Der letzte Schritt der Selbstimmunisierung gegen Kritik besteht darin, die andere Seite unter Ideologieverdacht zu stellen. Nun werden also nicht nur die Migranten, sondern auch ihre Unterstützer etikettiert. Sie seien Fanatiker, die vom Wahn des „Multikulturalismus“ geblendet unsere Gesellschaft an den Rand des Abgrunds geführt hätten. Freilich führt der noch vergleichsweise junge Kampf gegen Diskriminierung nicht in jedem Fall zu gelungenen Theoriebildungen. Andererseits war und bleibt es notwendig, die Funktion von Sprache und Denkmustern in den Prozessen gesellschaftlicher Ausgrenzung kritisch zu reflektieren, und das Bemühen um eine angemessene Sprache, das mit dem inzwischen zum Schimpfwort mutierten Terminus „political correctness“ wiedergegeben wird, nun auf eine Stufe mit totalitären Systemen zu stellen (die Nazis sind immer die anderen…), stellt die Realität dreist auf den Kopf – lupenreine Projektion.

Als ich mit diesen Gedankengängen fertig war und mich über den neuen christlichen Multikulturalismus freute, wanderten meine Gedanken zurück durch die vergangenen zwei Wochen. Mein Facebook-Freundeskreis hatte sich in der Frage der Diskrimierung Homosexueller schlagartig gespalten, als im medialen Windschatten von Thomas Hitzlsbergers Coming Out die Petition zum Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg unerwartet Schlagzeilen machte. Selbst wenn man zugesteht, dass nicht jeder Kommentar sauber durchdacht war, fand ich die Parallelität bemerkenswert. Ich vermute, dass die meisten Befürworter irgendwie tatsächlich keine Diskriminierung Homosexueller wie in Russland oder Uganda möchten, dass sie andererseits aber den Preis für die Überwindung derselben nicht realistisch einschätzen oder mitzutragen bereit sind:

Der Ideologieverdacht steht schon im Titel, ihm folgt der Vorwurf der Indoktrination. Den besten Kommentar zu diesem Einstieg fand ich jüngst bei Jan Fleischhauer, der üblicherweise ja keine Gelegenheit auslässt, gegen alles, was irgendwie grün oder links ist, den Zeigefinger zu erheben. Er bemerkt zu dieser Sorge lapidar:

Das letzte Mal habe ich in den siebziger Jahren die Indoktrinierungsthese gehört. Damals ging es um einen Gemeinschaftskundelehrer an meiner Schule, der gleichzeitig Mitglied der DKP war. Wenn man meinen politischen Werdegang zum Maßstab nimmt, kann man nur sagen: Irgendwie hat das mit der Indoktrination nicht richtig hingehauen. Oder sie hat doch gewirkt und mich auf die andere Seite getrieben. Aber das spräche aus Sicht der Indoktrinierungsthesenanhänger jetzt eher dafür, den Schulkindern möglichst viel über die Vorzüge des schwulen oder lesbischen Lebens zu erzählen, damit sie später garantiert heterosexuell werden.

Die Gendertheorie bzw. das Schlagwort „Gender Mainstream“ (hier eine kurze, verständliche und konkrete Darstellung) ist unglücklicherweise dabei, in Teilen des konservativen Christentums die Funktion von Kommunismus, Okkultismus, Ökumene, Esoterik, europäischer Integration u.a. als vermeintlich totalitäre Verschwörung zu übernehmen. Ich bin gewiss kein Gender-Experte, kann mich aber nach allem, was ich weiß, dieser Sicht nicht anschließen. Ich halte es für sinnvoll, begrüßenswert und unvermeidlich, dass Sexualität in der Schule nicht nur im Biologieunterricht besprochen wird. Es geht ja um viel mehr als die Frage, wie Reproduktion funktioniert. Und wie Menschen als sexuelle Wesen leben, das wird weithin – im Guten wie im Bösen – durch unsere Kultur bestimmt.

Man kann die Petition mit Fleischhauer so lesen, „dass sich in einem Gutteil der Unterschriften nicht eine offene oder latente Homophobie ausdrückt, sondern eher der Unmut, ständig die eigene Toleranzbereitschaft unter Beweis stellen zu müssen… Kaum etwas macht Menschen so nervös wie das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen, dass man ihnen nicht ihre Rückständigkeit und Provinzialität vorhält. Gerade der akademische Diskurs mit seinen Verstiegenheiten löst bei Unkundigen deshalb schnell Befremden und Abwehr aus.“ Ein Unterzeichner fand, er müsse sich wohl bald dafür rechtfertigen, dass er heterosexuell sei. Das ist so ein fehlgeleiteter Abwehrreflex, der die Diskriminierung der eigenen Person schon darin antizipiert, dass eine andere Meinung Gehör findet. Ein Unterzeichner, dessen Kommentar auf der Petitionsseite hervorgehoben ist, schreibt: „Ich bin so glücklich, dass hier endlich einmal auch viele Normalos [!!] den Mut finden, gegen die Homosexualisierung der Gesellschaft [!!] Stellung zu beziehen.“ Wir „Normale“ werden also längst schon unterdrückt.

An einigen Stellen geht auch die Argumentation der Petition selbst in eine bedenkliche Richtung, die auch die heftigen Reaktionen der Kritiker verständlich werden lässt. Das eine ist der Verweis auf eine längere Liste von „gesundheitlichen Risiken“: Suizid, Drogenmissbrauch, HIV, psychische Krankheiten. Das ist, obwohl die Petition die ethische Reflexion fordert, ja im Kern ein biologistisches Argument. In der Kürze, in der es hier erscheint, ist es aber auch dazu angetan, allerlei Ängste zu schüren, die sich in den Kommentaren auch wunderbar aufspüren lassen. Im Hintergrund dieser Argumentationslinie schimmert die Vorstellung durch, dass jemand mutwillig gegen seine eigentliche „Natur“ handelt und damit sich und anderen schadet. Wie dieses Beispiel zeigt, wird bei Studien in dieser Richtung keineswegs nur seriös gearbeitet und argumentiert.

Und die Frage, wie man aus empirischen Befunden (sofern sie denn zuträfen) zu ethischen Urteilen findet, ist ja heikel: Bis vor ein paar Generationen hatten heterosexuelle Frauen eine deutlich geringere Lebenserwartung, weil viele im Kindbett starben. Zum Glück kam niemand auf die Idee, sie als Risikogruppe zu bezeichnen.

Das andere ist auch keineswegs neu, nämlich die Konstruktion einer Konkurrenzsituation zu „Ehe und Familie“ (beides strikt heterosexuell gedacht) und der Verweis auf den besonderen Schutz dieser Lebensform durch das Grundgesetz. Diese Annahme ergibt ja nur dann einen Sinn, wenn man sexuelle Orientierung als ein Problem versteht, mit dem man von außen irgendwie „infiziert“ wird, indem also eine allzu positive Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe und Partnerschaft einen Nachahmungseffekt erzeugt, der labile junge Menschen gefährdet. Ich halte die Gegenposition für plausibler, dass die Orientierung weitgehend angeboren ist.

Den Wert von Ehe und Familie zu verteidigen (beziehungsweise der Vorwurf, diesen Wert grundlos zu opfern) war ja schon ein wesentliches Motiv in der Kritik am Familienpapier der EKD. Hier taucht es wieder auf. Und wie man es dreht und wendet, der Spagat mag einfach nicht gelingen: In diesem Kontext den „besonderen Wert“ der heterosexuellen Ehe (das Bundesverfassungsgericht geht allerdings schon Schritte hin zu einem nichtexklusiven Verständnis von Ehe und Familie) zu betonen, bedeutet unweigerlich, andere Arrangements als minderwertig im Blick auf das Ideal oder die Norm erscheinen zu lassen. Der Staatsrechtler Carl Schmitt konstatierte einst: „Wer Werte setzt, hat sich damit gegen Unwerte abgesetzt“. Und Melanie Amann vom Spiegel schreibt im Blick auf zahlreiche Aktivisten der AfD, die ähnliche Positionen vertreten:

Diskriminierung muss nicht als grobe Beschimpfung daherkommen. Oft verbirgt sie sich in subtilen Sticheleien, oder im überschwänglichen Lob einer Lebensform, wenn in Wahrheit die andere herabgewürdigt werden soll.

Ein gesellschaftlicher Kontext dieser Diskussion ist der schleichende Bedeutungsverlust der „bürgerlichen Mitte“ unserer Gesellschaft. Diesem Milieu sind viele aktive Christen in Deutschland zuzuordnen. Eckhart Bieger schreibt dazu auf kath.de recht treffend:

Die Bürgerliche Mitte entwickelt eine eigene Mentalität, einfach deshalb, weil alle anderen Lebenswelten in einem Abstand zur Mitte leben. Deshalb fühlen sich die Bewohner der Mitte als die Normalbürger. Sie müssen nicht darüber nachdenken, sondern sie erleben alle an anderen Milieus als abweichend von der Mitte. Ihr Selbstbewusstsein kommt daher weniger aus dem erreichten sozialen Status, sondern mehr aus dem Bewusstsein, dass so, wie sie leben, es richtig ist. Sie erwarten, dass andere sich ihnen anpassen.

Der Bildungsplan für Baden-Württemberg spricht die Sprache anderer Milieus und stellt damit dieses Selbstverständnis in Frage. Daher wird er als fundamentale Verunsicherung erlebt. Verständlicherweise ist das Interesse groß, möglichst viele gesellschaftliche Inseln zu behaupten, die dem „Zeitgeist“ (d.h. allen die eigene Sicht relativierenden Veränderungen) entzogen sind. Für Marc Raschke auf Brand Eins verbindet die Menschen in diese Milieu vor allem der „Wunsch, ihren Status quo zu bewahren“.

Zurück zum Anfang: In der Frage des Multikulturalismus ist es unter Christen vielfach schon gelungen, vorhandene Ängste und Abwehrreaktionen abzubauen. Im Blick auf andere Lebensentwürfe wird das sicher noch einige Zeit dauern, aber man kann auch in den unbeholfenen Versuchen, die eigene „Normalität“ ohne Diskriminierung anderer zu behaupten, ein Zeichen der Hoffnung sehen. Vielleicht gelingt ja sich dieser Transfer irgendwann.

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In bester Gesellschaft

Die „Verweiblichung“ der Gemeinde(n) und des geistlichen Amtes wird ja gelegentlich von großspurigen Machopredigern beklagt, die als Gegenmittel dann so „männliche“ Verhaltensweisen wie die Faszination von Waffen und Gewalt, PS-Protzerei oder eine (auch in der kavalierhaften Form) herablassende Haltung gegenüber Schwachen empfehlen – und natürlich mehr Zurückhaltung von Frauen in der Öffentlichkeit.

Sie sind anscheinend in guter biblischer Gesellschaft – schon Mose beklagt sich bei Gott, dass der ihm offenbar die Mutterrolle zumutet, und will dann (ist auch das typisch Mann?) gleich lieber sterben als weitermachen:

Warum hast du deinen Knecht so schlecht behandelt und warum habe ich nicht deine Gnade gefunden, dass du mir die Last mit diesem ganzen Volk auferlegst? Habe denn ich dieses ganze Volk in meinem Schoß getragen oder habe ich es geboren, dass du zu mir sagen kannst: Nimm es an deine Brust, wie der Wärter den Säugling, und trag es in das Land, das ich seinen Vätern mit einem Eid zugesichert habe? (Num 11:11f.)

Aber vermutlich hat sich Mose nicht darüber beklagt, dass das Bemuttern der Israeliten „Frauenkram“ und damit „unmännlich“ war, sondern es war ihm schlicht zu anstrengend. Andere biblische Charaktere haben gar keine Angst vor der vermeintlichen Geschlechterverwirrung. Jesus zum Beispiel kann in Lukas 13,34 sagen:

Jerusalem, Jerusalem, … Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.

Paulus schließlich spricht von sich als einer Mutter, die wegen der begriffsstutzigen Galater (4,17) erneut Geburtswehen erleidet, und schreibt an die Thessalonicher (2,7f.):

… wir sind euch freundlich begegnet: Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so waren wir euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben.

Falls also mal wieder jemand fürchtet, er käme nicht „männlich“ genug (tough, dominant, rau, zupackend – was auch immer das bedeuten soll…) daher: Hier sind ein paar vorbildliche Leidensgenossen, du bist also in allerbester Gesellschaft. Die eine Lektion, die es jetzt noch zu lernen gibt, ist die, dass du dich deiner Männlichkeit nicht ständig vergewissern und sie demonstrativ zur Schau stellen musst, sondern einfach du selbst sein kannst. Und dass dir kein Zacken aus der Manneskrone fällt, wenn du dich mal einfühlsam und fürsorglich verhältst.

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Von Leitbildern und ausschließender Differenz

Die Diskussionen um die Orientierungshilfe der EKD zur Familie als verlässlicher Gemeinschaft dauern an. Während die Befürworter des Papiers wie Landesbischof Bedford-Strohm mit Recht darauf hinweisen, dass die Ehe (die nicht der primäre Gegenstand der Reflexion war) durchaus als Leitbild fungiert, stoßen sich die Kritiker daran, dass für sie klare Grenzen unverantwortlich verwischt werden.

Die hier schon erwähnte Unterscheidung zwischen der einschließenden und der ausschließenden Differenz hilft, die beiden Seiten zu verstehen. Die Autoren regen an, zentrale traditionell christliche Werte wie Liebe und Treue, Verantwortung und Verlässlichkeit auch in anderen Formen von Familie und Partnerschaft zu übertragen. Hier wird eine Differenz nicht aufgehoben oder verschwiegen (da irrt und verzerrt die konservative Kritik!), aber es wird das Gemeinsame in den Vordergrund gerückt und gewürdigt.

Die Kritiker denken durchweg im Sinne einer ausschließenden Differenz: Die Aussage, dass Liebe und Treue auch in einem anderen Rahmen als der institutionellen Ehe von Mann und Frau gelebt werden können, kann da nur stören und irritieren. Fehlt der Trauschein, dann steht alles unter einem negativen Vorzeichen. In einer Pressemeldung der Evangelischen Allianz von letzter Woche heißt es: „Ehe ist die lebenslängliche Treue- und Liebesgemeinschaft zwischen einer Frau und einem Mann, die öffentlich-rechtlich geschlossen wird. Familie ist eine solche durch Kinder ergänzte Gemeinschaft.“ Und man darf durchaus davon ausgehen, dass damit auch der Ausdruck Familie exklusiv denen vorbehalten ist, die dieser Definition entsprechen: Ein heterosexuelles Paar mit seinen „biologischen“ Kindern.

Alles andere (Patchwork- und Regenbogenfamilien, aber natürlich auch Alleinerziehende) erscheint damit notgedrungen als minder-wertig, ja sogar als schädlich, wenn es weiter heißt: „Sie [die so definierten Familien] sind für die seelische Gesundheit und Ausgeglichenheit von Menschen und damit auch für die Gesundheit staatlich geordneter Gemeinschaft unverzichtbar.“ Eine conditio sine qua non gelingenden Lebens also, für das Individuum wie die Gesellschaft als ganze.

Entsprechend werden dann auch die unterschiedlichsten staatlichen Privilegien für die Familie gefordert. Vermutlich ist das ja als Anreiz zum Upgrade auf die Vollversion von Ehe 1.0 gedacht; das wäre dann die exklusivistische Interpretation des Leitbildgedankens, freilich ist dieser Schritt etwa für Homosexuelle durch die vorausgestellte Definition kategorisch ausgeschlossen.

Der inklusive Ansatz setzt nun gewiss weniger direkte Anreize zum Upgrade, wenn er mit dem Gedanken spielt, dass sich auch in Beziehungen, die nicht allen oben aufgezählten Kriterien genügen, vieles Gute und Segensreiche ereignet. Aber er kann sagen, was die anderen zumindest offiziell nicht sagen dürfen, ohne dass in den eigenen Reihen lautstarke Zweifel aufkommen, warum man sich eigentlich die ganze Mühe macht mit dem Heiraten und dem Es-Miteinander-Aushalten, wenn das nicht von außen (!!) honoriert wird. Und er vermittelt Paaren, die aus den verschiedensten Gründen nicht „richtig“ heiraten, dass Gott und die Kirche sie nicht nur irgendwie tolerieren, sondern sie auch auf ihrem anderen Weg positiv begleiten.

Im Begriff des „Leitbildes“ ist es im Grunde ja schon angelegt, ihn inklusiv zu verstehen, er ermöglicht unterschiedliche Grade von Annäherung statt alles in ein scharfkantiges Drinnen/Draußen zu pressen. Über die inhaltliche Beschreibung dieses Leitbildes scheint es mir nicht annähernd so große Differenzen zu geben wie um seine ein- oder ausschließende Funktion.

In den meisten Organisationen, die ein Leitbild haben und es auch wirklich ernst nehmen, wird man es als Gewinn betrachten, wenn sich möglichst viele in die Richtung bewegen, die es weist. Man freut sich auch über zaghafte Ansätze und vermeidet kontraproduktive Alles-oder-nichts-Parolen. Freilich wird man sich auch Mühe geben, dieses Leitbild möglichst originell und motivierend zu formulieren, und in dieser Frage könnten ja nun alle Seiten fröhlich wetteifern.

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Betr.: Selbstsäkularisierung

DSC05939Sehr geehrter Jesus von Nazareth,

in den vergangenen Tagen haben uns heftige Klagen über Ihre Mitarbeiter bei der EKD erreicht. Aktuell ist es deren allzu verständnisvolle Haltung zur heutigen Vielgestalt von Ehe und Familie, die Anlass zu Häme und Verachtung gibt.

Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass Sie eine nicht unerhebliche Mitverantwortung für diese Herabwürdigung der Ehe tragen. Wir fordern Sie daher auf, eine Stellungnahme zu den folgenden Punkten abzugeben:

1. Mangelndes Vorbild: Nach unseren Erkenntnissen haben Sie den Schritt in die Verantwortungsgemeinschaft einer Ehe und Familie gemieden. Gerüchten zufolge soll Ihr leiblicher Vater nicht der Ehemann Ihrer Mutter gewesen sein. Das würde Ihre Entscheidung gegen Frau und Kinder zwar erklären, aber keineswegs rechtfertigen.

2. Geringschätzung der Institution: Unserer Aktenlage nach haben Sie selbst keine Trauungen vorgenommen; Sie haben Eheschließungen nicht als Grund anerkannt, Ihrem Aufruf verspätet Folge zu leisten und zudem ihren Anhängern suggeriert, die Loyalität zu ihnen und ihrer Gemeinschaft könne es erforderlich machen, familiäre Bindungen zu lockern. Einer ihrer rührigsten Anhänger, Saul von Tarsus, brachte es nur wenig später fertig, die Ehe als Notlösung für all jene abzuqualifizieren, die dem Alleinsein nicht gewachsen waren.

3. Schwammige Positionen: Bestimmt werden Sie nun einwenden, Sie hätten die Ehescheidung doch explizit abgelehnt, aber der Verdacht liegt nahe, dass sie damit tatsächlich eher die Rechte und das Selbstbewusstsein der Frauen gestärkt und die für patriarchale Gesellschaften typische Doppelmoral behindert haben. Wir halten es für denkbar, dass auch aufgrund dieses veränderten Selbstbewussteins heute dreimal so viele Frauen wie Männer eine Scheidung beantragen. Die gesellschaftliche Ächtung und vor allem die entschiedene Sanktionierung von Scheidungen haben Sie indes konsequent vermieden.

Die vielfach geforderte „klare Kante“ sieht anders aus. Zum leidvollen Schicksal von Scheidungskindern etwa vermissen wir bis heute nachdrückliche Aussagen. Bitte reichen Sie diese mit ihrer Stellungnahme umgehend ein beim theologischen Ausschuss von CHEF (Christliche Hüter von Ehe und Familie) ein.

Mit freundlichen Grüßen,

der Vorstand

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Weisheit der Woche: Fühlen können

Es gibt wenige Vorbilder in unserer Kultur, die einen Mann dazu einladen oder es ihm zugestehen, ehrlich zu sich selbst zu sein. Fragt man ihn, wie er sich fühlt, dann wird ein Mann oft erklären, was er denkt oder was das Problem „da draußen“ ist. […] es erfordert ein Jahr Therapie, bis er seine tatsächlichen Gefühle verinnerlicht und präsent hat – ein Jahr, um dorthin zu gelangen, wo Frauen in der Regel anfangen.

Der Psychoanalytiker James Hollis in dem wunderbaren kleinen Buch The Middle Passage

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Aus den Augen, aus dem Sinn?

Unter der schönen Rubrik her•meneutics von Christianity Today setzt Rachel Pietka sich mit den jüngsten Aussagen von John Piper, Galionsfigur der Gospel Coalition und notorischer Vertreter des sogenannten Komplementarismus, auseinander. Piper hatte argumentiert, er könne zwar nicht dulden, dass Frauen Männer in persona unterrichten, aber man könne ruhig Bibelkommentare von Frauen lesen.

Was zunächst nach einem vorsichtigen Zurückrudern aussieht, offenbart in Wirklichkeit das zentrale Dilemma dieses fromm verkleisterten Sexismus: Denn es ist der weibliche Körper, der durch das „neutrale“ Medium Buch entfernt wird, an dem für Piper alles hängt:

Piper’s affirmation, consequently, of women who teach indirectly and impersonally shows his overt rejection of and implicit obsession with women’s bodies. He makes it seem impossible that a man could listen to a woman’s biblical insights in her presence without being distracted by her femininity. Although Piper would likely condemn the pervasive plastering of sexualized images of women on television, magazine covers, and billboards, his resolve to hide their bodies perpetuates, rather than challenges, their objectification. It teaches men to fixate on women’s bodies.

Ich spare mir hier die ausführliche Übersetzung, aber Pietka trifft meiner Meinung nach voll ins Schwarze, wenn sie feststellt, dass Piper auf den weiblichen Körper fixiert zu sein scheint und damit Frauen im Grunde doch weitgehend auf ihr Äußeres und auf ihre Sexualität reduziert. In dieser Hinsicht entspricht er der männlichen Objektivierung von Frauen eher, als dass er sie überwindet.

Ob Piper ihren Text lesen wird, ist fraglich. Er hatte in dem Podcast, auf den Pietka sich bezog, offenbar auch erwähnt, dass er Kommentare von Frauen dann weglegen würde, wenn er das Gefühl hätte, dass er deren Autorität erliegen könnte. Sonst hätte ich vorgeschlagen, Pipers Antwort in der Rubrik hormoneutics unterzubringen…

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Torn (11): Und jetzt?

Justin Lee schließt seine Geschichte mit Gedanken dazu, wie sich das Verhältnis zwischen Homosexuellen un Christen konstruktiv weiterentwickeln lässt. Christen müssen erstens Andersdenkenden weitherziger begegnen. Homosexuelle erleben die meisten Christen immer noch als Menschen, die sie ablehnen oder meiden und alle möglichen Vorurteile pflegen.

Zweitens geht es darum, Christen konstruktiv anzuleiten im Umgang mit Homosexuellen. Dabei ist kaum etwas so wichtig wie das Erzählen der eigenen Geschichte. Wenn sich ein Mensch öffnet und ein anderer ihm zuhört, dann können Ängste und Hemmungen überwunden werden.

Drittens gilt es, den Ansatz der „Ex-Gay“-Bewegung aufzugeben. Hier wird Lee immer wieder gefragt, ob eine solche Arbeit nicht wenigstens einer kleinen Minderheit wirklich nützt und daher unterstütz werden sollte. Manche Christen scheuen davor zurück, von Homosexuellen Enthaltsamkeit zu verlangen, ihre theologische Position lässt aber keinen anderen Spielraum zu, daher erscheint die Aussicht auf eine eventuell erfolgreiche Therapie attraktiv. Auf der Negativseite steht jedoch zu Buche, dass der Ansatz bei den meisten scheitert und auf dem Weg dahin viel Schaden entstehen kann – für die Betroffenen selbst, für ihren Glauben und für die Menschen um sie her. Der Glaube an die Therapierbarkeit hat zudem (auch wenn die unterschiedlichen Ex-Gay-Gruppen ihre Erfolge inzwischen bescheidener darstellen) oft dazu geführt, dass jemand, der nicht an diesen Treffen teilnehmen wollte, sich den Vorwurf gefallen lassen musste, er drücke sich ja nur um den anstrengenden Prozess der Veränderung.

Viertens muss es für Homosexuelle auch in Ordnung sein, zölibatär zu leben und dabei zu seiner Homosexualität zu stehen. Diese Gruppe darf nicht zwischen den anderen Positionen zerrieben werden: Heterosexuelle und Ex-Gays neigen dazu, diesen Weg ebenso mit Argwohn zu betrachten wie Homosexuelle, die sich für eine Partnerschaft entscheiden. Und dann müssten Gemeinden auch aktiv Wege suchen, diese Menschen zu unterstützen (vor allem dann, wenn ihre Theologie keinen Raum bietet für Partnerschaften zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau). Zusätzlich wird das noch dadurch erschwert, dass Christen das Alleinleben an sich tendenziell schon als defizitären Zustand begreifen; darunter leiden dann auch viele heterosexuelle Singles, aber die müssen sich wenigstens keine harten Worte wegen ihrer Orientierung anhören.

Fünftens muss der Mythos überwunden werden, die Bibel sei gegen Homosexuelle. In der konservativen kirchlichen Tradition hat sich aufgrund dieser Ansicht die Neigung zu scharfen Abgrenzungen durchgesetzt, während „liberalere“ Zeitgenossen wohlmeinend einwenden, man dürfe die Bibel eben nicht allzu wörtlich nehmen. Da hören die anderen statt „nicht wörtlich“ „nicht ernst nehmen“ heraus und es entsteht wieder der Eindruck, dass „Bibeltreue“ immer irgendwie Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit nach sich zieht. Aber Justin Lee hatte ja schon gezeigt, dass man die Bibel durchaus ernst nehmen und trotzdem Raum für gleichgeschlechtliche Partnerschaften sehen kann.

Es folgen noch zwei weitere Vorschläge, für die brauche ich etwas mehr Platz und Zeit, es wird zu Torn also noch einen letzten Post geben.

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Torn (10): Wer A sagt, muss nicht B sagen

Justin Lee entschließt sich, Brücken zwischen seiner christlichen Studentengruppe und der homosexuellen Hochschulgruppe zu bauen. Beide Lager stehen einander recht ablehnend gegenüber. Auf einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung beider Gruppen erzählt er seine Geschichte und ist erstaunt, wie sehr das viele Zuhörer bewegt. Zum ersten Mal bekommt er Kontakt zu Menschen, denen es ganz ähnlich geht an der Schnittstelle beider „Welten“.

Nach seinem Studienabschluss startet Lee eine Internet Community, das „Gay Christian Network“. Binnen kurzer Zeit sind über 1.000 Leute angemeldet, die sich dort austauschen und einander tragen und begleiten. Die einen lebten zölibatär, die andere in festen Partnerschaften, die einen suchten Freundschaft, andere Liebe, wieder andere suchten Gott. Der gemeinsame Nenner ist die Leidenschaft für Gott und die Überzeugung, dass Christen besser auf Homosexuelle zu- und eingehen sollten. In allen anderen Fragen gibt es ganz unterschiedliche Standpunkte. 2005 findet die erste Konferenz des GCN statt.

Von Anfang an hatte sich Justin Lee an einer Initiative namens „Bridges Across“ orientiert. Deren Gründer waren im Blick auf homosexuelle Partnerschaften geteilter Meinung, aber sie arbeiteten daran, das Verständnis für den anderen zu fördern. Und dabei erschien es nicht hilfreich, die Standpunkte in „pro und contra Homosexuelle“ einzuteilen, ebenso wenig in „konservativ und liberal“. Schließlich sprachen sie von Side A und Side B. Seite A glaubt, homosexuelle Beziehungen sind ebenso gut und wertvoll wie heterosexuelle. Seite B glaubt, die Ehe von Mann und Frau ist Gottes Norm. Lee greift diesen Gedanken auf, er will vorleben, dass Christen auch mit solch unterschiedlichen Meinungen einander tief verbunden bleiben können.

Inzwischen ist das Netzwerk weiter gewachsen. Lee macht sich keine Illusionen, dass die Meinungsunterschiede demnächst passé sein könnten. Um so wichtiger ist es ihm, dass beide Seiten weiter auf einander zugehen, den anderen anhören und respektieren lernen und damit Zeichen setzen in einer Welt, die sich über solchen Fragen in der Regel zerstreitet.

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Ideen von Weiblichkeit und ihre Folgen

Augenzwinkernd fordern ja derzeit manche eine Päpstin, die natürlich irgendwie alles besser und richtig machen würde. Und über Sexismus wurde in den letzten Wochen engagiert diskutiert. Nun führt Elisabeth Raether auf Zeit Online die Debatte weiter – und widerspricht dem inzwischen verbreiteten Eindruck, Frauen seien generell die besseren Menschen. Dagegen hatte ja auch ihr Kollege Martenstein schon auf seine Art protestiert. Aber der ist ja auch ein Mann. Raether dagegen schreibt nicht über Witze und Humor, wenn sie anmerkt:

Früher ging es der Emanzipationsbewegung um das demokratische Prinzip der Gleichheit. Eine Gesellschaft, die Männer und Frauen gleich behandelt, ist gerechter als eine von Männern beherrschte: Das war die einfache wie geniale Idee, aus der manche den Schluss zogen, dass Frauen die besseren Menschen seien und ihnen das moderne Denken in den Genen liege. Dass das Ende der Männer gekommen sei, behauptet der Titel eines Buchs der amerikanischen Autorin Hanna Rosin, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Der Grund dafür sei, dass es Männern an sozialer Intelligenz und „der Fähigkeit, stillzusitzen und sich zu konzentrieren“, mangele. Aus biologischen Geschlechterunterschieden Wesensmerkmale abzuleiten, vorgefertigte Meinungen zu haben über die eine Hälfte der Menschheit – das nannte man mal Sexismus.

Es gibt spannende Abrisse der Kultur- und Kriminalgeschichte zu lesen, die eben jene Umkehrung der Klischees in Frage stellen. Zum Beispiel diesen Absatz:

Das berühmte Milgram-Experiment zeigte schon 1961, dass Frauen nicht weniger grausam als Männer sind: Genau wie die meisten Männer hatten sie kein Problem damit, während des Versuchs anderen auf Anweisung einer Autoritätsperson elektrische Schläge zu versetzen. Denn weibliche und männliche Eigenschaften gibt es sehr wahrscheinlich gar nicht. Wohl aber gibt es eine Idee von Weiblichkeit und eine Idee von Männlichkeit, und diese Ideen ändern sich über die Epochen. Eine Zeit lang dachte man, bei Frauen wandere die Gebärmutter durch den Körper, bis sie sich im Gehirn festsetze, was Frauen zu dummen und reizbaren Wesen mache. Irgendwann dachte man, Frauen sollten nicht wählen dürfen, weil sie nichts von Politik verstünden. Heute denkt man, sie seien umsichtig und verantwortungsvoll und gute Chefs.

Und am Ende stellt sie die bohrende Frage, ob man (Mann? Frau?) dem „entfesselten Kapitalismus“ nur ein weibliches Gesicht geben will, damit er weniger bedrohlich wirkt, und damit man nicht das System an sich mühsam und unter großen Risiken ändern muss. So wie viele im Westen Baschar al Assad nicht viel Böses zutrauten, weil er so eine moderne Frau hat.

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Torn (9): Ein neues Dilemma

Der erneute Durchgang durch die Bibel hatte für Justin Lee ergeben: Überall da, wo Homosexualität ausdrücklich erwähnt wurde, wurde sie negativ bewertet. Andererseits war nicht eindeutig klar, dass sich diese ablehnenden Aussagen auch auf verbindliche und liebevolle gleichgeschlechtliche Partnerschaften bezogen. Justin Lee entschloss sich, im fortbestehenden Zweifelsfall lieber weiterhin allein zu bleiben, und die Texte nicht weiter hin und her zu drehen.

Zu seiner Überraschung stellt er fest, dass er den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen hatte. Die entscheidende Frage war nicht die nach dem Inhalt der einzelnen Textstellen, sondern aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet, die Frage nach (das sind jetzt meine Worte) der Mitte der Schrift. In früheren Streitfragen – ob die Bibel Sklaverei billigt oder Frauen von Gemeindeämtern ausschließt und ob man das Recht oder gar die Pflicht zu zivilem Ungehorsam hat – haben sich Christen durchaus auch über den ausdrücklichen Wortlaut einzelner Schriftstellen hinweggesetzt.

Lee findet den Schlüssel zur biblischen Ethik in Römer 13,8-10, wo Paulus die Liebe als die Erfüllung des ganzen Gesetzes bezeichnet, die bedingungslose, selbstlose, verletzliche Liebe, die den anderen so achtet und ihm so zugewandt ist, dass sie ihm nichts Böses zufügt. Wer aufrichtig liebt, tut automatisch das Richtige. Lee verfolgt den Gedanken durch das Corpus Paulinum und findet ihn immer wieder in unterschiedlichen Facetten: Der Weg der Freiheit liegt zwischen den beiden Polen der Gesetzlichkeit und des Hedonismus oder der Willkür.

Dieselbe Logik liegt auch bei Jesus zugrunde, wenn er sich über das Sabbatgebot hinwegsetzt. Für seine Zeitgenossen war das keine Kleinigkeit, sondern der unmissverständliche Beweis, dass Jesus kein echter Prophet sein konnte, sondern nur ein raffinierter Verführer. Zum Streit in Markus 3,4 merkt Lee an:

Aus der regelkonformen Perspektive ergibt das Argument Jesu keinen Sinn. Aber aus einer liebe-deinen-Nächsten-Persepektive ist der Sinn sonnenklar.

Jesus streitet also mit den Pharisäern gar nicht darum, ob das Verbot, am Sabbat bestimmte Dinge zu tun, in seinem Fall (Heilung, Ährenausraufen) zutrifft, er bestreitet also gar nicht, dass er das Sabbatgebot „bricht“. Stattdessen erklärt er, dass das Gebot „für den Menschen“ da ist, oder, um es mit Paulus zu sagen, um uns zu Christus zu führen, um dort dem Geist des Gesetzes zu begegnen, statt beim Buchstaben stehen zu bleiben.

Und so wie ein Arzt dem Patienten manchmal in einem konkreten Fall rät, den Beipackzettel mit seinen Warnungen und Dosierungsanleitungen zu ignorieren und das verschriebene Medikament anders einzunehmen, so kann der Geist Gottes Menschen in bestimmten Situationen dazu anleiten, den Buchstaben des Gesetzes zu missachten. Ob es tatsächlich Gottes Geist war, der diesen Weg gewiesen hatte, muss sich dann an der Frucht dieses Handelns erweisen.

Zweifellos gab es viele Arten homosexuellen Verhaltens, die von Selbstsucht angetrieben wurden und nicht von Agape-Liebe. Vergehen wie Vergewaltigung, Götzenkult, Prostitution, und der Missbrauch von Kindern sind klare Beispiele für die Resultate selbstsüchtiger, fleischlicher Motivation, die keine Liebe zu Gott und anderen ist.

… Aber angenommen, zwei Menschen lieben sich von ganzem Herzen, und sie wollen einander im Angesicht Gottes versprechen, sich zu lieben, zu ehren, wertzuschätzen; einander selbstlos zu dienen und zu ermutigen; gemeinsam Gott zu dienen; einander treu zu bleiben für den Rest ihres Lebens. Wären sie unterschiedlichen Geschlechts, würden wir das heilig nennen und schön und einen Grund zum Feiern. Aber wenn wir nur eine Sache ändern – das Geschlecht eines der beiden – während immer noch die gleiche Liebe, Selbstlosigkeit und Hingabe da wären, würden viele Christen es plötzlich als Gräuel bezeichnen, dem die Hölle droht.

Als ich Römer 13,8-10 wieder und wieder las, fand ich keinen anderen Weg, diese Sicht der Dinge mit dem in Einklang zu bringen, was Paulus uns über Sünde sagt. Wenn alle Gebote in der Regel zusammengefasst sind, dass wir einander lieben sollen, dann waren homosexuelle Paare entweder die einzige Ausnahme von dieser Regel, und Paulus hatte Unrecht – oder meine Kirche hatte einen schlimmen Fehler gemacht.

Mit Furcht und Zittern betritt Justin Lee Neuland, für das er noch keine Karten hat. Wenn er mit seiner Einschätzung falsch liegt, macht er sich schuldig und verleitet andere zur Sünde. Ein erschreckender Gedanke! Aber was, wenn er umgekehrt Recht und die kirchliche Tradition sich geirrt hatte? Was, wenn sie zahllose Menschen unnötigerweise vor den Kopf gestoßen und ihnen den Weg zum Glauben verbaut hatte? War es dann in Ordnung, einfach den Mund zu halten?

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Torn (8): Zurück zur Bibel

Der Kulturkampf zweier Lager und Lebenskonzepte, die nach eigener Überzeugung die jeweils andere ausschließen, stellt Justin Lee vor die Frage, auf welche Seite er sich schlägt. Die christliche Subkultur ist ihm bislang jede Antwort auf die Frage, wie er denn nun als (alleinstehender) mit seiner homosexuellen Orientierung leben solle, schuldig geblieben.

Bei seiner Suche in der Bibel beginnt er in Genesis 19, mit dem Untergang Sodoms. Und er stellt fest, dass Homosexualität dort keineswegs als das Hauptproblem oder die Kardinalsünde der Bewohner von Sodom erscheint. Dass diese geschlossen über Lots Gäste herfallen wollen, ist kaum sinnvoll als Folge gleichgeschlechtlichen Begehrens zu verstehen, sondern als ein Akt gewaltsamer Erniedrigung Fremder. Darauf deuten auch die auffälligen Parallelen zu Richter 19 hin. Über auf Liebe und gegenseitige Treue hin angelegte Beziehungen zwischen Partnern gleichen Geschlechts sagt die Geschichte nichts aus.

Ähnlich ist es in Levitikus 18,22. Lee erkennt schnell, dass die gern verwendete Unterscheidung zwischen Kultgesetzen und Moralgesetzen hier nur zu künstlichen und willkürlichen Resultaten führt, weil den Texten selbst ein solcher Unterschied völlig fremd ist. Selbst konservative Exegeten (er zitiert Robert Gagnon) sind hder Auffassung, es gehe bei diesem Verbot um Tempelprostitution. Damit wäre es erstens nachvollziehbar, zweitens aber auf einen Kontext bezogen, der heute kaum anzutreffen ist.

Der große gedankliche Bogen, den Paulus in Römer 1,18-32 schlägt, wirft eine Menge Fragen auf. Zum Beispiel, ob Homosexualität als Strafe Gottes gegenüber Menschen anzusehen ist, die sich von ihm abkehren. Wie aber könnte diese Strafe jemanden treffen, der im Glauben groß geworden war und ihn nie hinter sich gelassen hatte? Von wem spricht Paulus also da in der dritten Person Plural? In den Kommentaren zu dem Abschnitt wird immer wieder auf heidnische Kulte Bezug genommen. Und „Götzendienst“ war der pauschale Grundvorwurf des religiösen Judentums gegenüber der heidnischen Umwelt. Paulus greift diese relativ grobe Polemik, der die meisten Juden ohne Zögern zustimmen würden, in Römer 1 auf, um ihr negatives Urteil über die heidnischen Zeitgenossen in 2,1 dann gegen sie selbst zu wenden – mit demselben Überraschungseffekt, den Nathan gegenüber König David schon erfolgreich eingesetzt hatte.

Beim Verständnis von 1.Kor 6,9-11 hängt dagegen alles an einem in seiner Bedeutung strittigen Wort, dem griechischen Begriff arsenokoitai, der außer in 1.Tim 1,10 nirgends mehr auftaucht. Unter diesen Bedingungen ist seine Bedeutung schwer zu klären. Geht es wieder um Kultprostitution, geht es um die griechische „Knabenliebe“ (ein verheirateter, älterer Mann hält sich einen jugendlichen Liebhaber), oder werden tatsächlich auch Liebesbeziehungen auf Gegenseitigkeit und Augenhöhe, wie es sie heute gibt, damit abgelehnt? Vorschnelle Verallgemeinerungen sind problematisch. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, das negative Urteil der Bibel über „Zöllner“ auf unsere heutigen Finanz- und Zollbeamten zu übertragen.

Hätte irgendeiner dieser Schriftstellen irgendetwas zu verantwortlichen und treuen homosexuellen Beziehungen gesagt, pro oder contra, oder über ernsthafte Christen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, oder von der Notwendigkeit, dass Menschen wie ich allein bleiben, hätte ich das so hingenommen. Aber das taten sie nicht.

Andererseits war zumindest bei dem Begriff arsenokoitai nicht zweifelsfrei klar, dass er sich nicht auch auf homosexuelle Partnerschaften beziehen könnte. Eine Pattsituation: Man konnte es so herum betrachten oder andersherum. Lee fragt sich, ob er den Texten vielleicht voreingenommen begegnet sein könnte und stellt eine doppelte Tendenz bei sich fest: Den Wunsch nach einem Partner und zugleich die Angst, all das in Frage zu stellen, was ihm über die Bibel und Homosexualität beigebracht worden war. Kann man diesen inneren Knoten entwirren?

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Torn (7) Die Bombe im Gepäck

Je länger, je mehr hat Justin Lee den Eindruck, dass seine evangelikalen Mitchristen Fehlinformationen über Homosexualität aufgesessen sind, und dass aufgrund der Fehlinformationen nun wohlmeinende Menschen dazu beitrugen, dass die Fronten, zwischen denen er und andere sich wiederfanden, zunehmend härter und undurchlässiger wurden.

Er beschreibt eine Szene aus einem Actionfilm: Die Protagonisten verfolgen einen Lieferwagen, in dem Terroristen angeblich eine Bombe versteckt haben, quer durch einen belebte Stadt. Als sie den Wagen endlich einholen und nachsehen, stellen sie fest, dass er leer ist. Die Bombe befand sich schon die ganze Zeit in ihrem eigenen Auto, und nun haben sie selbst den Sprengsatz ans Ziel gebracht. Ein Bild für konservative Christen und ihren verbissenen, oft unbarmherzigen Kulturkampf, der viele vor den Kopf stößt:

Der Sauerteig der Fehlinformation über Homosexuelle hat sich in der ganzen Kirche ausgebreitet, und er hat die Kirche nicht nur zum mutmaßlichen Feind der Homosexuellen gemacht, sondern auch zu ihrem eigenen schlimmsten Feind.

Freilich betrifft das nicht alle Christen. Lee räumt ein, dass er den Begriff „Christen“ bis dahin für den Evangelikalismus als wichtigste Kraft im nordamerikanischen Protestantismus verwendet hat (was wiederum auch dem Sprachgebrauch vieler Evangelikaler entspricht). In theologisch liberalen Kreisen hat man als Homosexueller keine Probleme. Der Preis dieser Freiheit aber ist für ihn eine theologische Unverbindlichkeit und Schwammigkeit in ganz zentralen Glaubensfragen, etwa bei der Auferweckung Jesu von den Toten (theoretisch liegt zwischen diesen beiden Polen noch ein weites Feld, das kommt aber an dieser Stelle nicht in den Blick).

Er lernt parallel zu den christlichen Aktivitäten die Schwulen- und Lesbenszene kennen, die sich auch organisiert hat und sich zum Teil aggressiv gegen die „Christen“ positionierte. Dort wird er mit seinen eigenen Hemmungen und Verkrampfungen konfrontiert, der Fremdheit, die er aus seiner evangelikalen Kinderstube mitbringt. Zögernd begleitet er ein lesbisches Paar in eine Szenebar – es wird ein Kulturschock vor allem insofern, als er als braver Southern Baptist das Rauchen, den Alkohol und das Tanzen überhaupt nicht gewohnt und schon allein deshalb alles andere als entspannt war. Andererseits muss er sich dort keiner Avancen oder gar Übergriffe erwehren.

Die Spannung zwischen den beiden Welten, der verinnerlichte Kulturkampf, stürzt Justin Lee schließlich in eine tiefe Krise. Die Lösung findet er nicht in Medikamenten, sondern in dem Entschluss, sich nicht mehr zu fürchten und sich nicht mehr durch die bestehenden Konfrontationen definieren zu lassen. Um die Frage nach seinem weiteren Weg im Leben zu klären, greift er erneut zur Bibel.

(hier geht’s zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6)

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Torn (5): Ein schwerer Entschluss

Der besondere Charme dieses Buches liegt darin, dass Justin Lee seine Leser mitnimmt auf einen Weg. Es ist keine abstrakte, trockene und scheinbar emotionslos-objektive Theorie, sondern eine aufrichtige, intensive Suche, die über verschlungene Pfade führt. Man bekommt nicht einfach ein Resultat präsentiert, sondern vollzieht beim Lesen die einzelnen Schritte nach, die dahin führten, und was es den Autor kostete.

Nach seiner Abkehr von der Ex-Gay-Bewegung und der bis dahin verlockenden Vorstellung, er könne „hetero“ werden, sieht Lee sich vor der Entscheidung, seine Homosexualität zu verleugnen oder zu unterdrücken, sich auf eine homosexuelle Beziehung einzulassen, oder allein zu bleiben. Aber das würde nicht nur den Verzicht auf Sex bedeuten, sondern auch auf innige Nähe, auf Anerkennung und ungeteiltes Dasein füreinander. Sogar Paulus, der doch die Ehe mehr als ein Zugeständnis betrachtet hatte, war klar, dass wenige seinem Ideal der Ehelosigkeit gewachsen waren, schreibt Lee und fügt hinzu:

Menschen heiraten nicht, weil sie dann das Recht auf Sex haben; sie heiraten aus Liebe und um der Gelegenheit willen, mit jemand anders ein gemeinsames Leben aufzubauen. Sie heiraten, weil es dann, wenn alles im Leben schief geht und die Probleme am Größten sind, tröstlich ist, wenn man eine Hand halten kann. Weil in der Dunkelheit der Nacht ein Bett sich viel weniger leer anfühlt, wenn da jemand neben dir liegt. (S. 103)

Aber eine echte Alternative scheint nicht in Sicht. Über die Frage, ob denn wenigstens eine nichtsexuelle, romantische Beziehung zu einem Mann erlaubt sei, schweigt sich die Bibel aus. Vielleicht gibt es da ohnehin keinen großen Unterschied? Ist also das zölibatäre Leben der Wille Gottes? Lee schreibt:

Ich habe keine Worte, die beschreiben könnten, wie sehr diese Frage auf mir lastete. Ich wusste, ich könnte mich nicht weiterhin als Christ bezeichnen, wenn ich nicht bereit war, alles hinzunehmen, was Gott für mich geplant hatte, selbst wenn das ein Leben in Einsamkeit bedeutete. Ich wusste auch, ich konnte Gott nicht belügen und so tun, als wäre mir das alles recht, um dann nach einer anderen Lösung zu suchen. Gott kennt dein Herz. Du kannst Gott nicht belügen. … schließlich kam ich zu der unausweichlichen Schlussfolgerung: Ich musste Gott folgen, was auch immer das hieß. (S. 104)

Er spricht das in einem sehr ehrlichen, berührenden Gebet aus und spürt, wie eine Woge des Friedens über ihn kommt.

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Torn (4) – Erfahrungen mit der „Ex-Gay-Bewegung“

Justin Lees Eltern, damit beginnt das sechste Kapitel von „Torn“, nehmen ihn auf eine Konferenz über Homosexualität mit. Dort hört er die im letzten Post kurz beschriebene These, es handele sich um die (prinzipiell therapierbare) Folge einer gestörten Elternbeziehung. Seine Einwände, das treffe unter anderem auch auf seine Lebensgeschichte nicht zu, finden kein Gehör. Am Ende fragt er sich:

Was für ein Dienst nimmt jemanden, der denkt, er hatte ein wunderbares Verhältnis zu seinem Vater, und überzeugt ihn davon, dass es in Wirklichkeit schlecht war? Das fühlte sich für mich immer weniger nach einem Werk Gottes an.

Er begegnet einer merkwürdigen Sprachverwirrung in der Ex-Gay-Szene. „Homosexuell“ wurde nicht (wie allgemein üblich) so verstanden, dass jemand sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, sondern als – in der Regel recht exzessiv ausgelebtes – sexuelles Verhalten. Folglich bezeugten etliche eine Veränderung ihres Lebensstils und der Ausstieg aus einer bestimmten kulturellen Szene, aber das bedeutete keineswegs, dass sich damit auch die sexuelle Orientierung verändert hätte. In der Regel war das offenbar nicht der Fall. Dennoch glaubten viele wohlmeinende Christen, dass tausende aus ihrer Homosexualität ausgestiegen seien und es damit auch erwiesen sei, dass ihr Freund oder Angehöriger darauf hoffen dürfe.

Lee erzählt in dem Kapitel unter anderem von seinem Freund „Terry“, der von diesen Versprechen angezogen verschiedene Therapiebemühungen unternahm. Terry war verwitwet, aber schon seine erste Ehe war er in der vergeblichen Hoffnung eingegangen, dass er seine Frau, die ihm eine gute Freundin war, im Laufe der Zeit körperlich anziehend finden würde. Nun riet man ihm zu, es erneut zu versuchen. Terry heiratete wieder, aber die zweite Ehe zerbrach, weil Terrys Empfinden sich nicht änderte. Er wandte sich verbittert über die Augenwischerei von der Kirche ab.

Wo die Wirklichkeit dem Wunschdenken geopfert wird (und man das mit „Glauben“ verwechselt), da wird es schwierig, ehrlich zu bleiben. Lee erinnert an eine Reihe von Skandalen der Ex-Gay-Bewegung: Colin Cook von „Homosexuals Anonymous“, der sich 1982 für geheilt erklärte, aber einem Zeitungsbericht zufolge noch acht Jahre später sexuellen Kontakt hatte zu Leuten, die er begleitete. Michael Busseé und Gary Cooper von Exodus International, die die dürren Erfolge ihrer Arbeit ins denkbar beste Licht zu rücken wussten – und sich dann in einander verliebten. John Paulk, der Vorzeigemann von Exodus International und Focus on the Family wurde von einem Aktivisten in einer Schwulenbar in Washington D.C. erkannt. Inzwischen hat Exodus International deutlich leisere Töne angeschlagen, damit aber auch etliche Mitgliedsverbände verloren.

Traurig bleibt in jedem Fall, dass allzu vollmundige Versprechungen vielen Menschen so viel Leid zugefügt haben, und dass das Versteckspiel offenbar noch nicht zu Ende ist.

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