Nach dem bösen Erwachen: Weisheit in Zeiten der Polarisierung

Manchmal setzen sich Gedanken aus ein paar Gesprächsfetzen zusammen. In diesem Fall Gespräche über den gesellschaftlichen Diskurs, der an vielen Stellen mit wachsender Erbitterung geführt wird.

Mitten hinein fiel der Hinweis auf die Geschichte vom weisen König Salomo, die ich noch aus der Kinderbibel kenne: Zwei Frauen teilen sich eine Unterkunft, beide haben ein neugeborenes Baby, eines morgens ist das eine Kind tot. Die Mutter, die es im Schlaf erdrückt hat, nimmt der anderen Mutter heimlich das lebende Kind und legt das tote in ihren Arm.

So liest sich das in der Klage, die daraufhin vor dem König landet und die mit dem Schwert – freilich unblutig – entschieden wird. Der gilt fortan an weiser Mann: Er droht, das lebende Kind zu zerteilen und jeder Mutter die Hälfte zu geben. Die Frau, die nachgibt, ist die wahre Mutter. Die Frau, die hart bleibt, ist die Betrügerin. Heute würden wir kein Schwert mehr nehmen, sondern eine Speichelprobe. Dem Fortschritt sei Dank.

Aber das würde die salomonische Pointe kaputt machen, um die es mir heute geht.

Die vordergründige Analogie zuerst: Wir haben leider keinen weisen König, der zwischen den gesellschaftlichen oder globalen Streitparteien schlichtet. Wir sind alle immer schon Partei. In vielen Konflikten setzen sich momentan die durch, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Und es haben die das Nachsehen, die Kompromisse zu machen, um Menschenleben zu retten. Schmerzhafte Kompromisse, für die sie selbst einen hohen Preis zahlen und für die sie wenig Gegenliebe und Anerkennung ernten.

Dahinter liegt die Frage: Woher die Härte? Es bleibt ja offen, ob in der Geschichte vom weisen Salomo die Mutter des toten Kindes bewusst lügt, oder ob sie sich selbst betrügt und darüber jedes menschliche Maß verliert. Vielleicht spielt das aber auch keine entscheidende Rolle – weder für das Verständnis der Geschichte, noch für unsere Situation.

Da haben also zwei bisher zusammen gelebt. Eher ein Zweckbündnis als eine Frage tiefer Zuneigung, so ist es ja in unserer spätmodernen Welt auch. Dann kommen Kinder zur Welt, der kleine Haushalt wächst, aber die Gleichheit steht nicht in Frage.

Plötzlich geschieht das Unglück: Ein Kind ist tot. Ob tatsächlich im Schlaf erdrückt oder unverschuldet durch plötzlichen Kindstod – wir wissen es nicht. Menschen geben sich freilich sich oft auch dann die Schuld, wenn es gar keinen ursächlichen Zusammenhang gibt. Die Schuldfrage führt hier nur in Sackgassen. Doch was für eine Tragik, wenn eine Mutter das Leben, das sie gerade zur Welt gebracht hat, versehentlich zerstört. Und mit dem Kind sterben all die Erwartungen und Hoffnungen an die Zukunft.

Die Entscheidung nach dem bösen Erwachen fällt augenblicklich. Die Kinder werden vertauscht, das Faktum des Verlusts verleugnet, die Schuld umgekehrt, das Leid weggeschoben. Freilich erkennt die betrogene Mutter sofort, was geschehen ist. Aber weil wohl niemand sonst die Kinder gut genug kannte, hat sie kaum eine Chance, die „Fake News“ zu widerlegen, die ihre Kontrahentin schon aktiv verbreitet und hinter denen sie sich verschanzt.

Johann Walter Bantz

Die Frau, der die Zukunft durch einen bösen Zufall, durch eigene Erschöpfung und Unachtsamkeit oder beides zusammen genommen wurde, bemächtigt sich der Zukunft der anderen. Dabei verliert sie auch noch den letzten Menschen, der sie hätte trösten können, wenn sie die Trauer denn zugelassen hätte. Denn die Mitbewohnerin, die alles hat, was sie nicht hat, erscheint ihr in diesem Augenblick als Feindbild par excellence. Da spielt es keine Rolle, dass sie keinerlei Schuld trifft am Verlust der Zukunft. Die andere mit einem lebenden Kind zu sehen, ist schlicht unerträglich.

Nun kämpfen zwei trauernde Frauen um eine Zukunft. Und es gibt nur noch ein Entweder/Oder. Die eine, die eigentlich schon alles verloren hat, kann sich die Totalverweigerung leisten – schlimmer wird es nicht mehr. Vor allem steigen ihre Gewinnchancen, je kälter und unnachgiebiger sie agiert. Denn die andere Mutter wird ihr Kind lieber weggeben als sterben sehen, selbst wenn sie dann nicht nur das Kind verloren hat, sondern auch noch als Lügnerin dasteht.

Aber dahinter steht, gut versteckt, eine Stärke: Diese Mutter weiß, dass sie über diesen Verlust lange und schwer trauern wird. Sie weiß aber auch, wie sie der Trauer einen Sinn geben kann. Sie denkt an das Kind, das zur nicht mehr ihres ist, aber sein Leben ist ihr wichtiger als ihre Verfügung darüber. Die Härte fehlt: Bei allem Ringen um das Recht, sie kann keine „Alles-oder-nichts“- Strategie fahren. „Nihilismus“ nannte ein Freund das kürzlich.

Brexiteers, Tea-Partisanen, Deutschlandretter hadern mit dem Verlust einer Zukunft, die tot ist und die tot bleibt. Das hat durchaus etwas Tragisches an sich. Darüber ließe sich unter Umständen reden und auch trauern. Vielleicht kann, wenn das durchgestanden ist, auch eine neue, etwas andere Zukunft geboren werden. Sie sehen die Lösung aber vor allem darin, denen, die sie für irgendwie privilegiert halten, die Zukunft wegzunehmen: Den Minderheiten, die sich in den letzten Jahrzehnten mühsam gleiche Rechte erkämpft haben, oder den Migranten, die ihr Leben häufig riskieren, um überhaupt irgendeine Zukunft zu haben.

Komplett doppelbödig wird es dagegen bei der Kritik an den „Eliten“: Die Finanzelite lässt man ungeschoren und die intellektuellen Eliten werden zwar nach Kräften diskreditiert, aber die eigenen akademischen Titel bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eifrigst zur Schau gestellt. Das Problem ist eben nicht, dass es Eliten gibt, sondern nur, dass man selbst nicht dazu gehört.

Inzwischen werden im konservativen Christentum quer über das konfessionelle Spektrum dieselben Reflexe wirksam. Wahlweise werden die Kinder der anderen für tot erklärt oder die anderen als (potenzielle oder tatsächliche) Mörder der eigenen Kinder angeklagt. Trauer und Klage bekommt man kaum zu hören. Dafür Kampfansagen, Abgesänge, ein bisschen Sarkasmus und viel Empörung.

Nun höre ich schon den Einwand, ich drehe die Geschichte hier so hin, dass ich in diesem Kulturkampf auf der Seite der Guten stehe. Das Dilemma ist ja tatsächlich, dass Dritte erst einmal verwirrt vor der Tatsache stehen, dass sich da in schönster Symmetrie zwei Frauen gegenseitig beschuldigen, ihr eigenes Kind erdrückt und sich des anderen Kindes bemächtigt zu haben.

Und genau deshalb erzähle ich diese Geschichte hier auch: Nicht, damit alle einfach meine Deutung übernehmen. Die könnte in der Tat eine Täuschung sein.

Sondern um genau hinzusehen:

Wo in diesem Ringen ist diese Kompromisslosigkeit am Werk?
Wo versucht jemand, es kalt lächelnd auf eine „Alles-oder-Nichts“-Entscheidung hinauslaufen zu lassen?
Wo ist echte Trauer und Sorge spürbar?
Wo nimmt das Denken und Argumentieren immer rigidere Züge an?

Diese Fragen führen auf die richtige Spur. Weisheit, das bedeutet: Wir sollten sie uns immer und immer wieder stellen.

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Das Exodus-Muster

Gibt es eine stimmige theologische Alternative zum heilgeschichtlichen Muster von Schöpfung, Fall und Sühne, das die westliche Theologie seit Augustinus dominiert und dafür gesorgt hat, dass Erlösung primär als Beseitigung individueller moralischer Schuld und notwendige Weichenstellung für die himmlische Seligkeit verstanden wurde?

Es gibt sie, und wir finden sie in der Bibel – wenn wir, statt im Buch Genesis anzufangen, mit dem Exodus beginnen. Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten ist das Urdatum der Geschichte Israels. Er führt zum Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk am Berg Sinai. Das mosaische Bundesrecht stellt dabei, wie Richard Horsley zeigt, eine Art sozialökonomische Charta dar. Es wird zum Ausgangspunkt einer Traditionslinie, die sich durch die gesamte hebräische Bibel zieht. Sie bildet einen Gegenpol zu den königlich-priesterlichen Traditionen (Palast und Tempel waren, auch in der Sicherung des eigenen Einflusses, stets eng verbunden).

Die Propheten klagen sie gegen die Könige ein, als in Israel und Juda eine Feudalisierung einsetzt. Sie stellen das Scheitern des Bundes fest und kündigen das Ende des Königtums an. Und als dieses dann gekommen ist, beginnen sie von einem neuen Exodus zu reden, der einer Auferweckung des Gottesvolkes gleichkommt.

Clem Onojeghuo

Und auf just diese Exodustraditionen bezieht sich Jesus exklusiv, wenn er die Schrift zitiert – gern auch gegen das herodianische Königshaus und die Priesteraristokratie in Jerusalem. Das Matthäusevangelium stellt Jesus als den neuen Mose dar, beginnend mit der Geburt unter einem kindermordenden Herrscher, der Flucht und Rückkehr, der Taufe (Schilfmeer!), dem neuen Gesetz, das auf einem Berg in Kraft gesetzt wird und das inhaltlich an die egalitäre Ordnung des mosaischen Bundes anknüpft, die unter der armen Landbevölkerung Galiläas noch hoch im Kurs stand. Es gipfelt in der Feier des Passafestes, in der Jesus seinen Tod mit einem neuen Exodus verbindet.

Frank Crüsemann hat die Spur des Exodus durch das neue Testament in einem feinen Beitrag („Gott und Menschen handeln – wie ist das Verhältnis?“) zu dem Band „Befreiung vom Mammon“ (hg. V. Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich, Die Reformation radikalisieren, Bd. 2) nachgezeichnet. Er entdeckt sie im Lukasevangelium, in den Reden der Apostelgeschichte, und auch in den Aussagen des Römerbriefs über die Befreiung von der Schreckensherrschaft der Sünde. Im Gegensatz dazu (zur Sünde und der Unfreiheit unter römischer Herrschaft) sind „die Beziehungen, die Gott eingeht … nicht von Macht bestimmt.“ Jede Reich-Gottes-Theologie, die sich selbst ernst nimmt, müsste eine dezidierte Exodus-Theologie sein.

Vergebung ist der Befreiung dann theologisch nach- und nicht vorgeordnet. Sie ist im Exodus eingeschlossen und sie ist notwendig, um ihn zu vollenden – Freiheit muss sich bewähren und sie bleibt vorläufig auch noch gefährdet.

Das Problem mit der herkömmlichen Vorstellung von Sünde als moralischem Versagen und individueller Schuld und einer primär jenseitsbezogenen Erlösung ist ja die Frage, wie man das dann wieder mit sozialen und politischen Verhältnissen – also dem öffentlichen Leben statt nur dem privaten – zusammenbringt. Denn wenn es in der Bibel vor allem um „Gott und die Seele“ geht, bleiben die Lebensverhältnisse außen vor oder sie dienen nur als austauschbare Kulisse für die Bewährung des Glaubens bis zur endgültigen Heimkehr zu Gott. Genau das passiert, wenn man – etwas überspitzt formuliert – aus dem „alten“ Testament nur die ersten drei Kapitel der Genesis, die zehn Gebote und ein paar messianische Verheißungen in den Kernbestand christlichen Denkens integriert.

Macht man hingegen das Exodus-Muster zur Grundstruktur von Theologie, dann ist damit die Frage nach dem inneren Zusammenhang der hebräischen und griechischen Bibel besser beantwortet, als wenn man diesen in der priesterlichen Sühnetheologie sucht – oder gleich aufgibt. Zugleich wird es möglich, einen kritischen Blick auf die biblischen Texte zu werfen, die andere Vorstellungen von Gott, Gerechtigkeit, Macht und Freiheit vermitteln. Und nicht zuletzt finden wir hier eine Sprache, um die Lebens- und Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren – und zu verändern: „Speaking Truth to Power“, nennt Walter Brueggemann das.

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Warum wir heute ständig Kulturkämpfe führen

Ich habe hier vor ein paar Tagen gefragt, ob es zu dem, was die identitäre Bewegung in der Politik darstellt, theologische Analogien gibt. Auf Facebook hat Arne Bachmann zurückgefragt, ob es nichtidentitäres Christentum geben kann. Ich denke schon, denn es geht ja nicht um die Frage, ob man eine Identität hat, sondern darum wie man diese versteht und lebt. Arnes Vorschlag war, im Christentum nicht eine Identität neben anderen zu sehen, sondern eine Art Meta-Identität (meine Worte), die alle anderen Identitäten und deren Konkurrenz relativiert.

Ein anderes Licht auf diese Frage wirft der Schluss des rund 100-seitigen ersten Kapitels aus „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz. Reckwitz beschreibt darin sehr ausführlich, dass die Spätmoderne sich von der Produktion standardisierter, einheitlicher Massengüter abwendet, die Kennzeichen der industriellen Moderne war (bei Bauman liefe das unter „solid modernity“). Nun steht die Hervorbringung von „Singularitäten“ im Zentrum. Damit ist alles gemeint, was als etwas Besonderes erfahren wird (ein Produkt, ein Event, eine Gemeinschaft, ein Ort, ein Individuum), weil und indem es starke Affekte auslöst. Der spätmoderne Kulturkapitalismus dreht sich um solche Auf- und Abwertungen des Besonderen. Das Markenimage wird wichtiger als der reine Gebrauchswert eines Produkts, denn es dient auch der Singularisierung des Konsumenten, der es wie ein Kurator im Leben so anordnet, dass er sich dadurch als besonders ausweisen kann.

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Veronica Benavides

Drei Entwicklungen kommen hier zusammen und greifen ineinander: Die neue Mittelklasse verlegt seit etwa 1970 den Akzent weg von materiellen Lebensstandard („keeping up with the Joneses“) hin zur Lebensqualität. In der neuen Wissens- und Kulturökonomie ist Authentizität, die dem Bürgertum als stille Sehnsucht seit der Romantik anhaftet, der neue Leitwert der creative economy. Wenn zum Beispiel die Chefs von Apple auf ihren Keynote den Artikel nervtötend konsequent weglassen, während sie von iPhones und anderen Produkten reden, dann suggerieren sie damit, dass das nicht ein Exemplar einer Geräteklasse (Smartphone) unter anderen ist, sondern es trägt einen Eigennamen – das Produkt ist so einzigartig und unverwechselbar wie eine Person.

Und dann kommt auch noch die Digitalisierung zum kulturell-kreativen Komplex hinzu. Rationalisierung und Standardisierung treten in den Hintergrund und finden dort weitgehend unsichtbar statt, mit ihrer Hilfe werden im großen Stil Singularitäten erzeugt. Der Postmaterialismus geht über in „Singularitätsmärkte“, an denen es um Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und Anerkennung geht:

Die durchgreifende Singularisierung und Kulturalisierung aller Bestandteile des Lebens – Wohnen, Essen, Reisen, Körperkultur, Erziehung etc. –, die hier erfolgt, geht so Hand in Hand mit der Statusinvestition ins eigene Singularitätskapital und in die Darstellung des besonderen Lebens vor den Anderen. In gewisser Weise gilt hier die „Norm der Abweichung“ oder positiv gewendet: die Norm der performativen Authentizität, der sozialen Aufführung von Unverwechselbarkeit. (S. 108)

Ich denke, mit dem Begriff der Singularität lassen sich viele Fresh-X Projekte gut erfassen. Gegenüber den stark vereinheitlichenden Tendenzen großkirchlicher Strukturen, die das Individuelle, Lokale und damit auch Besondere gerade begrenzen (wenn nicht gar unterdrücken oder überlagern) setzt man hier auf das Unverwechselbare. Es findet eine Kulturalisierung von Kirche statt, die nicht mehr auf Kontinuität abstellt, sondern auf Authentizität:  „die Darstellung des besonderen Lebens vor den Anderen“. Mit viel Liebe wird hier alles designt, was designt werden kann.

Ganz am Ende kommt Reckwitz darauf zu sprechen, dass diese Entwicklungen in der Spätmoderne zu einer ganzen Reihe von Polarisierungen führen: Bei den Gütern (Massenware vs. Kultobjekte), den Arbeitsverhältnissen (einfache, monotone und prekäre Arbeit vs. hochqualifizierte Wissens- und Kulturökonomie), den Klassen und Lebensstilen (kosmopolitische, gebildete Mittelklasse vs. abgehängte Unterklasse), den sozialen Räumen (kreative Hotspots vs. Fly-over-country). Und nicht zuletzt in der Politik.

Und hier schließt sich jetzt der Kreis (für alle, die sich gewundert haben, wann den nun endlich noch etwas „Identitäres“ kommt). Reckwitz schreibt, dass sich gegen das neue, dominante politische Paradigma „eines apertistischen (öffnenden) und differenziellen (Unterschiede setzenden) Liberalismus, welcher auf eine Kombination von Wettbewerb und kultureller Vielfalt setzt“ von verschiedenen Seiten Widerstand erhebt; es gibt nämlich

…ein ganzes Bündel von antiliberalen (sub)politischen Kulturessenzialismen und -kommunitarismen (Ethnizität, Nationalität, religiöser Fundamentalismus, Rechtspopulismus) …, die gegen die Hyperkultur und ihre Märkte nun kollektive Identitäten mobilisieren. Diese Identitätsbewegungen bewegen sich freilich innerhalb [!!] der Logik der Gesellschaft der Singularitäten [Anm. von mir: bei Bauman ist ja auch Fundamentalismus die postmodernste Form von Religiosität]: Auch sie setzen auf Kultur und Singularität, verorten diese jedoch nicht auf mobilen Märkten, sondern innerhalb besonderer – religiöser, nationaler, ethnischer, völkischer – Kollektive. Das Ergebnis sind die für die Gesellschaft der Singularitäten überaus charakteristischen Konflikte um die Kultur. (S. 110)

Ich denke, ich kann nun auch klarer sagen, was mich an manchen (hippen wie miefigen) Frommen immer wieder an Typen wie Martin Sellner erinnert: Es ist dieser Gestus, mit dem sie dem Liberalismus, den sie ablehnen und verachten, den Untergang prophezeien. Vielleicht rührt die Verachtung auch daher, dass die eigene Identität im Rennen um Aufmerksamkeit und Anerkennung – Reckwitz nennt das Valorisierung – zusehends ins Hintertreffen geraten ist. Wenn er allerdings Recht hat, dann führen sie ihren Kulturkampf mit denselben Prämissen wie alle anderen. Weiterführende Lösungen als die energische Selbstdurchsetzung des eigenen Kollektivs (ein Mehr vom eigenen) haben sie, so weit ich das sehe, nicht anzubieten.

Eine kurze Einführung in Reckwitz‘ Gedankengänge gibts beim Deutschlandfunk (danke, Helge Seekamp!) und hier auf Zeit Online.

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Gott ist genervt: Unharmonische Weihnachtsgedanken.

Weihnachten herrscht in unseren Familien und Freundeskreisen manchmal, aber beileibe nicht immer ungetrübte Freude. Hin und wieder ist einer genervt. Das Essen misslingt oder entspricht nicht den Erwartungen, Gäste verspäten sich, mühsam ausgesuchte Geschenke treffen auf eher mäßige Begeisterung, der Gesprächsstoff geht aus, weil zu viele Themen mit Konflikten besetzt und die Harmlosigkeiten alle schon abgegrast sind. Irgendwann fällt ein falsches Wort, oder jemand bekommt etwas gut Gemeintes in den falschen Hals. Es folgt betretenes oder beleidigtes Schweigen, manchmal auch ein erhitzter Wortwechsel.

Einen solchen finden wir zu Weihnachten auch beim Propheten Jesaja. Mit dem feinen Unterschied, dass hier Gott der Genervte ist:

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel. (Jesaja 7,10-14)

Der Prophet Jesaja und Ahas, der König von Jerusalem, haben Stress: Die Sicherheitslage ist angespannt. Es droht Krieg mit den nördlichen Nachbarstaaten. Jesaja fordert Ahas auf, zu glauben, und das heißt, sich angesichts sehr realer Gefahr auf Gottes Treue zu verlassen. Ahas indes glaubt nicht, dass Gott ihn und sein Volk retten wird. Jesaja bietet dem König im Namen Gottes an, sich – quasi als vertrauensbildende Maßnahme – ein Zeichen auszusuchen, der aber lehnt – freilich nur scheinbar demütig – ab. In Wahrheit ist das ein Affront: Er will sich die Möglichkeit offen halten, die mächtigen Assyrer um Hilfe zu bitten – eine brutale Supermacht, viel schlimmer als die jetzigen Feinde.

Gott ist genervt davon, wie dieser König hier herumlaviert. Wenn sich Ahas eine andere Schutzmacht sucht als Gott, steht damit auch die besondere Beziehung Gottes mit dem Königshaus aus Davids Linie in Frage. Und damit die Zukunft des Volkes Gottes. Also kündigt der Prophet von sich aus ein Zeichen an, ungebeten: Ein Kind wird in Kürze zur Welt kommen, das seine junge Mutter „Immanuel“ nennt: „Gott mit uns“. Bevor der Kleine gut und böse unterscheiden kann, sagt Jesaja gleich anschließend, werden die Reiche der Aggressoren verwüstet sein. Leider auch der größte Teil von Ahas’ eigenem Königreich, weil Ahas – das zeichnet sich schon ab – auch diese erneute Einladung zum Vertrauen ausschlägt.

Die gute Nachricht in der schlechten Nachricht lautet: Es ist kein totaler Untergang, der jetzt droht. Aber es bleibt unklar, ob der Name „Immanuel“ ein dankbares Bekenntnis, oder ein trotziges ist, oder vielleicht auch nur ein verzweifeltes Flehen.

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Ilya Yakover

* * *

Ein Mann im Belagerungszustand. Das können wir verstehen: Auch für uns Heutige scheint die Frage eher die zu sein, welches der vielen Unheile, die derzeit drohen, uns zuerst erreicht:

  • Die Atomraketen aus Nordkorea und Donald Trumps Vergeltung?
  • Die Folgen der Kriege in der Ukraine und Syrien?
  • Die nächste große Wirtschaftskrise, gegen die sich nur wenige Superreiche versichern können?
  • Das labile Klima unseres Planeten – Stürme, Dürren, Überflutung?
  • Der massive Rechtsruck in Polen, Ungarn, Österreich und Sachsen mit seinem aggressiven Argwohn gegen alles Fremde und jeden, der aus der völkischen Reihe tanzt?

Aus Angst vor vermeintlichen Gefahren wenden sich auch heute viele an Helfer, die noch größeren Schaden anrichten. Irrsinnigerweise sind (in Ungarn, Polen oder den USA) auch viele fromme Christen darunter. Sie gewinnen kurzfristig an Sicherheit und opfern langfristig ihre Freiheit, wenn sie knallharte Machtpolitiker wählen, die Meinungs- und Pressefreiheit abschaffen oder ständig den Finger ab Abzug haben.

Kein Zweifel: Auch davon ist Gott genervt. Er hat es satt. Was wird er dagegen unternehmen?

* * *

Er unternimmt Folgendes:

Fast 800 Jahre nach Jesaja legt der Evangelist Matthäus den Satz von der Jungfrau und dem Immanuel einem Engel in den Mund, der Josef im Traum erscheint und ihn auffordert, die schwangere Maria nicht zu verlassen.

Wieder macht Gott seinem Volk in schweren Zeiten ein Angebot. Wieder durch die Geburt eines Kindes.

Nur hat Herodes das, was Ahas noch überlegte, längst hinter sich: Er ist bereits mit einer brutalen und gierigen Supermacht verbündet. Die Römer garantieren, dass seine Sippe an der Macht bleibt. Er ist König von Augustus Gnaden, so wie Assad in Syrien heute nicht ohne Putins Hilfe regieren könnte. Herodes ist paranoid, prunksüchtig, gewalttätig und heimtückisch, wie der Kindermord von Bethlehem beweist. Sogar ein paar seiner eigenen Söhnen ließ er umbringen, damit sie ihn nicht vom Thron verdrängen. Der neugeborene Immanuel – Jesus – muss mit seinen Eltern vor Herodes nach Ägypten fliehen. In jenes Land, dessen König zu Moses Zeiten kleine israelitische Jungs ermorden ließ. Aus Gründen der staatlichen Sicherheit, wie es dann immer heißt.

Gott ist genervt vom Verhalten der Mächtigen. Für Herodes ist die Geburt des Immanuel der Anfang vom Ende, ein Zeichen seines Untergangs. Die mörderische Intrige gegen das Jesuskind schlägt fehl. Er stirbt nach qualvoller Krankheit, seine Dynastie tritt ab. Statt seiner Söhne regiert jetzt ein römischer Statthalter in Jerusalem. Die Stimmung im Land ist so polarisiert, dass noch zwei Generationen später heftige Unruhen ausbrechen. Die Stadt und der Tempel werden dabei zerstört. Nur ein Rest überlebt und zerstreut sich über die ganze Welt – Jesaja reloaded.

* * *

Jesus, der neue Immanuel, wächst inmitten dieser Ereignisse auf. Die Evangelisten sehen in ihm das Gegenbild zu einer Politik der Angst, der Korruption und Ausbeutung, des Vertrauens auf Rüstungstechnik, Waffengewalt und Geheimpolizei. Er wird gut und böse provokant anders unterscheiden als die meisten seiner Zeitgenossen. Er wird zur Gewaltlosigkeit aufrufen, zum friedlichen Aufstand gegen Macht und Mammon, zum radikalen Vertrauen auf Gottes Fürsorge, sein Mit-Sein mitten in den Turbulenzen des Lebens. Wie Jesaja ruft er Menschen auf, in einer alternativen Welt zu leben, die von Gott und seiner Treue bestimmt wird, und sich keine Angst einjagen zu lassen.

Der Immanuel zeigt: Gott hat sich durch die Hintertüre in die Welt geschlichen. Er ist mit den Armen, mit den Friedfertigen, mit den Leidenden, er ist einer von ihnen und teilt ihr Leben. Er erleidet wie sie den Hass, der ihm von den Unterdrückern entgegenschlägt, und ebenso die Wut des Mobs, der Sündenböcke sucht und Blut sehen will.

Mob und Macht versuchen diese Störung aus der Welt zu schaffen, aber am dritten Tag ist sie wieder da und breitet sich aus wie ein Gerücht, von Mund zu Mund und Herz zu Herz. Ein Gerücht von der Treue Gottes denen gegenüber, die ihm vertrauen. Selbst im Angesicht von Krisen, Krieg, Katastrophen und Tod.

* * *

Gott ist genervt von allem, was Menschen zerstört, ihre Würde mit Füßen tritt, Zusammenhalt und Vertrauen zersetzt, Gewinn über Gemeinwohl stellt. Er hat sich endgültig auf die Seite all derer geschlagen, die unter Unrecht leiden und nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Nun fordert er uns heraus, uns zu ihm zu stellen. Und unsererseits darauf zu vertrauen, dass Gottes Macht größer ist als all die Drohungen, denen wir uns ausgesetzt sehen.

Weihnachten – das ist aus der Jesaja-Perspektive die Frage, welcher Schutzmacht wir uns anvertrauen, einzeln und gemeinsam. Und was dabei aus uns wird. Vielleicht haben sogar einige der Dinge, die uns an Weihnachten genervt haben, mit solchen Schutzmächten und unserer Abhängigkeit von ihnen zu tun:

  • Dem wehrhaften Nationalstaat mit Polizei, Armee (und, wenn nötig, Bürgerwehren)? Der stellt Ordnung über Leben, Überwachung über Vertrauen und Gleichschritt über Freiheit.
  • Der Supermacht des freien Marktes, des Geldes und des cleveren Kalküls? Sie bringt wenige Gewinner und viele Verlierer hervor. Sie stürzt mich in die Tretmühle der Selbstoptimierung – und wenn alles ausgereizt ist, werde ich ausgemustert.
  • Starken und aggressiven Anführern, die laut, rücksichtslos und breitbeinig daherkommen und von sich behaupten, für „das Volk“ zu sprechen? Sie leben von Opfer-Typen und Opportunisten, beuten Angst, Neid und Hass aus. Sie spalten und säen Misstrauen. Andere machen sie innerlich kleiner, um selbst größer zu wirken.
  • Der Hoffnung auf Ruhm, Bewunderung und Anerkennung auf den analogen und digitalen Bühnen dieser Welt? Statt ich selber zu sein (und zu entdecken, was das eigentlich bedeuten würde), werde ich immer überlegen, was gerade gefragt ist und gut ankommt. Was Beifall (die „Likes“) oder Aufsehen erregt (die beliebten „Tabubrüche“). Was eben gerade als Projektionsfläche vorhandener Stimmungen taugt.

Ständig werden wir bewertet und beurteilt. Das strengt an und macht müde. Kein Wunder, dass wir genervt sind. Weihnachten ist eine Gelegenheit, dem auf die Spur zu kommen, was uns das Leben wirklich verleidet.

Und dann die Alternative zu betrachten: Ich vertraue dem Einen, der als Kind kam und es nicht als Zumutung empfand, klein zu sein. Der auch als Erwachsener Vertrauen schenkte und sich verletzlich machte. Der nicht das eigene Überleben und Wohlergehen im Sinn hatte. Der Menschen nicht taxierte und sich überlegte, welchen Nutzen sie für ihn wohl haben. Der Leute zusammenbringt, die sich von selbst nie zusammenfinden würden. Dem Immanuel.

Es ist riskant, Gott zu vertrauen. Es ist schwer, sich von ihm allein beschenken und beschützen zu lassen. Aber es ist auch der Weg zu einem erfüllten Leben – und zum Frieden mit mir selbst, meinen Mitmenschen und Gott.

Sein Segen und Wohlgefallen sei mit uns allen.

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Nicht ganz dicht?

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem CSU-Stammwähler. Er hatte bei der Bundestagswahl grün gewählt, weil er Merkel unterstützen wollte – aber Seehofer ablehnt, der Staatsanwälte gegen Pfarrer einsetzt, die Kirchenasyl gewähren, der Obergrenzen für Humanität fordert, den Nationalisten und Autokraten Viktor Orbán hofiert oder die Lügen der heimischen Autoindustrie viel zu lange schöngeredet und belohnt hat.

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Tim Gouw

Nun hat die CSU ein historisch schlechtes Wahlergebnis eingefahren und Seehofer will „die rechte Flanke“ dicht machen. Sein Kollege Tillich aus Sachsen tutet ins gleiche Horn. Auch der hatte sich nach rechts nur äußerst ungern und selten abgegrenzt, immer viel „Verständnis“ für den Rassismus, die Islamophobie, die Europafeindlichkeit, den passiv-aggressiven Autoritarismus, der der AfD so viele Stimmen beschert hat, und einen ähnlichen Hang zum Exzeptionalismus.

Dieses Verständnis hat die Rechten jedoch erst richtig stark gemacht. Ein kurzer Blick nach Österreich hätte genügt, um zu verstehen, dass das nicht funktioniert. Im Zweifelsfall wählen die kulturell Abgehängten (oder „der Ostmann“) eben das giftige Original, nicht die Kopie, die letztlich doch wieder mit der Hassfigur Angela Merkel kooperiert. Nach dem Austritt aus der AfD denken Petry und Pretzell nun auch noch laut über eine Art „bundesweite CSU“ nach. Dann bliebe rechts noch weniger Platz zum Rutschen.

Einigen Funktionären dämmert schon, dass die rechte Flanke nicht mehr „dicht“ zu kriegen ist, wenn man die Mitte nicht verlieren will. Etwa, indem man die Entfremdung zwischen Partei und katholischer Kirche weiter verschärft, die – anders als in Polen und Ungarn – keinen nationalkonservativen Kurs stützt. So oder so dürfte die Ära der absoluten CSU-Mehrheiten mit dem Einzug der neuen Rechten in die Parlamente dem Ende entgegen gehen.

Es ist also einiges in Bewegung. Das könnte für Bayern durchaus eine gute Nachricht sein. Allen Klartextverliebten in der CSU, die so gern „Kante zeigen“, sollte inzwischen klar sein: Es kann nicht darum gehen, noch weiter nach rechts zu rutschen. Stattdessen gilt: Abstand wahren, und das bitte konsequent, und bitte gleich.

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Die richtige Wahl treffen

Vielleicht ist Kapstadt gar kein so schlechter Ort, um diesen Post zu schreiben: Hier treffen bitterste (und weiter wachsende!) Armut und maßloser Reichtum unvermittelt aufeinander. Im Hafen schwimmen die Jachten der Milliardäre (s.u.), im Einkaufszentrum kann der globale Tourist bei H&M shoppen und bei Starbucks Pause machen, in den Restaurants Burger und Pasta futtern, fast immer mit reichlich Fleisch. Draußen auf den Straßen sehen wir derweil die Obdachlosen und Bettler, die eine Plane zwischen den Leitplanken spannen und drunter hausen.

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Was hat das mit der Wahl bei uns zu tun? Eine ganz Menge: Was man hier auf engem Raum sieht, ist bei uns besser verschleiert. Ulrich Brand und Markus Wissen nennen das die Imperiale Lebensweise. Ihre Wurzeln reichen zurück in die Kolonialzeit, ihr Prinzip ist, möglichst viele Güter in den Zentren des globalen Kapitalismus umzusetzen und die Kosten dafür auf die Peripherie abzuwälzen: Die ökologischen Kosten, die gesundheitlichen Kosten, die sozialen Kosten und die multiplen Krisen, die daraus folgen. Auch die Krise der Demokratie im Westen.

Wenn man auf die Parteien schaut, die zur Wahl stehen und realistische Aussichten haben, in den Bundestag zu kommen, dann ist meiner Meinung nach die beste Frage, wo aktiv an der Überwindung des Imperialen Lebensweise gearbeitet wird. Brand und Wissen schreiben in ihrem Buch dazu einiges. Theologisch würde ich sagen: Wo im Neuen Testament im kritischen Sinne von „Welt“ die Rede ist, dann entspricht das heute am ehesten dieser Imperialen Lebensweise.

CDU/CSU machen keine Anstalten, die Imperiale Lebensweise zu kritisieren oder gar zu verändern. Bestenfalls reden sie davon, die hässlichsten Symptome zu mildern. Angela Merkel ist angetreten mit dem impliziten Versprechen, unseren Wohlstand zu sichern. Über den Preis, den andere dafür bezahlen, verliert sie keine Worte.

Die FDP vertritt dieselbe Position und betrachtet den glücklichen Zufall, in die deutsche Mittel- und Oberschicht mit deren Lebens- und Bildungsstandard hineingeboren worden zu sein, als eine Form von Leistung. Die AfD sieht das genauso, nur dass sie es auch noch rassistisch und chauvinistisch legitimiert.

Die Sozialdemokratie hat es sich zum Ziel gesetzt, der Arbeiterschicht einen Anteil am Konsummodell der Imperialen Lebensweise zu sichern und das ist innerhalb gewisser Grenzen gelungen. Aber Fundamentalkritik an den Mechanismen, die zu den globalen Krisen (Klima, Migration, Ausbeutung von Menschen und Ressourcen) führen, hat man von Martin Schulz nicht gehört.

Die Grünen verkörpern den ganzen Zwiespalt: Hier ist ein Bewusstsein vorhanden, dass sich etwas ändern muss an der Lebensweise, die uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und die Erkenntnis, dass man sich keine Freunde macht und von der FDP (Liberal heißt bei Christian Lindner: Ich lasse mich von der Armut anderer nicht einschränken) als „Verbotspartei“ beschimpft wird. Und Flüchtlingsfreunde sind auch nicht mehr populär und mehrheitsfähig. Man beschränkt sich in einigen Teilen der Partei auf eine sanft begrünte Bürgerlichkeit, quasi regenbogenfarbene Windräder. Mit Veggie-Day Kampagnen und Kritik an der Autoindustrie hält man sich – ob aus Taktik oder aus Überzeugung – lieber zurück.

Die Linke zeigt den größten Mut zur Systemkritik. Inwiefern alle Aspekte der Imperialen Lebensweise darin schon enthalten sind, scheint mir noch eine offene Frage zu sein. Wahrscheinlich werden die Linken aber auch deshalb von den Etablierten als „extremistisch“ bezeichnet.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe ich in den letzten Tagen und Wochen so viele Stimmen wie noch nie gehört, die nicht auf die nächste schlimme Krise warten wollen, um für einen grundlegenden Wandel zu stimmen.

Falls ihr also noch Zeit habt, bevor Ihr morgen wählen geht, lest hier oder schaut Euch das Video unten an, lasst es alles wirken, und trefft eine gute Entscheidung.

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Rechtspopulismus als »rebellierende Selbstunterwerfung«

Auf Empfehlung von Walter Faerber lese ich gerade „Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“ von Ulrich Brand und Markus Wissen. Die beiden Autoren zeichnen ein detail- und kenntnisreiches Bild dessen, was sie Imperiale Lebensweise nennen. Sie beruht darauf, dass in den Zentren unserer kapitalistisch-neokolonialistischen Welt möglichst ungehindert konsumiert wird, während die Kosten (Umweltschäden, soziale Folgen) weitgehend ausgelagert und unsichtbar gemacht werden. Allein dazu gäbe es schon eine Menge zu sagen.

Die imperiale Lebensweise funktioniert als Hegemonie. Sie schreibt sich in alltägliche Prozesse und Gewohnheiten ein und lässt sie als „normal“ erscheinen: „Sie ist den einzelnen nicht länger äußerlich, sondern bedient sich ebenjener Mechanismen, mit denen sie auf sich selbst einwirken, entfaltet also ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie nicht als Herrschaft empfunden wird.“ (S. 58).

Mit anderen Worten: Sie ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Buchstäblich.

Inzwischen ist ein Stadium erreicht, wo diese Lebensweise multiple Krisen erzeugt hat, die sich nicht isoliert voneinander lösen lassen.  Das liegt daran, dass in einer globalisierten Welt das „Außen“, in das die Kosten verlagert werden können, immer schwerer zu finden ist.

Also bleibt nur die Abschottung. Sie ist das Leitmotiv der gegenwärtigen Flüchtlings- und Wirtschaftspolitik von Angela Merkel. Und sie macht die Rechten stark, wie Brand und Wissen betonen, führt also bei uns immer mehr zu einer Krise der liberalen Demokratie:

Damit bringen die diese Politik exekutierenden Kräfte, die sich in der Regel als »bürgerliche Mitte« etikettieren, genau das hervor, was sie als ihren Widerpart begreifen: autoritäre, rassistische und nationalistische Bestrebungen. Dass diese derzeit überall erstarken, liebt auch daran, dass sie sich in der Krise als die eigentlichen, weil konsequenteren Garanten jener Exklusivität inszenieren können, die im Normalbetrieb der imperialen Lebensweise immer schon angelegt ist. (S. 15)

Hier liegt die Attraktivität der neuen Rechten von Trump über Farage bis Gaulandt. In dem Moment, wo die hässliche Seite der imperialen Lebensweise nicht mehr vertuscht und geschönt werden kann, werfen sie alle sprachlichen und moralischen Skrupel über Bord und erklären offen den Verteidigungsfall.

Andre Hunter

… im Unterschied zu ihren »bürgerlichen« Konkurrenten sind sie in der Lage, ihrer Wählerschaft ein Angebot zu machen, das diese auf eine subalterne Position festlegt, und sie gleichzeitig aus ihrer postdemokratischen Passivierung befreit. […] Den Akteuren wird es dabei ermöglicht, »sich als Handelnde in Verhältnissen zu konstituieren, denen sie ausgeliefert sind.«

Das erklärt, warum rechte „Kapitalismuskritik“ ausschließlich da einsetzt, wo unerwünschte Folgen der imperialen Lebensweise im Inneren anfallen und  spürbar werden: Wenn der unrentable Kohlebergbau eingestellt wird, wenn der Staat Geld für Geflüchtete ausgibt, wenn das imperial normierte, androzentrische Verständnis der Geschlechterrollen in Frage gestellt wird.

Die Kritik an den Eliten ist lediglich die, dass sie die Interessen „des Volkes“ nicht rücksichtslos genug durchsetzen im globalen Wettlauf um Ressourcen und Wohlstand. Konsequent ausgeblendet wird dabei alles, was sich auf das „draußen“ bezieht: Klimawandel, Fragen der Gerechtigkeit, Krieg, Flucht und Vertreibung in anderen Teilen der Welt.

Die Rechten sind alles andere als eine Alternative. Sie sind die Hohenpriester der Alternativlosigkeit. Aber wer die imperiale Lebensweise (ob ausgesprochen oder nicht) für alternativlos hält, der macht die Rechten stark.

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Wahrheit, Freiheit und der Zwang zur Wahl

Ich habe wieder mal „Das hier ist Wasser“ von David Foster Wallace herausgekramt. Am Ende seiner Ansprache an die Absolventen des Kenyon College heißt es da, aktuell wie eh und je:

In den Niederungen des Erwachsenenalltags gibt es keinen Atheismus. Man kann nicht nichts anbeten – jeder betet etwas an. Aber wir können wählen, was wir anbeten. Und ein höchst einleuchtender Grund, sich dafür an einen Gott oder etwas Spirituelles zu halten […], ist der, dass euch so ziemlich alles andere bei lebendigem Leib auffrisst.

Wenn ihr Geld und Güter anbetet – wenn ihr daraus den wahren Sinn des Lebens bezieht –, dann werdet ihr davon nie genug haben, nie das Gefühl haben, dass es reicht. Das ist die Wahrheit.

 

Foster Wallace spielt diesen Gedanken jeweils noch einmal mit Schönheit, Macht und Intellekt durch, dann fährt er fort:

Wisst ihr, das Heimtückische an diesen Formen der Anbetung ist nicht, dass sie böse oder sündhaft wären, sondern dass sie so unbewusst sind. Sie sind Standardeinstellungen. Sie sind Glaubensformen, in die man nach und nach einfach so hineinschlittert, jeden Tag ein bisschen mehr; […]

Und die sogenannte »wirkliche Welt« hält einen auch nicht davon ab, gemäß diesen Standardeinstellungen zu operieren, denn die sogenannte »wirkliche Welt« der Männer, des Geldes und der Macht läuft wie geschmiert dank dem Öl aus Angst, Verachtung, Frustration, Gier und Selbstverherrlichung. Unsere heutige Kultur hat sich diese Kräfte auf eine Art und Weise nutzbar gemacht, die außerordentlichen Reichtum, Komfort und individuelle Freiheit hervorgebracht hat. Nämlich die Freiheit für jeden von uns, Herrscher seines winzigen, schädelgroßen Königreichs zu sein, allein im Mittelpunkt der Schöpfung.

Dieser Schein-Freiheit des Konsums und des neoliberalen Systems stellt er nun eine andere Definition von Freiheit gegenüber:

Aber es gibt natürlich verschiedene Formen der Freiheit, und die kostbarste wird in der großen weiten Welt des Siegens, Leistens und Blendens nie erwähnt. Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.

Das ist wirkliche Freiheit.

Dass diese Freiheit erst noch entdeckt werden will, zeigt nebenbei die Suche in einer Bilderdatenbank: Zum Stichwort Freiheit finden sich da fast ausschließlich Bilder, in denen einzelne Personen vor der Kulisse großartiger Naturpanoramen abgebildet sind. Die Freiheit, auf den bedürftigen Anderen zuzugehen, ist da noch nicht angekommen.

PS: Martin Horstmann hat mich auf dieses Video aufmerksam gemacht, in dem Forster Wallaces Rede visualisiert ist. Die oben zitierten Teile scheinen allerdings nicht alle enthalten zu sein.

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Lässt Gott mit sich reden?

Wenn man über das Gebet nachdenkt, namentlich das bittende und vor allem für-bittende Gebet, dann steht man vor der Frage, wie sich Gottes Wirken und menschliches Tun zu einander verhalten. Dazu kursieren alle möglichen Vorstellungen. Viele haben mit abstrakt-philosophischen Fragen zu tun: Greift Gott überhaupt in die Eigengesetzlichkeit der Welt ein, den Lauf der Dinge, dem wir unterworfen sind? Oder wäre es übergriffig, wenn Menschen Gott auf ihre Seite zu ziehen versuchten?

Verändert das Gebet (nur) den Betenden, und wenn ja, wäre das schon ein Erfolg oder eher ein Problem (nämlich eine Kapitulation vor dem Unvermeidlichen)? Wenn Gott „allmächtig“ ist, geschieht sein Wille dann nicht automatisch? Ist es sinnvoll oder notwendig, ihn um irgendetwas zu bitten? Ist die Tatsache, dass es Leid und Böses in der Welt gibt, ein Indiz dafür, dass Gott entweder nicht allmächtig ist oder aber kein ausgeprägtes Interesse an uns hat?

praying by t-bet, on Flickr
praying“ (CC BY-ND 2.0) by t-bet

Zugleich stehen wir in unserer Welt vor Herausforderungen, die so gewaltig sind, dass wir kaum anders können, als Gott um Beistand und Hilfe zu bitten. Und im Kleinen, im Persönlichen, ist es oft auch nicht anders. Was können wir, biblisch begründet, dazu sagen? Und was folgt praktisch daraus?

In den letzten Wochen habe ich dazu bei einer ganzen Reihe von Autoren nachgelesen.  Von Abraham Heschel bis Frank Crüsemann, von Walter Wink bis Rowan Williams und von Ezechiel bis J.R.R. Tolkien. Sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Schlussfolgerungen über die Partnerschaft zwischen Gott und Menschen. Wer mag, kann sich das Ergebnis hier anhören.

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Braune Blüten

Die frostigen Nächte dieser Woche haben sichtbare Spuren an den Obstbäumen hinterlassen. Viele Kirsch- und Apfelblüten sind erfroren. Schlaff und mit braunen Rändern hängen sie von den Zweigen.

Die ungewöhnliche Wärme im März und Anfang April (3 Grad über dem langjährigen Mittel) hatte sie sehr früh aufgehen lassen. Zu früh, nun schlägt der Winter zurück und die rosa-weiße Pracht stirbt dahin.

Der traurige Anblick hat Ähnlichkeiten mit der politischen Großwetterlage: Vieles, was offen und damit verwundbar war – aber eben auch fruchtbar und schön! –, droht nun in der Eiseskälte eines harten Rückschlages einzugehen. Demokratie und offene Zivilgesellschaft, Humanität und Menschenrechte, ein achtsamer Umgang mit der Schöpfung und den materiellen Ressourcen unseres Planeten, der Abbau von Grenzen, die Überwindung ethnischer und geschlechtlicher Diskriminierungen und viele andere Errungenschaften sind akut bedroht.

Wir haben es uns ja angewöhnt, christliche Auferstehungshoffnung und Frühling eng zusammenzudenken. Heute müssen wir das Bild noch weiter ausbauen: Weder in der Natur noch in unseren Gesellschaften sind Rückschläge ausgeschlossen. Nicht jeder Trend ist unser Freund. Aber erst dann, wenn uns unerwartete Rückschläge dazu verleiten, alle Hoffnung fahren zu lassen und aufzustecken, wären wir wirklich arme Kreaturen.

Zur österlichen Stimmungslage gehört neben der Freude auch der Trotz. Das kühle Wetter wäre ja noch der geringste Grund, den Trotz groß zu machen in diesem Frühjahr. Aber wenn es uns dazu anregt, den Kampf um die Hoffnung aufzunehmen, dann kommt es wenigstens in dieser Hinsicht zur rechten Zeit.

Frost im Frühling heißt nämlich auch: Die braunen Blüten werden abfallen. Es dauert zwar, bis etwas nachwächst. Trotzdem: Auf dieses Ziel hin dürfen wir leben und arbeiten.

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Zeitansagen

Im heutigen Evangelium hieß es zu Beginn des Abschnitts:

Es war im fünfzehnten Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus war römischer Bevollmächtigter von Judäa. Herodes regierte als Landesfürst in Galiläa, sein Bruder Philippus als Landesfürst in Ituräa und Trachonitis. Und Lysanias regierte als Landesfürst in Abilene. Die Obersten Priester waren Hannas und Kajaphas.

Man kann das als die Bemühung des Historikers um eine genaue zeitliche Einordnung lesen. Oder als ein Stimmungsbild, als eine Erklärung, warum dringend etwas passieren musste. Aktuell würde das ungefähr so lauten:

Es war in der dritten Amtszeit von Wladimir Putin, des Erfinders der „gelenkten Demokratie“. Der Rechtspopulist Donald Trump war gerade zum Präsidenten der USA gewählt worden. Für Patriarch Kirill war Putins Wahl 2011 ein „Wunder Gottes“, für Franklin Graham und seine Freunde die von Donald Trump. Apropos Gott: Präsident Erdogan nannte den gescheiterten Militärputsch in der Türkei ein „Geschenk Gottes“ und ließ Zehntausende von Kritikern verhaften. Der Krieg in Syrien ging in seinen sechsten Winter. Die Briten stimmten für den Austritt aus der EU. Dax und Dow Jones erreichten derweil Höchststände.

Wer die Gedanken zu Lukas 3,1ff weiter hören möchte – einfach hier klicken.

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Nichts ist mehr selbstverständlich

In den Diskussionen um den Rechtspopulismus gibt es immer wieder einmal Augenblicke, wo die Vertreter der offenen, demokratischen und …

… und hier entsteht schon die erste Schwierigkeit: Schreibe ich „liberal“? Das klingt entweder nach FDP oder nach einer Mischung aus Überlegenheitsgefühl und Gleichgültigkeit, die ich auch nicht meine. Schreibe ich „freiheitlich“? Dann könnte man an die FPÖ denken, die die Freiheit der Autochthonen gegen die Freiheit der Geflüchteten ausspielt. Wie rede ich von Freiheit, ohne die falschen Befreier zu begünstigen?

Weiter im Text: Also, in diesen Diskussionen gibt es immer wieder Momente, wo Entrüstung und Empörung, nicht nur und vielleicht auch nicht in erster Linie, darüber geäußert wird, dass jemand gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schürt, sondern dass er Dinge sagt, von denen es doch ganz klar ist, dass man so nicht denkt und redet. Als ob der schlichte Hinweis genügen würde, damit das Gegenüber aufhört.

Die Rechten nutzen diese Einladung zum inszenierten Tabubruch, der ihnen nicht nur Aufmerksamkeit verschafft, sondern auch das Image des Rebellen. Zum Rebellen-Image gehört auch die Wahrnehmung, es handele sich um eine vitale, irgendwie jugendliche und dynamische Bewegung. Zugleich erinnert die verächtliche oder verzweifelte Empörung der Linken und der (Noch-)Mitte an die Eltern der 68-Generation, der es nicht gelang, ihre traditionellen und autoritären Werte gegen die Protestbewegung zu verteidigen. Sie wirken allein schon durch diesen Kontrast alt und verbraucht.

Nun stellt sich heraus, dieser Wandel war weder gründlich noch nachhaltig genug, um zu einer Selbstverständlichkeit zu werden. Jan C. Behrends schrieb kürzlich in der Zeit einen Nachruf auf den Liberalismus. Dort heißt es: „Die hegelianische Illusion von der Unumkehrbarkeit der Liberalisierung versperrte uns den Blick.“ An der Umkehrung wird seit langem hart gearbeitet, und inzwischen zeigt das Wirkung. Oft funktioniert das so, wie Sylvia Sasse es bei Geschichte der Gegenwart (danke für den Lesetipp, Walter Faerber!) beschreibt: „Mit der Geste von Aufdeckung und Bloßlegung werden Forschungsergebnisse tendenziös gelesen, um selbst wieder etwas zu verdecken und zu verhüllen.“

Anders gesagt, in der heutigen Welt mit ihren zerfaserten, multiplen und inkongruenten Öffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten ist schlicht gar nichts mehr selbstverständlich. Es hilft also nicht, bloß an einen nicht mehr vorhandenen Konsens zu appellieren. Es genügt nicht, defensive Reaktionen zu zeigen, die oft paternalistisch wirken und vor allem die Notwendigkeit verkennen, die eigene Position nicht einfach nur durch die Wiederholung derselben Bilder, Begriffe und Narrative zu vertreten. Denn deren Wirkung hat sich vielfach schon abgenützt.

Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass der liberale Rekurs auf die Aufklärung allein genügt. Die einen kennen „ihren“ Kant längst nicht mehr, die anderen haben ihn längst gegen Nietzsches Willen zur Macht eingetauscht. Der muss sich vor keinem kategorischen Imperativ mehr rechtfertigen. Diese Leute sind sehr wohl gefährlich, aber weder sind sie alle ungebildet, noch geistig oder kulturell zurückgeblieben.

Ich glaube, wir kommen auch nicht umhin, eine genuin christliche Antwort auf die Zeichen der Zeit zu geben. Die Gelegenheit dafür ist günstig, der ökumenische Schulterschluss zwischen Katholiken und Protestanten funktioniert. Mit einigen Einschränkungen: Die evangelikale Welt ist über Trump gespalten, der Rechtskatholizismus in Ungarn und Polen (und seine Inseln in Deutschland) verweigert Papst Franziskus die Gefolgschaft. Aber wir haben im Evangelium von Gottes herrschaftsfreier Ordnung ein quicklebendiges Narrativ, das den synthetischen Legenden von Nation und Leitkultur unter anderem das voraus hat, dass es Gegensätze überbrücken kann. Und dass es die Vision einer versöhnten Welt schon immer in sich getragen hat.

Wirken wird das aber erst dann, wenn Christen – vor allem in den großen Konfessionen – sich unverblümt der Wirklichkeit stellen, dass wir eine Minderheit sind, die weder auf Selbstverständlichkeiten pochen kann, noch ungefragt davon ausgehen, dass andere ihre Prämissen teilen oder ihren Schlussfolgerungen zustimmen. Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, sich wieder auf Lesslie Newbigins wichtige Einsicht zu besinnen, dass die herrschende Plausibilitätsstruktur im globalen 21. Jahrhundert uns nicht mehr begünstigt, sondern vor die Aufgabe stellt, unerschrocken (und ohne uns dafür zu entschuldigen) Position zu beziehen und dem durch unser praktisches Verhalten die nötige Verständlichkeit zu verleihen:

Wenn das Evangelium verstanden werden soll, wenn es angenommen werden soll als etwas, das Wahrheit über die wirkliche Situation des Menschen vermittelt, wenn es, wie wir sagen, einen Sinn ergeben soll, dann muss es in der Sprache derer kommuniziert werden, an die es sich richtet und in Symbole gefasst werden, die für sie eine Bedeutung haben. Und da das Evangelium nicht als körperlose Botschaft daherkommt, sondern als Botschaft einer Gemeinschaft, die den Anspruch erhebt, danach zu leben und andere einlädt, sich dem anzuschließen, muss das Leben dieser Gemeinschaft so eingerichtet sein, dass es “einen Sinn ergibt” für jene, die man einlädt.

Oder, um es mit Walter Wink zu sagen:

Was die Kirche am besten kann, auch wenn sie es viel zu selten tut, ist einem ungerechten System [„Ideologie“ wäre hier vielleicht noch passender] die Legitimation zu nehmen und ein spirituelles Gegenklima zu schaffen.

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Putin, Punk-Prophetinnen und die „Powers that be“

Vor zwei Jahren erhielten die Aktivistinnen von Pussy Riot den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, vergeben vom Senat der Freien Hansestadt Bremen und der Heinrich Böll Stiftung. In der Begründung dazu hieß es:

Bei ihrem Auftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale riefen sie in ihrem „Punkgebet“ Mutter Maria als feministischen Beistand an, um das Bündnis zwischen der orthodoxen Kirche und dem Kreml zu bekämpfen. In dem Prozess, der gegen die Aktionsgruppe geführt wurde, verteidigten sie sich mutig. Aus der Lagerhaft heraus setzten Nadeshda Tolokonnikowa und Marija Aljochina ihren Widerstand fort. Nach ihrer Entlassung stellten sie sich als Aufgabe, über das System der russischen Straflager aufzuklären und Solidarität für die Gefangenen zu organisieren.

Interessant ist, wie sich Spiritualität und Politik hier verbinden. Ich wurde erst jetzt durch ein Kapitel aus Spiritual Activism von Alastair McIntosh darauf aufmerksam (danke an Thomas Zeitler für den Hinweis!). McIntosh zitiert aus den Erklärungen, die die Musikerinnen während ihres Gerichtsverfahrens abgaben. Auf den Seiten der FAZ ist das auszugsweise in Übersetzung nachzulesen. Und da zeigt sich, wie ernst und durchdacht die Aktion war, die in vielen Berichten nur als schriller Tabubruch und trotzige Provokation dargestellt wurde.

Pussy Riot Putin by AK Rockefeller, on Flickr
Pussy Riot Putin“ (CC BY 2.0) by AK Rockefeller

Marija Aljochina erklärte, dass Putin persönlich gar nicht gemeint war mit der Aktion, sondern ein System, dem der Machtmensch womöglich selbst verfallen ist:

„Wenn wir von Putin reden, meinen wir nicht in erster Linie die Person W. W. Putin, sondern Putin als das von ihm selbst erschaffene System – die praktisch vollkommen von einer Hand gelenkte Machthierarchie.“

McIntosh spricht hier vom „politischen Unbewussten“, das sich nur schwer explizit, dafür aber bildlich, symbolisch und intuitiv erfassen lässt, und greift den Begriff des autonomen Komplexes aus der Psychologie C.G. Jungs auf (Komplexe können bei Jung auch überindividuell auftreten, dann sind sie keine abgespaltenen, verleugneten Persönlichkeitsanteile, die es zu integrieren gilt, sondern ein gefährliches Phänomen). „Putin“ ist „ein mit Gefühlen aufgeladenes libidinöses Feld“, schreibt McInstosh. Der Politiker Wladimir Putin steht möglicherweise selbst unter dem Eindruck des Systems, das er installiert hat.

Und die Wirkung dieses Komplexes ist, dass Menschen resignieren und sich ohnmächtig fühlen. Erst gestern rätselte ich mit einem Freund darüber, warum der Widerstand gegen die Willkür der Regierung in Russland so unglaublich schwach ausgeprägt ist. Passend dazu sagte damals Aljochina:

Diese Leute haben aufgehört, sich als Bürger zu fühlen. Sie fühlen sich einfach als automatische Massen. Sie haben nicht einmal das Gefühl, dass ihnen der Wald direkt neben ihrem Haus gehört. Ich bezweifle sogar, dass sie ihr eigenes Haus als ihren Besitz betrachten. Denn wenn jemand mit dem Bagger am Hauseingang dieser Leute vorfährt und ihnen sagt, dass sie das Feld räumen müssen: „Entschuldigung, wir reißen Ihr Haus jetzt ab. Hier kommt jetzt ein Wohnsitz für einen Funktionär hin“, dann werden sie gehorsam ihre Sachen packen und auf die Straße gehen. Und sie werden da so lange sitzen bleiben, bis die Regierung ihnen sagt, wie es weitergeht. Sie sind vollkommen amorph – das ist sehr traurig.

Nachdem ich fast ein halbes Jahr im Untersuchungsgefängnis verbracht habe, ist mir klargeworden, dass das Gefängnis Russland im Miniaturmaßstab ist.

Die Macht des Systems ist (noch) ungebrochen, aber der Prozess gegen Pussy Riot hat es demaskiert, und sei es auch noch so punktuell und vorübergehend. Der Druck, sich durch ständige Propaganda selbst zu legitimieren, nimmt zu, und damit auch die Anfälligkeit für Fehler. Denn auch wenn die Nachfrage nach Augenöffnern derzeit nicht hoch ist – wer will, kann eben doch sehen, wie brüchig die Legitimation der Macht ist. Darauf weist Nadjeschda Tolokonnikowa hin:

Mit unserer Aufführung haben wir es gewagt, das visuelle Bild der orthodoxen Kultur ohne den Segen des Patriarchen mit der Protestkultur in Verbindung zu bringen, damit gescheite Menschen auf die Idee kommen, dass die orthodoxe Kultur nicht nur der russisch-orthodoxen Kirche, dem Patriarchen und Putin gehört. Sie kann auch auf Seiten der bürgerlichen Rebellion und der Proteststimmungen in Russland stehen.

[…] Im Vergleich zum Justizapparat sind wir nichts; wir haben verloren. Andererseits haben wir gewonnen. Die ganze Welt sieht jetzt, dass das Strafverfahren gegen uns manipuliert ist. Das System kann den repressiven Charakter dieses Prozesses nicht verbergen.

Das Gebet in der Kathedrale war aber auch ein prophetischer Weckruf an die orthodoxe Kirche, die korrupte Politik verklärt und von der Nähe zur Macht profitiert, dafür steht Patriarch Kyrill, dessen Vermögen 2012 auf 4 Milliarden Dollar geschätzt wurde. Der Patriarch war entsprechend empört über die Respektlosigkeit dieser Ruhestörung und sprach von Blasphemie. Die Punk-Prophetinnen hingegen wiesen darauf hin, dass ihr Gebet – ganz im Gegenteil – höchst aufrichtig und ernst gemeint war.

Eine zeitgemäße Form der Tempelreinigung ragt also unter den wenigen Protesten gegen das „Putin-System“ oder den „Putin-Komplex“ heraus. Das spricht für McIntoshs Vermutung, dass Glaube und Spiritualität eine wichtige Dimension im politischen Ringen um Gerechtigkeit darstellen. Bei Gene Sharp vermisst er diese Hinweise. Srdja Popovic greift lieber auf Kunstmythen zurück (das hat, wie Terry Eagleton zeigt, der deutsche Idealismus nach der Aufklärung auch versucht). Und in Philipp Ruchs „Wer, wenn nicht wir“ ist diese spirituelle Leerstelle überall mit Händen zu greifen und durch kein anderweitig generiertes Pathos so recht zu ersetzen.

Davon lässt sich doch sicher lernen. In den letzten Monaten haben sich genügend autonome Komplexe bemerkbar gemacht, die den inneren und äußeren Frieden gefährden. Können wir Protestanten neben den bürgerlichen Protestformen (die wir auf der Ebene moralischer Appelle ja vielfach unterstützen) auch prophetische, und lässt sich das ökumenisch ausweiten?

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Wunderbar weit

Heute wurde Papst Franziskus mit dem Karlspreis ausgezeichnet. In seiner Ansprache redete er den Europäern eindrücklich ins Gewissen. Er fragte dabei nicht nur „Was ist los mit dir, Europa?“, er erinnerte auch an die Geschichte: „Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität.“ Und das bedeutet, dass eine „Kultur des Dialogs“ ganz oben steht auf der Prioritätenliste, ein „neuer europäischer Humanismus“. Und er gab heute auch gleich ein Beispiel für die Dialogkultur, indem er zu einer muslimischen Delegation sagte: „Wir alle haben einen gemeinsamen Vater – wir sind Geschwister!“

 

Nicht jeder Protestant würde dem zustimmen, aber neu ist das nicht: Wenn übermorgen am Sonntag Exaudi in vielen Gottesdiensten über Epheser 3,14-21 gepredigt wird, dann begegnet uns dort eine Spitzenaussage des Neuen Testaments: Gott ist „der Vater, von dem alle Geschlechter [oder Clans, Sippen, Stämme, Milieus] ihren Namen haben“. Da wird kein qualitativer Unterschied mehr zwischen den Ethnien und Nationalitäten diagnostiziert, kein Gegensatz zwischen Erwählten und Verschmähten konstruiert, keine Ausschlusskriterien formuliert.

Das ist ein genuin christlicher Humanismus. Universaler – und inklusiver – geht es eigentlich nicht mehr. Erst in dieser Weite zeigt sich dann, welches gewaltige Ausmaß die Liebe Gottes tatsächlich hat. Für Mauern, Zäune und Wachposten hingegen ist da kein Platz.

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Gott, Gewalt und Sündenböcke

Das Töten im Namen Gottes ist weiterhin Tagesgespräch. Das zeigt der gleichnamige Beitrag von Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ, die ebenso pauschale wie polemische Religionskritik von Georg Diez (jeder Monotheist ist für Diez ein potenzieller Terrorist, Jesus eingeschlossen) oder der Hinweis von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, dass Terror Gotteslästerung ist.

Ich hatte letzte Woche schon auf den hilfreichen Beitrag von Jonathan Sacks zur Problematik von Religion und Gewalt hingewiesen. Religion, auch und gerade in ihrer monotheistischen Gestalt, ist keineswegs grundsätzlich gewalttätig, wie Diez unterstellt. Aber sie kann gruppenbezogene Gewalt unter bestimmten Umständen fördern. Neuzeitliche Ideologien (Nationalismus, Rassismus) tun das freilich auch zur Genüge.

Seither habe ich mit großem Gewinn weiter gelesen: Aus seinen vielen interessanten und wichtigen Beobachtungen sind mir aufgrund der politischen Großwetterlage – dem Erstarken des Rechtspopulismus und Autoritarismus in der westlichen Welt – die Gedanken zum Antisemitismus und zum Sündenbock-Mechanismus besonders ins Auge gestochen. In der Karwoche bekommt das ohnehin noch einmal einen ganz anderen Nachhall.

Antisemitismus ist in der arabisch-islamischen Welt ein vergleichsweise junges Phänomen, das sich derzeit aber viral ausbreitet. Sacks belegt das mit einer Reihe von Beispielen und erklärt, dass wachsender Antisemitismus historisch betrachtet ein Indiz dafür ist, dass die Welt- und Gesellschaftsordnung ins Wanken gerät. Heute gelten in Europa 24% und im Nahen Osten 74% der Menschen als antisemitisch eingestellt. Er verweist auf die Arbeiten von René Girard: Wenn in einer Gesellschaft Konflikte entstehen, die zerstörerisch und gewalttätig werden könnten, dann lässt sich das dadurch abwenden, dass man die Aggression auf einen Sündenbock ablenkt. Der muss einerseits so mächtig gedacht werden, dass man ihm die Schuld an den Missständen geben kann, andererseits so schwach, dass man ihm gefahrlos Gewalt antun kann.

Dieses gleichzeitige Auftreten solch widersprüchlicher Aussagen ist ein klares Indiz dafür, dass der Sündenbock-Reflex aktiv ist. Eine Gruppe unbewaffneter Migranten kann man relativ gefahrlos töten. Erst wenn man sie mit dem Terror in Verbindung bringt und ihnen unterstellt, die abendländische Kultur zerstören zu wollen, geht die Sündenbock-Strategie auf. Die Gewalt findet ein Ventil und die mühsamen, schmerzhaften und riskanten Auseinandersetzungen, die zur Lösung des eigentlichen Problems (die Unzufriedenheit und Verunsicherung derer, die sich als Verlierer der Modernisierung- oder Veränderungsprozesse sehen) nötig wären, können entfallen.

Das erklärt, warum viele Deutsche, die sich benachteiligt fühlen, AfD wählen, obwohl die Partei keinerlei Lösungen für die soziale Spaltung Deutschlands anbietet. Ganz ähnlich wie heute den ethnozentrischen Alternativpatrioten gelang es nach dem verlorenen ersten Weltkrieg den Nationalsozialisten, die angestauten Aggressionen auf das Judentum zu lenken. Sacks folgert:

Wenn Leute andere beschuldigen, die Welt beherrschen zu wollen, kann es sein, dass sie unbewusst das projizieren, was sie selbst gern tun, sich aber ungern vorwerfen lassen möchten. Wenn man wissen möchte, worum es einer Gruppe wirklich geht, muss man sich die vorwürfe ansehen, die sie gegen ihre Feinde erhebt.

Der innere Zusammenhalt nimmt in dem Maße zu, wie man die Bedrohung von außen beschwört. Wenn Tyrannen und Populisten für solche Gruppenreflexe auch noch religiöse Gefühle instrumentalisieren, die zu eine hohe Opferbereitschaft fördern, dann leiden zuerst die jeweiligen Sündenböcke, aber eben auch die Mehrheitsgesellschaft unter den Exzessen. Es lässt sich zwar der Schuldvorwurf umlenken, die eigentlichen Ursachen der Probleme bleiben aber bestehen. Neue Gewalt macht sich früher oder später breit.

Auch das lehrt ein Blick auf die lange Geschichte des Antisemitismus. Sie wirft neben der Sündenbock-Thematik aber auch noch eine andere Frage auf, nämlich die nach der Rivalität unter Geschwistern. Und zu beiden Komplexen finden sich in den biblischen Texten nicht nur Problemanzeigen in Sachen Gewalt, sondern auch Lösungen. Dazu demnächst mehr.

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