Das Zeitalter der Verstockung

Wenn man sich gegenwärtig in der Welt umsieht, kann man an das alte biblische Konzept der „Verstockung“ denken. Vielleicht muss man sogar. Verstockung, das heißt: Jemand erzwingt den eigenen Untergang. Es fehlt nicht an Warnungen, aber sie kommen nicht an. Die Möglichkeit eines Kurswechsels war da, aber sie wurde nicht genutzt.

Der Pharao aus der Exodustradition wird so beschrieben. Die Könige von Israel und Juda, deren Reiche den Assyern und Babyloniern in die Hände fallen. Paulus bezieht den Begriff dann auf sein eigenes jüdisches Volk, das den prophetischen Ruf Jesu zur Umkehr ignoriert.

Persönliche Tragödien

Im Blick auf einzelne Menschen kennen wir das Phänomen schon lange. Die einen richten ihre Gesundheit zu Grunde, andere zerstören ihre Familien, Freundschaften und Nachbarschaft, wieder andere die Karriere. Wider besseres Wissen, trotz aller Warnungen, blind für die Folgen des eigenen Tuns.

Manchmal erscheint uns das tragisch, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Die Helden der antiken Tragödien scheitern ja daran, dass sie das Verhängnis, dem sie  unbedingt entgehen wollen, durch ihr vorbeugendes Tun erst heraufbeschwören. Die Verstockten sind im Vergleich dazu nur albern und dumm. Verstocktsein hat, anders als echte Tragik, nichts mit Größe und Edelmut zu tun. Sondern mit Hochmut, Kleingeisterei und fehlendem Augenmaß, die ein Ausmaß annehmen, dass der einzelne oder die Gruppe sich nicht mehr davon lösen kann.

Verstockung ist kein psychologischer, sondern ein theologischer Begriff. Gottes Anteil daran ist der, dass er irgendwann die Türe schließt, die einen Ausstieg möglich macht. Es bleibt es Rest, mit dem nach dem Untergang Neues möglich wird. Der Rest, das sind möglichweise all jene, die gegenwärtig noch trauern können. Diese Fähigkeit zu echter Trauer (im Unterschied zu primitivem Selbstmitleid) ist das letzte Zeichen der Hoffnung. Sie markiert den Ort in der Welt, wo Gott angesichts des Untergangs noch zu finden ist.

Aktuelle Beispiele

Aus den Nachrichten der letzten Wochen kommen mir zwei Beispiele in Erinnerung. Das eine ist der Rechtsruck der CSU und die Entfremdung der Parteiführung von den kirchlichen und sozial engagierten Wählern. Eine Weile lang dachte ich, das sei vielleicht eine Show, die auf taktischen Überlegungen beruht. Doch wenn man hört und liest, wie Horst Seehofer die Medienkritik der Rechtsradikalen übernimmt, und wie Kritik an dem immer radikaleren Kurs der Partei zur Hetze gegen sie umetikettiert wird, dann hat das schon diese wahnhaften Züge, die der Begriff der Verstockung in sich trägt. Die Psycho-Logik der AfD, die zwischen Weinerlichkeit und Gehässigkeit oszilliert, hat sich in den Gehirnen der Parteigranden anscheinend fest etabliert. Erst wollten sie nicht anders, jetzt können sie nicht mehr. Die bundesdeutsche Parteienlandschaft ändert sich in diesem Wochen gerade unwiderruflich.

Der Brexit ist die englische und der Waffenwahn in den Staaten ein Aspekt der amerikanischen Version dieses Phänomens. Es ist aber – und das ist neu – die Phase der multiplen Verstockungen angebrochen – mit globalen Auswirkungen.

Die viel größere Sorge sollte nicht der CSU, sondern dem Klima unseres Planeten gelten. Denn da spricht vieles dafür, dass entscheidende „Kippunkte“ schon überschritten sind. Das katastrophale Ausmaß der drohenden Zerstörung und ihrer Folgen für die Weltbevölkerung über viele Generationen hinweg lässt die Kriege der jüngeren Vergangenheit harmlos erscheinen. Seit Jahrzehnten ist die Gefahr bekannt. Sie wurde heruntergespielt und verdrängt, oder erstickt von der neoliberalen Dauerpropaganda gegen Regulierungen aller Art. Immer gab es wichtigere Dinge: Den Primat des Kapitals und dessen Hunger nach kurzfristiger, maximaler Rendite – den „Krieg gegen den Terror“ – die groteske Obsession mit Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlingen.

Dikaseva

Düstere Aussichten

Das Sommerloch und die Hitzewelle werden vorbeigehen. Die Große Koalition in Berlin wird wieder zu ihrer Tagesordnung übergehen, auf der die Klimakrise (weil zu groß, zu komplex und trotz aller Sprünge in letzter Zeit zu langsam) ganz weit unten rangiert. Die Deutschen werden weiter massenhaft Billigflüge buchen, SUVs und andere Spritfresser fahren, ungesund viel Fleisch aus Massentierhaltung futtern und gegen den Netzausbau für grünen Strom demonstrieren. Ein paar Lippenbekenntnisse müssen reichen, damit sehen wir im Unterschied zu Donald Trump (wie Vladimir Putin abhängig von der Kohle- und Ölindustrie) ja schon ganz gut aus. Ein Teil von uns wird nicht aufhören, jedes Bemühen um Nachhaltigkeit als „linksgrüne“ Verschwörung gegen Volk und Kultur hinzustellen, die Sorge um die Opfer der Erdüberhitzung als Verrat am Vaterland zu verleumden und die erschütternden Berichte des Weltklimarates und der Forscher als Fake News.

Das millionenfache Sterben von Mensch und Tieren, von Landschaften und Lebensweisen hat begonnen. Anklagen und Polemik, so berechtigt sie sind, verschärfen die Verstockung eher, als dass sie sie aufbrechen könnten. Vielleicht sollten die Kirchen einen Sonntag im Monat der öffentlichen Trauer widmen. Das klingt nach viel, aber es steht ja auch viel auf dem Spiel – so gut wie alles. Wir sind im Augenblick zu wenige, um einen Kurswechsel herbeizuführen. Aber wir sind zu viele, um einfach nur zu schweigen. Und billigen Trost oder positives Denken, das keinen Anstoß erregt, haben wir nicht im Angebot.

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Eine Antwort auf „Das Zeitalter der Verstockung“

  1. In 2. Mose 9, Vers 12 heißt es: „Aber der HERR verstockte das Herz des Pharao, dass er nicht auf sie hörte, wie denn der HERR zu Mose gesagt hatte. “
    Wie aber kann die Verstockung aufgebrochen werden, wenn sie von Gott kommt?

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