Was uns zusammenhält (und was nicht)

Die Einheit und der Zusammenhalt wirkt bedroht wie lange nicht mehr. Darin sind sich alle einig. Um so eifriger wird sie angemahnt – kirchlicherseits und in der Gesellschaft. Als ich heute über diesen Worten des Paulus saß, fiel mir auf, warum das manchmal ein weiter Weg sein kann:

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Paulus wünscht sich eine einmütige und einträchtige Gemeinde in Philippi. Das ist also auch unter Christen – damals wie heute – nicht selbstverständlich. In diesen Tagen haben sich bei uns ja ausgerechnet die Parteien mit dem C, die auch noch die Einheit (lateinisch Unio) im Namen führen, ungeahnt erbittert beharkt und sich mit der Fiktion einer Nicht-Spaltung in die Sommerpause gerettet. Christen stehen auf beiden Seiten der Gräben, die die aktuellen Kulturkämpfe aufgerissen haben. Führt ein Weg zurück zur Einheit – und wenn ja, welcher?

Nun liest sich das mit der Einmütigkeit hier ja so, als sei sie das Sahnehäubchen auf einem Kuchen. Sehen wir also nach, was drunter liegt. Die Grundlage der Eintracht wird klar benannt: Ermahnung, Trost, Liebe und Barmherzigkeit.

Ermahnung – ich lasse mit mir reden. Trost – ich suche nach Worten und Gesten, die heilen und aufbauen. Liebe – ich nehme mich zugunsten anderer zurück. Und Barmherzigkeit –  ich lasse mich vom Leid anderer berühren und bewegen.

Wo es freilich an solchen Dingen fehlt, da wird Eintracht zur Farce und zum Problem. Geschlossenheit ist ja kein Wert an sich: Organisiertes Verbrechen und totalitäre Bewegungen agieren oft sehr geschlossen, um sich auf Kosten anderer zu bereichern oder ihre Dominanz auszubauen.

Und es hat vielfach an Liebe und Barmherzigkeit gefehlt. Sie sind aus dem trostlosen Wortschatz der öffentlichen Debatten verschwunden. Die Ermahnung zu barmherzigen Tun und zur Mitmenschlichkeit wird als Verrat am Volk oder als fahrlässiges Gutmenschentum beschimpft, als Rechtsbruch und Ordnungswidrigkeit.

Der Anspruch, gut und respektvoll von Menschen zu reden, ihre Bedürftigkeit nicht abschätzig als Makel zu werten, sich nicht vom Leid anderer abzuschotten, wird  als „Hypermoral“ beziehungsweise ideologischer „Tugendterror“ diffamiert – Abschiebungen in akute Todesgefahr dagegen schamlos als nette Geburtstagsüberraschungen gefeiert.

Heather Mount

Nicht mehr die Kategorien von Menschlichkeit, Gleichheit und Hilfsbereitschaft prägen unser öffentliches  Gespräch, sondern Härte, Feindseligkeit und die Dämonisierung des Fremden. Von Barmherzigkeit und Menschenrechten zu reden gilt vielen inzwischen als Ausweis „linksradikaler“ Gesinnung, die Wohlstand und Ordnung im Land bedroht.

Wer aber auf Grundlage der fortwährenden Entmenschlichung anderer Geschlossenheit fordert, hat Gott nicht auf seiner Seite, egal, wieviele Kreuze er an die öffentliche Wand nagelt. Die Spannungen, mit denen wir zu tun haben, haben längst die alte Polarität konservativ/progressiv überschritten. Wer den Gedanken universaler Menschenrechte (und damit das Grundgesetz) – oder theologisch: der Gottebenbildlichkeit des Menschen – für selbstverständlich hält, ist inzwischen gewissermaßen konservativ. Nur dass der Gegenpol dazu heute nicht mehr im Progressiven, sondern im Regressiven und im Protofaschismus besteht.

Echte Konservative wie Norbert Blüm und Hans Maier haben das verstanden und ermahnen ihre politischen Weggenossen, die derzeit nicht ganz bei Trost sind, auf den Weg der Liebe, Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit zurückzukehren. So lange das noch aussteht, brauchen wir auch über Eintracht nicht zu reden.

Sie wäre nur das Sahnehäubchen auf einem Misthaufen.

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2 Antworten auf „Was uns zusammenhält (und was nicht)“

  1. Vielen Dank für diesen und viele ähnliche Artikel (und den Link auf den Artikel von Blüm!). Die täglichen Nachrichten deprimieren mich zunehmend, sie machen mich abwechselnd wütend, traurig und sorgenvoll. Und mit einer hier beschriebenen Haltung fühle ich mich zunehmend allein. Da tut es einfach gut, so etwas zu lesen.

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