Das Exodus-Muster

Gibt es eine stimmige theologische Alternative zum heilgeschichtlichen Muster von Schöpfung, Fall und Sühne, das die westliche Theologie seit Augustinus dominiert und dafür gesorgt hat, dass Erlösung primär als Beseitigung individueller moralischer Schuld und notwendige Weichenstellung für die himmlische Seligkeit verstanden wurde?

Es gibt sie, und wir finden sie in der Bibel – wenn wir, statt im Buch Genesis anzufangen, mit dem Exodus beginnen. Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten ist das Urdatum der Geschichte Israels. Er führt zum Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk am Berg Sinai. Das mosaische Bundesrecht stellt dabei, wie Richard Horsley zeigt, eine Art sozialökonomische Charta dar. Es wird zum Ausgangspunkt einer Traditionslinie, die sich durch die gesamte hebräische Bibel zieht. Sie bildet einen Gegenpol zu den königlich-priesterlichen Traditionen (Palast und Tempel waren, auch in der Sicherung des eigenen Einflusses, stets eng verbunden).

Die Propheten klagen sie gegen die Könige ein, als in Israel und Juda eine Feudalisierung einsetzt. Sie stellen das Scheitern des Bundes fest und kündigen das Ende des Königtums an. Und als dieses dann gekommen ist, beginnen sie von einem neuen Exodus zu reden, der einer Auferweckung des Gottesvolkes gleichkommt.

Clem Onojeghuo

Und auf just diese Exodustraditionen bezieht sich Jesus exklusiv, wenn er die Schrift zitiert – gern auch gegen das herodianische Königshaus und die Priesteraristokratie in Jerusalem. Das Matthäusevangelium stellt Jesus als den neuen Mose dar, beginnend mit der Geburt unter einem kindermordenden Herrscher, der Flucht und Rückkehr, der Taufe (Schilfmeer!), dem neuen Gesetz, das auf einem Berg in Kraft gesetzt wird und das inhaltlich an die egalitäre Ordnung des mosaischen Bundes anknüpft, die unter der armen Landbevölkerung Galiläas noch hoch im Kurs stand. Es gipfelt in der Feier des Passafestes, in der Jesus seinen Tod mit einem neuen Exodus verbindet.

Frank Crüsemann hat die Spur des Exodus durch das neue Testament in einem feinen Beitrag („Gott und Menschen handeln – wie ist das Verhältnis?“) zu dem Band „Befreiung vom Mammon“ (hg. V. Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich, Die Reformation radikalisieren, Bd. 2) nachgezeichnet. Er entdeckt sie im Lukasevangelium, in den Reden der Apostelgeschichte, und auch in den Aussagen des Römerbriefs über die Befreiung von der Schreckensherrschaft der Sünde. Im Gegensatz dazu (zur Sünde und der Unfreiheit unter römischer Herrschaft) sind „die Beziehungen, die Gott eingeht … nicht von Macht bestimmt.“ Jede Reich-Gottes-Theologie, die sich selbst ernst nimmt, müsste eine dezidierte Exodus-Theologie sein.

Vergebung ist der Befreiung dann theologisch nach- und nicht vorgeordnet. Sie ist im Exodus eingeschlossen und sie ist notwendig, um ihn zu vollenden – Freiheit muss sich bewähren und sie bleibt vorläufig auch noch gefährdet.

Das Problem mit der herkömmlichen Vorstellung von Sünde als moralischem Versagen und individueller Schuld und einer primär jenseitsbezogenen Erlösung ist ja die Frage, wie man das dann wieder mit sozialen und politischen Verhältnissen – also dem öffentlichen Leben statt nur dem privaten – zusammenbringt. Denn wenn es in der Bibel vor allem um „Gott und die Seele“ geht, bleiben die Lebensverhältnisse außen vor oder sie dienen nur als austauschbare Kulisse für die Bewährung des Glaubens bis zur endgültigen Heimkehr zu Gott. Genau das passiert, wenn man – etwas überspitzt formuliert – aus dem „alten“ Testament nur die ersten drei Kapitel der Genesis, die zehn Gebote und ein paar messianische Verheißungen in den Kernbestand christlichen Denkens integriert.

Macht man hingegen das Exodus-Muster zur Grundstruktur von Theologie, dann ist damit die Frage nach dem inneren Zusammenhang der hebräischen und griechischen Bibel besser beantwortet, als wenn man diesen in der priesterlichen Sühnetheologie sucht – oder gleich aufgibt. Zugleich wird es möglich, einen kritischen Blick auf die biblischen Texte zu werfen, die andere Vorstellungen von Gott, Gerechtigkeit, Macht und Freiheit vermitteln. Und nicht zuletzt finden wir hier eine Sprache, um die Lebens- und Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren – und zu verändern: „Speaking Truth to Power“, nennt Walter Brueggemann das.

Share

9 Antworten auf „Das Exodus-Muster“

  1. Hallo Peter,

    den Gedanken des „neuen“ Exodus durch Jesus finde ich interessant. Kannst Du vielleicht kurz in Zusammenhang bringen, welche Bedeutung dann der Kreuzestod von Jesus hat?
    Danke!

    1. Also, seeehr kurz gesagt: Jesus greift in seinen Vorstellungen von Solidarität und Gerechtigkeit auf Vorstellungen des mosaischen Bundes zurück, aber er aktualisiert sie: Für Matthäus ist die Bergpredigt die neue Torah, die bei der verheißenen Bundeserneuerung in die Herzen geschrieben wird (vgl. Jer 31 und Ez 36). Seinen Tod parallelisiert Jesu durch das Abschiedspassa mit dem Exodus und Paulus folgt ihm exakt dabei in 1.Kor 10, wo das Abendmahl – und damit der Tod Jesu – in die Exodus-Tradition gestellt wird. Jesus erwartet, dass sein Tod (und seine Auferstehung, die ihm klassischen Sühne-Modell ja nur nachklappert, weil Opfertiere ja tot bleiben) das Ende des Unrechtsimperiums in seiner judäischen wie römischen Gestalt herbeiführen (und so kam es ja auch).
      Crüsemann schreibt in dem oben erwähnten Aufsatz, dass Jesus nicht nur einen Exodus aus „Sünde und Tod“ im Allgemeinen, sondern aus diesen konkreten, imperialen Unterdrückungs-, Ausbeutungs- und Unrechtszusammenhängen vor Augen hat. Diesen Interpretationsansatz findest Du z.B. auch bei Tom Wright in „Jesus and the Victory of God“ (dt.: Jesus und der Sieg Gottes). Der neue Bund kommt nicht zustande, indem Gott Gewalt (und sei es nur rituelle Gewalt) verübt, sondern indem er sie erleidet. Das ist in gewisser Weise neu gegenüber dem ersten Exodus. Ergo sind auch alle rituellen und militärisch-kriegerischen Opfer im Christentum seither passé und alle Tempel- und Königshierarchien (in deren Namen Opfer stattfanden) ohne Legitimation.
      In diesen neuen Exodus sind alle, die „in Christus“ sind, eingeschlossen. So wie Israel für den Pharao nicht mehr greifbar war, nachdem sich das Meer wieder geschlossen hatte, so sind es die Jesusnachfolger für das römische (oder heute: neoliberal-kapitalistische) Imperium, denn dem sind sie „gestorben“. Leider noch nicht in dem Sinn, dass das Imperium ihnen nicht mehr schaden kann, aber wohl in dem Sinne, dass es sich ihnen als alternativlose, absolute, alles bestimmende Wirklichkeit aufdrängen kann. Der Horizont des Lebens ist nun ein anderer. Daher kann Brueggemann über das Exodusbuch schreiben: „It is this textual tradition, like none other, that can lead the church to imagine (and practice) the world as a neighborhood network of mutual respect and concern, and not simply as a market of detached competitors.“

      Bisschen klarer jetzt?

      1. Danke für die schnelle Antwort! Dadurch wird einiges klarer, aber es bleibt die Frage offen warum das Kreuz? Hätte es nicht gereicht, wenn Jesus „einfach“ irgendwie gestorben wäre? Welche Bedeutung hat das Kreuz hier im Besonderen, wenn dem denn überhaupt so ist?

        1. Die Antwort auf die Frage „Warum das Kreuz?“ liegt nicht in einer überzeitlichen Notwendigkeit, die in oder neben Gott existiert, sondern das Kreuz ist die Konsequenz aus Jesu gesamter Verkündigung und Verhalten, seiner prophetischen Kritik, seiner Solidarität mit den Armen und Schwachen, seinem messianischen Anspruch. Jesus weiß, dass ihm dieser Tod droht, weil es vor ihm schon anderen so gegangen ist – dem Täufer zum Beispiel. Er weicht ihm nicht aus, weil er erwartet, dass sein Martyrium die Wende bringt zugunsten der Gottesherrschaft. Wenn Dich das Thema interessiert, lies das großartige Buch von Ted Jennings, „Transforming Atonement“. Da wird es ganz ausführlich nach allen Seiten hin entfaltet: Was bringt Jesus ans Kreuz, welche Bedeutung gibt das seinem Tod, welche Folgen hat das für christliche Gemeinde und Ethos. Es ist eben keineswegs egal, dass Jesus den Tod derer stirbt, die in den Augen des Imperiums Hochverräter und Staatsfeinde sind. Weil seine Botschaft die Legitimation eben dieser Herrschaft untergräbt.

    1. So weit ich das sehen kann, nein… Aber der Band enthält noch eine Reihe anderer guter Beiträge, das Geld ist gut angelegt.

  2. Neben der moralischen gibt es ja das sehr stark ausgebaute relationale Verständnis von Sünde als Selbstverschließung (von Luther über Pannenberg bis Jüngel, Dalferth etc.).
    Ich weiß nicht ob man die Polemik gegen die angeblich individualistische Tradition wirklich übernehmen muss.

    1. Es ist für mich Kritik, keine Polemik. Die relationale Sicht hat ihren Wert, aber in der kirchlichen Frömmigkeit ist sie m.E. noch nicht so recht angekommen. Und in ihrem eher existenzialistischen Blick rutscht das Soziale schnell weg. Da folge ich lieber Moltmanns messianischer Christologie.

Kommentare sind geschlossen.