Der Kampf um das Kreuz: Autoritäres Symbol oder Zeichen geschenkter Freiheit?

Bei seinem Auftritt auf der Landessynode hat sich der Ministerpräsident diese Woche als Befürworter von Kreuzen im öffentlichen Raum präsentiert. Alexander Jungkunz hat das in einem Kommentar für die Nürnberger Nachrichten mit dem Stichwort „Neue Kreuzritter“ aufgegriffen und an Carl Schmitt erinnert, der im letzten Jahrhundert die Devise ausgegeben hatte, man solle doch „die Wirkung Christi im sozialen und politischen Bereich unschädlich machen; das Christentum entanarchisieren, ihm aber im Hintergrund eine gewisse legitimierende Wirkung belassen und jedenfalls nicht darauf verzichten.“ Religion dient der Macht, nicht der Freiheit. Ergo basteln die Minister der CSU in München wie in Berlin an einer Politik, die Freiheiten von Minderheiten und Andersdenkenden unter dem Vorwand der Sicherheit einschränkt und dem Staat immer mehr Befugnisse erteilt, die willkürlich ausgeübt werden können. Das ergibt eine Annäherung an den Ausnahmezustand in Trippelschritten. Auch dieser Satz stammt nämlich von Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Bei den Synodalen dürfte Söder damit kaum gepunktet haben, aber das ist wohl auch nicht seine Zielgruppe.

Das Kreuz als eine Art heimatliches Totem?

Dazu passt  ein selbstkritischer Text über den Evangelikalismus, den Mark Labberton vom renommierten Fuller Seminary jüngst veröffentlichte. Auch da ging es – unter anderem, aber an erster Stelle – um Macht. Sein Fazit zum Verhältnis von Evangelikalismus und Macht lautet: „Der offensichtliche Schulterschluss Evangelikaler mit einem Machtgebrauch, der auf Dominanz, Kontrolle und Überlegenheit setzt und den Sieg über Mitgefühl und Gerechtigkeit, bringt Jesus mehr mit den Strategien des römischen Kaisers in Verbindung als mit der guten Nachricht des Evangeliums.“ Er erwähnt das Kreuz hier nicht eigens, aber implizit wehrt sich auch Labberton gegen den Versuch, das Kreuz vor den Karren autoritärer Herrschaft zu spannen.

Dass dies kein rein amerikanisches Problem ist, zeigen die Diskussionen, die im frommen Spektrum überall da ausbrechen, wo nach einen Gottesbild und -Begriff gesucht wird, der Gottes Allmacht (und zwar exakt im Schmitt’schen Sinn von Souveränität, die an keine Verantwortung mehr gebunden ist und sich selbst legitimiert) zurücknimmt zugunsten seiner Barmherzigkeit, Liebe und Nähe zu einer leidenden Welt. Wann immer Gottes Macht und Liebe in Spannung zu einander geraten, löst diese theologische Tradition den Konflikt zugunsten der schrankenlosen Macht auf. „Gott“ droht zur Chiffre für einen reinen Machtkult zu degenerieren.

Auf katholischer Seite hat der DLF diese Entwicklung aktuell für Kroatien nachgezeichnet. Ein Kritiker sagt über den nationalkonservativen Kurs der Bischöfe dort: „Die Menschen wurden nicht ermutigt, mit dem eigenen Kopf zu denken, sondern sollten einfach einer Autorität folgen.“ Ein anderer spricht von einem opportunen „Fake-Katholizismus“, der auf einmal viele Anhänger findet.

Wenn wir das mit dem Kreuz wirklich ernst nehmen, dann darf es zu einem solch autoritären Stil in Kirche und Politik nicht kommen. Wir müssen besser verstehen und vermitteln, was Paulus meint, wenn er schreibt, dass die Schwachheit Gottes stärker ist, als die Menschen es sind. Wer menschliche Schwachheit verachtet, wer Macht nicht aus der Hand geben kann, wer auf Vergeltung sinnt für vergangene Kränkungen und Demütigungen, der hat Gott noch nicht verstanden – und schon gar nicht auf seiner Seite.

Zuletzt: Gibt man den Suchbegriff „weakness“ in die Bilderdatenbank von Unsplash.com ein, dann kommen erstens nur wenige Bilder und zweitens sind überall Frauen darauf. Das wirft die Frage auf, ob unsere Vorstellungen von Männlichkeit und unsere Vorstellungen von Macht (bzw. dem richtigen Umgang mit ihr) nicht ähnlich problematisch sind.

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„Christentum so aktuell wie nie“ – ein Rückblick auf zehn Jahre „Gott im Berg“

Vor zehn Jahren machten wir uns an die nicht ganz alltägliche Idee, in Erlangens längstem Bierkeller einen Kreuzweg einzurichten. Mit Kerzen beleuchtet (dieses Feature hatten wir uns von Friedrich Engelhard vom Entlas-Keller abgeschaut), dazu schleppten wir ein paar bunte LED-Lampen mit und ein paar Klemmleuchten für die Beschreibungen der Stationen, ein paar Stunden Aufbau – und fertig.

Wir hielten uns an die klassische Kreuzwegsstruktur von der Verhaftung/Veurteilung bis zur Grablegung. Der dreimalige Sturz sollte uns in den Folgejahren noch intensiv beschäftigen: Dieselbe Szene verlangt nach drei unterschiedlichen Zugängen, Darstellungen oder Inszenierungen. Ich glaube, zehn Jahre später bin ich echter Sturz-Experte, weil wir den Grundsatz haben, jede Idee immer nur zweimal hintereinander zu verwenden. Sprich: Etwa die Hälfte der Stationen ist jedesmal gegenüber dem Vorjahr verändert.

Beim ersten Mal klebten wir ein paar Plakate in der Stadt und schrieben eine Notiz für die Tageszeitung. Es kamen 600 Leute, für einen Karfreitagsgottesdienst (nichts anderes war der Kreuzweg) schon ganz anständig. Wir haben auf religiöse Binnensprache verzichtet, nur die Bibeltexte zu den unterschiedlich gestalteten Stationen gestellt und eine minimalistische Anleitung. Über den Weg verteilt, versuchen wir alle Sinne anzusprechen. Auch das ist immer wieder eine neue Herausforderung. Aber es funktioniert so, wie ich es jüngst bei Rowan Williams über die Regeln von Poesie gelesen habe: Es entsteht ein gewisser Druck, mit den erlaubten oder erwünschten Mitteln so kreativ umzugehen, dass dabei ungewöhnliche Einfälle herauskommen, die wir andernfalls vermutlich nie gehabt hätten. 2009 nannten wir das Ganze dann „Gott im Berg“. Denn der Berg ist in Erlangen gewissermaßen ein heiliger Ort.

Dieses Jahr waren es knapp 2.200 Personen. Hier sind ein paar der rund 300 Rückmeldungen aus dem Gästebuch:

  • „Gott begegnet mir im Berg – Danke!“
  • „Sinnlich, ergreifend, und unbeschreiblich schön“
  • „Seit vielen Jahren eine liebgewonnene Art, den Karfreitag zu begehen“
  • „Mitten ins Herz; vielen Dank!“
  • „Unglaublich schön! Nicht zu übertreffen. Wunderbar und traurige Momente.“
  • „Danke für diesen besonderen Weg mit und zu Jesus“
  • „Eine beeindruckende Erfahrung und eine Reise zu sich selbst und Gott“
  • „Allmählich gewinne ich wieder mehr Vertrauen zu Gott“
  • „Man kommt leer, man geht und wird voll. Ein Erlebnis!“
  • „Sehr cool und durchaus auch spirituell.“
  • „So sollte Kirche sein: Den Bezug zur Gegenwart herstellen. Dann ist Christentum so aktuell wie nie!“

Wir sind mitgewachsen über diese 10 Jahre.  Den Andrang zu bewältigen, den das steigende Interesse im Lauf der Jahre mit sich brachte, ist einigermaßen gelungen (zwischendurch musste ich z.B. mal einem begeisterten Pfarrer ausreden, für seine Kirchengemeinde eine Busfahrt zum Berg zu organisieren). Es hat sich ein Team gefunden, das von Ideen sprüht und intensiv um gute Umsetzungen ringt. Mischa Niedermann und Arno Werner kommen jedes Jahr aus der Schweiz und rücken alles sorgsam ins rechte Licht. Dazu kommen dann noch einmal rund 50 Helfer*innen, die an Gründonnerstag und Karfreitag den Einlass regeln und im Keller auf die Ordnung achten. Das ist viel Arbeit, aber wenn man miterlebt, wie bewegt und angerührt viele Gäste den Keller verlassen, dann weiß man auch, dass es das wert war.

Die Grundsätze (Minimalistische Texte, Niederschwelligkeit, Vermeidung von frommem Kitsch, zeitgemäße Sprache und Symbole, Sinnlichkeit, Sensibilisieren ohne zu Moralisieren) sind immer noch dieselben. Es ist ein meditativer Weg – das unterscheidet Gott im Berg deutlich vom eher pädagogischen Ansatz der Ostergärten. Wir wollen nicht so sehr zeigen, was damals war, sondern erfahrbar machen, wie und wo das, was mit Jesus geschah, heute geschieht. Es gibt keine Führungen, am besten geht jede(r) allein und schweigend.

Es war und ist ein langer und guter Weg. Und wir sind noch lange nicht am Ende.

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Homo incurvatus, oder: die Wahrheit auf den zweiten Blick

Samstagnachmittag im herrlichsten Sonnenschein. Am Flussufer sitzt ein Pärchen. Ich sehe sie im Vorbeiradeln aus dem Augenwinkel. Sie sitzt aufrecht da, das Gesicht der Frühlingssonne zugewandt. Er hockt daneben, in sich zusammengesunken, mit hängendem Kopf, und schaut in die andere Richtung.

Die gegensätzliche Körpersprache gibt Räsel auf: Gibt es Streit? Hat er Kummer und sie lässt das kalt?

Ich werfe noch einmal einen Blick zurück über die Schulter, und dabei verstehe ich, was da passiert: Er beugt sich nämlich über sein Smartphone. Weil die Nachmittagssonne so hell scheint, muss er dieser den Rücken zuwenden und möglichst wenig Streulicht zwischen sich und dem Display zulassen. Daher die gekrümmte Haltung.

Courtney Clayton

Unwillkürlich fühle ich mich an Luthers Wort vom „homo incurvatus in seipso“ erinnert. Da drüben sitzt buchstäblich ein ‘homo incurvatus‘. Die Verkrümmung rührt freilich vom Smartphone her und könnte gänzlich unschuldiger Natur sein: Vielleicht liest er den Bundesliga-Ticker, postet er ein Foto vom mitgebrachten Essen auf Instagram, plant er die Route für die nächsten Etappe des Ausflugs oder sucht die passende Playlist fürs Picknick.

Menschliche Verkrümmungen sind im Zeitalter des Smartphones gewiss nicht seltener geworden. Rein körperlich betrachtet, nehmen sie nachweislich zu. Für andere ist das Internet sowieso irgendwie der Anfang vom Ende der Welt, eine Art Sündenfall 2.0. Im Internet-Zeitalter finden solche schlichten Schwarz-Weiß-Malereien ein erstaunliches Echo.

Den aufrechten Gang muss man jedenfalls anders einüben. Genau hinzusehen, oder mal die Perspektive zu wechseln, bevor man Schlüsse zieht, könnte eine Möglichkeit sein.

Exakt zeitgleich zu dieser Szene rast in Münster ein Fahrzeug in eine Menschenmenge. Drei Menschen sterben, viele werden verletzt. Manche Zeitgenossen verlieren keine Zeit mit Fragen und Nachdenken, sie „kennen“ die Schuldigen, ohne überhaupt noch hinsehen zu müssen. Und sie denken gar nicht daran, die Perspektive zu wechseln.

Verkrümmte Seelen.

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Ein erster Umzug

Die letzten 150 Tage eines zentralen Lebensabschnitts laufen seit dieser Woche: 25 lange, intensive Jahre bei ELIA in Erlangen gehen dem Ende entgegen. Zeitgleich enden dann – vergleichsweise kurz und weniger aufwühlend – 30 Monate Vikariat in Nürnberg.

Zwei Drittel des zweiten kirchlichen Examens liegen hinter mir, in drei Wochen ist auch die letzte Prüfung überstanden. Das Dienstzeugnis ist geschrieben und  beschreibt (ohne Überraschungen), wo meine Begabungen liegen, was mich motiviert und wo mein Herz nicht ganz so aufgeregt schlägt.

Wenn also nicht noch etwas gravierend schief läuft, dann fängt im September ein neues Kapitel an. Ein großer, schwerer Abschied steht damit bevor und parallel dazu ein noch ein netter, kleiner. Beinahe täglich werde ich jetzt gefragt, ob ich schon weiß, wo ich ab Herbst dann bin. Aber das wird noch eine ganze Weile dauern. Mit der Ungewissheit lebe ich momentan ganz gut. Mal sehen, wie es sich anfühlt, wenn die Prüfungen kein Adrenalin mehr freisetzen. Immerhin – ich freue mich darauf, mich dann nicht mehr im Lehrlings- und Prüflingsstatus zu befinden. Das fühlt sich in der zweiten Lebenshälfte schon künstlich an, selbst wenn man dabei gut behandelt wird.

 

Clem Onojeghuo

Während des Wartens auf den Frühling habe ich eine Sache schon mal in Angriff genommen und diesen Blog auf meine private Domain umgezogen. Falls jemand mich also in eine Linksammlung aufgenommen hatte (und das weiterhin möchte), hier die neue URL:

www.aschoff-net.de/peregrinatio

Und sobald es wieder spruchreife Neuigkeiten gibt, findet Ihr sie hier.

Heute bleibt mir vor allem, mich beim Webteam von ELIA für die souveräne technische Unterstützung eines WordPress-Dilettanten zu bedanken. Ohne Euch wäre das Schreiben und Diskutieren über die letzten 13 Jahre nicht so unbeschwert möglich gewesen. Ich habe viel von Euch gelernt. Und wir bleiben verlinkt, auch und vor allem im Herzen!

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Ostern – lässt sich Freude anknipsen?

Christliche Osterfreude kann und darf ausgelassen sein. Manchmal denken wir, sie sollte das unbedingt sein, und dann wird mit etwas Bombast nachgeholfen. Daraus kann dann eine Kluft zwischen der erwarteten und der echten Freude entstehen, die anstrengend bis frustrierend ausfällt. Es klappt nicht so recht, den Schalter auf Partystimmung umzulegen.

Einen anderen Weg zeigt das Osterevangelium aus Johannes 20. Dort ist Maria Magdalena die erste, die am Grab erscheint, und die letzte, die es verlässt. Die anderen Akteure – namentlich Petrus und der Lieblingsjünger – rennen hin, sehen sich kurz um und sind schon wieder weg: Vermutlich um über ihre Feststellungen zu informieren, diese zu interpretieren und etwas zu initiieren. Dabei haben sie, wie Vers 9 beiläufig verrät, noch gar nichts verstanden.

Noch nichts verstanden hat auch Maria. Aber sie bleibt am leeren Grab: Nicht nur ist ihr der Herr genommen worden, sondern nun auch noch auch der Ort, an dem sie um ihn trauern kann. Weinend wirft sie einen erneuten Blick hinein. Und nun liegen da nicht nur die Leinenbinden, sondern es sitzen zwei Engel da, die nach dem Grund ihrer Traurigkeit fragen.

Weiter geht das Gespräch nicht, weil eine weitere Person im Grab erscheint. Maria richtet die nun Frage nach dem Verbleib des Leichnams an ihn. Sie geht an ihm vorbei wieder nach draußen; offenbar erwartet sie keine erhellende Auskunft mehr. Doch dann hört sie ihren Namen. Und alles ist anders.

Vielleicht ist das die Antwort auf die Osterfreude. Sie kommt stellt sich nicht zu einem bestimmten Datum von selbst ein, idealerweise am Sonntagmorgen zum Sonnenaufgang. Sie kommt, wenn ich am Grab warte, bis ich meinen Namen höre. Vielleicht sind alle anderen da schon wieder gegangen, vielleicht sind noch andere da, die uns nach meiner Trauer fragen. Vielleicht gebe ich irgendwann sogar die Erwartung auf, dass es hier noch etwas zu entdecken gibt, was mir hilft.

Schon im Weggehen hört Maria plötzlich ihren Namen. Und alles löst sich, als sie sich noch einmal umdreht und antwortet: „Rabbuni“.

Manchmal muss man einfach dableiben und warten.

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Strafe, Stellvertretung und Sühne – wie lässt sich Jesaja 53 verstehen?

In einem Gespräch über René Girards Interpretation des Sündenbocks kamen wir auf das Gottesknechtslied aus Jesaja 53. In der christlichen Tradition wurde es häufig so auf den Tod Jesu am Kreuz bezogen, dass es zur Theorie des stellvertretenden Strafleidens passte. Und in der Tat sind alle Stichworte dafür vorhanden. Fraglich ist freilich, ob das eine angemessene oder gar (auch das denken etliche) die einzig mögliche Auslegung dieser oft zitierten Worte ist.

eberhard grossgasteiger

Im ersten Vers ist davon die Rede, dass Gott sich auf eine verblüffende Weise offenbart. Die folgenden Zeilen machen deutlich, dass es dabei um eine kranke und entstellte Person geht, deren Umwelt sich mit Ekel und Verachtung von ihr abwendet („Verachtet war er und von Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut“). Der Rückschluss scheint unausweichlich, dass es sich dabei um Gottes gerechte Strafe für irgendein Vergehen handelt: „Wir aber hielten ihn für einen Gezeichneten, für einen von Gott Geschlagenen und Gedemütigten.“

In Vers 5 dreht sich die Perspektive plötzlich um: Nicht der Kranke ist schuldig, sondern die, die aufgrund jener Krankheit seine Schuld konstatieren oder postulieren. Das Kollektive „Wir“ seines Umfelds, das hier spricht, erkennt seinen Irrtum an. Und jetzt dreht sich alles um die Frage, wie man die folgenden Worte deutet: „auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren.“ Man kann hier entweder eine schlichte Schilderung des Sündenbock-Mechanismus sehen, die nüchtern aussagt, dass zerstörerische Aggressionen auf einen Sündenbock (den Kranken) abgewälzt wurden, und dass das insofern dem gesellschaftlichen Frieden dient, als die Schuldfrage damit vordergründig erst einmal vom Tisch ist. Die Schuld des Kollektivs besteht dann ganz konkret in seinem Umgang mit dem Sündenbock, dessen unverschuldete Krankheit auch noch mit Ausgrenzung und Verachtung belegt wird.

Oder man kann es als gottgegebene Notwendigkeit betrachten, Schuld – und das wäre dann keine konkrete, sondern eine diffuse, nicht näher umrissene – unbedingt zu strafen, notfalls auch an einem unschuldigen Stellvertreter. Das allerdings verklärt und sakralisiert letztlich die Ausgrenzung des Sterbenskranken: Sogar Gott „braucht“ dann einen Sündenbock, und sei es auch nur, um Schlimmeres zu verhindern und den Frieden zu retten, indem er ein kleineres Übel verursacht.

Aber das Bekenntnis der vormals selbstgerechten Verfolger weist in eine ganz andere Richtung: Gott stellt sich auf die Seite des unschuldig Leidenden. Er hebt damit das Urteil auf, hier habe jemand seine gerechte Strafe erhalten. Im Vergleich der Übersetzungen der Zürcher Bibel und von Buber-Rosenzweig spiegelt sich das deutlich wider:

  • Zürcher: „Dem HERRN aber gefiel es, ihn mit Krankheit zu schlagen. Wenn du ihn zur Tilgung der Schuld einsetzt, wird er Nachkommen sehen, wird er lange leben, und die Sache des HERRN wird Erfolg haben durch ihn.“ Gott hat hier also die Krankheit als Strafe verfügt.
  • Buber-Rosenzweig: „So wollte es Er: sein Zermalmter, den er verkränkt hatte, setzt seine Seele das Schuldopfer ein, soll noch Samen sehen, Tage längern, und durch seine Hand gerät Sein Wille.“ Gott stellt sich zu dem „Zermalmten“, der ihm im Leiden die Treue hält, und hebt die vermeintliche Strafe auf. Gottes Wille ist die ganze Zeit über, dass sein Knecht lebt und Nachkommen hat. Zweifel daran bestehen nur bei denen, die verächtlich auf ihn zeigen, um selbst gut dazustehen.

Nicht irgendwer trägt nämlich die Schuld der Vielen, sondern präzise der, der von eben diesen Vielen – selbst noch im Tod (V.9) – verdächtigt, beschuldigt, diffamiert und verachtet wird. Die Schuld ist der unehrliche Umgang mit sich selbst: Die Verleugnung eigener Konfliktanteile, die Härte gegen den Schwachen und Entstellten (der nicht der sozialen Norm von Ansehnlichkeit entspricht), und das ungehemmte Ausleben eines vermeintlich gerechten Zorns.

Gott lässt all diese Dinge erst einmal geschehen, um dann die Selbsttäuschung der Ankläger und Richter aufzudecken. Das ist bei Hiob so, das geschieht hier durch den Gottesknecht, und von da aus lässt sich auch die Passion Christi deuten. Wenn wir sie so lesen, wird sie auch zum Schlüssel für das Verstehen unserer Gegenwart. „Sühne“ besteht dann nicht darin, dass eine negative moralische oder spirituelle Bilanz ausgeglichen wird, sondern dass das keine Schuld mehr verschoben und keine Gewalt mehr verübt werden muss, weil kein Ausgleich gefordert wird. Sie besteht im Verzicht auf Gewalt, auch auf sakrale Gewalt.

Mögen sich auch einzelne Formulierungen aus Jesaja 53 zur Konstruktion bestimmter Sühnetheorien eignen, der Duktus des Gottesknechtsliedes weist in eine hilfreichere Richtung. Von da aus kann auch noch einmal neu überlegt werden, wie sich Jesaja 53 sinnvoll auf die Passion beziehen lässt und welchen Beitrag es zur Deutung der erlösenden Wirkung des Todes Christi am Kreuz leistet.

Wichtig ist das auch deswegen, weil Christen auch nach 2000 Jahren immer noch versucht sind, in eine „vergeltungssüchtige Klagereligion“ abzurutschen, die aus einem falschen Opferkomplex heraus Ausgrenzung und Gewalt legitimiert, wie Wolfgang Palaver zutreffend schreibt. Diese setzt die mimetische (aus Nachahmung entstehende) Gewalt unter anderen Vorzeichen einfach fort. Dabei werden freilich, wie Girard schrieb, „Verfolgungstaten im Namen der Verfolgungsbekämpfung ausgeführt“ und Gottes Absichten auf den Kopf gestellt.

In dieser Woche findet Gott im Berg zum elften Mal statt. Jede der Kreuzwegstationen haben wir über zehn Jahre hinweg in ganz unterschiedlichen Varianten gestaltet. Kein einziges Mal jedoch haben wir das als stellvertretendes Strafleiden dargestellt. Es war auch gar nicht nötig: Die vielen Besucher und Mitwirkenden haben es gar nicht vermisst.

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Unkreatives Kreativ-Blabla

Eigentlich hatte ich mich ernsthaft für das Produkt dieser Software-Firma interessiert. Dann war ich einfach nur fassungslos über das Blabla, das mir aus dem Video entgegenschlug. Einfallslose Meterware aus Marketing-Textbausteinen („we are inspired by passionate people“ – ach, echt?), mit denen man wohl so ziemlich alles verkaufen kann.

Oder auch nicht – ich zumindest hatte nach dem Ansehen des Clips jedes Interesse verloren. Weder text noch Bilder haben mir verraten, was ich mit dem Programm konkret besser machen kann als mit dem, was ich habe.

Ich musste an die Affen von Jan Böhmermann denken, die hätten den Werbetext wohl auch hinbekommen. Und dann dachte ich an die Kreativen in der Kirche: Hoffentlich gelingt es wenigstens dort, solche unkreativen Plattitüden zu vermeiden.

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Inter-Essens-Fragen

Gestern war ich mit einem Freund zum Mittagessen weg. Wir saßen und gegenüber und erzählten. Die Tische in dem Lokal stehen relativ eng nebeneinander. So kam es, dass sich die Dame vom Nebentisch plötzlich in unser Gespräch einschaltete, als er von seinen Erfahrungen mit dem Intervallfasten erzählte.

In den folgenden zehn Minuten erfuhren wir alles, was es über richtige Ernährung zu wissen gibt: Was anders ist als bei Low Carb, welche Diäten nicht funktionieren, was das mit dem Insulin zu tun hat, und dass Ärzte in der Regel keine Ahnung haben von Ernährungsfragen. Zwischendurch entschuldigte sie sich zweimal, dass sie das Gespräch gekapert hatte; aber wir nahmen die Entschuldigungen – in der Erwartung, sie kündigten das Ende ihres Redeflusses an – offenbar so höflich auf, dass sie ihr Glaubenszeugnis gleich erleichtert fortsetzte.

Irgendwann bekam sie einen Anruf und wir verlegten uns schnell auf andere Themen.

Danielle MacInnes

Hinterher dachte ich: Ein paar meiner Freunde und Bekannten würden jetzt vermutlich sagen: Sowas müssten wir Christen uns auch wieder trauen. Mutig über das reden, woran wir glauben und was unser Leben positiv prägt. Ruhig auch mal ungefragt und mit wildfremden Leuten, wenn Gott sie schon an den Nebentisch setzt und sie schon beim Thema sind. Ein bisschen wie Philippus und der äthiopische Kämmerer. Schließlich haben wir ja etwas zu sagen!

Und dann gibt es die anderen Freunde und Bekannten, die das trotzdem übergriffig fänden, sich in ein persönliches Gespräch unter Freunden ungefragt einzumischen. Die schon bei der Vorstellung im Boden versinken würden, fremden Menschen einen belehrenden Monolog zu verpassen, und denen ein „gut gemeint“ oder „schadet doch nix“ als Rechtfertigung nicht ausreicht.

Vielleicht gibt es den einen oder anderen Moment, wo es die richtige Entscheidung ist, sich „zur Zeit und zur Unzeit“ einzumischen (vgl. 2.Tim 4,2 – wobei diejenigen, die diesen Vers so lieben und gern im Munde führen, in meiner subjektiven Wahrnehmung öfter die Unzeit als die Zeit wählen…), oder auch den passendenden Moment für positive Unverschämtheit (Röm 1,16).

Aber es kann eben auch passieren, dass es so läuft wie bei mir gestern, dass ich eher genervt reagiere auf das Mitteilungsbedürfnis distanzloser Gesundheits- oder Was-auch-immer-Apostel. Der Terminus „Intervallfasten“ ist seit gestern – sachlich bestimmt völlig zu Unrecht – mit einem Gefühl des Widerwillens verknüpft.

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Batman und der brennende Busch

Vielleicht lag es daran, dass ich letzte Woche „Black Panther“ im Kino gesehen hatte. Als ich nun darüber nachdachte, wie sich der Name Gottes – je nach Gusto „Ich bin, der ich bin“, „Ich werde sein, der ich sein werde“, „Ich bin der Ich-bin-da“ – für Grundschulkinder erschließen lässt, fiel mir jedenfalls Batman ein.

Paul Green

Wir sprachen im Unterricht über die merkwürdige Selbstbezeichnung JHWHs gegenüber Mose in der Wüste am brennenden Busch. „Ich bin, der ich bin“, das könnte jede(r) von uns auch von sich sagen, ohne dabei viel von sich preis zu geben. Dann zeigte ich das Batman-Logo und fragte, welche Gemeinsamkeit der Comic-Held mit Gott hat.

Die Antwort kam prompt: „Auch Batman verrät nicht, wie er heißt.“

Es steckt offenbar doch einiges an Theologie in den Superhelden-Stories:

  • Weil Batman keine Adresse hat, kann er überall auftauchen, aber er lässt sich auf keine fixe Position festlegen.
  • Das einzige, womit die Leute rechnen können, ist, dass er zu Hilfe kommt, wenn sie in Not sind und dass er auf der Seite der Gerechtigkeit steht.
  • Und weil niemand seinen bürgerlichen Namen kennt, wahrt er dabei stets sein Geheimnis.

Israels Gott hat im Unterschied zu Bruce Wayne keinen bürgerlichen Namen. Auch da waren die Kinder gestern großartige Theologen. Eins vermutete, Gott habe überhaupt keinen Namen, ein anderes meinte, Gott habe zu viele Namen, um nur einen nennen zu können. Beide haben Recht.

In der paradoxen Spannung, dass seine vielen Namen jeweils einzelne Facetten von Gottes Wesen erhellen (und gleichzeitig andere verhüllen), dass aber kein einzelner Name alles abbilden könnte, was Gott ist – geschweige denn den Wandlungen unseres Gottesbildes im Laufe eines Lebens gerecht zu werden – darin liegt schon viel Wahrheit und Weisheit.

Das Beste aber ist, dass es schon Kinder verstehen. Und Batman wird sie von jetzt ab immer dran erinnern.

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Was geht mich die Geschichte an?

Wie man es dreht und wendet, als Theologen und Kirchenmenschen haben wir es mit einem Gott zu tun, der sich in der Geschichte offenbart. Wir können also nicht nicht über Geschichte reden.

Aber wir könnten anders über Geschichte reden, als es vielfach der Fall ist. Nämlich als eine Geschichte voller Wunden und Narben. In der Passionszeit machen wir uns genau das bewusst, dass die Geschichte der Menschheit und Gottes Geschichte mit den Menschen eine Leidens- und Passionsgeschichte ist. Und genau deshalb ist sie immer noch so relevant. Bernhard Waldenfels hat das, wie ich finde, für die Geschichte im Allgemeinen sehr treffend formuliert:

Wenn die Geschichte im Schulunterricht oftmals auf wenig Interesse stößt, so kann dies auch daran liegen, dass geschichtliche Ereignisse dargeboten werden wie Lagerbestände, aus denen man sich bei Bedarf bedient. So wie die Raum- und Zeitkoordinaten auf das jeweilige Hier und Jetzt verweisen, so verweist die Geschichte auf Geschichten aus der Kindheit, der Familie und der Nachbarschaft, in denen sie sich en miniature verkörpert, mitsamt ihren Erwartungen, Enttäuschungen und Verletzungen. Eine Geschichte ohne Wunden und Narben wäre nichts weiter als eine museale Bildungsgeschichte.

Roman Kraft

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Nach dem bösen Erwachen: Weisheit in Zeiten der Polarisierung

Manchmal setzen sich Gedanken aus ein paar Gesprächsfetzen zusammen. In diesem Fall Gespräche über den gesellschaftlichen Diskurs, der an vielen Stellen mit wachsender Erbitterung geführt wird.

Mitten hinein fiel der Hinweis auf die Geschichte vom weisen König Salomo, die ich noch aus der Kinderbibel kenne: Zwei Frauen teilen sich eine Unterkunft, beide haben ein neugeborenes Baby, eines morgens ist das eine Kind tot. Die Mutter, die es im Schlaf erdrückt hat, nimmt der anderen Mutter heimlich das lebende Kind und legt das tote in ihren Arm.

So liest sich das in der Klage, die daraufhin vor dem König landet und die mit dem Schwert – freilich unblutig – entschieden wird. Der gilt fortan an weiser Mann: Er droht, das lebende Kind zu zerteilen und jeder Mutter die Hälfte zu geben. Die Frau, die nachgibt, ist die wahre Mutter. Die Frau, die hart bleibt, ist die Betrügerin. Heute würden wir kein Schwert mehr nehmen, sondern eine Speichelprobe. Dem Fortschritt sei Dank.

Aber das würde die salomonische Pointe kaputt machen, um die es mir heute geht.

Die vordergründige Analogie zuerst: Wir haben leider keinen weisen König, der zwischen den gesellschaftlichen oder globalen Streitparteien schlichtet. Wir sind alle immer schon Partei. In vielen Konflikten setzen sich momentan die durch, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Und es haben die das Nachsehen, die Kompromisse zu machen, um Menschenleben zu retten. Schmerzhafte Kompromisse, für die sie selbst einen hohen Preis zahlen und für die sie wenig Gegenliebe und Anerkennung ernten.

Dahinter liegt die Frage: Woher die Härte? Es bleibt ja offen, ob in der Geschichte vom weisen Salomo die Mutter des toten Kindes bewusst lügt, oder ob sie sich selbst betrügt und darüber jedes menschliche Maß verliert. Vielleicht spielt das aber auch keine entscheidende Rolle – weder für das Verständnis der Geschichte, noch für unsere Situation.

Da haben also zwei bisher zusammen gelebt. Eher ein Zweckbündnis als eine Frage tiefer Zuneigung, so ist es ja in unserer spätmodernen Welt auch. Dann kommen Kinder zur Welt, der kleine Haushalt wächst, aber die Gleichheit steht nicht in Frage.

Plötzlich geschieht das Unglück: Ein Kind ist tot. Ob tatsächlich im Schlaf erdrückt oder unverschuldet durch plötzlichen Kindstod – wir wissen es nicht. Menschen geben sich freilich sich oft auch dann die Schuld, wenn es gar keinen ursächlichen Zusammenhang gibt. Die Schuldfrage führt hier nur in Sackgassen. Doch was für eine Tragik, wenn eine Mutter das Leben, das sie gerade zur Welt gebracht hat, versehentlich zerstört. Und mit dem Kind sterben all die Erwartungen und Hoffnungen an die Zukunft.

Die Entscheidung nach dem bösen Erwachen fällt augenblicklich. Die Kinder werden vertauscht, das Faktum des Verlusts verleugnet, die Schuld umgekehrt, das Leid weggeschoben. Freilich erkennt die betrogene Mutter sofort, was geschehen ist. Aber weil wohl niemand sonst die Kinder gut genug kannte, hat sie kaum eine Chance, die „Fake News“ zu widerlegen, die ihre Kontrahentin schon aktiv verbreitet und hinter denen sie sich verschanzt.

Johann Walter Bantz

Die Frau, der die Zukunft durch einen bösen Zufall, durch eigene Erschöpfung und Unachtsamkeit oder beides zusammen genommen wurde, bemächtigt sich der Zukunft der anderen. Dabei verliert sie auch noch den letzten Menschen, der sie hätte trösten können, wenn sie die Trauer denn zugelassen hätte. Denn die Mitbewohnerin, die alles hat, was sie nicht hat, erscheint ihr in diesem Augenblick als Feindbild par excellence. Da spielt es keine Rolle, dass sie keinerlei Schuld trifft am Verlust der Zukunft. Die andere mit einem lebenden Kind zu sehen, ist schlicht unerträglich.

Nun kämpfen zwei trauernde Frauen um eine Zukunft. Und es gibt nur noch ein Entweder/Oder. Die eine, die eigentlich schon alles verloren hat, kann sich die Totalverweigerung leisten – schlimmer wird es nicht mehr. Vor allem steigen ihre Gewinnchancen, je kälter und unnachgiebiger sie agiert. Denn die andere Mutter wird ihr Kind lieber weggeben als sterben sehen, selbst wenn sie dann nicht nur das Kind verloren hat, sondern auch noch als Lügnerin dasteht.

Aber dahinter steht, gut versteckt, eine Stärke: Diese Mutter weiß, dass sie über diesen Verlust lange und schwer trauern wird. Sie weiß aber auch, wie sie der Trauer einen Sinn geben kann. Sie denkt an das Kind, das zur nicht mehr ihres ist, aber sein Leben ist ihr wichtiger als ihre Verfügung darüber. Die Härte fehlt: Bei allem Ringen um das Recht, sie kann keine „Alles-oder-nichts“- Strategie fahren. „Nihilismus“ nannte ein Freund das kürzlich.

Brexiteers, Tea-Partisanen, Deutschlandretter hadern mit dem Verlust einer Zukunft, die tot ist und die tot bleibt. Das hat durchaus etwas Tragisches an sich. Darüber ließe sich unter Umständen reden und auch trauern. Vielleicht kann, wenn das durchgestanden ist, auch eine neue, etwas andere Zukunft geboren werden. Sie sehen die Lösung aber vor allem darin, denen, die sie für irgendwie privilegiert halten, die Zukunft wegzunehmen: Den Minderheiten, die sich in den letzten Jahrzehnten mühsam gleiche Rechte erkämpft haben, oder den Migranten, die ihr Leben häufig riskieren, um überhaupt irgendeine Zukunft zu haben.

Komplett doppelbödig wird es dagegen bei der Kritik an den „Eliten“: Die Finanzelite lässt man ungeschoren und die intellektuellen Eliten werden zwar nach Kräften diskreditiert, aber die eigenen akademischen Titel bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eifrigst zur Schau gestellt. Das Problem ist eben nicht, dass es Eliten gibt, sondern nur, dass man selbst nicht dazu gehört.

Inzwischen werden im konservativen Christentum quer über das konfessionelle Spektrum dieselben Reflexe wirksam. Wahlweise werden die Kinder der anderen für tot erklärt oder die anderen als (potenzielle oder tatsächliche) Mörder der eigenen Kinder angeklagt. Trauer und Klage bekommt man kaum zu hören. Dafür Kampfansagen, Abgesänge, ein bisschen Sarkasmus und viel Empörung.

Nun höre ich schon den Einwand, ich drehe die Geschichte hier so hin, dass ich in diesem Kulturkampf auf der Seite der Guten stehe. Das Dilemma ist ja tatsächlich, dass Dritte erst einmal verwirrt vor der Tatsache stehen, dass sich da in schönster Symmetrie zwei Frauen gegenseitig beschuldigen, ihr eigenes Kind erdrückt und sich des anderen Kindes bemächtigt zu haben.

Und genau deshalb erzähle ich diese Geschichte hier auch: Nicht, damit alle einfach meine Deutung übernehmen. Die könnte in der Tat eine Täuschung sein.

Sondern um genau hinzusehen:

Wo in diesem Ringen ist diese Kompromisslosigkeit am Werk?
Wo versucht jemand, es kalt lächelnd auf eine „Alles-oder-Nichts“-Entscheidung hinauslaufen zu lassen?
Wo ist echte Trauer und Sorge spürbar?
Wo nimmt das Denken und Argumentieren immer rigidere Züge an?

Diese Fragen führen auf die richtige Spur. Weisheit, das bedeutet: Wir sollten sie uns immer und immer wieder stellen.

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Das Exodus-Muster

Gibt es eine stimmige theologische Alternative zum heilgeschichtlichen Muster von Schöpfung, Fall und Sühne, das die westliche Theologie seit Augustinus dominiert und dafür gesorgt hat, dass Erlösung primär als Beseitigung individueller moralischer Schuld und notwendige Weichenstellung für die himmlische Seligkeit verstanden wurde?

Es gibt sie, und wir finden sie in der Bibel – wenn wir, statt im Buch Genesis anzufangen, mit dem Exodus beginnen. Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten ist das Urdatum der Geschichte Israels. Er führt zum Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk am Berg Sinai. Das mosaische Bundesrecht stellt dabei, wie Richard Horsley zeigt, eine Art sozialökonomische Charta dar. Es wird zum Ausgangspunkt einer Traditionslinie, die sich durch die gesamte hebräische Bibel zieht. Sie bildet einen Gegenpol zu den königlich-priesterlichen Traditionen (Palast und Tempel waren, auch in der Sicherung des eigenen Einflusses, stets eng verbunden).

Die Propheten klagen sie gegen die Könige ein, als in Israel und Juda eine Feudalisierung einsetzt. Sie stellen das Scheitern des Bundes fest und kündigen das Ende des Königtums an. Und als dieses dann gekommen ist, beginnen sie von einem neuen Exodus zu reden, der einer Auferweckung des Gottesvolkes gleichkommt.

Clem Onojeghuo

Und auf just diese Exodustraditionen bezieht sich Jesus exklusiv, wenn er die Schrift zitiert – gern auch gegen das herodianische Königshaus und die Priesteraristokratie in Jerusalem. Das Matthäusevangelium stellt Jesus als den neuen Mose dar, beginnend mit der Geburt unter einem kindermordenden Herrscher, der Flucht und Rückkehr, der Taufe (Schilfmeer!), dem neuen Gesetz, das auf einem Berg in Kraft gesetzt wird und das inhaltlich an die egalitäre Ordnung des mosaischen Bundes anknüpft, die unter der armen Landbevölkerung Galiläas noch hoch im Kurs stand. Es gipfelt in der Feier des Passafestes, in der Jesus seinen Tod mit einem neuen Exodus verbindet.

Frank Crüsemann hat die Spur des Exodus durch das neue Testament in einem feinen Beitrag („Gott und Menschen handeln – wie ist das Verhältnis?“) zu dem Band „Befreiung vom Mammon“ (hg. V. Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich, Die Reformation radikalisieren, Bd. 2) nachgezeichnet. Er entdeckt sie im Lukasevangelium, in den Reden der Apostelgeschichte, und auch in den Aussagen des Römerbriefs über die Befreiung von der Schreckensherrschaft der Sünde. Im Gegensatz dazu (zur Sünde und der Unfreiheit unter römischer Herrschaft) sind „die Beziehungen, die Gott eingeht … nicht von Macht bestimmt.“ Jede Reich-Gottes-Theologie, die sich selbst ernst nimmt, müsste eine dezidierte Exodus-Theologie sein.

Vergebung ist der Befreiung dann theologisch nach- und nicht vorgeordnet. Sie ist im Exodus eingeschlossen und sie ist notwendig, um ihn zu vollenden – Freiheit muss sich bewähren und sie bleibt vorläufig auch noch gefährdet.

Das Problem mit der herkömmlichen Vorstellung von Sünde als moralischem Versagen und individueller Schuld und einer primär jenseitsbezogenen Erlösung ist ja die Frage, wie man das dann wieder mit sozialen und politischen Verhältnissen – also dem öffentlichen Leben statt nur dem privaten – zusammenbringt. Denn wenn es in der Bibel vor allem um „Gott und die Seele“ geht, bleiben die Lebensverhältnisse außen vor oder sie dienen nur als austauschbare Kulisse für die Bewährung des Glaubens bis zur endgültigen Heimkehr zu Gott. Genau das passiert, wenn man – etwas überspitzt formuliert – aus dem „alten“ Testament nur die ersten drei Kapitel der Genesis, die zehn Gebote und ein paar messianische Verheißungen in den Kernbestand christlichen Denkens integriert.

Macht man hingegen das Exodus-Muster zur Grundstruktur von Theologie, dann ist damit die Frage nach dem inneren Zusammenhang der hebräischen und griechischen Bibel besser beantwortet, als wenn man diesen in der priesterlichen Sühnetheologie sucht – oder gleich aufgibt. Zugleich wird es möglich, einen kritischen Blick auf die biblischen Texte zu werfen, die andere Vorstellungen von Gott, Gerechtigkeit, Macht und Freiheit vermitteln. Und nicht zuletzt finden wir hier eine Sprache, um die Lebens- und Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren – und zu verändern: „Speaking Truth to Power“, nennt Walter Brueggemann das.

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Öde Ewigkeit?

Im Konfiunterricht gestern kam die Rede auf das ewige Leben und prompt fragte einer, ob das eigentlich wünschenswert sei, ewig zu leben. Immerhin könnte es ja schrecklich langweilig werden.

Das freilich ist die Horrorvorstellung, nicht erst seit Ludwig Thomas Münchner im Himmel – wobei den ja weniger die Ewigkeit schreckte, im Hofbräuhaus hielte er es durchaus ewig aus, sondern eher das ätherisch-Immaterielle der himmlischen Existenz. Die Ewigkeit als bloße Endlosschleife des ewig Gleichen gehört eher in die Reihe der Höllenvisionen. „Schlechte Unendlichkeit“, schreibt Bernhard Waldenfels, und erinnert an den Sisyphus-Mythos.

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Uroš Jovičić

Wie antwortet man auf so einen Einwand? Mir fiel spontan Folgendes ein:

Seit es Menschen gibt, machen sie Musik. Sie singen, sie spielen Instrumente, sie komponieren – Jahrtausende lang. Die Musik der letzten 500 Jahre ist großteils aufgeschrieben, wir kennen sie also. Es sind immer dieselben 8 oder 12 Töne der diatonischen bzw. chromatischen Tonleiter. Und doch ist uns noch nicht langweilig geworden. Im Gegenteil, wenn deine Lieblingsband ein neues Album herausbringst, bist du voller Spannung und Vorfreude. Niemand stellt Berechnungen an, wann der Tag erreicht ist, an dem alles komponiert ist, was komponiert werden kann.

Wenn schon unsere menschliche Kreativität so groß ist, dass wir mit zwölf Tönen 500 Jahre Musik machen können, ohne uns zu langweilen und ohne dass sich alles nur wiederholt, warum sollte es in Gottes Ewigkeit und mit seinem Erfindungsreichtum jemals langweilig werden?

Wäre etwas mehr Zeit gewesen, hätten wir auch noch über G.K. Chestertons Beobachtung reden können, dass kleine Kinder von Wiederholungen kaum genug bekommen können, während Erwachsene davon genervt sind. Für ihn ist das ein Zeichen abnehmender Vitalität. Also stellt er sich Gott in dieser Hinsicht vor wie ein Kind, „jünger als wir“: Er wird nie müde, Gänseblümchen einzeln zu machen und sich jeden Morgen Sonnenaufgänge anzusehen. Und ich denke mir: Vielleicht ist ja auch deshalb Gottes Barmherzigkeit „jeden Morgen neu“.

Irgendwo zwischen diesen beiden Überlegungen spannt sich das weite Feld der ewigen Freude auf.

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(K)ein Stellenangebot

Ein paar haben es schon mitbekommen, dass meine Zeit bei ELIA im Sommer zu Ende geht. Die offizielle Stellenausschreibung ist mittlerweile hier zu finden, aber ich dachte, ich schreibe hier einmal eine ganz persönlich gefärbte, inoffizielle. Vielleicht bekommt ja jemand von Euch Lust, sich danach auch die offizielle anzusehen, oder jemand fällt jemand ein, der Lust darauf haben könnte.

Mar Newhall

Da ist zunächst einmal die Gemeinde: Ich glaube, sie hat das Charisma, Grenzen zu verwischen. Wo andernorts ein „oder“ zu erwarten wäre, steht hier oft ein „und“. Bei Frömmigkeitsstilen triffst du hier Softpop-Lobpreiser, Tagzeitenbeter oder Kontemplative an. Manchen liegt viel an familiärer Nestwärme, andere sind froh über die Möglichkeit, ihre Distanz wahren zu können. Manchmal musst du Konflikte moderieren, manchmal wirst du in welche verwickelt, und manchmal musst du auch den Anstoß dazu geben, latente Spannungen auszutragen. Du bekommst es mit Flüchtlingshelfern, Öko-Aktivisten und Weltmissions-Netzwerkern zu tun, mit Linken und Bürgerlichen, Liberalen und Biblizisten, Kinderlosen und Kinderreichen, Hellhörigen und Schwerhörigen – und dem kompletten Altersspektrum vom Säugling bis zum (nach eigener Einschätzung stets jungdynamischen) Senior.

Viele von diesen Menschen arbeiten schon jetzt ehrenamtlich mit oder sind darauf ansprechbar: In der Seelsorge, Kinder- und Jugendarbeit, rund um die technische und musikalische Gestaltung der Gottesdienste, in einem der vielen Projekte, die hier entstehen und irgendwann auch wieder beerdigt werden, und in der Leitung der Gemeinde. Sie mögen es selten, wenn man sie bevormundet, aber sie freuen sich meistens auf ein Gegenüber: Hochmotivierte Leute, die als Christen in ihrem Beruf ihre Frau/ihren Mann stehen, die oft gut ausgebildet und in Glaubensfragen sprachfähig sind: Katholiken, Freikirchler, und eine Mehrheit, die der Evangelisch-Lutherischen Kirche angehört.

Du würdest mit profilierten Kolleginnen zusammenarbeiten, die ihre Arbeitsbereiche souverän entwickeln und kirchlich wie kommunal gut vernetzt sind. Und mit einem Vorstand, der intensiv Anteil nimmt an allem, was in der Gemeinde geschieht. Im Vergleich zum klassischen Pfarrdienst ist noch interessant: Schulunterricht gehört nicht zu deinen Aufgaben, die üblichen  Kasualien sind vergleichsweise selten, vor allem aber kommen mehr Taufen  auf dich zu als Beerdigungen. Mit den Gremien und Vertreter*innen des evangelischen Dekanats hast du immer wieder zu tun, da ist momentan auch vieles in Bewegung.

Schließlich: Alles bei ELIA finanziert sich aus freiwilligen Spenden, das funktioniert seit 25 Jahren gut (wenn man kein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis hat…).

Was solltest du mitbringen? Ich denke, es hilft, wenn du…

  • theologisch versiert und vor allem mehrsprachig bist, also von einem Dialekt in den anderen übersetzen kannst,
  • eher in Kategorien von Beziehung als von Ordnung denkst,
  • Humor mitbringst und dich selbst nicht so schrecklich ernst nimmst,
  • Veränderungen nicht als Zumutung empfindest,
  • eigene Positionen einbringen und verständlich machen kannst,
  • keine Minderwertigkeitskomplexe oder Ressentiments gegenüber Akademikern hast (damit lebt es sich in dieser Stadt ganz schlecht!).

Wenn du diesen Text bis zu Ende gelesen hast, und falls er Herzklopfen verursacht hat, Sehnsucht oder Neugier, dann helfe ich gern weiter, oder du schreibst direkt an  elia-verein@elia-erlangen.de.

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Gott und die ganze Welt beherbergen

Der Prüfungsgottesdienst liegt hinter mir, das Prüfungsgespräch ebenfalls. Vielleicht hat sich die Kommission inzwischen auch schon auf eine Bewertung geeinigt, irgendwann erfahre ich das dann auch in den nächsten Wochen. Aber ganz unbelastet von allen Bewertungen hier der Wortlaut der Predigt zu Offenbarung 1,9-18 für alle, die einfach so Lust haben, ihn zu lesen und sich ihren eigenen Reim drauf zu machen:

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Es ist Sonntag in den Bergwerken von Patmos. Aber das kümmert dort niemand: Die Zwangsarbeit der Verbannten kennt keine Pause. Unter Tage verliert man ohnehin jedes Gefühl für Zeit. Drüben auf dem kleinasiatischen Festland feiern sie Gottesdienst – in Ephesus, Pergamon oder Smyrna. Hier sitzt der Seher Johannes einsam, im Staub, der unablässig aus den Eingeweiden des Berges rieselt. Es ist Sonntag, aber was macht das für einen Unterschied?

Dunkel geworden ist es auch über Juden und Christen im römischen Reich, seit Kaiser Domitian an die Macht gekommen ist. Immer wieder einmal wurden sie schikaniert oder diskriminiert, daran hatten sie sich gewöhnt. Nun aber werden einzelne von ihnen inhaftiert und deportiert – von der Justiz und den Sicherheitskräften, die immer gewalttätiger auftreten. Der Schatten der Angst legt sich über sie. Ist das der Anfang vom Ende für die Jesus-Bewegung?

Als der Herbst kalt und dunkel wurde, begann ich – wieder einmal – in Tolkiens „Herr der Ringe“ zu lesen. Im Unterschied zu früheren Jahren merkte ich, wie schon in den ersten Kapiteln bestimmte Sätze in mir ganz viel zum Klingen brachten:

  • „Gerüchte verbreiteten sich über merkwürdige Dinge, die draußen in der Welt geschahen.“
  • „Frodo traf jetzt oft fremde … aus fernen Ländern, die im Westen Zuflucht suchten. Sie waren besorgt und manche sprachen im Flüsterton von dem Feind und dem Lande Mordor.“
  • „Von dort breitete sich die Macht weiter aus und im fernen Osten und Süden wurden Kriege geführt, und die Furcht wuchs.“
  • „ … selbst die Taubsten und die hartnäckigsten Stubenhocker hörten sonderbare Erzählungen, und diejenigen, die an den Grenzen ihren Geschäften nachgingen, sahen merkwürdige Dinge.“

Die Welt verdüstert sich. Das Lebensgefühl trübt sich ein, selbst in der heilen Welt des abgelegenen Auenlandes. Fremde kommen ins Land auf der Flucht von Kriegen im Osten und Süden, und sie haben unheilvolle Nachrichten im Gepäck: Es braut sich etwas zusammen. Tolkien hat diese Sätze zwei Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Das ist keineswegs nur eine Phantasiegeschichte, es ist vielmehr ein Spiegel seiner Zeit.

Und – das eben war mein Gefühl beim Lesen – womöglich auch unserer Zeit: Rabbi Jonathan Sacks fragte kürzlich einen amerikanischen Freund, wie er die Wahl von Donald Trump erlebte. Der antwortete sarkastisch: Wie der Mann, der an Deck der Titanic in sein Whiskyglas starrt uns sagt: »Ich hatte zwar um Eis gebeten, aber das…«

Der Demokratieindex 2016 führt nur noch 19 von 167 Ländern weltweit als „vollständige Demokratien“, dort leben zusammengerechnet nicht einmal mehr 5% der Weltbevölkerung. 2014 waren es noch 24 Länder und fast dreimal so viele Menschen. In fast der Hälfte aller Länder hat sich die Lage innerhalb des letzten Jahres verschlechtert. Freilich, das Reich Gottes ist mehr als Demokratie. Aber Jesus schließt autoritäre Herrschaft von Menschen über Menschen kategorisch aus.

Unser „Auenland“ ist kleiner geworden. Wir ahnen, wie sich „Mitgenossen an der Bedrängnis“ fühlen.

* * *

Es ist hier, wie so oft, der Gefangene, der die tröstet, die noch in Freiheit sind. Johannes tut das freilich nicht aus eigener Kraft und Antrieb. Ihm ist etwas widerfahren: In der Dunkelheit von Patmos hat er eine Vision. Eine Gestalt in Weiß und Gold erscheint, das Gesicht leuchtet blendend hell wie die Sonne, sieben Leuchter um ihn herum, sieben Sterne in der rechten Hand, eine Stimme tosend wie ein Wasserfall. Und als er zu sprechen beginnt, wird klar, um wen es sich handelt: „Ich war tot, aber nun lebe ich ewig und habe die Schlüssel zu Tod und Unterwelt.“ Der Seher ist da schon überwältigt zu Boden gegangen.“Wie tot“ ist er, aber die Berührung des Auferstandenen erweckt ihn zu neuem Leben.

Es ist Sonntag auf Patmos und die Dunkelheit hat einen tiefen Riss bekommen. Licht fällt auf den Verbannten, auf seine verschwitzten und verdreckten Kleider, auf seine Zweifel und sein Ringen mit der Aussichtslosigkeit seiner Lage. Das riesige Imperium und sein reizbarer Herrscher verfährt mit seinen Feinden (oder denen, die es dafür hält) anscheinend, wie es ihm beliebt. Johannes weiß aber auch, dass der, der ihm hier erscheint, selbst verhaftet und in Ketten gelegt, gefoltert und getötet wurde. Nur ist das eben nicht das Letzte, was es über ihn zu sagen gibt.

* * *

Es ist Sonntag, und während andernorts von ihm geredet wird, spricht der lebendige Christus hier auf Patmos, bei den Verbannten und Verdammten für sich selbst. Und die Verzweiflung weicht vor seinen Worten ein Stück zurück. Menschen brauchen solche Lichtblicke, um nicht zu resignieren – um sich und die Welt nicht aufzugeben. Johannes bekommt einen geschenkt, und weil er ihn aufgeschrieben hat, wissen auch wir davon – davon, wie das Licht bis in die Abgründe dieser Welt hinein scheint.

Johannes braucht den Lichtblick auch, weil gleich danach eine ganze Serie weiterer Visionen folgt. Sie malen das Gericht Gottes über eine Welt, in der unschuldige, wehrlose Menschen Gewalt leiden und Weltreiche wie das römische sich wie wildgewordene Monster gebärden, grell und surreal aus. Der Lichtblick am Anfang lässt ahnen, wie die Geschichte ausgehen wird. Deshalb kann er hinsehen und alles beschreiben, ohne darüber die Hoffnung zu verlieren. Der Tod ist entmachtet, und darüber verlieren seine Handlanger und Vorboten ihren Schrecken: Krieg, Katastrophen, Größenwahn, der Zerfall von Menschen und Gesellschaften.

Wir haben diesen Lichtblick nur als Erzählung. Das ist auf den ersten Blick reichlich wenig. Dafür haben wir mehr als eine von diesen Erzählungen. Wir haben heute im Evangelium schon gehört, wie Petrus, Jakobus und Johannes Jesus auf dem Berg Tabor verherrlicht sehen, und wie sie dort nicht bleiben konnten. Wir kennen die Geschichte von Paulus, dem Jesus vor Damaskus erscheint, so dass er stürzt und einige Tage lang blind ist, wie jemand, der in die Sonne geschaut hat. Diese Geschichten sind unwiderruflich in der Welt. Wir können uns von ihnen immer wieder daran erinnern lassen, dass unsere Zukunft nicht ungewiss ist.

* * *

Es ist Sonntag in Nürnberg, der letzte nach Epiphanias. Die Zeit der Lichter geht zu Ende, das Kirchenjahr wird erst einmal düsterer und ernster weitergehen. Und die Welt vermutlich auch. Aber nun wissen wir ja – oder lernen es gerade: Wenn wir nach Hoffnung für uns und die Welt suchen, sollten wir das bei nicht bei den Mächtigen tun. Sondern bei denen, die niemand sehen soll und kaum jemand sehen will: Den politischen Gefangenen, den Misshandelten und Verleumdeten. Dort sind die prophetischen Stimmen am ehesten zu hören.

Einer, der erst weggesperrt und später ermordet wurde, war Dietrich Bonhoeffer. Pfingsten 1944, sieben Jahre nach Tolkiens düsterer Ahnung, schrieb er aus der Haft:

„Ich beobachte immer wieder, dass es so wenige Menschen gibt, die viele Dinge gleichzeitig in sich beherbergen können; wenn Flieger kommen, sind sie nur Angst; wenn es etwas Gutes zu essen gibt, sind sie nur Gier; wenn ihnen ein Wunsch fehlschlägt, sind sie nur verzweifelt; wenn etwas gelingt, sehen sie nichts anderes mehr. Sie gehen an der Fülle des Lebens und an der Ganzheit einer eigenen Existenz vorbei. […] Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen des Lebens zu gleicher Zeit; wir beherbergen gewissermaßen Gott und die ganze Welt in uns. Wir weinen mit den Weinenden und freuen uns zugleich mit den Fröhlichen; wir bangen … um unser Leben, aber wir müssen doch zugleich Gedanken denken, die uns viel wichtiger sind, als unser Leben.“

Gott und die ganze Welt in uns zu beherbergen – was für eine Aufgabe! In düsteren Zeiten brauchen wir allen Trost, den wir bekommen können. Den Trost des Sehers Johannes, den Trost von Dietrich Bonhoeffer, und den Trost, den wir uns gegenseitig spenden: Indem wir von unseren eigenen Lichtblicken erzählen und einander zuhören, indem wir lachen und weinen, klagen und danken, feiern und fasten – und uns an Jesus erinnern, der gekreuzigt und auferweckt wurde.

Denn die Fülle des Lebens auszukosten, das gelingt uns nicht ohne dabei auch die eine oder andere bittere und schmerzhafte Erfahrung zu machen. Wer sich immer nur auf der Sonnenseite aufhält, dem fehlt diese Tiefendimension. Dann wird selbst die Freude und der Genuss schal.

* * *

In einem der düstersten Momente der Geschichte vom Herrn der Ringe kommt der Hobbit Pippin mit dem Zauberer Gandalf in eine Stadt ohne Hoffnung. Aber Gandalf versteht es offenbar, „Gott und die ganze Welt“ in sich zu beherbergen, denn er lacht auf einmal:

„Pippin schaute erstaunt auf das Gesicht, das jetzt dicht neben seinem war, denn das Lachen hatte fröhlich und vergnügt geklungen. Dennoch sah er im Gesicht des Zauberers Kummer- und Sorgenfalten; doch als er genauer hinschaute, erkannte er, dass sich unter alledem eine große Freude verbarg; eine Quelle der Heiterkeit, die gereicht hätte, ein ganzes Königreich zum Lachen zu bringen, wenn sie zu sprudeln begann.“

Es ist Sonntag in Nürnberg. Und wir dürfen ein bisschen fröhlicher und ein ganzes Stück trotziger und barmherziger in die düstere Welt hinaus blicken.

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